Zeit der Aschel von Jorge Volpi, 2009, Klett-CottaJorge Volpi

2 New York, Vereinigte Staaten von Amerika, 30. Dezember 2000
(Leseprobe aus:
Zeit der Asche, Roman, 2009, Klett-Cotta - Übertragung Catalina Rojas Hauser und Kirstin Bleiel).

Jennifer öffnet und schließt die Wandschränke, fasziniert von dem Geräusch: Das Türenklappen beruhigt sie. Mit ihrem schwarzen Rock und der weißen Bluse mit Rundkragen sieht sie aus wie ein Schulmädchen; sie hat keine Zeit gehabt, sich zu schminken, oder sie hat es nicht getan, um den Ausdruck ihres Gesichts zu unterstreichen. Die Sonne scheint durchs Küchenfenster und bringt die Kacheln zum Schimmern. Etwas entfernt bilden die Wolkenkratzer ein graues Panorama. Es ist schon lange her, dass die Stadt so klar geleuchtet hat, so unbeweglich dastand, denkt Jennifer (ich möchte, dass sie es denkt), während sie den Wasserhahn aufdreht und sich zum x-ten Mal die Hände wäscht. Sauberkeit war ihr schon immer wichtig – im Schrank befinden sich Putztücher, Lappen, Waschmittel, Seife, Desinfektionsmittel, Insektizide, Bleichmittel, Raumsprays, Dutzende Rollen Toilettenpapier, Servietten und Fleckenentferner –, aber heute erträgt sie nicht die geringste Spur von Schmutz, sodass sie sich unter dem Wasserstrahl die Hände immer weiter reibt.

Schließlich lässt Jennifer sich in einen der Wohnzimmersessel fallen, ein glattes, purpurfarbenes Möbelstück, das Wells ein Vermögen gekostet haben muss, und betrachtet die Leere, die sich vor ihren Augen auftut. Von diesem Punkt aus, im zwanzigsten Stock über der Park Avenue, sieht die Welt nicht aus wie ein Schlachtfeld, es gibt weder Panzer auf den Straßen noch liegen verweste Leichen auf den Bürgersteigen, es gibt weder Minen in den Kanälen noch sind Maschinengewehrsalven oder Explosionen zu hören. Aber der Krieg ist da, überall, ohne dass man ihn bemerkt.

Für Jennifer ist Frieden nur ein Trugbild (wie auch die Weltwirtschaft insgesamt), ein Hirngespinst, an das nur die Irren und die Armen glauben; es genügt, nur ein wenig in diesem Ameisenhaufen herumzustochern, die Mechanismen unter die Lupe zu nehmen, und schon kommt die Grausamkeit ans Licht. Die meisten ziehen es vor zu verdrängen, sie richten sich in der Überzeugung ein, dass nichts passieren wird und dass man hier, im Herzen Amerikas, sicher sein kann, weit weg von Querschlägern, die anderswo auf der Welt Kinder und Alte töten. Sie irren sich, überall gibt es Kämpfe, sogar in diesem Hochhaus unweit des Central Parks. So wie sie da sitzt, mit übereinander geschlagenen Beinen, barfuß , unterscheidet Jennifer sich kaum von den Leichtgläubigen, die dort unten herumwuseln; mit ihrer scheinbaren Gleichgültigkeit ähnelt sie den Models, mit deren Körpern die Fassaden Manhattans vollgehängt sind. Wie so viele Frauen in ihrem Alter und ihrer Position könnte sie sich damit abfinden, ein Opfer der Mode und der Trägheit zu sein. Manchmal fände sie es nicht schlecht, so ignorant und rein zu sein wie diese Frauen: Dann müsste sie nicht immer so charmant tun, sie könnte sich jederzeit die Füße massieren lassen, Fernsehserien schauen, zum Yoga gehen – oder zum Analytiker –, ohne Angst davor zu haben, als frivol zu gelten. Doch das ist nicht ihr Los: Sie hat sich dazu entschieden, dem exklusiven Klub derjenigen anzugehören, die führen und befehlen. Die Bescheid wissen.

Beim Internationalen Währungsfonds, dem Altar der Weltwirtschaft, hat Jennifer gelernt, sich wie ein Befehlshaber zu benehmen, nur dass ihre Soldaten keine Waffen tragen, keine Städte belagern oder gegen Guerilleros oder Terroristen kämpfen. Dennoch unterscheidet sich ihre Friedensmission nicht von denen, die von Panzern oder einer Infanterie erfüllt werden. Ihre Eroberungen sind subtiler, aber nicht weniger gewaltsam (und, wie sie meint, auch nicht weniger notwendig). Sie hat ihre Ziele noch nie in Frage gestellt; und auch wenn ihr Job ein schmutziger ist – gegen diejenigen zu kämpfen, die die Freiheit der Märkte stören –, ist sie davon überzeugt, dass irgendjemand ihn erledigen muss.

Jennifer würde sich liebend gerne eine Zigarette anzünden (sie hat vor zwanzig Jahren mit dem Rauchen aufgehört), aber sie widersteht, schraubt stattdessen eine Flasche Mineralwasser auf, nimmt einen Schluck und stellt sie auf den Tisch neben das Mobiltelefon, ihren Fetisch. Es hat seit über einer halben Stunde nicht geklingelt. Sie weiß nicht, was sie tun oder wie sie sich verhalten soll. Besser gesagt, sie weiß nicht, wie sie Jacob die Nachricht überbringen soll. Sollte sie ihm erklären, dass es ein Unfall war, und von einem Unglück sprechen? Oder wäre es besser, die Einzelheiten auszulassen und vom Himmel und den Engeln zu reden? Und wenn sie ihm die Wahrheit sagt, dass Allison wahnsinnig war, dass sie sich schon seit Jahren sinnlos in Gefahr begab, dass sie schon immer unverantwortlich und zynisch gehandelt hatte? Wie erklärt man einem Zehnjährigen, dass seine Mutter nicht mehr wiederkommen wird, und, noch schwieriger, wie macht man ihm klar, dass es für ihn das Beste ist? Jennifer wird all ihr diplomatisches Geschick benötigen, um ihn davon zu überzeugen, nicht ohne Grund ist sie im Fonds für ihr Verhandlungsgeschick berühmt. Jacob ist ein kluger Junge und hat anscheinend den Eigensinn der Moores geerbt.

Zum ersten Mal, seit sie vom Schicksal ihrer Schwester erfahren hat – sie hat die Stimme des Botschafters noch im Ohr –, verliert sie die Beherrschung. Welches Gefühl ist stärker? Trauer oder Erleichterung? Ihr puritanisches Temperament zwingt sie, diese Frage auszublenden. Sie wird niemals zugeben, dass sie nicht die perfekte Familie waren, die sie zu sein vorgaben, sondern Gegner, Rivalen. Ein Teil von ihr wollte Allison immer schon aus dem Weg schaffen: Dieses weinerliche Mädchen war eine Nervensäge, für ihre Unabhängigkeitspläne nur lästig. Jennifer musste sich vom Joch ihres Vaters, Senator Moore (so nannten sie ihn beide), befreien, und dazu entwickelte sie eine kaum wahrnehmbare Aufsässigkeit, der Allison im Weg stand. Deshalb hielt Jennifer sie von sich fern, hasste es, sich um sie zu kümmern oder auf sie aufzupassen. Sie hatte genug mit sich selbst zu tun.

Jennifer schließt sich im Badezimmer ein und betrachtet im Spiegel ihr gealtertes Gesicht. Wenn sie als junge Frau weniger hübsch gewesen wäre, weniger perfekt, wäre sie heute vielleicht nicht ganz so unglücklich … Sie kämmt sich das Haar wie jeden Morgen, entwirrt ihre langen blonden Strähnen, reibt sich die Augen und wäscht sich erneut die Hände. Dann entdeckt sie entsetzt eine neue Falte an ihrem Mundwinkel. Wie viel Zeit wird wohl vergehen, bis die Fernsehnachrichten die Nachricht bringen? Sie muss es Jacob vorher erzählen, bevor die Nachbarn klingeln und ihm mit ihren Beileidsbekundungen die Wohnung einrennen.

Jennifer greift nach dem Telefon und wählt die Nummer von Jack Wells. Es klingelt einige Male, bevor er abhebt. Was willst du? Im Hintergrund ist Motorenlärm zu hören. Wo bist du? Was? Es ist etwas passiert … Kannst du nicht irgendwo hingehen, wo es ruhiger ist? So besser? Der Lärm lässt nicht nach. Allison ist tot. Wie bitte? Sie ist tot, Jack, verdammt noch mal. Diese Idiotin. Was sagst du da, Jennifer? Wenn das ein Witz sein soll … Sie ist tot , hörst du mich? Okay, ich komme.

Jennifer nimmt einen Schluck Mineralwasser und entdeckt auf der anderen Seite der Küche Jacobs Augen. Ob er sie gehört hat? Der Kleine sieht verschlafen aus, sein Haar ist zerzaust. Sie geht auf ihn zu, ohne ihn zu berühren. Ich möchte einen Kakao. Jennifer seufzt. Einen Kakao, um diese Uhrzeit? Bitte. Mit seinem grün-orange gestreiften Pyjama sieht Jacob aus wie eine Comic-Figur. Er kaut auf seinem linken Daumen herum. Ich habe dir schon tausendmal gesagt, du sollst nicht barfuss herumlaufen!

Mit seinen bunten Bärchen-Pantoffeln kehrt Jacob in die Küche zurück. Nicht aus Schüchternheit, sondern weil er clever ist und mit den Ausbrüchen seiner Tante umzugehen weiß. Jennifer gibt ihm den Kakao. Dann klingelt ihr Handy und sie springt auf. Und wenn es ein Journalist ist? Was soll sie dem sagen? Ja, ich bin die ältere Schwester von Allison Moore, ja, ich bin erschüttert, ja, eine schreckliche Tragödie? Ihre Knie zittern.

Ich bin gleich da, sagt Wells, irgendwas Neues? Jennifer seufzt. Nein. Jacob ist hier. Hast du es ihm gesagt? Noch nicht. Nicht mehr lange, und es wird richtig Trubel geben. Vielleicht solltet ihr besser nach Philadelphia. Das sähe doch nach einer Flucht aus. Kannst du dir vorstellen, was die Leute sagen, nach allem, was passiert ist? Du kannst doch behaupten, es hätte dich zu sehr mitgenommen.

Für Wells muss alles seine Ordnung haben, er hat immer einen Schlachtplan. Jennifer ist davon überzeugt, dass er auch den Tod seiner Eltern berechnet hat. Der Trottel. Diejenigen, die denken, er sei nur am Geld interessiert, irren sich: Sein einziges Ziel im Leben ist es, die Zukunft zu kontrollieren und seine Mitmenschen zu kontrollieren. Es ist kein Zufall, dass die Zahl seiner Feinde in der letzten Zeit zugenommen hat, zu viele Leute wünschen ihm die Pest an den Hals. Und anscheinend ist es bald so weit.

Weinst du, Jen ? Jacob möchte sie nicht ausfragen oder ihr zu nahe treten, aber Jennifer explodiert. Nein. Geh in dein Zimmer und komm nicht eher raus, bis ich dich rufe, verstanden? Der Junge zieht ab, er ist die Stimmungsschwankungen seiner Tante gewöhnt: Er kennt sie zur Genüge, und auch wenn es keiner glaubt – manchmal glaubt sie es auch nicht –, hat er sie gern. Wirklich gern.

Jennifer geht ihre Optionen durch: zu viele Fronten. Allisons Tod. Jack. Der DNAW-Skandal . Die Presse. Die Beileidsbekundungen von Freunden und Politikern. Die Formalitäten zur Überführung des Leichnams. Die Exequien . Und wenn sie eine humanitäre Stiftung im Namen ihrer Schwester gründen würde? Ein paar tausend Dollar würden genügen, die Öffentlichkeit zufrieden zu stellen … Sie kann sich einfach nicht konzentrieren.

Nachdem er mit seinem eigenen Schlüssel aufgeschlossen hat (der Sack hat schon vor Monaten versprochen, ihn zurückzugeben), kommt Wells gutgelaunt herein und gibt Jennifer einen Kuss auf die Wange. Ich habe schon mit allen gesprochen, sagt er, schenkst du mir einen Whisky ein? Fast bewundert Jennifer seine Dreistigkeit: Du weißt, wo er steht, machs selber. Arthur hat versprochen, zu tun, was er kann … Pack ein paar Sachen zusammen und nimm Jacob mit. Ich habe dir schon gesagt, dass ich nicht vorhabe, abzuhauen. Sei nicht so stur, Jen . Denk an das Kind. Mein Gott, Jack, meine Schwester ist tot, ich kann nicht einfach abhauen. Nicht jetzt, das weißt du … Bei den laufenden Verfahren wäre es für uns beide schädlich. Du weißt nicht, wie die Leute sich darüber freuen werden, dich im Fernsehen zu sehen, am Boden zerstört wegen deiner Schwester. Das sieht ihr ähnlich, dass sie uns bis zu ihrem Ende übel mitspielt. Jennifers Blut gerät in Wallung, ihre Wangen glühen. Wenn Wells auch nur eine Sekunde länger bleibt, wird sie ausrasten: Es ist besser, du gehst jetzt. Er sieht auf die Uhr: Wie du willst. Falls was ist, sag Bescheid.

Dieselben Eltern, dieselben Schulen, dieselben Freunde. Wie konnten sie so entgegengesetzte Wege einschlagen? Wie konnten sie so unterschiedlich werden? Warum zum Teufel hat ihre Schwester sich so bemüht, ihr immer zu widersprechen? War sie genauso neidisch auf sie wie Jennifer es war? Wann trennten sich ihre Wege? Wann begannen sie ihren Krieg? Jetzt, da Wells fort ist, fällt ihr auf, dass es ihr eigentlich ziemlich gleichgültig ist, was aus Allisons Leichnam wird, aus ihrer Arbeit beim Fonds, aus den betrügerischen Geschäften von Jack, aus dem Humangenom, aus der Börse oder der Wirtschaftskrise, die die Dritte Welt erschüttert. Denn jetzt hat sie, wonach sie sich immer gesehnt hat, was sie immer wollte, das einzige, was sie wirklich interessiert.

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