Jule Vollmer

Oden an die Hoden
           
Ach wie oft hat man besungen das Weib!
Oder anders gesagt, des Weibes Leib.
Nein, besser noch, des Mannes größte Lust,
als da wäre: die weibliche Brust.

Doch will ich mich nun vor dem Manne verbeugen,
hat er doch auch zwei stattliche Zeugen,
die in Dunkelheit und Kleidungszwängen
zwischen den behaarten Beinen hängen.

Ein Hautsack umspannt die beiden Gesellen,
die ab und an, in dringenden Fällen
dem Dritten im Bunde zur Seite stehn,
soll's um  Vermehrung und ähnliches gehen.

Ein kostbarer Schatz, der gerne gibt,
wenn's auch nicht immer dem Meister beliebt.
Wie unwillig und willig der Herr auch sei,
die Gedanken des Gemächts sind immer frei.

So harren sie aus, ein ganzes Leben,
und sind dem Manne treu ergeben.
Ja, prall und rund, in jungen Jahren,
so forsch und flink und unerfahren.

Gewinnen im Alter sie an Reife,
verliert der Dritte mehr an Steife.
Das Seil wird kürzer, die Glocken länger,
dem Herrn und Meister wird immer bänger.
Da lockert sich manches und sinkt gen Boden,
das ist die Schwerkraft, das Schicksal der Hoden.


(1998)

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