Das Bild von Klaus Rifbjerg, 2004, QuetscheLutz Volke
(als Übersetzer)

Das Bild
(Leseprobe aus: Klaus Rifbjerg, Billedet/Das Bild, Roman, 1998/2004, Quetsche Verlag für Buchkunst, mit Lithographien von Gisela Mott-Dreizler - Übertragung Lutz Volke).

Sie war vom frühen Morgen an im Studio gewesen, kam todmüde nach Hause und hatte verflucht, daß sie noch weg mußten. Nicht, daß sie etwas gegen meinen reichen Onkel hatte, im Gegenteil, aber der Rest der Gesellschaft... Sie schmiß die Schuhe von sich und warf sich aufs Bett. Mein zweiter Cousin suchte seine Abendgarderobe zusammen, konnte aber kein Auge von ihr lassen. Die Frau meines zweiten Cousins war schön, schön mit ihrer wundervoll gewölbten Stirn und den großen Augen. Sie war so schlank um die Hüfte, daß man sie mit den Händen umspannen konnte. Ihr Haar war dicht um den runden Kopf gelegt und wellte unten in einer weichen Rolle aus. Der Kopf saß hoch über einem schlanken Hals, und sie gab sich große Mühe, alles Haar unter den Armen und auf den Beinen zu entfernen. Darum war mein zweiter Cousin um so begeisterter von den Haare auf dem Venusberg, klar definiert, sauber abgegrenzt, beinahe geometrisch ausgeschnitten. “Der archimedische Punkt” sagte er vor sich hin und pfiff dabei leise. Der spukte ihm immer im Kopf herum, immer und immer von neuem, wenn sie in ihrem Schlafzimmer mit den seidenbespannten Möbeln und den gepolsterten Bettenden waren. Er mußte ihn sehen usw.

  Die Frau meines zweiten Cousins gab sich sehr modern und trug deswegen mit Vorliebe Hosen, die oben eng saßen und unten weit fielen und einen Umschlag hatten. In der Mitte bildeten Hüfte und Hintern eine Weichkurve, die man umfassen und zu sich heranziehen konnte. Kurz gesagt war alles an ihr eine einzige Einladung. Sie selbst machte allerdings keinen besonders einladenden Eindruck, und schon gar nicht jetzt, wo sie müde war und wußte, daß keine Zeit bliebe, sich ordentlich auszuruhen, denn sie mußte sich umkleiden und schminken.

  Die Frau meines zweiten Cousins nahm die Hand von den Augen.

  “Hast du die Rosen geschickt?” fragte sie.

  “Selbstverständlich”, antwortete mein zweiter Cousin.

  “Wie viele?”

  “Vierundzwanzig.”

  “Vierundzwanzig langstielige Rosen?”

  “Rote Rosen.”

  “Bist du wahnsinnig.”

  Sie legte wieder die Hand über die Augen. Er sah sie an und bemerkte, daß sich durch die Bewegung ihres Arms die kleinen Brüste unter der Bluse aufstellten. Er sah vor sich etwas, von dem er hoffte, daß es geschehen würde. Er sah, wie er sich ihr näherte und langsam ihre Bluse aufknöpfte. Er sah, wie die rosaroten Brustwarzen zum Vorschein kamen und sich aufstellten. Er sah, wie er ihre Hose öffnete und sie langsam niederzog, wie sie gleichsam über die Hüften krochen und die Mitte und den Bauchnabel, der nur eine Ahnung nach außen gewendet war, entblößten, wie ihr Schamhaar sichtbar wurde und wie er den Mund an dieses kleine, klar abgegrenzte Kissen führte und dessen würziges, knisterndes Aroma einsog, wie er sie umdrehte und wie sie die Beine unter ihren Leib zog und ihn von hinten empfing, während er ihre Hüfte umfaßte und sich darüber wunderte, wie es möglich sein konnte, daß etwas so Enges, doch wiederum Nachgiebiges, alles das aufnehmen konnte, was er selbst zwischen den Beinen hatte, er hörte ihr Stöhnen, er hörte ihren Schrei, er hörte.

  “Wann sollen wir dort sein?”

  “Um sieben”, sagte er, die Stimme ein wenig heiser. “Wir nehmen ein Taxi. Ich habe eins bestellt.”

  “Großkotz.”

  “Wolltest du vielleicht laufen? Kannst du dir vielleicht vorstellen, was für ein Bild wir abgeben, wenn wir zu Fuß beim Onkel ankommen, im Frack, mit langem Kleid und auf hohen Absätzen? Du verdienst doch eine Menge.”

Rezension I Buchbestellung I home IV13 LYRIKwelt © L.V./K.R.