Mihály Vörösmarty

Bitterer Kelch
(Übertragung Günther Deicke)

Wenn stark mit Mannesmut
auf eine Frau du setzt,
und sie mit leichtem Blut
dein ganzes Glück zerfetzt;
wenn sie im Blick ein Lächeln und
verwünschte Tränen trägt,
schärft eines der Begierde Mund,
das andre Wunden schlägt;
so trink und sei gescheit:
Die Welt hält keine Ewigkeit;
sie löst sich auf, vergeht wie Schaum,
es bleibt, was war, der leere Raum.

Wenn dich mit einem Freund
wie Herz und Hirn und Hand
selbst das Geheimste eint
von Ehr und Vaterland;
und er in Meuchelmördertat
ins Herz dir stößt den Stahl,
so daß dein Schicksal durch Verrat
zuuchte wird und schal;
so trink und sei gescheit:
Die Welt hält keine Ewigkeit;
sie löst sich auf, vergeht wie Schaum,
es bleibt, was war, der leere Raum.

Wenn du in Not und Nacht
ums Vaterland dich mühst,
in mörderischer Schlacht
dafür dein Blut vergießt,
und dieses, schlecht beraten,
weist den treuen Dienst zurück
und wird von Feigen, Dummen dreist
geopfert Stück um Stück;
so trink und sei gescheit:
Die Welt hält keine Ewigkeit;
sie löst sich auf, vergeht wie Schaum,
es bleibt, was war, der leere Raum.

Wenn schmerzhaft in der Brust
der Wurm der Sorgen nagt,
wo Glück war, ist Verlust,
du siehst die Welt verzagt
hinschwinden, und von Freude leer
kehrt sich dein Tag und geht,
von neuem anzufangen wär
vergeblich und zu spät;
so trink und sei gescheit:
Die Welt hält keine Ewigkeit;
sie löst sich auf, vergeht wie Schaum,
es bleibt, was war, der leere Raum.

Wenn Kümmernis und Wein
im Hirn sich mischen mild,
erhellt sich von allein
das öde Lebensbild,
dann denke kühn und handle groß
und setz dein Leben dran:
Kein Schicksal findet hoffnungslos
den unverzagten Mann.
So trink und sei gescheit:
Die Welt hält keine Ewigkeit;
doch wie sie steht, solang sie lebt,
sie rastet nicht, sie schafft und webt.

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