Im April von Christina Viragh, 2006, Ammann

Christina Viragh

Im April
(Leseprobe aus: Im April, Roman, 2006, Ammann)

Kein Hit, hat Heinz Zumwald von der Aussicht gesagt, als sie vor ein paar Jahren, am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts, die Wohnung besichtigen kamen, aber in der Eile mußte man froh sein, etwas zu finden. Ja, eben, der größere Betonbau, der Block, wie man ihn nennt, steht seit 1965 mitten in der Aussicht und verdeckt die älteren, an den Hang gebauten braunen Vierzigerjahremietshäuser weitgehend. Selena Zumwald sitzt wieder in der Eßecke des Flurs und liest in der Zeitung, daß das Tief mit Zentrum über der französischen Atlantikküste stationär bleibt. Dann eben nicht, denkt sie, ist ja egal, vielleicht bringt die Sonnenwende eine Besserung. Warum eigentlich? Weil sie Wende heißt? Selena blättert zur Horoskopseite zurück, wo die Zwillinge aktualitätshalber hervorgehoben sind. Geburtstagskinder – Sonnenkinder, heißt es: Sie sind mit der Sonne, die auf ihren Zenith zugeht, in einer ganz besonderen Beziehung. Selena selbst hat nächste Woche Geburtstag, vielleicht hat sich das Tief bis dahin verzogen. Sie steht auf und geht durch das kleine Zimmer, um zu sehen, ob die Katze auf dem Balkon ist, nein, da ist sie nicht. Es ist kalt, Selena macht die Tür zu, blickt durch das Glas zum Block hinüber, was ist da auf der Höhe des zweiten Stocks für eine Bewegung? Ach so, zwei Kinder, die auf dem Balkon Ball spielen, über eine Distanz von drei Metern. Wo ist die Katze? Selena geht durchs Zimmer zurück und durch den Flur, an sein hinteres, dunkles Ende, das man mit einem Vorhang abtrennen und zu einer Abstellkammer machen könnte. Jetzt steht hier ein weißfurniertes Kommödchen, und darüber hängt ein weiterer antikisierender Spiegel, eine gute Idee, denn so gibt es in diesem dunklen Flurstumpf ein wenig Spiegellicht. Trotzdem muß sich Selena hinunterbeugen, um zu sehen, ob die Katze in der Ecke sitzt. Nein, da ist sie auch nicht. Na egal, dann ist sie eben im Wohnzimmer, denkt Selena, aber da gehe ich jetzt nicht hinein.

Der Wind dieses Tags im Jahr 1415 hat noch etwas zugelegt, über die Wiese fliegt eine längliche, sich spiralig windende Staubwolke. Wo kommt der Staub her? Nicht ersichtlich. Der schmale Weg ist, wie gesagt, fast zugewachsen. Sonst nur grüne Vegetation ringsum. Im Wäldchen reiben sich die Tannenäste mit einem Knarren aneinander. Manchmal scheint der Wind zu kreisen. Er drückt die Bäume auseinander, zwischen denen der Stamm der umgekippten Tanne steckt, der Stamm sackt etwas tiefer hinunter. Die in die Wiese gerammte Markierungsstange schlägt nach beiden Seiten aus. Der Wind trägt einen Schwall Himbeergeruch herbei, obwohl die Himbeeren erst am Blühen sind. Eine Kombination von Erdausdünstung und Chlorophyll, Ozon und Sonnenwärme muß diesen Geruch hervorgebracht haben.

Mari in den Sechzigerjahren riecht hingegen den blumigen Geruch des Waschpulvers, der aus dem Waschküchenfenster kommt, neben dem sie draußen vor dem Haus steht. In der Waschküche läuft die Waschmaschine, sie hört es durch das aufgeklappte Fenster. Was ist das für ein Gerenne auf dem Trottoir vorn? Es sind die Leute, die der Ambulanz nachgelaufen sind und jetzt zurückgerannt kommen. Zurück könnten sie doch im normalen Tempo gehen. Ist noch etwas passiert? Mari sieht die rennenden Leute um die andere Hausecke verschwinden, nach hinten, zum Schacherhaus. Da ist noch etwas passiert. Sie läuft aufs Trottoir hinaus und zusammen mit den rennenden Leuten um die Ecke, hinter der Gedränge ist, man kommt gar nicht mehr zu Schachers heran, da ist ein Seil gespannt, weiter darf man nicht. Was ist passiert? Auch der Großvater, heißt es, er hat sich im Estrich oben erhängt. Was? Der Großvater? Der hat doch Arthritis, der kann doch gar nicht laufen, wie ist er in den Estrich hinaufgekommen? Das ist doch jetzt gleich. Warum hat er sich erhängt? Warum hat er sich erhängt. Weil er eben gemeint hat, der Sohn habe sich erschossen, darum hat er sich erhängt. Aha, denkt Mari. Und wo ist das Schwein? Das Schwein steht innerhalb der Absperrung immer noch an den Baum gebunden und hat die Augen immer noch zu. Und wo ist Frau Schacher? fragt Mari. Sie wird gerade gesucht. Ich weiß, wo sie ist, denkt Mari. Sie versucht sich vorzudrängen, wird aber so zusammengedrückt, daß sie vergißt, daß sie sehen wollte, ob Frau Schacher dort ist, wo sie meint. Weg hier, denkt sie, weg, bevor die Russen in die Menge hineinschießen. Sie kämpft sich hinaus, die Bluse klebt ihr am Oberkörper, es ist wirklich heiß heute.

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