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Im April
(Leseprobe aus: Im
April, Roman, 2006,
Ammann)
Kein Hit, hat Heinz Zumwald von der Aussicht gesagt, als sie vor ein paar
Jahren, am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts, die Wohnung besichtigen
kamen, aber in der Eile mußte man froh sein, etwas zu finden. Ja, eben, der
größere Betonbau, der Block, wie man ihn nennt, steht seit 1965 mitten in der
Aussicht und verdeckt die älteren, an den Hang gebauten braunen
Vierzigerjahremietshäuser weitgehend. Selena Zumwald sitzt wieder in der
Eßecke des Flurs und liest in der Zeitung, daß das Tief mit Zentrum über der
französischen Atlantikküste stationär bleibt. Dann eben nicht, denkt sie, ist
ja egal, vielleicht bringt die Sonnenwende eine Besserung. Warum eigentlich?
Weil sie Wende heißt? Selena blättert zur Horoskopseite zurück, wo die
Zwillinge aktualitätshalber hervorgehoben sind. Geburtstagskinder –
Sonnenkinder, heißt es: Sie sind mit der Sonne, die auf ihren Zenith zugeht, in
einer ganz besonderen Beziehung. Selena selbst hat nächste Woche Geburtstag,
vielleicht hat sich das Tief bis dahin verzogen. Sie steht auf und geht durch
das kleine Zimmer, um zu sehen, ob die Katze auf dem Balkon ist, nein, da ist
sie nicht. Es ist kalt, Selena macht die Tür zu, blickt durch das Glas zum
Block hinüber, was ist da auf der Höhe des zweiten Stocks für eine Bewegung?
Ach so, zwei Kinder, die auf dem Balkon Ball spielen, über eine Distanz von
drei Metern. Wo ist die Katze? Selena geht durchs Zimmer zurück und durch den
Flur, an sein hinteres, dunkles Ende, das man mit einem Vorhang abtrennen und zu
einer Abstellkammer machen könnte. Jetzt steht hier ein weißfurniertes
Kommödchen, und darüber hängt ein weiterer antikisierender Spiegel, eine gute
Idee, denn so gibt es in diesem dunklen Flurstumpf ein wenig Spiegellicht.
Trotzdem muß sich Selena hinunterbeugen, um zu sehen, ob die Katze in der Ecke
sitzt. Nein, da ist sie auch nicht. Na egal, dann ist sie eben im Wohnzimmer,
denkt Selena, aber da gehe ich jetzt nicht hinein.
Der Wind dieses Tags im Jahr 1415 hat noch etwas zugelegt, über die Wiese
fliegt eine längliche, sich spiralig windende Staubwolke. Wo kommt der Staub
her? Nicht ersichtlich. Der schmale Weg ist, wie gesagt, fast zugewachsen. Sonst
nur grüne Vegetation ringsum. Im Wäldchen reiben sich die Tannenäste mit
einem Knarren aneinander. Manchmal scheint der Wind zu kreisen. Er drückt die
Bäume auseinander, zwischen denen der Stamm der umgekippten Tanne steckt, der
Stamm sackt etwas tiefer hinunter. Die in die Wiese gerammte Markierungsstange
schlägt nach beiden Seiten aus. Der Wind trägt einen Schwall Himbeergeruch
herbei, obwohl die Himbeeren erst am Blühen sind. Eine Kombination von
Erdausdünstung und Chlorophyll, Ozon und Sonnenwärme muß diesen Geruch
hervorgebracht haben.
Mari in den Sechzigerjahren riecht hingegen den blumigen Geruch des
Waschpulvers, der aus dem Waschküchenfenster kommt, neben dem sie draußen vor
dem Haus steht. In der Waschküche läuft die Waschmaschine, sie hört es durch
das aufgeklappte Fenster. Was ist das für ein Gerenne auf dem Trottoir vorn? Es
sind die Leute, die der Ambulanz nachgelaufen sind und jetzt zurückgerannt
kommen. Zurück könnten sie doch im normalen Tempo gehen. Ist noch etwas
passiert? Mari sieht die rennenden Leute um die andere Hausecke verschwinden,
nach hinten, zum Schacherhaus. Da ist noch etwas passiert. Sie läuft aufs
Trottoir hinaus und zusammen mit den rennenden Leuten um die Ecke, hinter der
Gedränge ist, man kommt gar nicht mehr zu Schachers heran, da ist ein Seil
gespannt, weiter darf man nicht. Was ist passiert? Auch der Großvater, heißt
es, er hat sich im Estrich oben erhängt. Was? Der Großvater? Der hat doch
Arthritis, der kann doch gar nicht laufen, wie ist er in den Estrich
hinaufgekommen? Das ist doch jetzt gleich. Warum hat er sich erhängt? Warum hat
er sich erhängt. Weil er eben gemeint hat, der Sohn habe sich erschossen, darum
hat er sich erhängt. Aha, denkt Mari. Und wo ist das Schwein? Das Schwein steht
innerhalb der Absperrung immer noch an den Baum gebunden und hat die Augen immer
noch zu. Und wo ist Frau Schacher? fragt Mari. Sie wird gerade gesucht. Ich
weiß, wo sie ist, denkt Mari. Sie versucht sich vorzudrängen, wird aber so
zusammengedrückt, daß sie vergißt, daß sie sehen wollte, ob Frau Schacher
dort ist, wo sie meint. Weg hier, denkt sie, weg, bevor die Russen in die Menge
hineinschießen. Sie kämpft sich hinaus, die Bluse klebt ihr am Oberkörper, es
ist wirklich heiß heute.
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