Mongolenkind von Reina Ilona Vildebrand, 2009, Celux

Reina Ilona Vildebrand

Mongolenkind
(Leseprobe aus: Mongolenkind, Roman, 2009, Culex-Verlag).

14. Staatsfeiertag

Staatsakte und Staatsfeiertage gibt es einige im Jahr. Sie sind sich

alle ähnlich, man kann sie nur dadurch unterscheiden, dass zum

Beispiel am 1. Mai eine Kampfdemonstration stattfindet, am Tag

der Republik eine Parade. Dann ist da noch der Gedenktag für

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, aber dieser findet nur in

Ostberlin und für den Rest des Landes in der Zeitung statt. Der

Gründungstag der Republik ist natürlich auch ein Feiertag, was

bedeutet: Das Land hat frei.

Die meisten Leute betrachten diese Ereignisse als willkommenen

Zusatzurlaub, den man im Haus, im Garten oder mit dem Reparieren

und Putzen des Autos verbringen kann. Oder mit diversen

Besuchen. Manche Leute gehen auch an so einem Tag mal ins

Theater, ins Kino oder ins Museum. Es gibt ein paar untrügliche

Anzeichen, wenn ein Staatsfeiertag heranrückt.

Die Wohnungen werden gesaugt, die Fenster gründlich geputzt,

die Trabbis und die sündhaft teuren, ewig gelben Synthetik-

Spitzengardinen gewaschen. Die Gardinen kommen unten in der

Waschstube in die große Zinkbadewanne. Auch als sie später eine

Waschmaschine haben, bleibt das so, denn in diesem Pilotprodukt

der Waschmaschinenindustrie, in dem noch ein am Boden der Maschine

befindliches Wellrad die gesamte Wäscheladung zu einem

einzigen Strick zusammendreht, würden die empfindlichen Sachen

zerreißen. Damit sie wieder wie neu werden, wird die Prozedur

in der Zinkbadewanne mehrmals wiederholt und am Schluss ein

Bleichmittel ins Spülwasser getan, das nach Chlor stinkt. Die alten

Holzfenster zerfallen, aber die Gardinen und Vorhänge sehen

pikobello aus. Auf neue Fenster wartet man im Durchschnitt neun

Jahre. Im Winter schwitzen die einfachen Glasscheiben so, dass

sich große Wasserlachen auf den Fensterbrettern ansammeln, die

man immerzu aufwischen muss. Doppelglasscheiben? Die West-

Verwandten versetzen die Leute im Osten immer wieder in Erstaunen.

Aber das alles ist kurz vor dem Staatsfeiertag nicht mehr zu

ändern und auch gar nicht wirklich wichtig. Es muss auf jeden

Fall alles gut aussehen und sauber sein, und geschmückt. Die falsche

Parole oder die verkehrte Fahne als Fensterschmuck – das

wäre schlimm. Zum Beispiel die jugoslawische Fahne. Oder die

tschechoslowakische im Jahr 1968, als im Nachbarland die Panzer

der russischen Armee den Prager Frühling niederschlugen; darüber

war nur zu erfahren, dass die Konterrevolution gescheitert sei und

die Feinde des Sozialismus besiegt wurden. Im Jahr 1968 hätte

man ohne weiteres für das Schmücken mit dieser Staatsflagge verhaftet

werden können.

Zum krönenden Abschluss der Vorbereitungen trifft man sich

schließlich beim Friseur. Die Männer für einen frischen Kurzformschnitt

mit Nackenrasur, die Frauen für eine neue Dauerwelle.

Irinas Mutter hat eigentlich weißes, fast glattes Haar, doch nach der

Prozedur sieht sie aus wie eine von den Puppen aus dem Spielzeugwarenladen,

mit dieser Lockenpracht aus blau-lila Zuckerwatte.

Überall klopft es, klappen Türen. Die Leute rennen herum wie

aufgescheuchte Hühner. Am schlimmsten ist es, wenn der Staatsfeiertag

ein Wochenende verlängert – dann gibt es noch mehr zu

schleppen und vorzubereiten. Dann kommen noch mehr Nichten

und Neffen und Tanten und Onkel zu Besuch. Die Familien sind

groß, drei, vier und fünf Kinder keine Seltenheit – und alle Leute

essen gerne und reichlich. Spätere Statistiken registrieren die Quote

der Übergewichtigen. Es sind viele. Essen ist der Luxus, das Vergnügen,

das man sich leisten kann und um das sich in den Familien alles

dreht. Mehrmals laufen Irina und die Mutter mit gefüllten Beuteln

und Taschen den langen Berg hoch. Als es der Mutter nicht mehr

so gut geht, muss Irina es allein schaffen und noch öfter laufen.

Die in Mutters verschnörkelter Schrift aufgeführten Posten auf dem

Einkaufszettel wollen kein Ende nehmen: ein Kilo Schweinekammbraten

oder Rouladen, Rotkohl, Äpfel, Zwiebeln, Brot, Milch, Eier,

Jagdwurst, Zervelatwurst, Kochsalami, Harzer Käse, Schnittkäse,

Camembert, Kirmeskuchen, Kaffee, zwei Viertelpfund-Päckchen.

Ein Viertel Pfund Kaffeebohnen kostet acht Mark. Ölsardinen,

Bratheringe. Für die Bratensoße ein Kilo Knochen halb und halb

zum Auskochen, Mehl, Suppengrün, saure Gurken im Glas, Schinken,

fetten Bauchspeck, ein Pfund Gehacktes. Es ist eine Qual, nicht

an den schönen Sachen herumknabbern und naschen zu dürfen.

Irina ist immerzu hungrig, doch der Vater sagt, sie würde nur aus

Blödheit essen. Von dem gelben Butterschmalz, das zum Backen

gebraucht wird, kann man kleine Bröckchen wegnehmen und sie

sich auf dem Weg nach Hause auf der Zunge zergehen lassen, das

merkt der Vater nicht. Dann noch die Getränke, die sind immer

am schwersten: Himbeersirup, Bier, Limonade mit Himbeer- oder

Waldmeistergeschmack, Milch. Während die Frauen vorwiegend

mit dem Einkaufen, Backen, Kochen, Putzen, Waschen beschäftigt

sind, nehmen die Männer Reparaturen und Verschönerungen

an Autos, Fahrrädern, Gartenlauben oder Wohnungen vor. Später

sitzen sie im Volkshaus beim Pils, palavern über die DDR und die

Welt oder spielen Skat.

In den Fenstern der Schulen und Kindergärten sind bereits Wochen

vor einem Staatsfeiertag unzählige Friedenstauben und rote Fähnchen

zu sehen, buntbemalte Bildchen über das fröhliche Leben in

der DDR, auf denen lustige Pioniere und lächelnde russische Kosmonauten

sich Blumen schenken. Der Hausmeister kontrolliert, ob

die Flure, die Kellertreppe und der Wäscheboden gereinigt sind und

hängt die DDR-Fahne aus einem der Treppenhausfenster heraus. Es

gibt auch Leute, die hängen nur eine rote Fahne raus. Das sind die

Renegaten. Irina weiß nicht genau, was das bedeutet, sie stellt sich

darunter Leute vor, die stur, dumm und auf geheimnisvolle Weise

gefährlich sind. Seltsam ist, dass der eine Rotfahnen-Renegat, der

ihnen gegenüber wohnt, ein netter junger Mann ist und ihr immer

zublinzelt, wenn sie sich begegnen, und dass er dabei überhaupt

nicht dumm aussieht. Er studiert Medizin. Auch seine Eltern sind

freundliche ältere Leute. Bestimmt haben die nur vergessen, eine

DDR-Fahne zu besorgen.

Wenn dann am Feiertag die Schwester und der Schwager zu Besuch

kommen, geht es in den Gesprächen vorwiegend um die Bäckerei,

den Kuchen, darum, was man in den Geschäften mal wieder nicht

bekommen hat – aber auch um das neue Auto des Nachbarn oder

dessen Karriere, die Beziehung zu A. und was der besorgen kann,

und ob man es dann gegebenenfalls an B. weiterreichen könnte,

denn der hätte doch einen guten Draht zu C., der seinerseits herankäme

an …, so ungefähr die Algebra des „Vitamin-B“-Beziehungsgeflechts,

auch ABC-Waffe genannt. In der Praxis sieht das

konkret so aus: A kauft Bananen, zweimal ein Kilo, oder vier oder

fünf, falls er die Verkaufsstelle leitet oder die Verkäuferin bumst.

Davon gibt er regelmäßig zwei oder drei an B. ab, der in einem

Kfz-Betrieb tätig ist und nur darauf wartet, dass ein Auspuff für

einen Trabant oder Wartburg überzählig ist. Diesen bekommt dann

C., der zwar keinen braucht, der aber dafür die Reparatur seiner

Fenster und der von A. innerhalb einer erstaunlich kurzen Frist von

nur drei bis sechs Monaten statt neun Jahren erwirken kann. Oder

die Teilnahme am Fahrschulunterricht oder die Einrichtung eines

Telefons, oder gar die Zuweisung für eine neue Wohnung. Die Reihenfolge

in der Vitaminkette kann je nach Sachlage jederzeit variieren.

Das funktioniert ausgezeichnet – vorausgesetzt, die Kette hat

einen Anfang. Es gibt Leute, die selten in so eine Kette hineinkommen

– die kein Vitamin B haben. Zu denen gehören ohne Zweifel

Irina und ihre Eltern. Funktionäre brauchen die ABC-Waffe nicht,

sie bekommen immer alles. Darum gibt es so viele Funktionäre,

denkt sich Irina irgendwann. Doch in der Zeit, von der die Rede

ist, also kurz vor ihrer Jugendweihe, sie ist dreizehn Jahre alt, ist sie

noch völlig ahnungslos, naiv, beobachtet nur – und speichert alles.

(...)

Rezension I Buchbestellung I home IV09 LYRIKwelt © Culex Verlag