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Paris hat kein
Ende
(Leseprobe aus: Paris hat kein Ende,
Roman, 2005, Nagel &
Kimche - Übertragung von Petra Strien)
Ich reiste nach Key West, Florida, und meldete mich bei dem diesjährigen
Wettbewerb für Doppelgänger des Schriftstellers Ernest Hemingway an. Die
Veranstaltung fand im ›Sloppy Joe’s‹ statt, der Lieblingsbar des Autors in
Cayo Hueso im äußersten Süden von Florida. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen,
dass die Teilnahme an diesem Wettbewerb – der einen großen Zulauf von kräftigen,
graubärtigen Männern verzeichnete, allesamt auf lächerliche Weise
detailversessene Hemingwaydoubles – ein einmaliges Erlebnis war.
Seit ich durch zu viel Alkoholgenuss ein wenig beleibter werde, bilde ich mir in
den letzten Jahren – trotz der gegenteiligen Ansicht meiner Frau und meiner
Freunde – ein, Hemingway, dem Idol meiner Jugend, immer ähnlicher zu werden.
Zwar hat mir darin noch nie jemand Recht geben wollen, doch ich bin nun einmal
dickköpfig und habe mich daher im letzten Sommer kurz entschlossen bei dieser
Veranstaltung beworben, um alle eines Besseren zu belehren.
Vorweg sei gesagt, dass ich mich entsetzlich blamiert habe. Ich bin also tatsächlich
nach Key West gereist, habe an dem Wettbewerb teilgenommen und schnitt als
Letzter ab; besser gesagt, ich schied vorzeitig aus; na ja, man hat mich
disqualifiziert, und was das Schlimmste ist, nicht etwa wegen meines falschen
Bartes – davon haben sie gar nichts bemerkt –, sondern weil ich angeblich »jeglicher
Ähnlichkeit mit Hemingway entbehrte«.
Doch ich gab mich schließlich mit dem Nachweis zufrieden, dass man mich
wenigstens zum Wettbewerb zugelassen hatte, um vor meiner Frau und meinen
Freunden auf meinem Recht zu beharren, mich Hemingway Tag für Tag ähnlicher zu
fühlen, denn das ist alles, oder vielmehr das Einzige, was mich emotional noch
mit den Jahren meiner Jugend verbindet. Es war nur ein wenig peinlich, dass man
mich in Key West um ein Haar mit Fußtritten hinausbefördert hätte.
Nach dieser Blamage nahm ich gleich einen Flug nach Paris, um mich dort mit
meiner Frau zu treffen. Wir blieben den gesamten August dort und taten fast die
ganze Zeit kaum mehr, als Museen zu besuchen und hemmungslos einzukaufen. Ich
machte mir außerdem noch ein paar Notizen über meine Pariser Zeit in jungen
Jahren, als ich, anders als Hemingway, nicht »sehr arm und sehr glücklich«,
sondern sehr arm und sehr unglücklich war.
Rezension I Buchbestellung I home II05 LYRIKwelt © Nagel&Kimche