Tom
(Leseprobe aus: Völkerball, Roman, 2005, Deuticke
- Übertragung Eva Profousová)
Mit Zwanzig kann es ganz nett sein,
sich die Wohnung mit zwei Gleichaltrigen zu teilen; mit Einundvierzig ist es
nicht mehr so lustig.
Manchmal werden Sie nachts vom beginnenden Kater geweckt. Sie wollen den Brand löschen,
klettern aus dem Bett und trinken im Badezimmer das gechlorte Wasser direkt aus
dem Wasserhahn, weil es keinen Sinn hätte, im Kühlschrank nach Bier oder
Mineralwasser zu suchen. Weil Sie zu faul sind, im Dunkeln nach den Pantoffeln
zu tasten, bleiben Ihnen an den nackten Fußsohlen hartgewordene Brotkrümel,
Paprikachips, abgeschnittene Fußnägel von Skippy, plattgetretene Oliven in
Knoblauchsauce und Weiß-Gott—was-noch kleben. Im nächsten Moment rutschen
Sie auf den Eurotel-Prospekten aus, die verstreut auf dem Fußboden liegen. (Skippy
kauft sich dreimal im Jahr ein neues Handy und einmal im Monat wechselt er die
Tarife. Er zählt ständig seine Freiminuten, obwohl er kaum jemand kennt, den
er anrufen könnte. Genauso wie ich – mit Freiminuten könnten Skippy und ich
ohne Probleme die ganze Wohnung tapezieren.) Aus Eins und Drei ertönt das
Schnarchen der beiden Mitbewohner. Nur ein weißes Blatt Papier mit der letzten
vergeblichen Putzplanaufstellung leuchtet matt von der Korkpinnwand in den
dunklen Flur hinein. Leise machen Sie die Badezimmertür auf, Ihre Hand ertastet
die Gummivagina, die Skippy vor zwei Jahren an einem regnerischen Wochenende
statt des Lichtschalters installiert hat, Sie schließen die Augen und knipsen
das Licht an. Langsam öffnen Sie sie wieder: Am Rande des unglaublich dreckigen
Waschbeckens liegen drei Rasierapparate. Der Spiegel darüber ist mit soviel
Zahnpasta bekleckert, dass er allmählich wie ein schlechtes abstraktes Gemälde
aussieht. Sie drehen den Wasserhahn auf, lassen das Wasser laufen und
untersuchen im Spiegel die eigenen Augenringe und Stirnfalten. Das Wasser
gluckert im Abflussrohr: In der Stille der nächtlichen Wohnung klingt es viel
bedeutender als am helllichten Tag. Wie eine kodierte Nachricht: Geht so, was?
Und das ist erst der Anfang, Freundchen.
Ganz neu ist die Botschaft nicht. Vielleicht nicken Sie sogar mit dem Kopf,
drehen den Wasserhahn ab und gehen zurück ins Bett. In das eigene Zimmer mit
der Nummer Zwei.
EVA
Nach der Scheidung ist sie alleine geblieben.
Damals behaupteten alle, mit Neunundzwanzig und ihrem Aussehen (wie sie diese
Worte hasste) fände sie problemlos einen Neuen. Sie sucht aber eigentlich
keinen. Einladungen zum Kaffeetrinken oder ins Theater nimmt sie schon an –
bloß daraus entwickelt sich nie etwas. Meistens kommt es ihr gleich von Anfang
an irgendwie... gezwungen vor. Die Männer sind sehr bemüht, das ist wohl der
Fehler. Sie lächelt, beobachtet ihre teuren Krawatten und hört sich eine
lustige Geschichte nach der anderen an (Jeff sagt immer, ihr mangelnder Sinn für
Humor käme fast einer mentalen Behinderung gleich) und freut sich insgeheim
darauf, wie sie nach Hause kommt, Wasser in die Badewanne einlaufen lässt,
Mandarinenbadeschaum dazu gibt und sich die neue CD von U2 anhört. Ist das denn
so schwer zu verstehen? Die meisten ihrer Freundinnen (geschweige denn Evas
Mutter) verstehen es nicht.
Bloß sie kommt nicht dagegen an. Als ob ihre Schönheit die Männer von
vornherein ganz schwach machen würde. Eva benutzt das Wort Schönheit mit der
gleichen Sachlichkeit, mit der die Reichen über Geld reden – armen Leuten
kommt das natürlich eingebildet vor. Aber so ist es nicht. Sie ist nicht
eingebildet und Komplimente findet sie eher ärgerlich. Warum um Gotteswillen
setzt dieser Mensch ein Gesicht auf, als ob er gerade Amerika entdeckt hätte?
Ja, sie ist schön, das weiß sie schon lange – und weiter?
Sie weiß nicht, wie sie es erklären soll. Viele der Männer, die ihr seit der
Scheidung Hof machen, bringen allerlei romantische Gesten zustande: Sie schenken
ihr Diamantringe, die sie dankend zurück gibt; sie kaufen ihr Flugtickets nach
London, die dann aufwendig storniert werden müssen; sie legen ihr das gesamte
Leben (inklusive Ehefrau und Kinder) zu Füßen. Sie tun, als ob sie im Begriff
wären, alle Brücken hinter sich abzubrechen – vermutlich gehen sie davon
aus, dass nur derjenige gewinnt, der das größte Opfer bringt. Manchmal fühlt
sie sich wie ein leerstehendes Luxusappartement: Der Höchstbietende kriegt den
Zuschlag.
Alles ist so vorausschaubar. Am Anfang quellen sie über vor lauter
Selbstbewusstsein, aber wenn sie merken, dass sich an Evas Zurückhaltung kaum
etwas ändert, schrumpft die Luftblase plötzlich zusammen. Sie fangen an, Eva
wie eine Vorgesetzte zu behandeln, bekommen Angst vor ihr. Sie vergewissern sich
nur noch, ob ihr das Essen auch wirklich schmecke, ob alles in Ordnung sei und
womit sie ihr noch eine weitere Freude machen können. Sie würden alles tun.
Sogar vor ihr auf die Knie fallen. Kann ihr ein solcher Mann imponieren? Es ist
so ermüdend. Und lächerlich. Vielleicht hat es Skippy am besten auf den Punkt
gebracht: Wir alle haben Schiss vor dir. Sie selbst würde es nie so formulieren
(solche Ausdrücke benutzt sie nie), aber es ist etwas daran. Wird denn nie
jemand kommen, der vor ihr keinen... Schiss hat?
Ihre Traumbeziehung stellt sie sich ganz anders vor. „Glaubst du, das Leben
ist ein Film?“, schrie Jeff sie vor der Scheidung an, ganz außer sich vor
Wut. Manchmal hat sie einen Traum: Es klingelt und sie öffnet im Morgenmantel
die Tür. Draußen steht ein unbekannter Mann; er begrüßt sie mit den Augen.
Sie tritt zur Seite, er kommt herein und hilft ihr packen. Sie öffnet die Schränke,
holt Kleiderbügel mit Kleidern heraus und er legt sie in die Koffer. Keiner von
ihnen sagt etwas. Ihre Tochter Alice schaut sie fragend an, aber Eva bedeutet
ihr, alles sei in bester Ordnung. Der Mann schließt die Koffer, greift nach dem
größeren und nimmt Alice an die Hand. Eva trägt den zweiten Koffer. Ohne Eile
gehen sie zum Auto hinunter und der Mann fährt sie in sein Haus...
Das lässt sich alles so schwer erklären. Das ist alles eine Frage der
Kommunikation, sagte Jeff immer.
„Rede mit mir! Kommuniziere! Wie soll ich denn auf deine geheimnisvollen
weiblichen Gefühle achten, wenn du nicht mal willens bist, sie mir zu
beschreiben? Wer soll sich verdammt noch mal in dir auskennen?“
Alice wirft Eva vor, dass sie morgens immer mehr Zeit im Badezimmer verbringt.
Vielleicht stimmt das auch, Eva schaut nicht auf die Uhr. Die Liste der
verschiedensten kosmetischen Mängel, die jeden Morgen zu behandeln oder
zumindest abzudecken sind, nimmt nach Vierzig mit einer solchen Geschwindigkeit
zu, dass es Eva langsam beunruhigt. Mit Achtzehn brauchte sie für die
Morgentoilette nicht einmal fünf Minuten: Sie putzte die Zähne, spritzte sich
kaltes Wasser ins Gesicht und benutzte die erstbeste Creme, die auf dem
Waschbecken lag, dann bürstete sie nur noch kurz die Haare – und den ganzen
Tag lang erzählten alle, wie schön sie war. Wenn sie am Samstag morgen zum
gemeinsamen Frühstück in die Küche kam, leuchtete Vaters Gesicht jedes Mal
vor stolzer Freude auf. Manchmal fand es Eva der Mama gegenüber richtig
taktlos. Ab und zu legte Vater sogar die Zeitung zur Seite und schaute Eva zu,
wie sie die Küchenmaschine zusammenschraubte, um sich aus drei gelbgrünen
kubanischen Apfelsinnen einen frisch gepressten Saft zu machen.
„Kaum zu glauben, dass wir etwas dermaßen Schönes in diesem schmuddeligen
Bungalow auf der Makarská gezeugt haben, nicht wahr, Alenka?“, sagte er
immer.
Dann erhob er sich, schob die Tochter sanft zur Seite und baute die
Orangenpresse selbst auf.
„Ja, kaum zu fassen.“ Evas Mutter lächelte.
„So schmuddelig war es dort auch wieder nicht,“ flüsterte sie Eva zu.
„Das denkt sich Papa nur aus...“
Eva hat das Gefühl, als ob sich das Ganze erst gestern abgespielt hätte. Heute
verbringt sie im Badezimmer eine volle Stunde und kaum hat sie die Küche
betreten, sagt Alice zu ihr, sie sollte sich unbedingt die Zähne weißen lassen
und gegen Augenringe helfe grüner Beuteltee am besten.
„Und wenn du dir wirklich vorgenommen hast, auf jegliche Frisur zu pfeifen,
dann binde dir doch ein Kopftuch um!“
Manchmal kommt ihr vor, dass ihre Tochter genauso redet wie Tom.
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