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Der Blutchor
(Leseprobe aus: Der Blutchor, Erzählungen, 2007,
litradukt - Übertragung
Peter Trier).
Ich habe meinen Vater getötet. Das hat nichts
mit dem Ödipuskomplex zu tun. Ich habe diese Geschichte noch nie erzählt. Ich
entschließe mich heute, es zu tun, in der Hoffnung, dass die Leser der folgenden
Seiten mir mildernde Umstände zubilligen werden.
Soweit ich meine Erinnerungen auch zurückverfolge, ich pralle auf das Gesicht
meines Vaters. Ich sehe ihn oft wieder, wie er morgens beim Frühstück, beim
Mittagessen oder beim Abendessen, stets im schwarzen Anzug, das Gebet spricht,
das unsere Mahlzeit segnen soll. Die Religion war die Kulisse meiner Kindheit,
jedenfalls bis zum Mord. Lange vor meiner Erstkommunion, welche Anlass für ein
Saufgelage war, das unser Viertel eine ganze Nacht erleuchtete, begleitete ich
meine Mutter zweimal wöchentlich zur Kirche. Bei der Wiedergabe dieser
Ereignisse werde ich oft von meiner Mutter sprechen. Sie war so unscheinbar, so
zurückhaltend, dass ihr Bild in meiner Erinnerung verschwommen ist. Um ihrem
Porträt Substanz zu verleihen, muss ich noch länger in meinen Erinnerungen
nachgraben. Ich wusste, dass sie meinen Vater fürchtete. Dennoch wurde ich nur
einmal Zeuge einer Diskussion, einer lauten Szene zwischen ihnen, und zwar war
das nur einige Stunden, bevor der Hammer zuschlug. Aber es gibt Formen der
Gewalt, die grausamer sind als die auf erstem Blick sichtbaren.
Ich war sechs Jahre alt, als meine Mutter mich auf der Ordensschule anmeldete.
Sie war es, die mich in den ersten Jahren morgens hinbrachte und abends abholte.
Mein Vater betrat die Schule nie. Die Priester und meine Lehrer kannten ihn
nicht. Er begnügte sich damit, sich peinlich genau über meine Fortschritte zu
vergewissern, indem er das Beurteilungsheft, das wir jeden Monat vorlegten,
sorgfältig studierte. Ich war, davon bin ich noch heute überzeugt, ein
Musterschüler, auch wenn mein Vater mich schlug, wenn ich geringfügige
Verfehlungen begangen hatte oder in den Fächern, in denen er besonderen Wert
darauf legte, dass ich einen guten Eindruck machte, nämlich in Mathematik und
Religion, ein nicht sehr zufriedenstellendes Resultat heimbrachte. Meine Mutter
versuchte dann vergeblich, mich vor seinem Zorn in Sicherheit zu bringen. Ein
Blick von Papa reichte indessen aus, damit sie schnell in ihr Zimmer flüchtete.
Als ich Mama zum ersten Mal beim Weinen überraschte, begann ich ziellos im Haus
umherzustreifen und alles kaputtzumachen, was mir in die Hände fiel. Ich habe
diese Reaktion nie verstanden. Ich war erschüttert von dem Zustand meiner
Mutter, denn trotz ihrer üblichen Traurigkeit hatte ich sie nie ihren Kummer auf
diese Weise äußern sehen.
Meine Probleme begannen im Alter von elf Jahren, als mein Vater auf einen Brief
der Schulleitung hin beschloss, dass ich Mitglied des Chores werden sollte, der
für die Kapelle gegründet wurde. Ich musste drei Tage pro Woche nach Ende der
regulären Schulstunden dableiben und lange lateinische Gesänge proben, von denen
ich kein Wort verstand. Die leere Kirche, der Widerhall unserer Stimmen in dem
Gewölbe, das mir so riesig vorkam, dass ich Angst hatte, mich darin zu
verlieren, wenn ich hineinsah, all das beeindruckte mich am Anfang. Aber nach
und nach wurde ich der langen Proben unter der Leitung eines Priesters, der sich
als genauso streng, genauso unnahbar erwies wie mein Vater, überdrüssig. Diese
Situation wurde immer unerträglicher, um so mehr, als ich niemanden hatte, dem
ich hätte gestehen können, dass der Chor mir ein Gräuel war. Wenn mein Vater uns
zum Gebet versammelte, so bat ich in meinem Innersten Gott, er möge die drei
Tage verschwinden lassen, an denen ich zu den Chorproben musste.
Selbstverständlich war es undenkbar, ein solches Gebet laut auszusprechen.
Auf einen Ausweg kam ich dank Jean-François, einem Klassenkameraden, der sich
wie ich dreimal pro Woche verbissen bemühen musste, in endlosen Stimmübungen
oder unverständlichen Gesängen die richtigen Töne zu treffen. Er war der
turbulenteste Schüler der Klasse und war schon zweimal mit der Weisung, mit
seinem Vater zurückzukommen, nach Hause geschickt worden. Er war davon ein wenig
braver geworden, ohne dass deswegen sein rebellisches Temperament verschwunden
wäre. Was den Mord an meinem Vater betrifft, so ist Jean-François vollkommen
ahnungslos. In dieser Geschichte hat er nur den ersten Anstoß gegeben, nichts
anderes. Zu behaupten, dass all dies nicht passiert wäre, wenn es Jean-François
nicht gegeben hätte, hieße, einem einzelnen Detail eine viel größere Bedeutung
beizumessen als der Summe der Umstände, durch die eine Situation sich so oder so
zwangsläufig weiterentwickelt.
Eines Nachmittags ging ich mit Jean-François nach Hause. Wir wohnten im selben
Viertel. Damals war ich schon, wie Mama sagte, ein recht großer Kerl. Ich ging
allein zur Schule. Plötzlich sagte Jean-François zu mir: „Der Chor, das ist was
für Mädchen. Wir hätten Interessanteres zu tun, als mit dem Mammut unsere Zeit
zu verschwenden.“ Dem Mammut! Diesen Spitznamen hatten wir dem Priester, der als
Chorleiter fungierte, wegen seiner Größe, seiner Korpulenz, seiner ständig
zerzausten Haare und seiner Cyarano-Nase verpasst.
„Mein Vater legt Wert darauf, dass ich im Chor singe“, erinnerte ich ihn.
Er blieb stehen, als ob ihm plötzlich eine Idee gekommen wäre.
„Wie viele sind wir im Chor?“, fragte er.
„Ich glaube siebenunddreißig“, antwortete ich.
„Siebenunddreißig! Das ist viel. Du hast doch gemerkt, dass das Mammut nie die
Namen aufruft. Er ist zu dämlich dafür. Er kann bestimmt nichts anderes als mit
seinem Taktstock herumfuchteln und uns seine blödsinnigen Lieder proben lassen.
Wenn wir auf den Platz gehen anstatt zu diesen furchtbaren Chorproben, dann
fällt das niemandem auf.“
Der Platz, den Jean-François meinte, war ein kleiner Park in der Nachbarschaft
der Schule, wo wir manchmal verweilten, um nach der Schule Verstecken zu
spielen. Es gab dort einen Fahrradverleih und andere Kinder, die aus einem mir
unverständlichen Grund nie zur Schule gingen. Wir spielten mit ihnen
gelegentlich einige Partien Fußball, welche ein abruptes Ende fanden, sobald ein
Elternteil sich näherte, denn wir konnten uns leicht denken, dass für diesen
Verstoß gegen die Disziplin eine Tracht Prügel fällig wäre. Die Hauptattraktion
waren jedoch die Volksbelustiger, die wir zu Unrecht Artisten nannten.
„Nein, das ist zu riskant“, protestierte ich. „Wenn mein Vater dahinterkommt,
dann gibt es eine Katastrophe.“
„Mein Vater ist genauso streng wie deiner“, gab Jean-François zurück. „Du wirst
doch wohl jetzt nicht kneifen. Und außerdem versäumen wir ja nicht alle
Chorproben. Sagen wir, dass wir nur zu einer von den drei vorgesehenen Proben
gehen. Das ist völlig risikolos“, beharrte er.
Die Versuchung war groß, zumal das Mammut während der auf dieses Gespräch
folgenden Woche es wie gewöhnlich versäumte, die Namen aufzurufen. Und so liefen
wir nachmittags im Park herum, jagten den Eidechsen nach und vergnügten uns
damit, für die Enten, die über das schlammige Wasser glitten – die
Stadtverwaltung kümmerte sich nicht um die Pflege der öffentlichen Plätze – ,
Brotstücke in ein großes Bassin zu werfen. Eines Tages kaufte ich von meinem
wenigen ersparten Taschengeld einem alten Mann, der außer Süßigkeiten alle
möglichen Artikel, einer seltsamer als der andere, anbot, ein Amulett ab, das
meine Gedächtniskraft verzehnfachen sollte. Dem Verkäufer zufolge genügte es,
dass ich eine Buchseite anschaute, damit ich alles behielt, was dort stand. Ich
glaubte ihm aufs Wort. Zwei Wochen lang vernachlässigte ich meine Lektionen.
Überzeugt von der Wirksamkeit des Amuletts begnügte ich mich damit, meine Bücher
am Tag, bevor die entsprechende Lektion abgefragt wurde, durchzublättern. Ich
bekam die schlechtesten Noten seit meinem Eintritt in die Schule, worüber mein
Vater so zornig wurde, dass er mich blutig schlug. Ich kehrte zu dem alten Mann
zurück und verlangte, dass er das Amulett umtauschte. Gegen einen Aufpreis von
vierzig Centime war er bereit, mir ein kleines Litaneienbüchlein zu überlassen,
das ihm zufolge magische Kräfte hatte; unter anderem konnte es bewirken, dass
meine Lehrer mich vergaßen, wenn ich abwesend war oder durch mein Benehmen in
der Klasse Anlass zum Tadel gab. Ich hielt das für ein vorteilhaftes Angebot,
zumal Jean-François und ich uns nun regelmäßig vor den Chorproben drückten.
Trotzdem mussten wir sonntags mit unseren schönen weißen, von unseren Müttern
sorgfältig gestärkten Chorgewändern zur Messe gehen. Jean-François und ich taten
nur so, als ob wir sängen – das Schwänzen der Chorproben zeigte nun Wirkung –
und niemand bemerkte den Betrug. Mein Vater, der nicht zur Kirche ging, da er
Freimaurer war, war dennoch stolz auf mich, denn seine Freunde hatten sich oft
anerkennend über mein gutes Benehmen während der Gottesdienste geäußert.
Diese angenehme Zeit sollte ein plötzliches Ende nehmen. Als ich eines Morgens
zur Schule kam, fielen mir die Blicke und das hinterhältige Grinsen einiger
Schüler auf, derjenigen, die wohl davon träumten, die Chorproben zu schwänzen,
denen aber der Mut dazu fehlte. Ich entnahm ihrem Getuschel, dass bei unserer
letzten Abwesenheit etwas vorgefallen war. Jean-François kam in letzter Minute
und stellte sich in die Reihe. Ich hatte also nicht die Zeit, ihm meinen
Eindruck mitzuteilen. Sein Nebenmann flüsterte ihm etwas ins Ohr. Ich bemerkte,
dass er sich weniger wohl in seiner Haut zu fühlen schien als gewöhnlich. Sobald
wir im Klassenzimmer an unseren Plätzen saßen, trat der Lehrer in Begleitung des
Mammuts und des Aufsehers ein. Ich spürte, wie mein Pult sich wirbelnd zu drehen
anfing, als wollte es sich einen Weg zu den unterirdischen Ländern aus den
fantastischen Geschichten bahnen, von denen ich so schwärmte. Der Aufseher
zeigte mit dem Finger auf Jean-François und mich: „Ihr beide, kommt bitte mit.“
Ich erfuhr, dass das Mammut bei den letzten drei Chorproben die Namen aufgerufen
hatte. Man befahl mir, ebenso wie Jean-François, nach Hause zu gehen und mit
meinem Vater zurückzukommen. Man wollte weder meine Mutter noch sonst
irgendjemand aus der Familie! Wir verließen die Schule schweigend. Ich weiß noch
heute nicht, ob Jean- François nach Hause ging. Ich für meinen Teil schlenderte
im Park herum. Wäre ich zu einer Zeit nach Hause gekommen, da ich in der Schule
hätte sein sollen, hätte ich mich den Fragen meiner Mutter ausgesetzt, und diese
hätte sich verpflichtet gefühlt, meinen Vater von meiner Verfehlung zu
unterrichten. Ich suchte im Park vergeblich nach dem Greis, der mir das
Litaneienbüchlein verkauft hatte. Aus Verdruss warf ich das Buch zu den Enten
ins Bassin. Als ich sah, wie die Vögel zu dem Punkt stürzten, an dem das Buch
ins Wasser gefallen war, weil sie möglicherweise an ein Stück Brot glaubten,
wünschte ich mir vergeblich, aus einem schlechten Traum zu erwachen.
Drei Tage lang ging ich zur gewohnten Zeit aus dem Haus. Aber anstatt in die
Schule zu gehen, setzte ich mich im Park auf eine Bank, niedergeschlagen von der
bangen Ungewissheit, der Angst. Mittags, wenn die Sonne die Stadt mit ihrem
glühenden Hauch erfüllte, suchte ich den Schatten der Bäume auf, die mit ihrem
schütteren Blätterdach einen dürftigen Schutz boten. Im Laufe des Nachmittags
setzte mir der Hunger zu. Ich musste jedoch die gewöhnliche Zeit zum Heimgehen
abwarten, als ob ich den Tag in der Schule verbracht hätte. Meine Mutter
bemerkte, dass mein Verhalten sich verändert hatte. Wenn sie mich indessen nach
dem Grund des Kummers fragte, der sich vor allem in einer verdächtigen
Ungeschicktheit niederschlug, so erfand ich tausenderlei Lügen, um sie von ihrer
Beobachtung abzulenken. Sobald mein Vater heimkam, flüchtete ich schnell in mein
Zimmer, aus Angst, dass er mein Vergehen schon erraten würde, wenn er mich nur
ansah. Jetzt, da dieses furchtbare Drama über drei Jahrzehnte zurückliegt, wird
mir klar, wie sehr ich mir einen verständnisvollen Vater gewünscht habe, dem ich
mich hätte anvertrauen können, bei dem ich mich geborgen gefühlt hätte.
Der Park war meine einzige Zuflucht. Ich traf mich nicht einmal mehr mit
Jean-François. Es waren schreckliche Tage für mich, und auch als Erwachsener
habe ich bis heute keine schlimmeren erlebt. Ich blieb immer allein und floh vor
den Leuten aus Angst, dass man mich ausfragte, was ich zu einer Zeit, da ich
eigentlich in der Schule sein musste, dort tat. Ein anderes Mal versteckte ich
mich einen ganzen Nachmittag lang zitternd vor Angst in einem Wäldchen voller
Dornengestrüpp, nachdem ich einen Polizeiwagen gesehen hatte. Immer wenn ich am
Abend nach Hause kam, war ich entschlossen, meinem Vater alles zu gestehen, aber
aus Angst vor ihm überlegte ich es mir immer im letzten Moment anders.
Eines Morgens, als ich zusammengesunken auf einer Bank im Park saß und weinte,
wie ich noch niemals geweint hatte, fühlte ich, wie sich mir eine Hand auf die
Schulter legte. Ich schrie auf und wollte davonlaufen, wurde aber am Arm
festgehalten. Ich gewahrte einen Mann, den ich oft morgens im Park hatte
spazieren gehen sehen. Er war ein stets gut gekleideter Herr, der immer sehr
freundlich zu den Kindern war, denen er begegnete.
„Du hast ein Problem, mein Kleiner. Lüg nicht, ich seh‘s dir ja schon an deinem
verzweifelten Gesichtsausdruck an. Ich sehe dich jetzt schon seit mehreren Tagen
morgens im Park herumspazieren. Schwänzt du etwa die Schule?“
Ich weiß nicht, warum ich mich dazu entschloss. Flößte er mir Vertrauen ein?
Wirkte er wie der Vater, den ich so gern gehabt hätte?
„Bitte, Monsieur. Gehen Sie mit mir zur Schule und sagen Sie, dass Sie mein
Vater sind.“
Er ließ meinen Arm los und musterte mich mit einem stechenden Blick. Er musste
um die fünfzig Jahre alt sein. Für mich war er damals einfach nur einer von den
großen, sehr großen Leuten, jemand, dem ich ohne Angst folgen konnte.
„Ich verstehe“, sagte er kopfschüttelnd, „du traust dich nicht, deinem Vater zu
gestehen, dass du etwas angestellt hast.“
Ich sah ihn an und wartete ungeduldig auf seine Antwort. Er nahm mich an der
Hand und drückte sie so fest, dass es fast weh tat.
„Ich nehme dich mit zu mir. Ich ziehe mich nur um, und dann gehen wir zusammen
zu deiner Schule.“
Ich folgte ihm erleichtert, fast freudig. Endlich hatte ich die Lösung für ein
Problem gefunden, das mein Leben in den letzten Tagen in einen wahren Albtraum
verwandelt hatte. Der Mann wohnte in einem niedrigen Haus zwei Blocks von der
Schule entfernt. Ich erinnere mich noch, dass drinnen eine große Unordnung
herrschte, was im Kontrast zu seiner Art sich zu kleiden stand. Bücher und
Kleidungsstücke lagen überall herum. Er bot mir ein Glas mit einem Getränk an,
das ich nicht kannte. Ich war durstig und nahm es an. Die Flüssigkeit war kühl
und süßlich. Ich trank das Glas vertrauensvoll aus und musste sofort gegen einen
leichten Schwindel ankämpfen. Was dann geschah, das fällt mir schwer zu
erzählen. Das ist eine Episode, die ich verdrängt habe, eine Verletzung, die
nach all der Zeit noch genauso heftig schmerzt, auch wenn ich jede Nacht darum
ringe, nicht diese schändliche Wunde zu spüren, diese Beschmutzung, die mich
noch heute dazu bringt, länger als notwendig unter der Dusche zu verweilen. Ich
höre in meinem Kopf immer noch die Schreie eines kleinen Kindes, das plötzlich
in einem Albtraum gefangen ist, dessen Körper von einem unerträglichen Schmerz
zerrissen, zermartert wird. Komisch! Ich erinnere mich an sämtliche Details des
Mordes an meinem Vater, während die Augenblicke in diesem Haus in Gesellschaft
dieses Mannes, der sich mir als mein Retter hingestellt hatte, verschwommen
sind. Damit diese furchtbare Szene mir vor Augen steht, muss ich Vorhänge zur
Seite ziehen, Wände einreißen und eine dunkle Allee erhellen. Danach schleifte
er mich halb bewusstlos zur Schule. Ich konnte kaum gehen. Er war wie ein Vater
gekommen, doch anstatt mich zu verteidigen, verlangte er vom Aufseher, mich
exemplarisch zu bestrafen, und zwar vor all meinen Kameraden. Ich rufe mir seine
befriedigten Blicke ins Gedächtnis zurück, seine fast heitere Miene, während die
Peitsche auf meine Hände niedersauste. Ich fühlte nichts außer einer
schrecklichen Demütigung. Ein anderes Leiden, dessen Ursache ich nicht recht
verstand, verzehrte mich von innen her. Nachdem die Strafe vollzogen war, ging
der Mann, und man schickte mich ins Klassenzimmer an meinen angestammten Platz.
Als ich am späten Nachmittag nach Hause kam, verstand meine Mutter, dass mir
etwas passiert war. Aber ich weigerte mich zu reden und schluchzte den ganzen
Abend lang. Glücklicherweise kam mein Vater an diesem Abend nicht nach Hause.
Was konnte ich meiner Mutter sagen? Wie konnte ich in meinem kindlichen
Verständnis mich ihr anvertrauen, wo doch Papas Gegenwart das ganze Haus in eine
Art dumpfe Betäubung zu stürzen und jedes Wesen, jedes Ding in substanzlose
Elemente zu verwandeln schien? Eine Woche lang hatte ich nachts heftige
Fieberanfälle, und selbst in meinem Fieberwahn war der Schrecken vor meinem
Vater so groß, dass ich nie irgendein Wort aussprach, das mein erschreckendes
Geheimnis hätte enthüllen können. Meine Mutter saß an meinem Bett, bis ihr
Ehemann ihr gebot, zu ihm ins Schlafzimmer zu kommen. Auf Empfehlung des Arztes
wurde ich für einige Tage vom Schulbesuch befreit. Ich sah indessen der Genesung
mit Bangen entgegen. Die Aussicht, wieder zur Schule gehen zu müssen, erfüllte
mich mit Schrecken. Ich müsste nicht nur das Mammut, den Aufseher und meine
Kameraden, vor denen ich so gedemütigt worden war, wiedersehen, ich müsste auch
an dem Park vorbei auf die Gefahr hin, wieder dem Mann ausgeliefert zu sein, der
dort jeden Morgen spazieren ging und naiven Schulkindern auflauerte.
Der Tag, vor dem ich mich so fürchtete, kam. Ich sehe mich noch im Laufschritt
die Strecke zurücklegen, die an dem Park entlangführte, aus Angst, dass eine
Hand sich von irgendwoher auf meine Schultern legen und eine Stimme wieder sagen
könnte: „Hast du ein Problem, mein Kleiner? Lüg nicht, ich seh‘s dir ja schon an
deinem verzweifelten Gesichtsausdruck an.“ Ich stieß das Schultor auf wie
jemand, der auf der Flucht vor Häschern, die ihn kaltmachen wollen, eine
rettende Grenze erreicht. Ich suchte vergebens nach Jean-François unter den in
Reihen dastehenden Schülern. Der Lehrer musste mir sagen, dass mein Freund von
der Schule entlassen worden war und dass mich die gleiche Strafe erwartete, wenn
ich mich weiterhin vor den Chorproben drückte.
Während der auf meine Rückkehr an die Schule folgenden Woche fand ich eines
Abends beim Essen, nachdem mein Vater wie üblich vorgebetet hatte und meine
Eltern schweigend ihre Suppe tranken, den Mut, die Worte fallen zu lassen: „Ich
will nicht mehr zum Chor.“ Meine Mutter warf mir einen fragenden Blick zu, mein
Vater dagegen stellte sich taub.
„Ich will nicht mehr zum Chor“, wiederholte ich.
Mein Vater schlug sich weiter mit abwesendem Gesichtsausdruck den Bauch voll und
war in Gedanken anscheinend meilenweit von uns entfernt. Es war meine Mutter,
die fragte: „Warum willst du nicht mehr zum Chor, Tony? Was verheimlichst du
uns?“ Diesmal reagierte mein Vater, indem er heftig mit der Faust auf den Tisch
hieb. Er wandte Mama ein von dämonischer Wut verzerrtes Gesicht zu. Seine Augen
waren blutunterlaufen. Es war das erste Mal, dass ich ihn so die Fassung
verlieren sah.
„So hast du nicht zu antworten, wenn ein Kind den Trotzkopf spielt!“, wetterte
er, „wie lange er zum Chor geht, entscheide ich. Das ist wichtig für mich, und
du weißt das genau!“
„Aber Paul! Das Kind hat doch etwas!“
„Er hat überhaupt nichts!", brüllte mein Vater.
Er zeigte mit seinem suppenbekleckerten Messer auf mich: „Iss deinen Teller leer
und geh ins Bett.“
Meine Mutter senkte den Kopf. Sie hörte auf zu essen. Ihre Hände verkrampften
sich am Rand des Tisches. Ich meinte zu sehen, wie ihr eine verstohlene Träne
die Wange entlanglief. Die Stille lastete schwer auf dem kleinen Raum; ich
erinnere mich noch, dass das Ticken der Uhr mir vorkam wie ein schwaches Feuer,
das bei starkem Wind mühsam gegen das Erlöschen ankämpft. Nur dem Geräusch der
Kiefer meines mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms kauenden Vaters schien
diese drückende Atmosphäre nichts auszumachen. Hat sich in diesem Augenblick
meine Furcht vor ihm in Hass verwandelt? Nicht in den Hass der Erwachsenen, der
eine Art zerstörerische, auf jemanden oder etwas gebündelte Leidenschaft ist,
sondern in jenen kindlichen Hass aus dem kalten und berechnenden Wunsch, dass
der andere verschwinden möge, aufhören möge in der Form zu existieren, in der
wir ihn kennen, so wie die gute Fee den Bösewicht bestraft, indem sie ihn in ein
hässliches Tier verwandelt. Ich aß meine Suppe auf und stellte mir dabei vor,
wie meinem Vater alles mögliche Unheil widerfuhr. Ich sah ihn beim Essen
ersticken, in sein Schlafzimmer hinaufgehen und dabei die Treppe herunterfallen,
in seinem Bad ertrinken oder beim Auswechseln einer Glühbirne an einem
Stromschlag sterben. Ich war umso böser auf meinen Vater, als ich in diesem
Moment hoffte, meine Mutter möge zu mir sprechen, sich meinetwegen Sorgen
machen, auch wenn ich wusste, dass mir immer der Mut fehlen würde, ihr alles zu
offenbaren. Ich stand vom Tisch auf und küsste Mama wie gewöhnlich auf die
Stirn. Ihre Hand streifte meine unauffällig, obwohl sie nicht zu mir aufsah. Als
meine Lippen Papas Stirn berührten, schloss ich vor Ekel die Augen. Ich ging in
mein Zimmer zurück und hatte Schwierigkeiten einzuschlafen. Ich lauerte auf das
leiseste Geräusch in der verrückten Hoffnung, dass Mama, dem Zorn meines Vaters
zum Trotz, zu mir kommen könnte, sei es auch nur für einige Minuten, dass sie
mich in die Arme nehmen und mir jene Worte zuraunen könnte, die für mich so
ermutigend waren. Doch es drangen nur die gewöhnlichen Geräusche eines im
Schlummer liegenden Hauses und ein wenig ersticktes Röcheln zu mir.
Lange Zeit später habe ich erfahren, warum mein Vater so großen Wert auf meine
Zugehörigkeit zum Chor legte. Wie im ganzen Land, so hatte auch in dieser
abgelegenen Provinz von Haiti der katholische Klerus einen beträchtlichen
Einfluss auf alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. Die Priester
führten einen erbitterten Kampf gegen das, was sie als Häresie betrachteten, das
heißt gegen den Protestantismus, den Voodoo und vor allem die Freimaurerei. Mein
Vater hatte in letzterer Bruderschaft eine bedeutende Stellung inne und durfte
deswegen zu den Gottesdiensten nicht erscheinen. Er verwand das sehr schwer. Ein
anderes Problem war, dass die Priester über Mittel und Wege verfügten, die
Entlassung jeder beliebigen Person aus dem öffentlichen Dienst zu erwirken -
welcher ohnehin schon ein Spielball der andauernden Regierungswechsel war, denn
damals, als das Rennen um den Präsidentensessel der Lieblingssport der Politiker
und Militärs war, verging kein halbes Jahr ohne Putschgerüchte. Meine Teilnahme
an einer so angesehenen Tätigkeit wie dem Chor war für meinen Vater ein Pfand,
das er der Kirche gab. All diese Erwägungen waren mir damals völlig fremd. Ich
war nur ein hilfloses Kind auf der Suche nach Sicherheit, die es nur fand, wenn
seine Mutter vor dem Einschlafen zu ihm kam.
Nach der Abendessenepisode, bei der mein Vater solchermaßen jede Möglichkeit,
mich zu verstehen, beiseite fegte, lebte ich mehrere Tage zwischen dumpfer
Betäubung und Schrecken. Dumpfer Betäubung während der langen Unterrichtsstunden
oder Chorproben, Schrecken, sobald ich zur Schule oder von der Schule nach Hause
musste, wobei ich gezwungen war, am Park entlangzugehen. Manchmal, vor allem
morgens, sah ich flüchtig, wie der Mann, immer elegant gekleidet, seinen
Spazierstock in der Hand, in den Alleen spazieren ging und sich anschickte,
einigen Bengeln zu drohen, die ihn vermutlich wegen der Süßigkeiten ansprachen,
die er zu verteilen pflegte. Ich versteckte mich dann, am ganzen Körper
zitternd, hinter einem Auto. Sobald ich sicher war, dass er nicht in meine
Richtung sah, nahm ich die Beine in die Hand. Ich hatte keinen Kameraden, dem
ich meine Ängste hätte anvertrauen können, denn seit meiner Demütigung vor der
Klasse – ich war schon immer sehr stolz veranlagt - richtete ich nur sehr selten
das Wort an jemanden. Der Lehrer regte eines Tages an, mich zu einem Psychologen
zu schicken. Er sagte, es sei nicht normal, dass ein Kind sich so verhalte. Er
schrieb eine Nachricht an meine Mutter, die ich nach Hause brachte. Am selben
Abend überraschte ich meine Eltern bei einem Streit. Ich war erstaunt. Es war
das erste Mal, dass meine Mutter die Stimme erhob, als ob sie ihren Willen dem
ihres Gatten entgegensetzen wollte. Ich verstand nicht besonders gut, was sie
sagten, aber ich war sicher, dass sie von mir sprachen. Ich legte das Ohr an die
Tür. Ich hörte Schläge, gefolgt von Schreien und Weinen. Mit klopfendem Herzen
und Tränen in den Augen lief ich schnell in mein Zimmer zurück. Ich wurde wieder
von einem starken Fieber befallen und lag die ganze Nacht zitternd wach.
Am nächsten Morgen, einem Sonntag, saß Papa beim Frühstück allein am Tisch. Ich
wagte nicht, ihn zu fragen, wo Mama war. Seltsamerweise vergaß er, das übliche
Gebet zu sprechen. Sobald er gegangen war, kam Mama aus ihrem Zimmer herunter.
Ich bemerkte, dass sie ein geschwollenes Auge hatte. Ihre linke Wange war
verbunden. Sie kam näher, drückte mich an sich und ermahnte mich dann, sehr brav
zu sein, da sie zu einer Verwandten müsse, die am anderen Ende der Stadt wohne.
Sie sagte mir, dass sie sehr spät am Abend zurückkommen würde.
Ich blieb den ganzen Tag über in meinem Zimmer, las und träumte davon, wie ich
mir magische Kräfte verschaffen könnte, um Papa verschwinden zu lassen oder ihn
in eine hässliche Kröte zu verwandeln. Er kam im Übrigen gegen Mitte des
Nachmittags nach Hause. Ich sah durchs Fenster, wie er sich seiner Gewohnheit
gemäß im Garten zur Siesta in seine Hängematte legte. Manche Leute denken jetzt
wohl, dass ich dann unter dem Einfluss einer unheilvollen Kraft handelte, eines
bösen lwa1, wie man bei uns sagt. Ich wartete, bis mein Vater tief schlief, dann
ging ich ins Erdgeschoss hinunter und öffnete die Tür zum Abstellraum. Dort
verwahrte mein Vater sein Werkzeug. Ich nahm einen Hammer, ein Werkzeug, das ein
Junge in meinem Alter nur schwer handhaben konnte. Das Haus war menschenleer, da
die Dienstboten sonntags Ausgang hatten. Ich ging zu der Hängematte und ließ den
Hammer mehrmals mit all der Kraft, die der Hass bei mir freisetzte, auf die
Stirn meines Vaters niedersausen. Ich hielt erst inne, als das Blut
herausspritzte. Ich warf das Werkzeug weg, flüchtete mich in mein Zimmer und
schlief sofort ein, als hätte ich die Energie, die mich bis zum Mord
wachgehalten hatte, restlos verbraucht.
Am nächsten Tag wurde ich nicht wie sonst frühmorgens von meiner Mutter geweckt,
damit ich zur Schule ging. Es war Anna, die Köchin, die kam, um mir mitzuteilen,
dass ich zu Hause bleiben würde, da meinem Vater etwas passiert sei. Ich
enthielt mich aller Fragen, aber ich erriet, dass im Haus eine ungewöhnliche
Unruhe herrschte. Als ich mein Zimmer verlassen wollte, hinderte Anna mich
daran. Ich sah Mama etwas später am Tag. Sie hatte in einigen Stunden
abgenommen. Ihren Schmerz mühsam beherrschend, erklärte sie mir, dass Papa von
einem Einbrecher getötet worden sei, nach dem die Polizei intensiv suche.
Diesmal war nicht sie es, die mich in die Arme schloss. Ich zog sie an mich, um
ihr Gesicht in meiner kleinen Brust zu vergraben und war stolz, dass sie es
geschehen ließ. Ich war es, der sie tröstete.
So, ich bin am Ende. Es war unerlässlich für mich, diese Geschichte zu erzählen,
mit deren Geheimnis ich mich Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag
verzehre. Ich müsste mich erleichtert fühlen, aber seltsamerweise ist das nicht
der Fall. Die Anonymität der Erzählung schützt mich in gewisser Weise. Ich
brauche jedoch den Blick des Lesers, nachdem er diese Seiten zu Ende gelesen
hat. Ich will sicher sein, dass ich verstanden wurde. Nur so kann ich diesen
Mord vergessen.
Eines Tages werde ich in einem Park spazieren gehen, was ich immer noch
vermeide. Ich werde vor der ersten Person, der ich begegne, die Beichte ablegen.
Dann werde ich sie töten. Und ich werde es in den Parks immer wieder tun. Bis
die Wunde sich schließt.
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