Das Regal
der letzten Atemzüge
(Leseprobe aus: Das Regal der
letzten Atemzüge, Roman, 2002, DVA)
1
Der Weizen muß in neun Wassern gewaschen werden, sagte Costel.
Warum?
Wegen den neun Himmeln.
Die Weizenkörner waren unruhig im Wasser, vielleicht wollten sie kein Totenkuchen werden.
Im zehnten Wasser wird der Weizen gekocht, sagte er.
Neun Himmel?
Ja, für jeden Himmel einmal waschen.
Ich verstand die Muttersprache mit dem Geruch.
In der Küche der Tante standen Schränke auf den Schränken. Durch das Fenster schaute der Himmel in den Topf.
Er wartete.
Die Toten haben Hunger, sagte Costel.
Der Stoffkalender mit den orthodoxen Feiertagen war seit Jahren abgelaufen, seit Onkel Petrus Tod. Die Feiertage waren ein Küchentuch geworden, sie warteten auf ihre Verwendung. Für mich hatte Costel keine Verwendung, ich stand neben ihm und vergaß über das Beobachten der Totenvorbereitungen das Weinen.
Ich vergaß oft das Weinen.
Nicht alles, was du vergißt, verschwindet, sagte Costel. Das Vergessen hebt die Dinge nur deutlicher hervor.
Die Möbel in der Küche der Tante schwiegen.
Der Tisch war die aufgeklappte Tür eines Sekretärs, darunter steckte ein Holzstab.
Im Regal Zahnstocher.
Kristallgläser.
Zuckerstreuer Ovomaltine.
Aschenbecher »Sao Paulo« oder »Madrid«.
Silberkannen »Zürich Plaza Hotel«.
Costel legte die geschälten Baumnüsse auf die orthodoxen Feiertage, faltete das Tuch zusammen und rollte eine Glasflasche darüber.
Die Nüsse platzten, sie stießen kleine Schreie aus.
Hier kann man die Nüsse gemahlen kaufen, ich weiß, sagte er. Gefüttertes Toilettenpapier, geschnittener Salat, vorgekochte Kartoffeln, Karotten in Form von Pinguinen. Bald wird man nicht einmal mehr selber essen müssen. Ich will meine Hände nicht daran gewöhnen,daß sie die Tüten nur zu öffnen brauchen, sonst werden sie zu Hause verrückt. Dein Onkel wartet schon jetzt darauf, daß ich seine Wohnung verlasse. Er hat Schränke und Türen abgeschlossen.
Gestern mußte ich vor ihm meinen Koffer wieder auspacken. Mach mir keine Geschenke, er glaubt, daß ich alles gestohlen habe.
Während Costels Mund sprach, erinnerten sich seine Hände an den Ablauf der Vorbereitungen. Sie hatten schon viele Totenkuchen gemacht. Zuletzt für Onkel Petru.
Beerdigung.
40 Tage.
3 Monate.
6 Monate.
1 Jahr.
Die Reisevorbereitungen der Toten dauern lange,
sagte Costel.
Vanille.
Rum.
Mandelextrakt.
Zucker.
Salz.
Geriebene Zitronenschalen.
Weinbeeren.
Neben dem Tisch standen zwei Hocker, darauf zwei blaue Plastikbecken, darin je ein Hügel. Aus gemahlenen Nüssen, aus gemahlenen Butterkeksen.
Weizenhügel.
Nußhügel.
Butterkekshügel.
Sie wurden vermischt und geknetet.
Costels Hände waren rauh,wie Brotrinden.Beim Kneten wurden sie geschmeidig, sie streichelten.
Der Totenkuchen würde auch Costels Bewegungen in sich tragen.
C’est la vie, sagte er.
Hätte Costel den ganzen Weizen aus dem Keller der Tante gekocht, ihr Totenkuchen wäre so groß wie die Wohnung geworden.
Der Totenkuchen wartete in einem der drei Kühlschränke auf die Beerdigung der Tante.
Bevor wir zum Friedhof fuhren, stürzte ihn Costel auf einen großen Teller.
Puderzucker.
Kreuz aus Nüssen.
Smarties-Dekoration.
1 Kerze.
Costels Totenkuchen waren heiter. Von einigen hatte er Fotos gemacht. Er trug sie bei sich wie Bilder von Verstorbenen.
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