Am Morgen des zwölften Tages von Vladimir Vertlib, 2009, DeutickeVladimir Vertlib

Am Morgen des zwölften Tages
(Leseprobe aus: Am Morgen des zwölften Tages, Roman, 2009, Deuticke).

Worte sind wie ein Vorhang, während Hände alles offenlegen.

Doch Adels Hände geben nichts preis. »Gnädige Frau, wären Sie

bereit, mit mir zu schlafen?«, fragt er. »Nur ein einziges Mal! Sie

würden mir damit einen mehr als dreißig Jahre alten Traum erfüllen.«

In der rechten Hand hält er die Zigarette, in der linken das Whiskyglas.

Der Mann wartet einige Augenblicke. Dann stellt er das Glas

ab, drückt die Zigarette aus, hebt die Aktentasche hoch, kramt,

holt eine alte Zeitschrift heraus, legt sie auf den Tisch. »Ich

möchte Ihnen etwas zeigen …«

»Sie müssen mich verwechseln.«

»Keineswegs, gnädige Frau.«

Dass er mich »gnädige Frau« nennt, finde ich rührend.

»Ich hoffe, ich sehe nicht so alt aus«, sage ich und lache.

»Vor dreißig Jahren war ich ein lästiges Gör. Sie hätten mich damals

sehen sollen. Mein Spitzname war Fleischklößchen. Die meisten

Mädchen in meiner Klasse redeten nicht mit mir. Schließlich

hatten sie einen Ruf zu verlieren.«

»Ich fürchte, Sie zweifeln an meinem guten Geschmack, gnädige

Frau«, erwidert der Mann und schlägt die Zeitschrift auf. An

der Faltstelle liegt ein vergilbtes Lesezeichen mit der Aufschrift

Wissen verändert Ihr Leben. Städtische Büchereien. Ein Werbebild

füllt beide Seiten – ein weißes Auto, das bei mir die Nostalgie

nach alten Filmklassikern weckt, ein verschwommener, abgedunkelter

Hintergrund, undefinierbar, weder Straße noch Feld,

und eine junge Frau, die auf der Kühlerhaube liegt. Sie hat den

linken Oberarm und den Ellbogen gegen die Windschutzscheibe

gelehnt, mit der linken Handfläche stützt sie den Kopf, die rechte

wirkt als Verlängerung der elegant geschwungenen Linie des Halses.

Ihr Haar ist rötlich, gewellt, die Augen grau, das moosgrüne

Kleid lässt Schultern und Knie frei. Im linken oberen Rand des

Bildes steht in dicken weißen Lettern: Audi 100 GL. Die Spitze

der Sport-Komfortklasse. Knüppelschaltung. 4 Halogen-Scheinwerfer.

Einzel-Liegesitze. Rückbank mit Mittelarmlehne. Die Spitze:

179 km/h. Vorsprung durch Technik für nur DM 10 990,–

»Niedlich«, sage ich. »Mein Großvater wäre davon begeistert

gewesen. Er war ein Audi-Fan. Als ich noch im Kindergarten und

in der Grundschule war, sind wir mit seinem Wagen …«

»Sehen Sie sich bitte das Gesicht der Frau an«, unterbricht er mich.

»Ich schätze, dieses Bild ist aus den Sechzigerjahren, nicht wahr?«

»1973 … Sie werden zugeben, dass diese Frau Ihnen zum Verwechseln ähnlich sieht.«

»Wie bitte?«

Der Mann streicht sanft mit dem Zeigefinger der rechten

Hand über das Hochglanzpapier, sein Nagel kratzt am Haaransatz

der Frau, macht einen Bogen an ihrer Wange entlang hinunter

zum Kinn. Er sieht mich an, lächelt, streckt die Hand aus,

berührt meine Wange. Seine Finger gleiten an der Oberlippe entlang

zum Kinn und danach hinunter zum Hals.

Manchmal stelle ich mir vor, die Männer bestünden nur aus

ihren Händen. In meiner Phantasie haben Männer keine Körper,

kein Gewicht, vor allem aber keine Stimmen. Hände sind sie und

sonst nichts als ein Hauch von Aftershave. Für mich spielt es

keine Rolle, ob die Hände schön oder hässlich sind. Schöne

Hände können so aufregend sein wie ein Paar Wollhandschuhe.

Die Form oder die Länge der Finger sagt nichts über ihre Qualität

aus, und manchmal gibt es nichts Sinnlicheres als die beiläufige

Bewegung einer hässlichen Hand. Adels nach Lavendelöl

riechende Handcreme vermischt sich mit dem Geruch von Seife,

Tabak und Schweiß und weckt Erinnerungen an meine Kindheit,

an das Haus meines Großvaters, das im Unterschied zur

Wohnung meiner Mutter immer reich an angenehmen Düften war.

»Als ich dieses Bild das erste Mal gesehen habe, war ich zweiundzwanzig,

verheiratet und gerade Vater geworden. Es war früh

am Morgen. Das Kind hat geschrien. Schließlich habe ich meine

Frau wieder ins Bett geschickt, meinen Sohn in den Kinderwagen

gelegt und bin damit im Wohnzimmer auf und ab gefahren.

Um sechs war er endlich still. Ich aber musste schon um

Viertel nach sieben aus dem Haus und wusste, dass ich nicht

mehr einschlafen können würde.

Ich legte mich auf die Couch und blätterte in dieser Zeitschrift.

Dann sah ich sie: Laura.«

»Laura?«

»So habe ich sie genannt. Ich habe sogar Notizen über sie gemacht,

in denen ich ihr Leben festgehalten habe.«

»Eine Italienerin?«

»Aus Ferrara. Sie ist Modedesignerin. Mehr als dreißig Jahre

lang hat sie mich begleitet. In den schlimmen Momenten meines

Lebens tröstete sie mich, und die schönen machte sie noch schöner.

Ich schlug diese Seite auf, so wie sie jetzt vor Ihnen liegt, sah

sie an und empfand diese wunderbare Mischung aus Sehnsucht

und Glück, die einen davondriften und alles vergessen lässt.«

»Modedesignerin. Sie hätten schon ein bisschen origineller

sein können. Astronautin, Managerin oder zumindest eine Edelnutte.

Ihr Blick hat einen vulgären Glanz, aber vielleicht liegt

das ja am Hochglanzpapier. Ihr Haar ist aber tatsächlich schön.

Übrigens hatte meine Großmutter sehr schöne rote Haare, und

das bis ins hohe Alter.«

»Bitte schlafen Sie mit mir! Ich werde mir Mühe geben, dass

Sie es nicht bereuen«, sagt er. Diesmal schweben seine Hände

über dem Tisch. Sie bilden einen Halbkreis, so als würden sie

einen unsichtbaren Ball halten.

Ich öffne meine Handtasche und hole das Brillenetui heraus.

»Die Ähnlichkeit ist offensichtlich«, sagt der Mann. »Ich hätte

nie gewagt, Sie anzusprechen, wenn dem nicht so wäre.«

Auch mit Brille kann ich kaum Gemeinsamkeiten zwischen

mir und der Frau auf dem Bild feststellen. Sieht der Mann nur

mein mit Henna gefärbtes Haar, das in Wirklichkeit braun und

an manchen Stellen schon weiß ist? Sieht er nur meine grüngrauen

Augen? Oder ist alles nur eine Masche, die er schon viele

Male bei Frauen mit der passenden Haar- und Augenfarbe angewendet

hat? Doch die Frage ist nicht, ob ich ihm glaube, sondern

ob ich auf das Spiel einsteigen möchte. In meiner Jugend hätte

ich gerne so ausgesehen wie diese Frau, enganliegende Kleider

getragen und mich lasziv auf der Kühlerhaube eines Wagens in

Pose geworfen, um bewundert und für eine Zeitschrift photographiert

zu werden. Stattdessen stellte ich mich jeden Morgen

auf die Waage, trug mein Gewicht in eine Liste ein, die ich mit

Tesa an die Badezimmerwand rechts neben dem Spiegel geheftet

hatte, erkannte, dass ich immer noch zehn Kilo über dem angestrebten

Idealgewicht lag, und zog seufzend meine graue »Elefantenhose«

und eine der langärmligen Blusen an, die ich in großer

Menge in den Farben dunkelbraun und dunkelblau eingekauft

hatte.

Ich klappe die Broschüre zu. Auf der Rückseite ist eine Flasche

»Henkell trocken« abgebildet, zwei halb gefüllte Gläser, ein großer

Kübel mit Eis. Der Hintergrund ist schwarz. Ich schiebe das

Heft von mir weg und schaue wieder meinen Gesprächspartner

an.

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