Am Morgen des zwölften Tages
Worte sind wie ein Vorhang, während Hände alles offenlegen.
Doch Adels Hände geben nichts preis. »Gnädige Frau, wären Sie
bereit, mit mir zu schlafen?«, fragt er. »Nur ein einziges Mal! Sie
würden mir damit einen mehr als dreißig Jahre alten Traum erfüllen.«
In der rechten Hand hält er die Zigarette, in der linken das Whiskyglas.
Der Mann wartet einige Augenblicke. Dann stellt er das Glas
ab, drückt die Zigarette aus, hebt die Aktentasche hoch, kramt,
holt eine alte Zeitschrift heraus, legt sie auf den Tisch. »Ich
möchte Ihnen etwas zeigen …«
»Sie müssen mich verwechseln.«
»Keineswegs, gnädige Frau.«
Dass er mich »gnädige Frau« nennt, finde ich rührend.
»Ich hoffe, ich sehe nicht so alt aus«, sage ich und lache.
»Vor dreißig Jahren war ich ein lästiges Gör. Sie hätten mich damals
sehen sollen. Mein Spitzname war Fleischklößchen. Die meisten
Mädchen in meiner Klasse redeten nicht mit mir. Schließlich
hatten sie einen Ruf zu verlieren.«
»Ich fürchte, Sie zweifeln an meinem guten Geschmack, gnädige
Frau«, erwidert der Mann und schlägt die Zeitschrift auf. An
der Faltstelle liegt ein vergilbtes Lesezeichen mit der Aufschrift
Wissen verändert Ihr Leben. Städtische Büchereien. Ein Werbebild
füllt beide Seiten – ein weißes Auto, das bei mir die Nostalgie
nach alten Filmklassikern weckt, ein verschwommener, abgedunkelter
Hintergrund, undefinierbar, weder Straße noch Feld,
und eine junge Frau, die auf der Kühlerhaube liegt. Sie hat den
linken Oberarm und den Ellbogen gegen die Windschutzscheibe
gelehnt, mit der linken Handfläche stützt sie den Kopf, die rechte
wirkt als Verlängerung der elegant geschwungenen Linie des Halses.
Ihr Haar ist rötlich, gewellt, die Augen grau, das moosgrüne
Kleid lässt Schultern und Knie frei. Im linken oberen Rand des
Bildes steht in dicken weißen Lettern:
Audi 100 GL. Die Spitzeder Sport-Komfortklasse. Knüppelschaltung. 4 Halogen-Scheinwerfer.
Einzel-Liegesitze. Rückbank mit Mittelarmlehne. Die Spitze:
179 km/h. Vorsprung durch Technik für nur DM 10 990,–
»Niedlich«, sage ich. »Mein Großvater wäre davon begeistert
gewesen. Er war ein Audi-Fan. Als ich noch im Kindergarten und
in der Grundschule war, sind wir mit seinem Wagen …«
»Sehen Sie sich bitte das Gesicht der Frau an«, unterbricht er mich.
»Ich schätze, dieses Bild ist aus den Sechzigerjahren, nicht wahr?«
»1973 … Sie werden zugeben, dass diese Frau Ihnen zum Verwechseln ähnlich sieht.«
»Wie bitte?«
Der Mann streicht sanft mit dem Zeigefinger der rechten
Hand über das Hochglanzpapier, sein Nagel kratzt am Haaransatz
der Frau, macht einen Bogen an ihrer Wange entlang hinunter
zum Kinn. Er sieht mich an, lächelt, streckt die Hand aus,
berührt meine Wange. Seine Finger gleiten an der Oberlippe entlang
zum Kinn und danach hinunter zum Hals.
Manchmal stelle ich mir vor, die Männer bestünden nur aus
ihren Händen. In meiner Phantasie haben Männer keine Körper,
kein Gewicht, vor allem aber keine Stimmen. Hände sind sie und
sonst nichts als ein Hauch von Aftershave. Für mich spielt es
keine Rolle, ob die Hände schön oder hässlich sind. Schöne
Hände können so aufregend sein wie ein Paar Wollhandschuhe.
Die Form oder die Länge der Finger sagt nichts über ihre Qualität
aus, und manchmal gibt es nichts Sinnlicheres als die beiläufige
Bewegung einer hässlichen Hand. Adels nach Lavendelöl
riechende Handcreme vermischt sich mit dem Geruch von Seife,
Tabak und Schweiß und weckt Erinnerungen an meine Kindheit,
an das Haus meines Großvaters, das im Unterschied zur
Wohnung meiner Mutter immer reich an angenehmen Düften war.
»Als ich dieses Bild das erste Mal gesehen habe, war ich zweiundzwanzig,
verheiratet und gerade Vater geworden. Es war früh
am Morgen. Das Kind hat geschrien. Schließlich habe ich meine
Frau wieder ins Bett geschickt, meinen Sohn in den Kinderwagen
gelegt und bin damit im Wohnzimmer auf und ab gefahren.
Um sechs war er endlich still. Ich aber musste schon um
Viertel nach sieben aus dem Haus und wusste, dass ich nicht
mehr einschlafen können würde.
Ich legte mich auf die Couch und blätterte in dieser Zeitschrift.
Dann sah ich sie: Laura.«
»Laura?«
»So habe ich sie genannt. Ich habe sogar Notizen über sie gemacht,
in denen ich ihr Leben festgehalten habe.«
»Eine Italienerin?«
»Aus Ferrara. Sie ist Modedesignerin. Mehr als dreißig Jahre
lang hat sie mich begleitet. In den schlimmen Momenten meines
Lebens tröstete sie mich, und die schönen machte sie noch schöner.
Ich schlug diese Seite auf, so wie sie jetzt vor Ihnen liegt, sah
sie an und empfand diese wunderbare Mischung aus Sehnsucht
und Glück, die einen davondriften und alles vergessen lässt.«
»Modedesignerin. Sie hätten schon ein bisschen origineller
sein können. Astronautin, Managerin oder zumindest eine Edelnutte.
Ihr Blick hat einen vulgären Glanz, aber vielleicht liegt
das ja am Hochglanzpapier. Ihr Haar ist aber tatsächlich schön.
Übrigens hatte meine Großmutter sehr schöne rote Haare, und
das bis ins hohe Alter.«
»Bitte schlafen Sie mit mir! Ich werde mir Mühe geben, dass
Sie es nicht bereuen«, sagt er. Diesmal schweben seine Hände
über dem Tisch. Sie bilden einen Halbkreis, so als würden sie
einen unsichtbaren Ball halten.
Ich öffne meine Handtasche und hole das Brillenetui heraus.
»Die Ähnlichkeit ist offensichtlich«, sagt der Mann. »Ich hätte
nie gewagt, Sie anzusprechen, wenn dem nicht so wäre.«
Auch mit Brille kann ich kaum Gemeinsamkeiten zwischen
mir und der Frau auf dem Bild feststellen. Sieht der Mann nur
mein mit Henna gefärbtes Haar, das in Wirklichkeit braun und
an manchen Stellen schon weiß ist? Sieht er nur meine grüngrauen
Augen? Oder ist alles nur eine Masche, die er schon viele
Male bei Frauen mit der passenden Haar- und Augenfarbe angewendet
hat? Doch die Frage ist nicht, ob ich ihm glaube, sondern
ob ich auf das Spiel einsteigen möchte. In meiner Jugend hätte
ich gerne so ausgesehen wie diese Frau, enganliegende Kleider
getragen und mich lasziv auf der Kühlerhaube eines Wagens in
Pose geworfen, um bewundert und für eine Zeitschrift photographiert
zu werden. Stattdessen stellte ich mich jeden Morgen
auf die Waage, trug mein Gewicht in eine Liste ein, die ich mit
Tesa an die Badezimmerwand rechts neben dem Spiegel geheftet
hatte, erkannte, dass ich immer noch zehn Kilo über dem angestrebten
Idealgewicht lag, und zog seufzend meine graue »Elefantenhose«
und eine der langärmligen Blusen an, die ich in großer
Menge in den Farben dunkelbraun und dunkelblau eingekauft
hatte.
Ich klappe die Broschüre zu. Auf der Rückseite ist eine Flasche
»Henkell trocken« abgebildet, zwei halb gefüllte Gläser, ein großer
Kübel mit Eis. Der Hintergrund ist schwarz. Ich schiebe das
Heft von mir weg und schaue wieder meinen Gesprächspartner
an.
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