Das besondere
Gedächtnis der Rosa Masur
(Leseprobe aus:
Das besondere Gedächtnis
der Rosa Masur, Roman, 2001, Deuticke).
In der Küche einer
Kommunalwohnung in Leningrad, das seit kurzem wieder Sankt Petersburg hieß, aber von
allen weiterhin Leningrad genannt wurde, erzählte die Hure Svetlana ihren Nachbarn vom
fernen und märchenhaft schönen Aix-en-Provence. Von breiten Alleen und alten Platanen
erzählte sie, von warmen Nächten im Freien, von einander umarmenden Pärchen im Schatten
von Barockfassaden, von überfüllten Bars und Kaffeehäusern, von Lebensfreude und
Müßiggang, von Obst im Überfluß, von Speisen mit unaussprechlich schönen Namen. In
ihren Geschichten ließ Svetlana die Gestalt des letzten Grafen der Provence, René des
Guten, wiedererstehen. Mit ihm zog sie durch die Gassen, an Bürgerhäusern und
prachtvollen Adelspalästen vorbei ...
Während die Nachbarn mit Kochtöpfen hantierten, waren sie wortkarg. Ihre Blicke blieben
an den fülligen Brüsten Svetlanas hängen. Was ging es die anderen an, wenn sie ihre
Nachmittage in der stickigen Küche verbrachte? War es nicht schlimm genug, daß sie ihren
Hintern, in schwarzes Leder gezwängt, am Abend vor dem Haustor zu Markte trug? Nur
Kostik, der alte Ingenieur, blieb längere Zeit am Stuhl neben dem Kühlschrank sitzen.
Sein Blick wanderte von Svetlanas Busen zu ihren Lippen.
Früher war Svetlana Lehrerin für Geschichte und Französisch an einer Kadettenschule
für angehende Marineoffiziere gewesen, bevor die allgemeine Not sie einer lukrativeren
Beschäftigung zuführte. Ihre ehemaligen Schüler verdingten sich als Bodyguards,
Chauffeure oder Matrosen skandinavischer Fischereiflotten. Die Reste der sowjetischen
Marine verrosteten in den Militärhäfen von Murmansk, Sewastopol oder des ehemaligen
Königsberg, das immer noch Kaliningrad hieß.
»Bald, werter Konstantin Naumowitsch«, sprach Svetlana, »werden Sie in der
beneidenswerten Lage sein, Aix-en-Provence, Arles, Avignon und Orange mit eigenen Augen
sehen zu können, Orte, von denen ich bis an mein Lebensende nur träumen werde.«
»Die Zukunft, liebe Svetlana Osipowna, ist so unberechenbar wie ein Gewitterregen im
Sommer«, sagte der Ingenieur in einem Tonfall, der den Verdacht nahelegte, bei dem
Gespräch handle es sich eher um ein Ritual als um einen Dialog.
»Doch manche Tatsachen sind leider allzu offensichtlich, Konstantin Naumowitsch«,
erklärte Sveta. »Träume bleiben Träume, deshalb heißen sie so. Die Franzosen haben
Frankreich zugegebenermaßen nicht verdient. Was wissen sie denn schon vom richtigen
Leben, die Franzosen? Aber sie sind Franzosen. Und was sind wir? Quod licet iovi non licet
bovi.«
»Ich bin nicht so gebildet wie Sie, liebe Svetlana Osipowna, ich kann weder Latein noch
Französisch, aber ich verstehe, was Sie meinen.« Für die anderen, die Nachbarn, die
Bewohner des Bezirks und die Arbeiter der nahen Glühbirnenfabrik, blieb Svetlana eine
Nutte mit Diplom. Für viele machte gerade dieser Umstand ihren besonderen Reiz aus. Man
zeigte der gebildeten Dame, wer der Herr war. Und wenn sie von der französischen Stadt
schwärmte, deren Namen nur sie korrekt auszusprechen verstand, umso besser.
Kostik empfand die Erzählungen von Aix-en-Provence nicht als erotisches Stimulans. Er war
der einzige im Haus, der die Hure mit ihrem vollen Namen und Vaternamen titulierte und
nicht einfach Svetka, die Nutte oder - noch schlimmer - Matratzensveta zu ihr sagte, und
Svetlana war die einzige, die den Ingenieur nicht einfach Kostik nannte oder gar mit
seinem Spitznamen Steh auf Kostik ansprach. Jeden Morgen um sieben ertönte die
wändedurchdringende Stimme von Kostiks Mutter: »Steh auf, Kostik, es ist Zeit!« Und
Kostik murmelte etwas und bedeckte das Gesicht mit dem rechten Unterarm, wie er es schon
als kleines Kind getan hatte, als ihn die Mutter weckte, weil er zur Schule mußte, und
später als Student, damit er nicht zu spät zur Vorlesung kam, und dann während der
ganzen vierzig Jahre seines Berufslebens, damit er rechtzeitig in der Arbeit war. Nun
ertönte der besorgte Ruf der Mutter nur mehr jeden Mittwoch und jeden zweiten Donnerstag
im Monat und am Monatsletzten. Auch nach der Pensionierung war Kostik in seiner Firma
weiterbeschäftigt. Die niedrige Pension hätte kaum zum Überleben gereicht.
Steh auf Kostik, in langer Unterhose und hellgrauem Baumwolleibchen, schlurfte durch den
Wohnungskorridor zur Toilette, klopfte schüchtern gegen die Türe - wenn Kostik aufs Klo
wollte, war es wie durch ein eisernes Gesetz des Zufalls immer besetzt - und fragte
besorgt: »Wird es noch lange dauern? Ich müßte nämlich dringend ...« Und es ertönte
die immergleiche Antwort: »Nicht einmal in Ruhe scheißen kann man hier! Zustände sind
das.« Kostik wartete geduldig, mit geschlossenen Augen, die Schulter gegen die Tür
gelehnt, so als würde er nach der Fortsetzung seiner Träume suchen.
Svetlana wußte, daß Kostiks Mutter sie nicht mochte. Vor vielen Jahren hatte Svetas
eigene Mutter das kleine Mädchen auf den Schoß genommen und ihr erklärt, wer ihre
Nachbarn waren. Drei Monate lang hatte die kleine Sveta weder den Ingenieur mit der
gebogenen Nase noch seine Familienangehörigen gegrüßt. Es sei schon eine Zumutung, mit
wem man zusammenwohnen müsse, hatte Svetas Mutter gemeint - Losaberidse, Abdulojedow,
Masur, Schwarz, Abramowitsch und Rosenbaum. Sie selbst stammte aus der Stadt Samara an der
Wolga, später Kujbyschew (seit einiger Zeit wieder Samara, aber die Rückbenennung hatte
Svetas Mutter nicht mehr erlebt).
Oft kam Kostiks Mutter unter irgendeinem Vorwand in die Küche und setzte sich neben ihren
Sohn. Sobald sie den Raum betrat, wechselte Kostik das Thema. Vor einem Jahr war sein Sohn
Sascha als sogenannter Kontingentflüchtling nach Deutschland übersiedelt und lebte nun
in einer mitteldeutschen Stadt, wo er in einem Konzern als Graphiker arbeitete. Es war
geplant, daß Eltern und Großmutter nachkommen.
»Es ist schon ein großes Glück, liebe Svetlana Osipowna, daß die Deutschen ein so
schlechtes Gewissen haben, nachdem sie uns wie die Schweine hingeschlachtet haben. Deshalb
dürfen jetzt einige von uns nach Deutschland übersiedeln. So haben die Deutschen wieder
ihre Juden und wir ein schöneres Leben.«
Kostik grinste beinahe vergnügt, und Svetlana erinnerte sich, wie oft ihre Mutter
erklärt hatte, daß es sich die Juden im Leben immer zu richten verstehen. »Wirfst du
sie durch die Tür hinaus, kommen sie durch das Fenster wieder rein«, hatte sie gesagt.
»So einfach ist die Sache nicht«, meinte währenddessen Kostik. »Für meinen Sohn ist
alles leichter. Er ist jung. Mit vierunddreißig liegt einem die Welt zu Füßen. Man lebt
sich ein, lernt die Sprache, heiratet, hat Kinder. Aber wir alten Leute, wir waren immer
in diesem Land, in dieser Stadt und fast das ganze Leben in dieser Wohnung. Was sollen wir
in Deutschland? Andererseits spricht natürlich viel für die Übersiedlung. Schauen wir
uns das Problem im Detail an ...« »Kostik«, sagte seine Mutter leise, »wo, glaubst du,
ist die Grenze meiner Geduld?« Aber Kostik war unerbittlich und hörte nicht auf,
Gewichte auf eine Waage zu legen, die er vor seinem geistigen Auge aufgebaut hatte. Auf
einer Waagschale lagen die Argumente für die Ausreise, auf der anderen die für den
Verbleib in Rußland. Unentwegt schaukelten die Schalen hin und her.
»Sie, liebe Svetlana Osipowna, werden sich bald eine eigene Meinung gebildet haben«,
meinte Kostik. Während er sprach, wurde er euphorisch. Die unsichtbare Waage schwankte
wie eine Kinderschaukel vor seinen Augen und dem seiner Zuhörerinnen. Es schien, als
werfe sie einen langen Schatten auf die Küchenwand, als werde dieser größer und
größer, als fülle er bald den Raum aus, als verdunkle er ihre Gesichter und in Folge
ihre Gedanken.
»Alle, buchstäblich alle Juden, verlassen das Land. Selbst die alte Rahil Mendelewna,
die mit dem ewig verdorbenen Magen, ist zu ihrer Tochter nach Israel gefahren. Es ist nur
natürlich, daß wir in der Nähe unseres Sohnes sein wollen. Obwohl der einäugige
Wladik, der aus dem Nachbarhaus, immer erklärt, daß man den Kindern nicht zur Last
fallen soll.«
Er wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. »Unsere Pension reicht kaum
zum Überleben. Meine Frau und ich müssen weiterarbeiten, obwohl wir beide über sechzig
sind. Aber meine Freundin Dora, die jetzt in Münster wohnt, hat mir geschrieben, daß
auch die deutsche Sozialhilfe knapp bemessen ist.«
Er forschte in den ernsten Gesichtern der beiden Frauen.
»Die Sicherheit ist ein wichtiges Argument, vielleicht das entscheidende!« Er hob den
Zeigefinger. »Ich brauche euch ja nicht zu erzählen, was sich auf unseren Straßen
abspielt. Schurotschka, das Mädchen aus der Wohnung Nummer zwölf, ist vor ein paar Tagen
am Abend von zwei Männern in eine Telephonzelle hineingestoßen, vergewaltigt und
ausgeraubt worden ... Jeden Tag hört man solche Geschichten.« »Was macht sie auch um
diese Zeit allein auf der Straße«, brummte Kostiks Mutter. »Was hat das außerdem mit
uns zu tun? Bei uns gibt es nichts zu rauben. Und wer mich vergewaltigt, muß blind
sein.«
»Wir steuern auf eine Apokalypse zu«, sprach Kostik weiter, ohne auf den Zwischenruf
seiner Mutter einzugehen. »Die Schießereien der Mafiosi waren der Anfang, dann sah man
die Pensionisten auf den Müllhalden, dann kam der Tschetschenienkrieg, die Rubelkrise und
jetzt droht ein Bürgerkrieg. Wenn's einmal in Rußland losgeht, bleibt kein Stein auf dem
anderen. Wir sind hier nicht in Frankreich, liebe Svetlana Osipowna, bei uns geht es nicht
so gesittet zu. Wir konstruieren keine schönen, sauberen Guillotinen für ausgewählte
Feinde. Uns reißt man das Herz mit den Zähnen aus dem Leib und trampelt darauf herum.«
»Reg dich nicht so auf, Kostik«, bat seine Mutter. »Du bist schon ganz rot im Gesicht.
Heute abend werden wir wieder einmal Blutdruck messen.« Kostik warf ihr einen strengen
Blick zu und sinnierte weiter. »Andererseits ist es in Deutschland auch nicht so rosig.
Man berichtet von brennenden Asylantenheimen und Übergriffen gegen Fremde. Im Innersten
ihres Herzens bleiben sie wohl doch die alten Deutschen, schreibt Dora aus Münster.«
»Warum fahren Sie dann nicht nach Israel? Sie sind doch Jude«, fragte Svetlana.
»Man darf die Terroranschläge nicht vergessen«, schrie Kostik, »die politischen
Turbulenzen, das heiße Klima - eine Mischung aus Dampfbad und Backofen und manchmal
beides zugleich. Diese Geschichten häufen sich, die Briefe aus Israel stapeln sich. Jeder
Brief ein einziges Rufzeichen, jede Zeile ein einziges Fragezeichen ...«
Svetlana schwieg. Nur ihre Augenbrauen strebten aufeinander zu, berührten sich fast.
Über dem Nasenrücken bildeten sich zwei Furchen, die sich an der Stirn in mehrere
Fältchen verzweigten. Kostiks Waage empfand sie als Beleidigung. Auch die Arbeiter in der
Fabrik, von denen viele ihre Freier waren, erklärten oft, die Juden seien ein
privilegiertes Volk. In Geschicklichkeit stand ihnen niemand nach wie in der Fähigkeit zu
leiden. Was hätte sie für eine Nacht am Kurfürstendamm gegeben! Am nächsten Tag schon
hätte sie genug Geld und säße im Zug nach Südfrankreich. Statt dessen stand sie jeden
Abend an derselben Stelle, wo schon ihre Mutter im matten Licht der Straßenbeleuchtung
auf und ab gegangen war. Damals waren die Menschen noch riesengroß und die Dächer der
umliegenden Häuser kratzten am Himmel. Die Onkel, die Mutter zu sich mit aufs Zimmer
nahm, hatten es eilig, dem Kind Bonbons zu schenken. Ihre Blicke waren auf eine seltsame
Weise gehetzt. Steh auf Kostik, dessen Haare zu jener Zeit noch dunkelbraun waren und den
ganzen Kopf bedeckten, versorgte Sveta in der Küche mit Tee, während das Bett in Mutters
Zimmer ächzte.
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