Ludwig Verbeek

Die Rolle der Lyrik in der digitalen Gesellschaft

I

   Was hätte vor langer Zeit der betagte Handwerker seinem talentierten Gesellen mit auf den Weg zum Eingang in die Gilde der Dichter gegeben, nachdem er ihn dank seinem Meisterstück mit allen Riten der der Kunst losgesprochen hatte? - Wir wissen es nicht. Bei allem Handwerk trefflicher Verseschmiede – eine Gilde der Dichter und Dichterinnen (welch letztgenannte stets mitgemeint sind, wenn von Dichtern die Rede ist) hat es – außer ein paar sprach-fruchtbringenden Gesellschaften – nie gegeben. - Was aber hätte in einem Manual für angehende Lyriker stehen können, wäre es zur Hand gewesen?

   Wenn einer dichtet, verfüge er über alles, was seine Muttersprache hergibt. Er begutachte die Währung der Wörter und lasse falsche Münzen links liegen, bedenkend, daß es Eintagswörter gibt, die blendend verführen; aber auch solch seltene, die von alters her gebräuchlich, immer noch sinntragend sind. Und auf die Goldwaage gehöre ein jedes Wort, ganz gleich welcher Art und wie gewichtig es sei.

   Er sollte schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Gewiß, aber ein Singvogel müßte er schon sein. Er besinne sich auf seine Einzigartigkeit und schöpfe aus seinem wirksam wachsenden Wortschatz, der sich nach Maßgabe seines Sprachvermögens in unverwechselbaren Werken ausdrücken möge. Er betritt nun seine Bauhütte, in der das Werkzeug verwahrt ist: das Lot, die Richtschnur, Zirkel und Hammer und das überlieferte Maß an Geheimnis.

   Der Sprache, die an sich schon schön strukturiert und auf das feinste gegliedert ist, gewinne er neue Facetten ab, wissend wie die Wörter gebildet sind, daß auch Präfixe und Suffixe einst eine
eigene Bedeutung hatten, die heute noch mitschwingt. Den Strom der Wörter, die Sätze wie sie fließen, gieße er nicht in eine vorgefundene Form, sondern er lasse das Sich-Ergießende seine Gestalt selber schaffen, so werde der Erguß unter des Meisters Auge und Hand gerinnend, erkaltend, zum hieb- und stichfesten Gedicht, dem Schlußstein in der Kathedrale der Gattungen.

   Im freien Vers pulsiert das Blut des Dichters, sein Atem setzt gliedernd Rhythmus und Takt. Wenige Atemzüge vielleicht nur mißt sein Gedicht; selten zählt es mehr als 17 kurze Verse, manchmal nach dem Goldenen Schnitt aufgeteilt in zwei Strophen; manchmal schließt es mit einem überraschenden Verspaar und Reimen wie Paukenschlag.

   Im Geiste laut lese der losgesprochene Meister sich vor, was er gerade formuliert, denn nicht nur für das Auge sei der Bau gefällig sondern auch angenehm für das Ohr: das Gedicht – es soll klingen.Rhythmus und Klang waren der Beginn überlieferbarer menschlicher Äußerungen, Kundgabe, Wissensgedächtnis in Schönheit von Anfang an.

   Auch ohne begleitende Lyra wird im Gedicht wie ich es meine die Sprache zur Musik. Solche Gebilde von Sinn und Sang nennt man Lyrik. Ihr Rhythmus und Klang prägt sich ein. So möchte man ein gutes Gedicht auswendig lernen – by heart, par coeur.

   Überkommene Formen möge der Poet aber nicht grundsätzlich verschmähen; vielleicht sind sie für seine Verkörperung in Versen ja wie ein kostbares Kleid gewirkt, in welches das Auszudrük-kende, Sich-Präsentierende ohne Stauchung paßt und keine Falten wirft. Traditionelle Formen – von wann und woher sie auch kommen mögen – sind durch Metrum, Reim, Vers- oder Silbenmaß immerhin ein Klangkörperangebot. Ein schillerndes Beispiel sei das Sonett: Selten gelingt es ohne Anstrengung, und oft ist Flickarbeit für seine Textur vonnöten, und es gestaltet sich zum theatralischen Kostüm mit Auswattierung, Haken und Ösen und Farbzwang im Reim. - Haikus und Einsilbler (letztere bekannt als Bleigedichte) sind genießbarer, oft geistreicher Niederschlag im lyrischen Herbst. Was eine vorgegebene Form anrichten kann, beweisen die Limericks: Ihr Rhythmus macht süchtig, die Reimsuche gerät zum raffinierten Kalkül oder Glücksspiel.

   Die Wörter kennen kraft ihrer Dimension keine Begrenzung in Raum und Zeit, auch wenn ihre Bedeutung sich wandeln mag. Getragen wird der Sinn eines lyrischen Textes selten von Begriffen, fast immer von Metaphern, welche die angereicherte Kraft des Symbols annehmen können. -

Vom Kohlenstoff (Element C), zum Ruß, zum Graphit, zum Bleistift; vom Rohdiamanten zum geschliffenen, die Welt in ihrem Licht prismatisch brechenden Brillanten – eine Kette von Assoziationen, wobei ein wenig Alchemie dem Sprachzauberer nicht schadet.

   Ein Gedicht beansprucht meistens sehr viel Zeit, um wie ein Kristall langsam seiner Struktur  gemäß wachsend, Licht in Farben zu brechen. Zeitlupe oder Raffer der Kunst: Stück und Kristall oder Ranken, kletternd und sprießend. Das Glück einer Stunde Waldlauf – ein Geschenk: ein vollendetes Gedicht; leider sehr selten. - Fremd ist das alles der Digitalen Revolution. Da blinkt es ganz woanders.

   Dichtung ist das Kontinuum des Sinns abseits der Kontingenz. Dichtertum ist nicht die nette Mitte im Bodensatz der Gesellschaft, aus dem der Mainstream wirbelnd um sich selber kreist. Dichtung ist das Sakrale im säkularen Getriebe, ohne Religionsersatz sein zu wollen. So sind die Dichter gewissermaßen die Sachwalter und Priester der Sprache.

II

   Wenn der rheinische Wörterverantwortliche L – der Buchstabe ist vielleicht die Abbreviatur für Luchs, Ludwig oder Lynkeus, falls sich nicht verfremdend, also berufsgemäß dahinter Jonas, Marsyas, Orpheus oder ein anonymer Poeta vates verbirgt – beurteilen sollte, was heutzutage ein Gedicht sei, nicht wäre, aber zu sein hätte, um dem Anspruch der Gattung im Kern des Lyrischen in seinem Sinne gerecht zu werden, so könnte er, beginnend bei sich von sich, seinem Metier und Werk sprechen, weil es sonst – wie es scheine – Verbindliches, Gültiges nicht mehr gäbe.

   Sein schmales Werk läßt sich keiner Schule zuordnen, also übersieht man es, überhört seine Stimme. Sub specie aeternitatis ist das vielleicht von Vorteil. Schulen und Moden kommen, be-herrschen für eine Weile die Oberfläche und vergehen. Was aber genuin gut ist, tief, erlitten und fest, das bleibt – und seien es nur jene zu oft zitierten sechs bis acht Gedichte – solange es eine menschliche Zeit gibt. Über die Jahrhunderte hinweg hört – und sei es im Verborgenen, weil es keine öffentliche Kultur mehr gibt, das Gespräch der Dichter mit Ihresgleichen – nie auf.

   Dem Dichter ist jede Anbiederung fremd. Er redet den Leuten nie nach dem Munde, schielt nicht nach Erfolg und Einschaltquoten; aber er empfängt sie dort mit offenen Armen, wo er selber steht, auf den Lippen, was gesagt werden muß. Jenen, die ihm nicht folgen wollen oder können, hält er entgegen: Wenn die Achttausender des Himalaya und die Tiefen des Marianengrabens auf dieser Erde jedem zugänglich sind, der so hoch zu steigen oder so tief zu tauchen vermag, könne auch er verlangen, den Versuch zu wagen, ihm in seine Höhen und Tiefen zu folgen.

   So wie Breitensport die Grunderfahrung für Spitzensportler bedeutet, sind Hobby-Werkstätten für junge, aber auch ältere Schreibende Sprungbrett für eine eventuelle Professionalität. Wenn Schreiben als Steckenpferd verstanden wird, ist es Dilettantismus; etwas Schönes für spätbürgerliche Poesiealbengemüter. Früher ging es, den Nachwuchs betreffend, ohne solche Schulen, die man als fragwürdig bezeichnen könnte, wenn man bedenkt, daß Dreiviertel einer Begabung genetisch bedingt sind und ein Genie keinerlei Hilfestellung bedarf, denn dem wird geschenkt, was sich das Talent erarbeitet und der mäßig Begabte sich nach Lehrbuch oder professioneller Führung abringt.

Gerade aber der ungeschulte Dilettantismus trägt manchmal köstliche Früchte. (Man lese nur die in einer bekannten Zeitung wöchentlich erscheinenden Texte, Gedichte, die, sich einer berühmten, historischen Vorlage bedienend, oft gekonnter geschrieben sind als die saloppen Impromptus angesehener, preisüberschütteter postmoderner Professioneller.)

   Der gegenwärtige Dichter Meinesgleichen steht auf der Höhe der Zeit. Er schätzt die Wissenschaft, die ihn – wie vorher die Religion – geprägt hat. Nicht nur, um mitreden zu können, nimmt er die Ergebnisse der Naturwissenschaften aufmerksam zur Kenntnis. Bescheid wissend in der Geschichte seines Volkes wie der Welt, sorgt er sich um die Zukunft. Ziemlich abgewandt hat er sich von den Geisteswissenschaften, die Seinesgleichen, sich dem Zeitgeist anbiedernd, verraten haben.

Zum Glück nicht alle, und das tröstet ihn ungemein, gibt ihm Kraft. - Im übrigen hegt er eine besondere Skepsis gegenüber der Soziologie und der Germanistik, welche Weihrauch und Altar nicht ganz ohne Grund versenkt haben in die Grüfte der Geschichte. Leider war manch wertvoller Kelch, manch hochkarätiges Geschmeide dabei. - Psychologie und Kommunikationswissenschaften langweilen ihn, bieten sie ihm doch wenig Neues.- Der Aberglaube der farbfreudigen Neurologen mit ihren Bildgebungsapparaturen läßt ihn – nach anfänglicher Verunsicherung bis hin zur Krise – in- zwischen kalt. Er schätzt die exakten Wissenschaften, weil auch er auf Genauigkeit aus ist, womit er keineswegs im Widerspruch zu sich selber steht, denn auch er haßt das Ungefähre. Allerdings hält er die Schlüsse, welche sie ziehen, notgedrungen für sehr oft trügerisch. -

   Unter den Geisteswissenschaftlern wünscht er sich nostalgisch die Altmeister der werk-immanenten Interpretation sprachlicher Kunstwerke zurück, die er für den Königsweg aller Textdeutungen hält, flankiert und abgesichert durch historische, biographische und tiefenpsychologische Aspekte.

   Die sogenannten Kränkungen der Menschheit, sagt er, föchten ihn nicht an. Als Glaubender sei er ihnen enthoben, durchaus um sie wissend. - Die dritte Kränkung wäre ihm eine lustvolle, wenn er betete: Welch ein Segen, o Gott, nicht immer Herr im eigenen Hause zu sein! Heiliger Geist, der  Du wohnst im Tempel unseres Leibes, gewähre mir die Gnade einiger schöner Verse, die mich vor mir selber beweisen – und allen, die mich schätzen – oder verachten.

   Der Dichter, und sei er auch noch so neurotisch, obsessiv, süchtig, bizarr und ausgegrenzt oder hoffnungslos normal mit den gewöhnlichen Macken, wie sie ein jeder auf seine Weise hat, unterzieht sich zu Lebzeiten – wenn er den freien Willen hat – keinerlei Analyse und läßt sich demgemäß weder kränken noch zur Korrektheit konditionieren, weil er weiß, daß er mit den gottgegebenen Bewohnern seines Hauses auf Gedeih und Verderb zu leben hat. So verbiete er sich, die bösen Geister entlarven und stellen zu lassen, weil ihm mit dem Kehraus derselben aus seinem Dasein wahrscheinlich auch die guten Geister vertrieben würden. Die aber will er auf keinen Fall missen. Dr. Jekyll braucht Mr. Hyde, um kreativ zu sein.

   Im übrigen kümmere es ihn nicht, ob die Erde randständig sei oder der Mittelpunkt des Alls, denn er stehe immer in der Mitte seiner Welt, mag er noch so sehr, exzentrisch wie er ist, die üblichen Grenzen der Gesellschaft überschreiten. Politisch korrekt – das wäre sein Tod. Und sprachlich? Er setzt die Regeln. Verbotene Wörter und eine pseudo-gerechte Sprache sind ihm fremd, und er wisse, daß die Sprachen der Welt nicht gleichwertig sind, daß seine Muttersprache die beste auf dieser Erde ist, und dieses Wissen teile er mit allen lebenden Dichtern. -

   In Fleisch und Blut der Nachfahre eines Uraffen zu sein, amüsiert ihn mehr, als es ihn beleidigen könnte, auch wenn er die Affen als evolutionäre Karikatur des homo sapiens betrachtet. Aber bei der Frage, woher die Sprache stammt und er die Rechtfertigung nehme, so zu schreiben, wie er es tue, autodidaktisch, rücksichtslos und apodiktisch, da müsse er schweigend schamhaft die Augen schließen. Denn unsere Sprache ist ein Geheimnis – von Göttern gesandt, vom Menschen erkannt. Dankbar nehme er sie an als sein geräumiges, von Verfall bedrohtes Zuhause, wie er sie für sein Leben und Schaffen vorgefunden hat – ein Schloß mit sieben Siegeln, in dem er sich dennoch zuhause fühle.

III

Natürlich muß Dichtung nicht sein. Zum Leben brauchen sie nur die Dichter, die glauben sterben zu müssen, wenn sie am Schreiben gehindert werden. Aber das Leben ist stärker, und manch einer überlebte sogar sein Werk. Manchmal überleben die Werke ihre Schöpfer – als wertvolle Exuvien ihrer Seelen, eine Art von temporärer, bisweilen immer wieder bekräftigter Unsterblichkeit. Dann waren diese Werke über die Zeit hinaus geraten und womöglich auch über den Raum, schlicht exorbitant, ein Quantensprung der Literaturgeschichte. -  Ein Gedicht, das nicht über die Sprache hinausweist, ist keins. Die Rolle des Dichters in der digitalen Gesellschaft – was wäre sie, wenn man ihn noch brauchte? Welche Rolle hätte er in einer Zivilisation von Arbeitern, die meßbare, weltverändernde Ergebnisse liefern? Professionelle – ob Arzt, Politiker, Lehrer, Makler, Metzger, Banker, zu schweigen von IT-Experten, haben ihren Platz und ihr Einkommen in der Gesellschaft.

Ist inmitten all dieser nützlichen Werktätigen sein Stellenwert überhaupt auszumachen, geschweige denn definierbar? Gaukler, Schausteller, Clowns, Komödianten haben ihre Rolle, indem sie, von ihrer Arbeit lebend, etwas für die Menschen tun: heilen, lehren, Geld vermehren und verzehren oder einfach lachen machen.

   Den Dichter im engeren Sinn brauchen wir nicht. Es ist doch lästig, wenn da jemand einen Anspruch verkörpert, dem die Event-Kultur nicht gewachsen sein kann; der Ruhe und Aufmerksamkeit heischt, wo man doch auf Ablenkung, Lärm und Zerstreuung aus ist. Und dabei merken wir nicht einmal, wie dringend wir seiner bedürfen, wie sehr er uns fehlt. Nein, der Dichter, von dem hier die Rede ist, wird nicht vermißt. Es reichen der Gesellschaft ein paar Poetae docti, eine Handvoll Naturtalente, wovon der ein oder andere vielleicht das ideale Gedicht schreibt.

   Dabei hätte der Dichter doch eine besondere Aufgabe, sogar verbunden mit Einfluß und Macht, denn er – wer sonst – verkörpert das Herz der Sprache. Unsere Sprache ist ein Organismus, ein Lebewesen, abhängig von uns und genährt, gepflegt, vernachlässigt oder verhunzt – wie unsere Schutzengel und Dämonen – ihre Träger und Verwirklicher, dem Menschen, der in ihr mit ihr durch sie spricht, schreibt und denkt. Ihr selbst allerdings wohnt inne eine entscheidende Eigenwilligkeit und Wirkmacht. Wie das Ich über sein Gehirn verfügt, so leistet das Gehirn eigenmächtig seinen Anteil am Werk wie an allem, was wir tun. Des Menschen Werk und der Sprache Beitrag.

   Wie aber kann die Sprache für die Empfängnisbereitschaft der Dichterin und des Dichters noch eine Rolle spielen, wenn diese für die Existenz wichtiger, wesentlicher Botschaften total abge-schirmt werden durch Smartphones, i-Pads, Laptops und den Tag und Nacht nie ruhenden Rest an Informationsgewittern? Wer dringt noch unter die oszillierende Fläche der digitalen Kommunikation in die Tiefe? - Und wie sollen Kleinkinder die Muttersprache erlernen, wenn ihre Mütter mit dem Handy reden, Botschaften lesen, Bilder kucken? Und die Kleinen, Gesicht aus dem Buggy gerichtet ins Weite, ins Leere, statt einer fürsorglichen Mutter ein unpersönliches Wesen erlebend?

Denn Mama ist woanders, sagt ihnen nichts, simst durch den Äther anderen etwas vor.

   Mit den Wörtern sterben die Ausdrucksmöglichkeiten der Gefühle, mit den schwindenden Gefühlen erstirbt das Gemüt und damit zuletzt der Mensch, wie wir ihn kannten.

   Noch aber sterben die Wörter nicht. Da viele von uns netz-verwoben sind, ist es nicht schwer, unsere Texte zu finden. Aber nicht alle haben ihre Nische verlassen, um sich virtuell und wirklich im Wort mit der Welt zu verknüpfen. Jedoch ist selbst der, welcher mit zwei, drei Klicks auf dem Bildschirm in Wort und Schrift und manchmal auch hörbar erscheint, nur einer von tausenden in der Kakophonie des Gezwitschers, und mit diesen muß er buhlen um die Aufmerksamkeit des Nutzers im Netz. - Und doch: Gediegen oder gedudelt, Kunst, Kitsch oder unschuldig bemüht – was sich da äußert ist Ausdruck demokratischer Freiheit und, oft genug, Spaß an der Freud. Absolut unabhängig ist das Gedicht der Ausdruck authentischer Individualität und damit in höchstem Maße politisch.

   Freilich erträgt man das Kunstwerk als Spiegel der Seele nicht mehr, sieht sich lieber in den Jeckenspiegeln der Verzerrung, gemein unter Gemeinen. - Gibt es neuere Kunstwerke, die einen dergestalt treffen, daß man ergriffen erkennt, man müsse sein Leben ändern? Sie sind da, aber wir vernehmen ihre Stimme nicht.

   Jedes wirkliche Kunstwerk, ob Gedicht, Musikstück, Skulptur, Gemälde, Installation, Drama... wird lästig, womöglich als verachtenswert elitär gebrandmarkt, weil man ihm selber nicht zu ge-nügen glaubt, aber das gesteht man sich nicht ein. Gäbe es viele solcher Werke, geschaffen in unserer Zeit, wäre das für die Gesellschaft ein Problem. Um ihnen gerecht zu werden, müßte man sein Gewissen überprüfen und sich ändern. Dazu fordert der Mainstream natürlich nicht auf. Im Gegen- teil: Das medial empfangene Kunstwerk ist eine Zumutung, beinahe wie die Wahrheit selbst.

   Warum empfinden so viele – vor allem junge – Menschen alte, klassische Musik als störend und meiden sie instinktiv? Könnte es nicht daran liegen, daß ihre Harmomie, ihr Wohlklang in dur wie in moll uns zu erinnern heißt an etwas Ersehntes, Geahntes, vielleicht gar an den Ursprung der Weltordnung, was bisweilen den Schmerz unsäglichen Heimwehs hervorrufen kann, eine Wehmut, die man unbewußt und doch geflissentlich vermeidet? Dem Kosmos, der Anatomie des menschlichen Ohrs entspricht eine Tonalität pythagoräischer Prägung; die aber wäre eine Kränkung für den modernen Geist, der, unzufrieden mit überlieferten Formen, kindlich kokett nichts von ihnen wissen will. Er meint es besser zu machen, indem er sich seine egomanischen Gesetze erfindet, nach denen er komponiert, seinem Narzißmus frönend bis zum Untergang.

Doch warum sollte Musik nicht schrill, disharmonisch oder penetrant eigenwillig fetzig, warum sollten Gemälde nicht langweilig verwischt sein, warum nicht monochrom oder geschlitzt, oder Plastiken aus Fett, Filz oder Schrott und so weiter, wenn sie doch Ausdruck, Spiegelbild unserer Gesellschaft sind, wenn sich auf diese Weise der maßgebliche, tonangebende Teil der Gesellschaft wiederfindend bestätigt fühlt? Alles ist erlaubt, Perverses, Blasphemisches, Abstoßendes, Urhäßliches, Heilloses. Und warum sollte, das, was sich immer noch Lyrik nennt (oder Poetry, was der Lage eher entspricht), nicht den gleichen Strömungen im Wind des Zeitgeists ausgesetzt sein und übers Parlando zur Prosa verkommen zum oberflächlichen Plaudern? Warum sollte ausgerechnet das Gedicht einen doppelten Boden haben und mehr ausdrücken wollen, als was der Augenschein preisgibt?

   Bei alledem spielt der Kitsch (längst schon beheimatet in unseren Museen) die perfideste Rolle, wenn er schein-edel und harmlos daherkommt und als Wonne der Gewöhnlichkeit im gefälligen Machwerk eine Art Erlöserfunktion vorgaukelt. Gerade die Pseudokunst bietet oft eine splendide Police, Aktie auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten allemal.

   Das Andere wird, wenn überhaupt zur Kenntnis genommen, oft genug der Lächerlichkeit preisgegeben, abgetan als dünkelhaftes Gehabe einer elitären Kaste; in der Regel wird es verschwiegen.

Wer bestimmt das überhaupt? Wird da nicht Geld- und Geisteselite allzu unbedacht in einen Topf geworfen, obwohl sie sich zu einander verhalten Feuer und Wasser?

IV

   Die Rolle der Lyrik in der digitalen Gesellschaft? Börsenberichte sind Lyrik, manchmal werden auch Aussagen von Politikern als Lyrik, begründete Urteile als Mythos bezeichnet, wenn sie einem nicht in den Kram passen. - Wettbewerbe, Preise werden ausgelobt und finanziell gefördert. Man kann also nicht behaupten, die Lyrik spiele in der Öffentlichkeit keine Rolle. Fragt man nach, bestätigt sich eher ein ganz anderer Eindruck, daß nämlich das Schreiben von Gedichten sich unter Schülern und besonders unter Schülerinnen einer großen Beliebtheit erfreut. Und Lyrik im Internet?

(Allein L zählt dort insgesamt fast hundert Gedichte von sich.)

   Es sieht so aus, als hätte der Verfasser dieser Zeilen sich nun selber widerlegt und anstatt zu lamentieren hätte er allen Grund, ein Loblied auf die Gattung und die sie bearbeitenden Zeitgenossen zu singen. - Seine Kritik betrifft nicht so sehr seine fast durchweg jüngeren Kollegen und Kolleginnen, sondern die Gesellschaft, ihren Kulturbetrieb einschließlich der Medien, die jeden Maßstab für Qualität verloren zu haben scheinen. Ob Rezensent oder Preisrichter -: Sie alle tummeln sich im Mainstream, lobend das Seichte, als hätten sie Angst zu ertrinken, wenn da jemand den Stein ins Tiefe warf. - Namen werden hier nicht und Projekte nicht beim Namen genannt; wer sich umschaut, wird fündig genug.

   Der postmoderne Mensch westlicher Provenienz ist in seiner Mehrzahl zu dick, und die Gedichte, welche weltweit eine Minderzahl verfaßt, sind formlos. Allen Beteuerungen zum Trotz ist vom literarischen Artenreichtum kaum etwas übrig geblieben. Formlosigkeit wird mit Freiheit verwechselt und sehr oft mit Fortschritt. Was aber keine Form hat, das hat auch keinen Bestand, zu schweigen von dauernder, sich durch die Geschichte wiederholender Wirksamkeit, denn was da in Pseudo-Gedichtform daherkommt, ist leider oft nicht einmal gute Prosa. Davon etwas zu behalten – es lohnt sich nicht. Innovationen? Wo Kiel und Kompaß fehlen, fällt bald das Schiff den Fluten anheim.

V

   Was hat uns der Fortschritt gebracht? Raum und Zeit sind dank menschlicher Erfindungskunst derart überlistet worden, daß... aber ich muß das alles nicht aufzählen, sage nur: die Digitale Re-volution.

   Welches Jahrhundert, welch ein Glück, hier und jetzt zu leben! Nutznießer der späten Geburt. Von Kindesbeinen an Bewohner einer virtuellen Welt, Avatar im Second Life. Und die digitalen Ge-spielinnen vom abgelegten Tamagotchi bis zum jüngsten Roboter-Altenpfleger haben viel gelernt, so daß sie auch den Bereich des Ästhetischen übernommen haben, Gedichte schreiben können und so weiter. Vor etwa zwanzig Jahren war meine Frau die einzige unter Bonner Autoren, die erriet, daß ein (nicht einmal schlechtes) „Gedicht“ von einem Computer stammte. Bald wird niemand mehr unterscheiden können, ob ein Gedicht von einem Menschen oder Androiden stammt. Denn der sprechende, dienende Roboter wird erschaffen worden sein vom Menschen nach seinem Ebenbilde.

Werden auch wir ihm einmal einen Erlöser, einen Menschen, verkörpert in Seinesgleichen, also dem Robotersohn, zur Tilgung seiner Ursünde senden müssen? - Die Digitale Revolution -: So weit sind wir schon, dies zu denken - mit Horror und Hohn.

   Man sollte sie also nicht beneiden, diese jungen, unbeschwerten, durch keinerlei Ideologie verbogenen Menschen, denen die bewohnte Oberfläche unserer Erde frei zur Verfügung steht, so daß sie Freunde in aller Welt haben, diese sehen und hören können – mittels eines Geräts das kleiner ist als das Gebet- und Gesangbuch ihrer Großeltern, und es ist schon erstaunlich, gar wunderbar, toll oder hip, cool oder geil oder wie man das morgen und übermorgen nennen wird, was man alles mit diesem Wunderding anstellen kann. Sich mit der ganzen Welt vernetzend, überall willkommen und zuhause zu fühlen – in Wort, Bild und Musik, von Angesicht zu Angesicht über die Ferne hinweg – das ist doch phantastisch, und doch Alltag für Nerds, Piraten, Teenies und Kids. Und früher Schwieriges ist jetzt so einfach geworden: Man gebe ihm oder ihr den Laufpaß, wenn die Chemie nicht mehr stimmt, per SMS, das ist clean und kostet keine Tränen – den, der simst.-

Das Berühren glatter, schmeichlerischer Flächen, flinkes Fingerspiel auf dem Display, die Kuppen auf die winzigen Tasten tupfen – so machen es die postmodernen Pianisten, wenn sie kaum hörbar kommunizieren.

   Denselben Mann, dieselbe Frau mag es aber auch zurück in fremde Welten ziehen, vor unserer Zeit, archaisch und exotisch weit weg in ihrer Absage an die Schriftkultur, ins Vorgeschichtliche.

Statt Schrift, statt eingeprägtem Spruch im Herzen als Gedicht in wenigen Versen, sind es Zeichen schmerzhaft eingeritzt in Haut, die sie begleiten sollen lebenslänglich. Bilder, gewiß auch Buchstaben und Symbole, wichtig für die scheinbar selbstgewählte Identität - : Die Tätowierung, kein Körperteil ist ausgenommen prinzipiell, beliebt die Arme, der Nacken, die Brust, der Steiß – einfach alles, was Haut ist.

   Ist das nicht Fortschritt durchs Zeitloch hinein ins Neolithikum, zum Fahrensvolk, zu den Piraten, den Kesselflickern auf dem Anger, zum Fremden früherer Zeiten vor der Schrift - : Ob Zauber, Liebeszeichen, Bann dem Bösen oder die Geschichte der Traumata der eigenen Seele wortlos in Bildern – das Tattoo. Hinauf bis in die höchsten Kreise ist es salonfähig geworden, wo man gewiß noch mit dem Füller Briefe schreibt. Aber die Sehnsucht nach der Steinzeit ist ach so nagend neuerdings. Wohlmeinende, die Ambivalenz des Fortschritts ahnende, erinnern, ja, gemahnen uns an unsere Steinzeitleiber, Steinzeithirne. - So hoch wie tief? Oben wie unten?

   Damals – Geritztes in Stein, Buchstaben, Runen aus Holz. Die Buche aus der Trift, er mausert sie zur Schrift, doch masert sie den Text auf ihre Art verhext. Geschriebenes, das man behalten konnte, ohne es auswendig gelernt haben zu müssen, das brachte die Epoche des gedruckten Buches mit sich. Ein halbes Jahrtausend später vertrauen wir uns dem allwissenden Großen Bruder an, auf daß unser Hirn verschont bleibe von der Tiefe des Gedankens, der aus der Mitte einer sinnvollen, nicht zufälligen, auf ihr Ziel hinsteuernden Welt stammt. 

   Hängen wir es tiefer. Der Fortschritt kennt kein Pardon. Wir werden älter als früher und bleiben länger gesund, und es fehlt uns im großen und ganzen derzeit an nichts. Wir hier, wir frieren nicht, hungern nicht, und die meisten haben nicht nur ein Dach überm Kopf sondern weit mehr Raum als zum Leben nötig, und ein schnelles Gefährt zu Lande, häufig auch zu Wasser und manchmal in der Luft, das trägt, wohin ihre Wünsche wollen.

   Jeder Fortschritt ist auch ein Rückschritt, und die Last, die du von der rechten Schulter nimmst, muß die linke tragen. Es gibt eine Konstante des Leids in der Geschichte der Menschheit, die sich jedweder Feldstudie beharrlich entzieht. - Über der Blase des Vulkans ist der Boden heiß – die Füße wechseln und rasen.

   Es ist zweifelhaft, ob die Errungenschaften der Technik und die vorgetäuschte Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse, die nicht nur alle fünf Sinne sondern auch weniger sinnliche und zwar existenzielle Wünsche und Forderungen betreffen, die Mehrzahl der Menschen wirklich glücklich und zufriedener macht als vor den Revolutionen. Vor allem die Digitale Revolution. Die nämlich nimmt ihm etwas weg, das ganz eigentlich zum Leben gehört. Sie hat sie in die Sinnlosigkeit des Daseins jenseits von Spaß und Konsum entlassen, wo sie nun gesättigt in Unwissenheit nach Befriedigung jagen, weil ihnen die Zufriedenheit fehlt.

   Verkörperungen eines universellen Geistes – wir alle, im Guten wie im Bösen – wir brauchen die medialen Vermittler, die von dem Anderen zeugen und künden, das sich Geschäft und Alltag entzieht und bar jeder Zwecksetzung uns erst zum Menschen macht.

VI

   Während ich diesen Essay verfaßte, dessen Wurzeln in die Tiefe der Vergangenheit reichen, nämlich zurück in die frühen sechziger Jahre, als die Sprache mir eine neue Gedichtform unter strengem Vorbehalt anbot, sie nicht zu mißbrauchen, führte ich Tagebuch über die Schwierigkeiten bei der Niederschrift dieses Versuchs, und darüber bin ich zu meinem Erstaunen sehr bescheiden geworden. Wie wenig löse ich eingedenk des hoch gesteckten Anspruchs denn selber ein? Darüber werden einmal andere befinden.

   Es kommt mir in diesen nicht endgültigen Ausführungen nicht darauf an, mich über andere urteilend, herauszustellen. Dazu wäre mein Werk, das ich selbst-kritisch zu beurteilen weiß, wohl nicht bedeutsam genug. Im übrigen, und das mag überraschen, wäre ich gerne, wie ich es in Versen schon ausdrückte, ein Volksdichter geworden; von allen verstanden, zitiert, geliebt und gelesen.

Aber an meiner Wiege im Kölner Bürgerhaus ward mir nicht gesungen, ich sollte ein Barde sein, obwohl ich noch immer meine Mutter höre, wie sie ihre Verse während der Verrichtung leichter Hausarbeit flüsternd auf ihre Melodie hin erprobt, als ich ein kleiner Junge war.

   Geschrieben für alle, gelesen von wenigen, verstanden von Einzelnen, verkörpern meine Gedichte ein zweites Ich. Schreibend mich selber, sprechend für alle, hörend auf wenige, bin ich im Zwiegespräch mit Meinesgleichen, dem Einzelnen.

   Der Fortschritt geht seinen ambivalenten Gang, und auch diese Zeilen mögen ihren Beitrag dazu leisten. - Die digitale Gesellschaft in ihrer Sucht bedarf des klingenden Festen auf ihrer Flucht ins Virtuelle, das die Seele frißt. Des Dichters, der die Glocken läutet.

Bonn, den 1. August 2012

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