Mara Kogoj von Kevin Vennemann, 2007, Suhrkamp

Kevin Vennemann

Mara Kogoj
(Leseprobe aus: Mara Kogoj, Roman, Seite 26-29, 2007, Suhrkamp)

Im frühen Juni kehre ich zurück in das Land und die Stadt, zu
dem seit drei Jahren leer stehenden Haus, vom Flughafen aus
in die Stadt hinein, dann wieder hinaus in Richtung Kohldorf,
zwei niedrige Gebäude rechts von einem Steinweg, auf der
linken Seite die zerfallende Scheune, den Weg gingen die Kohldorfer,
wenn sie mit ihren Hunden austraten, Spaziergänger
nahmen den Weg, um zu einem nahe gelegenen Schloß zu gelangen.
Hinter Haus und Scheune, einer Pappelreihe, fünf Platanen
endete der Weg in einen Trampelpfad in einer Wiese, es
ging über Kieswege durch ein Wäldchen, das Schloß stand mit
Blick über den See in der Sonne, der Schloßpark hinter dem
Tor, man durfte nicht hineingehen. Rechts vom Haus der an
die Hauswand gerückte Stall, die ineinander greifenden Dächer
von Stall und Haus sind mit Efeu überwuchert, schließen
das letzte bißchen Raum zwischen sich mit Reisig und Laub
und Vogelnestern, wachsen ineinander und über die Stelle, wo
das Fenster meines Zimmers war. Die verzogene Haustür liegt
ebenerdig und läßt sich nicht öffnen, die Fenster aus der Küche
heraus und in der Haustür sind zerschlagen, drinnen sichtbar:
ein halb geöffneter Kleiderschrank, eine Garderobe, ein
Ledermantel hängt dran, Laub und Müll, Schmutz und Staub,
Möbel liegen umher, der Herd steht von der Wand abgerückt
mitten in der Küche, der Küchentisch auf die Plattenkante
gedreht und auf zwei Beine einer kürzeren Seite im Eingang
vor einem blinden Spiegel an der Wand. Das Polster des Küchensofas
ist aufgeschnitten, der verbliebene Inhalt der
Schränke samt der Regalbretter auf das Sofa geschüttet, ein
Topf, eine Pfanne, Tassen, Teller in einem offenen Plastiksack
an der Küchentür, Besteck auf dem Holzboden verteilt unter
der heraus gerissenen Lade, ein zerschlagener Telefonapparat.
Ich teile mir ein winziges Büro mit Mara Kogoj, der zweiten
Gesprächsführerin oder ersten, wer wem vorsteht und ob
überhaupt jemand irgend jemandem, werden wir ein ganzes
Jahr lang nicht klären. Sie grüßt kurz, stellt sich von ihrem
Bürotisch aus ohne aufzustehen vor, ein Vorhang trennt den
einen Teil des Raums mit leeren Archiv- und Aktenschränken
von jenem, in dem sich unsere Schreibtische gegenüber stehen,
Kogoj deutet auf den Schreibtisch, sagt: Da sind Sie ja, Lebonja,
und dirigiert mich auf eine bereit liegende Liste mit Namen
und Telefonnummern, Adressen, biographischen Daten zu.
Wir haben schon vorgearbeitet, sagt sie, fünfzig Personen aus
der Landeshauptstadt und dem näheren Umkreis haben sich
im Anschluß an eine noch wesentlich umfassendere Fragebogenaktion
auf Nachfrage freiwillig gemeldet, weitere zwanzig
hatten sich entweder aufgrund früherer Gespräche in ähnliche
Richtungen, begangener Straftaten, sonstiger Auffälligkeiten,
zum Beispiel, weil in relevanten Zusammenhängen ihre Personalien
aufgenommen worden waren, unter vielen hundert anderen
auf unseren Wunschlisten befunden, ohne, daß wir je
wirklich Kontakt mit ihnen gehabt hätten, wir wußten oder
konnten nicht ganz unbegründet vermuten, daß wir diese Personen
würden gebrauchen können für auch dieses Gespräch,
nun, sagt sie, es muß und wird sich zeigen. Über die Vorgehensweise
muß ich Ihnen hoffentlich nichts erzählen, Sie sollten
wissen, worum es geht, ein Gespräch, das kein Gespräch
ist in Wahrheit natürlich nicht ein Monolog viel mehr idealerweise,
aber auch das sollten Sie wissen, und wissen also wie
ich hoffe was zu tun ist, Kogoj: Etwa siebzig Personen alles in
allem, maximal fünfzehn Treffen pro Person, maximal einhundertzwanzig
Minuten pro Sitzung, die eine oder der andere
mag noch abspringen oder hinzukommen. Abgesprungen
jetzt schon, sagt sie, ist der erhoffte erwartete Finanzierungsanteil
der Landesregierung, bleiben, sagt sie, werden wir bis
auf Weiteres zu zweit. Haben Sie noch Fragen, Kogoj: Ein
Haufen Arbeit. Glauben Sie, Sie schaffen das. Wolfgang Folt,
achtunddreißig, Handwerker, verheiratet, drei Kinder, Kogoj
nimmt das Tonbandgerät an sich, sagt: Diesen Folt als ersten,
sagt: Lassen Sie ihn sprechen, sagt: Trauen Sie sich das zu.
Eine Wohnung am Stadtrand: Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer,
Balkon, das ein oder andere Möbelstück aus einem
Kaufhaus, ein Fernseher aus dem Elektrofachhandel taucht
die leere Wohnung in die Farben des Abendprogramms, sobald
ich aus dem Büro komme bis weit nach Mitternacht, ich
sehe hin und höre zu und gehe zur Arbeit und sehe Mara Kogoj
jeden Tag, ich halte Balkontür und Fenster geschlossen
und mich selber für ausreichend geschützt, ich lebe mich ein:
im selben Monat zweiundvierzig Jahre nach dem Beschluß,
mich von nun an nur noch heraus leben zu wollen. Ich tue
nichts weiter vier erste Wochen lang als da zu sein, ganz formal
ein Gespräch zu führen: mitzuschreiben, zuzuhören nichts
weiter, und lasse noch jeden einzelnen Gedanken vor dem
Fernseher liegen, ich erinnere mich nicht. Im frühen Juli zum
ersten Mal Ludwig Pflügler, sechzig, Journalist, Politiker, verheiratet,
zwei Kinder, vorbestraft, nach mehreren Jahren ohne
juristische Komplikationen zur Zeit zum zweiten Mal angeklagt
wegen wiederholter publizistischer Verstöße gegen das
NS-Verbotsgesetz, er sieht an mir vorbei instinktiv vielleicht
gleich im ersten Moment. Sieht und erkennt mich offensichtlich
nicht oder schauspielert gut, ihn hingegen unauffällig
und, wie alle anderen auch, möglichst freundlich gegrüßt, reserviert,
ganz ruhig gewesen während der ersten Unruhe,
Überraschung, sein Gesicht zuzuordnen versucht, Momente
gesammelt mit und zu diesem Gesicht, Zeiten und Orte, Gedanken.
Platz genommen, sein Name auf der Gesprächsteil-
nehmerliste fügt sich dem Gesicht hinzu und das Gesicht samt
Name einer Person gegen Ende der fünfziger Jahre, dem doch
vergessenen Ludwig Pflügler gegenüber. Der in ihrer Ecke bereits
wartenden Kogoj zugenickt, Pflügler um seinen Paß gebeten,
den Paß entgegengenommen, das Tonbandgerät aufgebaut,
gefragt: Können wir anfangen, den Paß Kogoj gereicht,
gefragt: Wo fangen wir an, und Pflügler lacht, sieht und erkennt
mich nicht, ruft: Ich mache das schon, ich weiß ja, was
Sie hören wollen, und Pflügler beginnt:

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