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Himmelfahrt zum Hohenstaufen
(Leseprobe aus: Träumt Raabe,
Erzählung über Wilhelm
Raabe, Axel
Dielmann Verlag/16er Reihe)
Zur Wiege der Staufer schaffen wir es heute nicht mehr. Die
Sonne flieht schon hinter die Dreikaiserberge, für den Rückweg
bliebe nur ein Schummerlicht. Stellen wir uns die steinernen
Fundamente vors innere Auge – und lassen es dabei bewenden!
Wilhelm, den Panamahut überm Ohr, bestellt die zweite Runde.
Die Vorstellung ersetze uns heute die Wirklichkeit – da sind wir
doch ganz in unserem Metier! Er freut sich vernehmlich. Und
was meint unser neuer Jean Paul dazu? Einen Disput vermeidend,
senke ich die Nase tief, tiefer, in den Bierschaum. Hat er
Ihne de Sack voll Prophezeiunge gebbe? Herr, versauere mir nicht
die Laune an diesem schönen Mittwoch – ich leide still – und
spüre die Frau an meiner Seite. Die seit Stuttgart neben mir ist,
gemeinsam schauen wir in die Welt. Sie entdeckt jeden blühenden
Weißdorn, jeden Ziegenbuben im frischen Weidegras. Ihre
Rede, die mich ausfüllt, der Atem, wie beim ersten Mal. Freund
Wilhelm brummt hinein. Sein puddingfarbner Anzug staubt ihm
ein, er drängt zur Rast. Und möchte wieder vom Hohenasperg
erzählen, wo er gefangen war und Ehre einlegte: Vier elende
Tage für die gute Sache! Ja, ja, du hast für die Partei gekämpft,
eine Schmähschrift verfasst, mein liebes böses Scharfmacherlein.
Marie zieht ihn am Bart, lacht. Wir kauen. Obwohl im Rucksack
die Vesperpakete warten, müssen Nudelsuppen, Schinkenteller
her. Sie wirft mit flinker Hand eine Skizze aufs Papier, pfeift
einem lahmen Hund. Was wird wohl die gute Bertha machen?
Ach – ich erinnere mich. Die Frau, schwanger bis zum Überdruß,
geht nicht mehr vor das Haus, jammert wohl sehr gerne,
ruft mir hinterher. Gestern kam die Schwiegermama mit der
Bahn – geküsst sei sie viel hundert Mal! Schon war der Weg mir
offen, der Ausflug schnell geplant. In aller Frühe schlich ich aus
der Wohnung. Und finde Jensens marschbereit.
Nun im Flecken Hohenstaufen. Ein Biergarten mit Blick zur
deutschen Herrlichkeit. Die Spatzen toben durch den Abend.
Und Frohsinn unter hohen Bäumen – morgen lockt ein freier
Tag. Marie an meiner Seite. Plötzlich das Haar offen, ein
Schwung und süßer Schmerz. Ihr Leib, der sich unter dem
schwarzen Tuchkleid wölbt. Hat sie in der Dunkelheit geflüstert?
Wilhelms Hut liegt auf dem Tisch, er fragt nach freien
Betten. Ach, Räbele.
Mir liegt ein Stein im Hals, den ich tapfer begieße. Die Brust füllt
sich mit Sand. Zum Atmen muss ich hinters Haus. Verliere jeden
Halt, wanke keuchend, schon schleift die Stirn im Hühnerdreck.
Ein langes Elend, in den besten Jahren, und auf Knien! – das bin
ich – ein lächerliches Bild. Überm Lattenzaun kreuzt unbeirrt die
Fledermaus. Die Gärten duften und versinken. Ich wälze mich auf
den Rücken, taub. Als Schriftsteller nicht mehr bekannt! Ich habe
den Konditorladen geschlossen und eine Salzbäckerei eröffnet! –
was dem lieben und gebildeten Publikum jedoch nicht schmeckt.
Man schimpft mich obszön, vulgär, zynisch. Meine Herren
Verleger wünschen sich die alte Kost, reden mit Engelsstimmen,
nennen mich unbelehrbar. Bücher liegen unverkäuflich. Abonnenten
springen ab. Raabe ist im freien Fall. Ich zähle zusammen –
meine Schritte zum Abgrund: Keltische Knochen, Drei Federn, Die
Gänse von Bützow, Sankt Thomas, Abu Telfan. Mein letzter Wurf, in
den soviel Leben geflossen ist, der sich dem deutschen Werkeltag
stellt: auch mir wird daraus eine Heimkehr vom Mondgebirge, eine
unselige. Gute Nacht!
Hat man mich gefunden? Es sind Stimmen, Lichterketten, durch
meine Zähne sickert ein Schnaps. Schritte. Einer läuft dorthin,
einer rennt über sieben Hügel, einer tanzt auf der Stelle. Ich
werde gehoben. Der elende Rucksack. Hell gaukelt ein Hut
unterm Mond. Die arme Marie. Ihre Lippen. Wie das klingt!
Der Geruch nach gemähtem Gras. Wilhelm eilt durch den
Garten, gestikuliert und schimpft. Aussichtslos! Die Zimmer des
Dorfes sind belegt, seit dem Morgengrauen folgt eine Ausflugsgesellschaft
der nächsten. Sangesbrüder, Stammtische, Turngemeinden!
Aus allen Richtungen, bestückt mit Wimpeln und
Wappen. Die Quartiere sind rappelvoll. Aber den kranken Raabe
wird man doch nicht unterm freien Himmel –? Jemand hat den
Wirt gerufen, der lange grübelt, einen Schlüssel holen lässt.
Mit einer Flasche Wein soll ich zu Bett. Die Schanktochter leitet
mich durch den Hof. Ein Nebengebäude, Mistpfützen. Springend
erreichen wir den Eingang, das schmale Stiegenhaus. Steil
zieht eine Treppe hinauf und beknurrt jeden Tritt. Heiliger
Holzwurm! – gegen die Angst einen Schluck. Lieber Herr, heute
gehört Ihnen der Saal ganz allein. Davon können Sie noch lange
erzählen! Mit Mühe öffnet sie die niedrige Tür, schlüpft hindurch,
das Bettzeug vor Brust und Bauch. Jawohl! – was die
Laterne beleuchtet, scheint einem Raubmörderidyll entsprungen.
Auf dem rissigen Dielenboden türmen sich seltsamste Dinge.
Kostüme hängen an Gestellen, Kniehosen, Lederkoller, Marderfelle.
Hauben, Perücken neben Koffern, Kisten. Trommelstöcke.
Gamaschen und Pantoffeln. Teile einer Holzbrücke, der
vertrocknete Weidenbaum. Tische mit abgesägten Beinen.
Flaschenkörbe. Ein Dutzend Säbel. Stühle. Unermesslich ist die
Rumpelkammer, meine Laterne flackert hin und her. Tapetenfetzen,
Haken, die geschnitzten Balken, eine Decke, holzvertäfelt,
makellos. Sorgsam aufgereihte Geweihe, Schädel. Fahnen
ohne Farbe. Hohe Fensterflügel klappen auf und klappen zu.
Verlassen hängt ein Schwalbennest, von draußen tönen Abendlieder.
Aber schauen Sie doch – auf jener Empore saß noch der
Urgroßvater mit seiner Kapelle! Sie zeigt hinauf, schon ist sie aus
der Tür. Ein frommer Wunsch klingt nach. Frisch bezogen steht
ein langer Kasten. Die Wäsche leuchtet durch den Saal. Ich trinke
meinen Wein, steige in den Sarg. Wenn doch noch einmal
zum Tanz aufgespielt würde! Vom Speicherboden rieselt Hafer,
ein ganzer vergessener Sommer.
Und von was träumen wir? Von chinesischen Gärten, blendendem
Ruhm, von Gespenstergrotesken, unseren Hauskatzen und
Hunden? Ach, wir träumen nur vom gestrigen Tag. Und da die
alten Zeiten nie vergehen, träumen wir von Puppenstuben und
Märchenbühnen. Ein Theater sind wir. Dann bricht ein neuer
Tag an, der ein alter ist.
Ich klettere aus dem Kasten, knöpfe Wams und Hemd auf, springe
durchs Treppenhaus und senke den Kopf in die Pferdetränke.
Mit einem Schrei zurück ins romantische Hohenstaufen, dem wir
die Rücken kehren ohne Frühstück. Hinüber zum Rechberg.
Graswege blühen, die Feldschöffen öffnen die Wiesengründe.
Sensengedengel in allen Scheunen, wo die Uralten und Rechtlosen
schwitzen. Der Rest sitzt beim Gottesdienst, hinter summenden
Kirchmauern, und glaubt mit Inbrunst. Welcome to paradise,
paradise, paradise. Hinüber zur Ruine, in der sich schon
Schnaps- und Schinkenbrüder tummeln, um die Wette plärren.
Marie führt uns hinter die Heckenrosen. Jemand hat den Rucksack
gestohlen. Wir liegen gähnend im Schatten. Auch unser
Bett war nur eine Täuschung! – zwei Truhen, zusammen geschoben,
und Kuhhäute – wir aber schliefen wie die Bären.
Und weiter über die Chaussee, der Hunger treibt uns an. Im ganzen
Stauferland herrscht der Himmel mit seinen Vögeln. Ich spüre
die Prozession, lange bevor sie über die Kuppe kommt. Die Gesänge
so leise, fast ein Gewisper. All die Versehrten und Schuldbeladenen
– wie sie Unrecht auf Unrecht häufen! Einen rohen
Jesus schleppen sie mit sich, ein Holzbild, mehr sinkend als auffahrend.
Der Hohepriester, längst in Trance, blitzt in Brokat und
Edelstein, in Rot und Gold. Abseits toben die Dorfhunde. Aus der
Prozession löst sich ein Trupp Reiter und sprengt uns entgegen.
Die Pferde sind mit Leder und Eisen bewehrt, junge Burschen
obenauf. Sie richten ihre Spieße aus, galoppieren heran. Jetzt
brüllt die Gemeinde zu Gott. Einer schlägt den Boden mit Eisenketten.
Bevor sie uns niederreiten, verschwinden wir im Straßengraben.
Die Himmelfahrt geht über uns hinweg.
Mitgewirbelt ist der Panama.
Wilhelm, das Herz in beiden Händen, eilt hinterher. Still steht
wieder die Natur. Marie im Holunder. Wie ich hörte, wird dieser
Tag auch in Grönland und Sumatra gefeiert – dort wohl mit
mehr Menschenfreundlichkeit! Sind uns heute nicht allerhand
Narren auf ihren Herrenpartien begegnet? Ich lege ihr eine Blüte
aufs Herz. Wir kennen die Passage auswendig: Käthchen! Schläfst
du? Nein, mein verehrter Herr. Und doch hast du die Augenlider zu.
Die Augenlider? Ja, und fest, dünkt mich. – Ach, geh!
Die Reiter hätten den weißen Hut wie eine Trophäe auf einen
Spieß gesteckt und seien damit über alle Hügel gezogen – eine
komische Gesellschaft, wohl wahr, die niemand hier kenne. So
erzählt eine Bauersfrau, die wir um Auskunft bitten. Die Straße
nach Gmünd. Den betrübten Wilhelm lotsen wir in die nächste
Weinschenke. Eine gute Flasche: Du brichst das Siegel, und alle
Träume, die in ihr schlummern, sprühen dir entgegen. Schon wollen
wir in die Kirche Sankt Johannis und erleben, wie der Herr
Christus durch das Heiliggeistloch gezogen wird. Aus dem
Gewölbe soll es Blumen und brennendes Werg regnen! Mit großen
Augen treten wir ein, finden die schwere Stille menschenleer.
Im Dämmer suchend nach den erloschenen Feuerzungen. Und
können mit einem Mal sehen – und erschrecken. Von den
Sockeln, Simsen, Säulen starren Monster und Dämonen. Die
kleinen Fingerkrallen wetzen übers Gestein, ihre Mäuler lachen
uns an. Aus der Dunkelheit fällt ein Federbalg. Irgendwo klappern
Schnäbel, Signale, dünn gepfiffen. Über die Kanzel beugt
sich ein Plagegeist, den Hut auf dem grauen Schopf, und beginnt
im Buch Hiob.
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