Fuga von Anke Velmeke, Beck, 2003Anke Velmeke

aus: Fuga

Die Männer meiner Mutter waren nett; manchmal fragte ich mich, welchen ich am liebsten mochte oder mögen würde, Jupp, den Motorradfahrer, dessen linker Stiefel heaven hieß und der rechte hell, oder Tom oder Franz, mit dem wir uns einmal im Wald verliefen; es war Winter und die Nacht schwarzweiß, die Schneeflocken hell vorm Himmel, dann dunkel gegen die verschneiten Bäume, am Boden weiß auf weiß, ist alles relativ, hatte Franz gesagt, und die Tannen seien Kiefern, und dann sprach er mit meiner Mutter über Theorien, und ich verstand nur noch Wörter wie «und» oder «weil». Hinter uns unsere Spuren wie Waldtiere, die uns folgten, Franz` tiefe Kuhlen in der Mitte, links meine zarten Abdrücke, rechts die Einstiche meiner Mutter, über denen noch immer ihre langen Schritte zu schweben schienen. Meine Mutter flog fast, wenn sie ging, trotz des schweren Pelzmantels, ihrer alles abweisenden Lederhaut. An den Wegkreuzungen folgten wir Franz, der sich auskannte und uns die Hügel zeigte, die die Ameisen dort errichtet hätten, um Wegzoll zu fordern; jetzt seien sie in ihren Bauten erstarrt, aber im Sommer wimmele es an den Kreuzungen; die seien dann unpassierbar, behauptete er. Du bist unser Führer, sagte meine Mutter, und mir kam es vor, als hätten wir zwei, sie und ich, eine unsichtbare Gummischnur zwischen uns gespannt, wie beim Gummitwist, in der Franz sich verheddert hatte und also gefangen war.

Stille; die Stimmen der Erwachsenen flach und nah; der Schnee nahm ihnen die Tiefe, verengte den Raum zwischen den Kiefern, knirschte unter unseren Schuhen. Ich mochte das Geräusch nicht, die trockene Verdichtung ließ alles in mir sich zusammenziehen, mir taten die Zähne weh und die Fingernägel; weißes Knirschen, Tempotaschentuchknirschen, die Finger meiner Mutter, die sich ins Papier drückten, das neben ihrem Teller lag, bei jeder Mahlzeit, wieder und wieder, das Taschentuch langsam zerknüllt, jede Berührung eine Qual. Bist du dir wirklich sicher, fragte sie Franz an der Weggabelung; ich schätze, du hast keine Ahnung, wo`s langgeht, und Franz: na hör mal, vertraust du mir nicht, hab Vertrauen; dann schwiegen sie, und an der nächsten Kreuzung begann meine Mutter, Gegenvorschläge zu machen und Gegenbewegungen, kleine Schlenker, gib zu, daß du dich verlaufen hast, sagte sie. Dabei hatten wir uns doch alle verlaufen, obwohl ich mich anfangs noch sicher fühlte am Ende unserer Fußstapfenspur, die uns den Rückweg weisen würde. Irgendwann begriff ich aber, daß es ja schneite und unsere Spuren vielleicht schon hinter der letzten Kurve von den fallenden Flocken auf sanfteste Weise zerstörtwurden. Wir drei, sinnlos umherirrend im Schnee, abgeschnitten von der Welt, und hinter uns die kurze Schleppe unserer Spuren. Die Angst packte mich in der Taille und drehte mich, ich wollte rückwärts gehen, um wenigstens unsere frischen Spuren noch zu sehen; dann war die Angst ein Pendeln, ein weites Schaukeln von einer verschneiten Baumspitze zur anderen, Einsamkeit, Enge; wir klebten aneinander, meine Mutter, Franz und ich, und der Schnee verklebte den Wald.

Immer ins Tal gehen, predigte Franz; es kam mir wie grotesker Aberglaube vor; außerdem gab es kein Tal; wir waren auf einer Hochebene; alle Wege sahen gleich aus, flach, und wenn sie sich leicht senkten, stiegen sie bald darauf ebenso leicht wieder an.

Schließlich waren die beiden vollends uneins; es ging nicht mehr weiter, Franz wollte nach links, meine Mutter nach rechts, sei nicht so bockig, du bist wie ihr Vater; sie wies auf mich, und Franz wandte sich mir zu, als sei ich mein Vater in klein; lassen wir sie entscheiden, das Kind als Richter; ich fand es albern, ein Zwergenrichter in rotem Talar; alle Wege waren gleich, und um weder sie noch ihn oder wenigstens beide gleich zu verärgern, plädierte ich für den mittleren Weg, mit der geheimen Angst, daß nun jeder für sich ginge und ich also allein wäre.

Salomonisch; Franz nickte, und meine Mutter lachte auf, ich verstand weder das Wort noch das Lachen, aber wenig später senkte der Weg sich, fiel bald steil ab. Franz lobte die Weisheit, die in der Unschuld liege, während meine Mutter neben uns den Hang hinabflog, kurz davor, uns zu überholen, bremste sich immer erst im letzten Moment.

Franz, der neben mir ging, berührte meine Hand, die ist ja eisig, entfuhr es ihm, bist du ein Kaltblüter; kaltes Blut, ich erschauerte; ein Amphibium, fuhr Franz fort, oder vielleicht doch nur wechselwarm, komm, die wärmen wir auf, reich die Flosse, Genosse, und er ergriff meine Eishand mit seiner heißen und steckte beide in seine Tasche; ich wehrte mich nicht, es ging alles zu schnell, konnte auch das Gesicht meiner Mutter nicht sehen. Meine Hand in seiner großen, in der sie sich auflöste, das glatte Futter der Tasche, ein enger schwarzer Raum inmitten der großen Tasche der Nacht.

Als ich die Hand aus der Tasche nahm, hing die Jacke schon an der Garderobe, am Männerhaken, der am weitesten hinter der Tür war und an dem später Marios Sacko hing, dann Theos Mantel, dann Toms Jackett.

Wir sprachen über die Liebe, Antoni und ich, meistens über die Liebe, in Sätzen und Gegensätzen, manchmal auch über Alpenliebe, die Bonbonmarke eines Konzerns, für den er gearbeitet hatte; ich Werther`s, er Alpenliebe, ich sitzend, er stehend; in der Metro stand er immer, er müsse die Vibrationen spüren, die Kurven, stand freihändig, wankend, Alpenlibbe, er ließ sich das Wort übersetzen, fantástico, Alpenlibbe, da sei alles drin: Edelweiß, Kuhglocken, Sennerin, ein phantastisches Wort. Er breitete die Arme aus, suchte das Gleichgewicht in den Spiegelfenstern, in der schnellen Erdfinsternis, die sich oben fortsetzte; es war nach Mittemacht. Gleißende Metrostationen verbanden die Dunkelheiten; auch ihr künstliches Licht eine Dunkelheit, die jederzeit alles auslöschen konnte, die Plakate und Kachelwände und grauen Gestalten, die mit denen im Zug die Plätze tauschten; düster auch wir; Antoni stand halb hinter mir, wie auf Fotos von alten Ehepaaren.

Links die Herzen, rosa Papierherzen links auf dem Tisch, Alpenliebe stand darauf, es waren Papiertaschen, Herztaschen, in die Antoni die Bonbons stecken mußte, in jede eins, Herz auf, Bonbon rein, Herz zu, im Akkord, mindestens tausend pro Tag. Er sah den Fingern bei der Arbeit zu, eine Herzfüllmaschine, schloß die Augen, und die Herzen brachen in der Dunkelheit auseinander; man würde sie an Passanten verteilen, die sie sich in ihre Brusttaschen steckten, für den Ernstfall, als Herz-Ersatz. Wenn die Bonbons verbraucht waren, stellte er eine neue Schachtel auf den Tisch, das waren die großen Momente, er griff in die körnige Masse und ließ sie herabrieseln; einmal hatte er ein Bonbon zwischen die Lippen geschoben, dann tagelang den Karamelgeschmack auf der Zunge getragen, widerlich; trotzdem: kein schlechter Job.

Mein Kopf hing nach hinten, die Kante der Lehne im Nacken, die Augen geschlossen, sah ich rosa Herzen, dann mich, wie ich vor der verschlossenen Badtür gestanden hatte, Antoni komm, es ist Mitternacht, die letzte Metro. Wir nahmen immer die Mitternachtsmetro, deren Beschleunigungston sich in die Höhe zog und uns mit sich; Alpenlibbe, sagte Antoni ernst und fügte leise hinzu: ich habe Aids. Tengo el sida. Mein Kopf flog hoch, der Kehlkopf ein Bonbon im Hals, el sida, röchelte ich, verstand nichts, verdrehte mich, um ihn zu sehen, von unten nach oben: haarloser Ausschnitt, glänzendes Kinn, Nasenlöcher. Sísí, er nickte, tengo el sida, claro. Sein Adamsapfel zuckte, stieg dann aufwärts, stieg immer höher unter der Haut, die mir dünn vorkam, als würde Antoni durchsichtig, als könne man die Krankheit in seinem Inneren sehen, eine Verfärbung des Blutes, Adern voll rosa leuchtendem Blut. Er schluckte wieder, mühsam, tengo el sida, sagte er, ich habs im Gefühl.

Ach Antoni, ich ließ den Kopf in die Hände sinken, Dunkelheit, weißes Licht aus den Ritzen zwischen den Fingern, Leere um mich herum, die ganze Metro wie leer; im Gefühl, sagte ich, hombre, während er zu singen begann, tengo el sida, schmetterte es durch die Metro, im Bariton, tänzelte hin und her, tengo el sida, ein schöner Satz, doch die wenigen Mitfahrer sahen kaum auf.

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