Die sonderbare Karriere der Frau Choi
(Leseprobe aus: Die sonderbare Karriere der Frau Choi, Roman, 2007, S. Fischer)
Inzwischen ist sie weit über die Grenzen hinaus
bekannt,
jedenfalls in gewissen Kreisen, aber als sie vor siebzehn Jahren
anfing, konnte man nicht ahnen, was daraus werden
würde. Sie kam einfach an. Das schon war erstaunlich.
Vor siebzehn Jahren war M** eines von diesen Nestern im
Südwesten von Frankreich, die Sie, wenn überhaupt, nur
im Sommer kennen, weil die Ardéche und die Cevennen
im Reiseführer stehen. Sie können da Kanu fahren und die
malerischen Schluchten bewundern, es gibt Campingplätze,
Badestellen, Wanderwege, Ziegenkäse, Honig und gutes
Öl. Hotels gibt es kaum, denn sobald Sie weg sind,
schließen sich diese Nester hinter Ihnen, drehen sich von
der Welt weg, und im Herbst und Winter möchten Sie sie
gar nicht kennen, also brauchen Sie kein Hotel, und die
Nester brauchen schon gar keins. Sobald Sie weg sind,
fängt es im September damit an, daß der Strom heruntergedreht
wird und schwankt und man denkt, man ist im
falschen Jahrhundert, weil man sein Haus nicht mehr hell
bekommt. Die Handys haben keinen Empfang, Zentralheizung
gibt es nicht, und wenn der Wind auf dem
Schornstein steht, drückt er den Rauch des Kamins nach
innen, die Kinder husten, und in der Nacht hustet das ganze
Haus. Es ächzt und seufzt und macht schreckliche Geräusche.
Diese Nester sind karstig und grau und trist und einer
Überdosis Natur ausgeliefert, die sie nicht gut verkraften,
und die Leute verkraften sie auch nicht. Sie glauben zwar
nicht mehr an Werwölfe und Weiße Frauen, aber jeder
kennt die Geschichten; jeder weiß, daß Jean Grin mit den
roten Augen hier sein Unwesen getrieben und den Kindern
die Leber aus dem Leib gerissen hat, und niemand
läßt seine Kinder allein in die Schule und abends im Dunkeln
nach Hause gehen, man fährt sie lieber die zweihundert
Meter hin, sicher ist sicher.
Wenn Sie in einem solchen Ort lebten, würden Sie auch
vergessen, daß die Autobahn nur vierzig Kilometer entfernt
ist und die Stadt gerade mal anderthalb Stunden,
aber in M** wollen Sie gar nicht leben. M** liegt nicht
einmal an der Eisenbahnlinie.
Sie kennen Dörfer, die manchmal vorbeirauschen,
wenn Sie mit dem Zug durch leere Gegenden fahren, die
es nur auf der Landkarte gibt; sie rauschen vorbei, liegen
herum wie ausgestorben, aber plötzlich gräbt jemand in
seinem Garten mit dem Spaten die Erde um, oder eine
Frau hängt Wäsche auf, und Sie denken etwas ungläubig:
Hier kann man also auch leben, wovon leben die Leute
hier?, nehmen sich wieder das Börsenblatt, und bis Sie in
Hannover oder Lyon sind, haben Sie diese Dörfer vergessen.
An M** rauschen Sie nicht einmal vorbei.
In diesem M** also kommt vor siebzehn Jahren Frau Choi
an, um dort zu leben. Kurz zuvor ist das Schild »zu verkaufen
« verschwunden, das gut ein Jahr lang an dem Haus
neben dem »Café du Marché« gehangen hatte, und im
Café haben die alten Männer Gesprächsstoff gehabt und
neugierig darauf gewartet, wer da wohl einziehen mochte,
sie jedenfalls machten drei Kreuze, daß sie da nicht einziehen
mußten, und dann zieht die Chinesin ein und lernt als
erstes Yolande kennen.
Yolande kommt nicht von hier. Sie ist zugeheiratet. Sie
ist die Frau von Yves, dem die Nußbäume gehören, die
Ölmühle und im Sommer der Campingplatz.
Yolande sitzt eines Tages in der Herbstsonne auf ihrer
Terrasse und hat gerade einen Erdbeerbaumfalter fotografiert,
der ihr in ihrer Sammlung noch fehlt. Hinter ihrem
Haus fangen der Wald und der Berg an, und eigentlich
gehen inzwischen nur noch ein paar alte Leute in den
Wald, morgens, mit dem Hund und zum Pilzesammeln in
der Schlucht hinter der Grotte. Da kommt plötzlich eine
recht junge Frau mit einem großen Korb vorbei, die Yolande
nicht kennt, und wie die Frau unten am Weg hochschaut
und sieht, daß jemand auf der Terrasse ist, winkt
sie, und Yolande winkt hinunter, und die andere Frau
bleibt stehen und winkt weiter. Schönes Wetter, ruft sie
vielleicht hoch oder so etwas ähnliches, und schließlich
ruft Yolande hinunter: Möchten Sie einen Kaffee mit mir
trinken?, und so kommt die Frau hoch und setzt sich zu
ihr in die Herbstsonne auf die Terrasse.
Ich bin Frau Choi aus Gwangju, sagt sie in einem Französisch,
von dem Yolande denkt, sie muß es aus einem
Schulbuch haben; die Grammatik stimmt, aber es hört
sich nach Trockenkurs an.
Ich bin Yolande Fauchat, sagt sie, und was tun Sie hier?
So eine unhöfliche Frage, sagt sie gleich hinterher, weil sie
gemerkt hat, daß es unfreundlich klingen könnte, so direkt
zu fragen, dabei war es nur Neugier.
Frau Choi zeigt auf den großen Korb und sagt: Zum
Beispiel Pilze sammeln, und Sie?
Yolande zeigt auf ihre Minolta und sagt: Zum Beispiel
Schmetterlinge fotografieren; ich will einen Bildband machen.
Der Erdbeerbaumfalter ist inzwischen weg, aber sie hat
ihn in ihrer Minolta, ihren Pascha mit den zwei Schwänzen,
und Frau Choi sagt: Aha.
Wie sind Sie hierher gekommen? sagt Yolande, weil hier
das tiefste Frankreich ist und man sich wundert, wie Leute
hierherfinden.
Frau Choi aus Gwangju sagt: Aus Amsterdam. Mein
Mann ist gestorben.
Das tut mir leid, sagt Yolande und erfährt, daß Frau Choi
eine Witwenrente bekommt und irgendeine Summe Geld,
weil die Fluggesellschaft, fr die ihr Mann gearbeitet hat, für
den unklaren Tod des Mannes hat zahlen müssen. Von dem
Geld hat sie das Haus neben dem »Café du Marché« gekauft,
und Yolande denkt: Gratuliere. In M** gibt es etliche
Häuser, die möchten Sie nicht geschenkt, und das Haus von
Frau Choi gehört zu denen, die Sie nicht geschenkt mögen,
aber das alles ist eigentlich keine Erklärung dafür, wie Frau
Choi hierher gekommen ist, und vor allen Dingen, warum,
im Gegenteil, sagt sich Yolande. Das Gespräch wird danach
etwas schwierig, weil man in M** nicht einfach ankommt
und da ist; aber schließlich stellen sie fest, daß ihre Kinder
im selben Alter sind, und vielleicht könnte Yolandes Sohn
etwas mit dem Französisch helfen.
Als Frau Choi geht, wirft Yolande einen Blick auf die
Pilze und sagt: Kennen Sie sich mit Pilzen aus?
Frau Choi hat sonderbare Pilze in ihrem Korb. Wenn
Yolande im Herbst mit der Minolta unterwegs ist, findet
sie manchmal Steinpilze oder Maronen, aber die Maronen,
die es in M** gibt, werden lila, wenn man sie anschneidet,
und die lßt sie lieber stehen.
Frau Choi sagt: Ich koche sie einfach, dann esse ich einen
Löffel und friere den Rest für den nächsten Tag ein.
Und? sagt Yolande.
Und am nächsten Tag taue ich sie wieder auf, und wir
essen sie.
Das ist nicht Ihr Ernst, sagt Yolande, aber Frau Choi
lächelt nur seltsam und neigt den Kopf zur Seite.
Eigentlich paßt sie ganz gut nach M**.
Die Leute in M** sind ein bißchen merkwürdig.
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