Sweet Sixteen von Birgit Vanderbeke, S.FischerBirgit Vanderbeke

Sweet Sixteen
(Leseprobe aus: Sweet Sixteen, Roman, 2005/2007, S. Fischer)

Der erste, der verschwand, war Markus Heuser, genannt
Meks.
Die Angelegenheit wurde daher später offiziell als »das
Heuser-Phänomen« bekannt.
Andere sprachen von »Meksomanie«.
Seinerzeit war sie nichts weiter als eine Meldung, die
scheinbar über den Lahn-Dill-Kreis nicht hinauskam.
»Sechzehnjähriger verschwand am Geburtstag spurlos.«
Was war passiert?
Der Junge war am Morgen aufgestanden, die Eltern hatten
ihm gratuliert, der Tisch war gedeckt gewesen, die traditionelle
Gummibärchentorte aus Meks’ ersten Jahren hatte
inzwischen eine Menge mehr Kerzen drauf, Meks verzog wie
immer in den letzten Jahren das Gesicht, als er die Torte sah,
und weder seine Mutter noch sein Vater hätten sagen können,
ob es ein gerührt- ironisches oder ein leise verächtliches
Lächeln war, womit Meks auf den Tisch, die Torte und die
Geschenke reagierte und überhaupt eigentlich auf fast alles
seit einiger Zeit.
Meks pustete die Kerzen aus, wischte sich die Elternküsse
unauffällig von der Backe, aß ein Stück Buttercremetorte,
packte die CD aus und sagte, wär nicht nötig gewesen, aber
geil.
Seine Mutter sagte, aber Markus.
Sein Vater sagte, dafür sind wir inzwischen doch etwas zu
alt.
Ist ja gut, sagte Meks, ich muss dann. Mathe.
Er nahm seinen Rucksack und verschwand.
Kann ein bisschen später werden, war das letzte, was seine
Eltern von ihm hörten.
Ungefähr das berichteten sie, als sie sein Verschwinden
bei der Polizei meldeten.
Da hatten sie bereits in Erfahrung gebracht, dass Meks in
der Schule gewesen war. Im Bus nach Hause hatte ihn niemand
gesehen. Bei Freunden war er auch nicht gewesen.
Die Mutter hatte am Geburtstagsabend schließlich die
Polizei angerufen und sich angehört, dass das schon mal vorkommen
könne. Was wird sein, er wird Party machen. In
dem Alter machen sie alle Party.
Bei Markus kommt das nie vor, hatte sie gesagt, Markus
ist ein ganz Stiller, aber die Polizistin war sicher, dass er bloß
Party machte.
Was hab ich dir gesagt, sagte Meks’ Vater nach dem Telefonat.
Schließlich waren wir auch mal jung.
Nachdem er ins Bett gegangen war, rief sie mehrere Krankenhäuser an.

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