Geld oder
Leben
(Leseprobe aus: Geld oder
Leben, 2003, S. Fischer)
Kurz
bevor der Laden zumachte, tauchte plötzlich Hänschen Hohmann dort auf. Hänschen
Hohmann war nicht an der Uni, sondern nach der Schule sang- und klanglos von der
Bildfläche verschwunden. Lu sagte, ist das nicht Hänschen Hohmann, und ich
sagte, hat sich ziemlich verändert, oder.
Wir hatten, als wir unsere Abschlußzeugnisse hatten, alle noch etwas vor der
Aula herumgestanden und Adressen getauscht und gesagt, daß wir uns nicht aus
den Augen verlieren würden, und das Adressentauschen wäre eigentlich gar nicht
nötig gewesen, weil wir uns alle über kurz oder lang an der Uni über den Weg
gelaufen sind und die meisten längst neue Adressen hatten, die wir inzwischen
auch schon getauscht hatten, bloß Hänschen Hohmann war einfach nicht in der
Aula erschienen, als es die Abschlußzeugnisse gab und das Schulorchester dazu
spielte, und dann war er einfach verschwunden und nie an der Uni oder im
Kommunikationszentrum aufgetaucht, und plötzlich stand er da und hatte sich
ziemlich verändert. Er stand alleine herum und kannte offenbar niemanden. Er
sah auch nicht aus, als ob er jemanden suchte. Lu sagte, gehen wir doch mal hin,
und wir schoben uns durch die Leute hindurch in seine Richtung.
Du bist damals einfach verschwunden, sagte ich, als wir bei ihm waren, und Lu
sagte, was machst du denn hier. Er sagte, mal sehen. Bißchen voll hier zum
Reden, und Lu sagte, Gewöhnungssache, aber dann gingen wir mit Hänschen
Hohmann nach draußen, weil es aussah, als fühlte er sich nicht wohl im
Kommunikationszentrumsgedränge, und als wir draußen waren, beschloß ich,
lieber nicht mehr Hänschen zu ihm zu sagen. Ich sag wohl besser jetzt Hans zu
dir, sagte ich, und das ehemalige Hänschen lachte. Ich hab den Eindruck, das
hier ist nichts für mich, sagte er, und ich mochte, daß er das sagte, weil ich
selbst den Eindruck hatte, daß es mit dem Rest der Welt nicht wirklich viel zu
tun hätte. Ich sagte, und was wäre dann was für dich. Keine Ahnung, sagte er,
und in dem Augenblick hatte Lu jemanden entdeckt, den sie kannte, und sagte,
einen Moment, und so kam es, daß ich mit Hans Hohmann erst alleine herumstand,
und später, als Lu zurückkam und sagte, sie müsse mit Gerdi etwas besprechen,
sind wir spazierengegangen, und er sagte, daß er nach der blödsinnigen Schule
erst einmal Lust hatte, sich die Welt anzusehen. Ich sagte, so blödsinnig war
sie vielleicht gar nicht, aber ich wollte nicht darauf bestehen, also fragte
ich, wie er es gemacht hatte, sich die Welt anzusehen, weil ich es schon sehr
schwierig fand, hier zu sein und das Leben hier zu bezahlen, und ich stellte mir
vor, daß man ziemlich viel Geld bräuchte, um sich auch noch den Rest der Welt
anzusehen, obwohl es mir gut gefiel, daß Hans Hohmann es offenbar hingekriegt
hatte. Er sagte, ganz einfach, du brauchst bloß zur See, und dann sagte er, daß
er nach dem Militär zwei volle Jahre auf verschiedenen Schiffen kreuz und quer
herumgefahren war, und jetzt war er wieder da, schaute sich um und überlegte,
was er machen sollte. Kommt drauf an, sagte ich, und er sagte, worauf. Worauf du
Lust hast, sagte ich. Er sagte, ich glaube, das sind so Sachen, die man nicht
studieren kann. Dann fragte er mich, wie Studieren sei, und ich erzählte ihm
davon, und irgendwann waren wir schon ziemlich weit spazierengegangen, als er
sagte, das klingt nach Herumsitzen und Geschwätz, und ich sagte, eigentlich nur
manchmal. Mir war inzwischen nach dem vielen Spazierengehen selbst nach
Herumsitzen zumute, und ich hatte nicht das Gefühl, daß es Geschwätz wäre,
wenn wir uns unterhielten.
Als wir aus der Kneipe herauskamen, war es schon dunkel.
Und du, fragte er, woran glaubst du.
Ich sagte sehr schnell, an Wurstsalat und meine blaue Kletterpflanze, und an den
Hibiskus auch, und er sagte, das ist immerhin schon mal ein Anfang, aber mir war
es trotzdem peinlich, daß ich es gesagt hatte, und ich nehme an, ich wurde rot,
jedenfalls fühlte sich mein Gesicht heiß an, aber es war dunkel, und weil wir
nebeneinander gingen, konnte er davon nichts sehen, und als wir noch ein paar
Schritte gegangen waren, fand ich es erleichternd, daß ich es gesagt hatte.
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