abgehängt von Birgit Vanderbeke, S.FischerBirgit Vanderbeke

Abgehägt
(Leseprobe aus: Abgehängt, 2000, S. Fischer)

Wenn Serge unterwegs ist, gehört die Zeit zwischen neun und zwölf mir. Wenn ich Glück habe, ist es die Zeit, in der ich genau weiß, daß Kugeln nach oben rollen.
Ich warf einen Blick auf den Schreibtisch, auf dem die Post zuoberst lag, und untendrunter lagen auch noch allerhand Papiere, an die ich jetzt nicht denken mochte, weil sie schon bei Tageslicht einfach bloß lästig waren, und ein angelesenes Buch über Ingrid Bergman, von dem ich mich nicht mehr erinnerte, wie es dahin gekommen war. Wenn ich mich umschaute und die Regale entlangsah, standen und lagen überall Bücher herum, von denen ich mich nicht mehr erinnerte, wie sie dahin gekommen waren. Die meisten waren nicht einmal angelesen wie das über Ingrid Bergman, das ich dann aber nicht ausgelesen hatte, weil die Frau, die es geschrieben hatte, immer Ingrid statt Ingrid Bergman sagte, und wo sie sie schon einmal duzte, erklärte sie ihr rückwirkend und postum, was sie alles in ihrem Leben und mit der Karriere falsch gemacht hatte und was sie, die Frau, die das Buch geschrieben hatte, niemals falsch machen würde, weil sie wußte, wie alles ging. Vor allem wußte sie, was seit zwanzig Jahren alle Frauen wissen, daß man sich nämlich als Frau nicht wie eine goldene Kuh dürfe melken lassen und das noch mit Liebe verwechseln. Der Satz mit der Kuh und dem Melkenlassen stand auf der Seite, die aufgeschlagen war, das Wort Kuh hatte ich mit Bleistift dick umkringelt, und dem Bleistiftkringel sah ich an, daß mich bei der Kuh die Wut gepackt und die Leselust endgültig verlassen hatte. Ich räumte das Buch weg und überlegte, was ich mit all den anderen Büchern machen sollte, die hier seit einiger Zeit herumstanden und -lagen und in denen es wahrscheinlich von Kühen und anderen Schweinereien nur so wimmelte.
Einmal hatte ich Meyer-Bromberger gefragt, was man mit solchen Büchern machen solle, und er hatte gesagt, Ihre Kollegen tragen sie meistens zum Antiquar, und ich hatte gesagt, aber sie sind noch in Plastikhüllen verpackt und ganz neu.
Nun, hatte er geantwortet, Sie können sie auch als Isoliermaterial verwenden, wenn Sie ein Haus bauen wollen. Bücher isolieren phantastisch. Allerdings brennen sie auch vorzüglich.
Meyer-Bromberger hält mich für beschränkt, und in gewisser Weise muß ich zugeben, daß er recht hat. Von seinem Standpunkt aus hat er natürlich recht; allerdings ist es ein Standpunkt, von dem aus sich Menschen in mehr oder weniger goldene Kühe verwandeln, und je weniger sie golden sind, um so beschränkter müssen sie sein. Schon wegen Meyer-Brombergers Prozenten.
Es ist noch nicht lange her, da gab es hier nur meine Bücher und Serges Bücher, Serges Noten, die Platten und Simmys Zeug, das sich manchmal hierher verläuft und dann nicht wieder zurückfindet in Simmys Zimmer.
Dann passierte dieses Mißverständnis, dieser Irrtum mit dem Erfolg von 'Als ob' und später der mit 'Sphinx', und natürlich haben solche Irrtümer trotz allem sehr erfreuliche Folgen, nicht nur für Meyer-Bromberger, sondern für Simmy und Serge und mich, aber eben nicht nur erfreuliche, weil offensichtlich sehr viele Leute sich falsche Vorstellungen machen. Im Grunde ist ein Mißverständnis ja nichts anderes, als daß jemand denkt, er hat etwas über einen blauen Elefanten gelesen, während er in Wirklichkeit etwas über ein grünes Nilpferd gelesen hat, und fortan besteht er auf einem blauen Elefanten, und ein Irrtum ist nichts anderes, als daß jemand denkt, er weiß, wie etwas ist, und wenn es dann anders ist, als er vorher gedacht hat, daß es ist, wird er ungeduldig mit dem, wie es ist, und versucht, es dazu zu bringen, so zu sein, wie er vorher gedacht hat, daß es ist und jetzt immer noch denken möchte, wie es ist, und wenn es viele Leute sind, die sich denken, daß jemand, dessen Foto in Zeitungen gewesen ist, gern von anderen Schicksale erzählt und Bücher geschickt bekommen möchte, dann schicken viele Leute so jemandem Schicksale und Bücher, und der Irrtum ist um so größer, je mehr Schicksale und Bücher so jemand erhält, der ja im übrigen nicht so jemand ist, sondern bloß er selbst, und dann weiß er nicht, was er machen soll mit den Büchern voller Kühe, die unsere eigenen Bücher bedrängen und wegdrängen und wahrscheinlich anstecken werden, so wie sie mehr und mehr werden und ihr Inhalt sich ungelesen verbreiten kann in unserer Wohnung, ohne daß jemand sie eingeladen hat oder lesen oder rausschmeißen würde, sie sind irrtümlich einfach angekommen, und jetzt sind sie da.
Wenn einer von uns ein Paket aufmacht, und es sind wieder Bücher drin, sagt er, ach bitte nein, nicht schon wieder.
Ich nahm das Buch über Ingrid Bergman und ging damit in die Küche, um es wegzuwerfen. Ich hatte wegen der Nazis noch nie ein Buch weggeworfen, obwohl ich schon manchmal Lust gehabt hatte, aber ich hatte es nie getan, nicht einmal die Unmengen Bücher, die mir Vira vor Jahren geschenkt hat, als sie beschlossen hatte, nicht mehr Christine zu heißen, sondern Vira, weil eine indische Göttin ihr im Traum erschienen war und ihr diesen neuen Namen gegeben hatte, und Vira gab mir anschließend alle Bücher, die sie auf Geheiß der indischen Göttin anschaffte und verbreitete und in denen stand, wie man an Körper und Seele ganzheitlich heilen und gesund werden kann, wenn man es macht, wie die Göttin es einem erklärt. Nicht einmal die hatte ich weggeworfen, obwohl es nichts gewesen wäre, was die Nazis verbrannt hätten, und jetzt finge ich damit an: Das Buch über Ingrid Bergman würde jetzt gleich in den Abfall wandern, und es wäre nicht das letzte, weil schließlich kein Mißverständnis und kein Irrtum und auch nicht die Nazis uns zwingen könnten, unsere Wohnung in ein Bücherlager voller goldener Kühe und Schweine verwandeln zu lassen.
Das Buch war schon im Müll, da erinnerte ich mich, daß es zwei seltene Fotos enthielt, die ich noch nicht gekannt hatte, eines zeigt Ingrid Bergman bei ihrer Ankunft in Rom '49 und eines sie und die Zwillingsbabies drei Jahre später. An den Fotos hatte mich gerührt, daß sie glücklich aussah, viel glücklicher als je in einem Film und viel glücklicher, als die Autorin des Buches je würde aussehen können, von der auch ein Foto hinten drin war, und ich überlegte, was wohl im Abfall wäre und ob die Chance bestünde, das Buch einigermaßen unbesudelt herauszuholen, um die Fotos retten zu können.
Das Telefon traf mich in den Rücken. Es war der Apparat im Flur, und ich dachte zum hundertsten Mal, man sollte den Flurapparat wenigstens nicht so nah an Simmys Zimmer hängen haben. Wenn überhaupt. Für den Fall, daß Simmy schon schliefe, ging ich ran.
Störe ich, sagte Meyer-Bromberger.
Keine Ahnung, was die Leute abends gemacht haben, bevor es das Telefon gab, sagte ich, nein, wie sollten Sie, es ist ja erst kurz vor zehn.
Kurz vor zehn, sagte Meyer-Bromberger, du liebe Zeit, ich wollte um acht hier weg sein. Kurz und gut, ich wollte Ihnen nur rasch sagen, das Skript muß morgen raus. Die wollen mit den Proben anfangen.
Es kann so nicht raus, sagte ich, es ist entsetzlich.
Meyer-Bromberger sagte, Sie hätten es selbst machen können.
Ich wurde müde und war plötzlich sicher, daß Meyer-Bromberger mit dem Anruf bis kurz vor zehn gewartet hatte, weil ich um die Zeit wahrscheinlich müde würde, wenn er sagte, Sie hätten es selbst machen können, schließlich hatten wir das Gespräch schon ein paarmal gehabt, und natürlich sind solche Gespräche auch zu jeder anderen Uhrzeit müde oder zumindest humorlos, weil ich Meyer-Bromberger den langweiligen Umstand erkläre, daß ich es eben nicht selbst machen könnte, denn wenn ich es hätte selbst machen können oder wollen, hätte ich es gemacht, und wenn ich es nicht gemacht habe, dann weil ich es nicht hätte machen können oder wollen, und Meyer-Bromberger nimmt sich zusammen und tut so, als sähe er ein, was ich sage, dabei ist es ihm ganz egal, Hauptsache, es wird gemacht. Wenn Meyer-Bromberger ein Käsebrot ißt, kann man ihm sagen, es ist ein Wurstbrot, und Meyer-Bromberger merkt es nicht, Hauptsache, hinterher hat er das Gefühl, daß er was gegessen hat, es kann sogar eine Currywurst sein, und warum sollte ausgerechnet Meyer-Bromberger verstehen, warum ich glaube, daß etwas so sein muß und nicht anders sein kann, jedenfalls nicht, wenn ich es mache. Er tut, als verstünde er, bloß um mich nicht zu verärgern, denn wenn er mich verärgert, mache ich es vielleicht gar nicht und gebe es nicht aus dem Haus, und er denkt, die blöde Gans, und ich denke, es kommt der Tag, an dem ich mich von ihm trenne, weil er auf einem Standpunkt ist, von dem aus keine Kugel nach oben rollt.
Er wartet am anderen Ende der Leitung, daß ich vor Müdigkeit weich werde und sage, also gut, schicken wir es eben unkorrigiert ab, auch wenn es entsetzlich ist.
Ich sage, ich weiß, daß Sie mich für eine blöde Gans halten, aber da kann ich auch nichts dran ändern. Schließlich steht ja nicht Ihr Name drunter.
Er hält mich nicht für eine blöde Gans, sagt er und redet auf mich ein wie auf einen lahmen Gaul, und schließlich willige ich ein, ihn morgen mittag zu treffen.
Das Buch über Ingrid Bergman ist bloß an den Ecken etwas voll Zigarettenasche und noch zu retten. Als ich es rausnehme, fällt es an der Stelle auf, wo der Kringel um die goldene Kuh ist.
Sobald Serge aus dem Haus ist, haben sich alle Scheren versteckt, und nirgends ist eine zu finden.
Ich legte mir 'Blue Heaven' auf und dachte über das Mißverständnis nach, den Irrtum, infolgedessen ich mir heute abend Gedanken über goldene Kühe und deren Gemolkenwerden oder blöde Gänse oder lahme Gäule oder sonstwelche Schweinereien und Skripte machen mußte, und dann vergaß ich die ganze Menagerie, weil 'Blue Heaven' auflag und Eddie wieder lebte und ganz vorsichtig anfing zu spielen und mit seiner Geige schon am Anfang ziemlich nah an den Himmel kam, aber noch leise, sehr klar und sehr leise, und dann setzte Serge ein und kam auf die Höhe von Eddie und noch ein paar Sprossen höher an den Himmel ran, und Eddie holte ihn ein, und abwechselnd kletterten sie immer weiter in den Himmel, und einmal gab Eddie Serge die Hand und holte ihn nach, und dann wieder Serge Eddie, und schließlich waren sie beide sehr weit oben, wo kaum einer mit seiner Geige je hinkommt, und der Himmel war völlig leer, ganz einfach leer, alle Geigen abgehängt, nur die beiden allein, die Erde war weg und vom Himmel aus nicht zu sehen, keine Schwerkraft, keine Ursache, keine Wirkung, kein Mißverständnis, nur kalt war es, daß einem das Blut in den Adern gefror.
Kurz nach 'Blue Heaven' war Eddie tot gewesen und Serge plötzlich mit seiner Geige ganz ohne Eddie und also ganz allein da oben, und ich dachte, er schafft es nicht, eine Geige allein, und in den Himmel gespielt, wo der Himmel so leer ist.
Serge dachte auch, er schafft es nicht, obwohl er zu der Zeit die Zeitungen nicht las, in denen sie erst recht nicht glaubten, daß er es schaffen würde nach Eddies Tod, weil Zeitungen an nichts glauben, was in den Himmel reicht, Zeitungen kennen nur den Sturz, und nur der Sturz ist ihnen wichtig, weil Zeitungen das Neue sind, und das Neue kann man nur sein, wenn man das von gestern zum Sturz bringt und wegräumt, damit es Platz macht für das Neue, das morgen weggeräumt werden muß und verschwinden.
Serge rührte eine lange Zeit keine Zeitungen an. Die Geige rührte er auch nicht mehr an. Er dachte darüber nach, was mit Eddie passiert war, wickelte Simmy und sagte, du mußt Geduld haben.
Ich doch nicht, sagte ich.
Manchmal sagte er auch, jetzt bist du erst mal dran.
Dann schrieb ich 'Als ob'.

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