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Ulises kommt in
die Akademie
(aus: Die Schule des Glücks,
2004, Seiten 13-25, Frankfurter
Verlagsanstalt - Übertragung Matthias Strobel)
Nicht nach Lust, sondern nach
Schmerzlosigkeit strebt der Kluge.
Aristoteles, Nikomachische Ethik
Es gibt Dinge, nicht wert, sie zu wissen, und andere, die man besser nicht
vergisst. So dachte er, als das alles vorbei war, wenn überhaupt je etwas
vorbei ist.
Doch bevor es zu diesem Ende kommen sollte, lag Ulises Acaty an jenem dunklen
Septembernachmittag, an dem sich ein Teil seines Schicksals zu schmieden begann,
nichts ferner, als über das Erinnern oder Vergessen zu meditieren. Er war fast
siebenunddreißig Jahre alt und allein erziehender Vater. Er hatte einen kleinen
Sohn und Schulden, er zog es vor, seinen Geist lieber mit weniger abstrakten
Dingen zu beschäftigen.
Der Himmel bereitete sich auf die kältesten Monate des Jahres vor und kümmerte
sich nicht um die Sorgen der Menschen, wie schon immer. Die barocke Plaza Mayor
im habsburgischen Teil Madrids, die in anderen Zeiten Plaza de Arrabal oder
Plaza de Constitución geheißen hatte, zeigte sich unter der samtverhangenen
sterbenden Sonne des sich neigenden Tages von ihrer heruntergekommensten Seite.
Auf diesem mächtigen Platz waren einst Bett-
ler und Edelmänner zusammengeströmt, Schelme und Würdenträger, adlige Damen
mit gepudertem Teint und schmutzige Dienstmädchen mit zerschlissener Kleidung,
um Massenspektakeln beizuwohnen oder königlichen Hochzeiten und Autodafés,
Prozessionen und öffentlichen Hinrichtungen. Heute war die Statue Philipps III.
umringt von einer ähnlich bunt gemischten, aber irgendwie unterschiedsloseren
Menge: Touristen, Arme ohne eigenes Dach über dem Kopf oder eigenen Boden unter
den Füßen; Langzeitarbeitslose, faule Müßiggänger, die vor den
Schaufenstern der verstaubt riechenden Läden entlang der Säulengänge
herumstanden, Manager, Immigranten, leichtsinnige Jugendliche, Hausfrauen,
Terroristen.
Gut gelaunt betrachtete er die Fassade der Casa de la Panadería und sagte sich,
dass sich seit den Zeiten Juan de Herreras vielleicht doch nicht so viel verändert
hatte. Nur war heute alles sehr viel teurer.
Ulises beschleunigte seine Schritte, doch wegen des Kinderwagens, den er
schieben musste, fiel es ihm schwer, einen Rhythmus zu finden.
»Wir werden ihn Telémaco nennen«, hatte seine Frau, ohne zu zögern oder rot
zu werden, gesagt, als das Kind geboren und das Ende der guten Zeiten eingeläutet
war. »Hauptsache, es ist kein gewöhnlicher Name, du weißt ja, wie sehr ich
alles Gewöhnliche hasse. Und so abwegig ist der Name nun auch nicht, wenn man
bedenkt, dass du Ulises heißt und ich Penélope.«
Er lächelte Telémaco Vertrauen erweckend an, betrachtete von oben sein
heiteres, halb zahnloses Lächeln, das sich in dem des Vaters wiederfinden
wollte, und konnte um Haaresbreite einer jungen Frau ausweichen, die, die
Aufschläge ihres grauen Regenmantels an die Brust gedrückt, auf spitzen Stöckelschuhen
dahineilte.
Zu der Zeit hatte der gute Mann noch nicht begriffen, dass jemand von einem
Moment auf den nächsten eines gewaltsamen Todes sterben und alle, die
fasziniert und ungläubig die Tragödie betrachten, mit seinem Blut besudeln
konnte, ihn eingeschlossen – oder... nicht sterben, wenn es in seiner Hand
lag, das Unglück zu verhindern.
Nein, Ulises war auf dergleichen nicht gefasst. Er ging einfach nur spazieren,
das Kinderwägelchen entschlossen vor sich herschiebend, in dem sein Sohn, der
gerade zwei geworden war, vergnügt mit den Beinchen strampelte, als hätte er
soeben entdeckt, dass dies seine heilige Mission in dieser Welt war und nichts
und niemand ihn daran hindern konnte. Telémaco war ein Glückseliger: Er war
lebendiges Abbild der Abwesenheit von Schmerz.
Ulises sah auf die Uhr. Er würde zu spät zur Versammlung kommen, und Vili,
sein Schwiegervater, würde ihm diesen leicht wahnsinnigen Blick zuwerfen, mit
dem er die anderen durchbohrte, wenn er ihnen einen Vorwurf machen wollte, ohne
ihn auszusprechen.
Eigentlich hatte er überhaupt keine Lust, zur Akademie von Don Viliulfo
Alberola zu gehen – den alle nur unter dem Namen Vili kannten – und auch nur
eine Minute länger seine Sokratischen Dialoge über das Glück über sich
ergehen zu lassen, aber Vili hatte ihm mehr oder minder deutlich gedroht, als er
einmal angedeutet hatte, nicht mehr zu den Versammlungen kommen zu wollen.
(Meine Güte! Es passte ihm eben nicht in den Kram, gerade dann aus dem Haus zu
gehen, wenn er die tägliche Waschmaschine anwerfen und dem Kleinen das
Abendbrot richten musste!) Und obwohl Ulises nicht zu denen gehörte, die sich
leicht einschüchtern ließen, wollte er nicht unnötig den Zorn des Doktors
herausfordern und ging also weiterhin zu den wöchentlichen Treffen mit ihm und
der Schar von Bekloppten, die ihm mit sektiererischem Eifer folgten.
Es lag auf der Hand, dass Vili ihn kontrollieren wollte. Außerdem gab es ihm
Gelegenheit, Telémaco regelmäßig zu sehen. Man konnte ihn durchaus als den
Opa des Kleinen betrachten, wenn er auch eher ein Rabengroßvater war. Seinen
Enkel liebte er jedenfalls sehr, das stand fest.
Auf der anderen Seite hatte er das Gefühl, dass der alte Vili, was sein
Privatleben betraf, mit jedem Tag weniger entspannt wirkte. Ulises glaubte auch
zu wissen, wem er den permanenten Stress zu verdanken hatte: Seine Lehren halfen
dem armen Mann im Leben wenig, da er sie nicht konsequent auf sich selbst
anzuwenden vermochte, zumindest nicht auf die Ehehölle mit seiner Frau.
Ulises fragte sich, wozu diese Gesetze gut waren, wenn sich gerade diejenigen,
die sie vorschrieben, nicht daran hielten.
Gesetze waren ihm grundsätzlich zuwider; sie behagten ihm nicht, ihn beschlich
eine ähnliche Vorahnung wie seinerzeit Napoleon: dass bei so vielen Gesetzen
niemand sicher sein konnte, ob man ihn nicht früher oder später ins Gefängnis
warf.
Natürlich hatten Vilis Gesetze nichts mit Jura zu tun; er selbst nannte sie
Regeln, wodurch sie noch beunruhigender wurden, wenn das überhaupt möglich
war, denn Vili erhob den Anspruch, dass jeder, der diese Regeln befolgte, das Glück
finden konnte.
In den Augen von Ulises war es kein besonderes Verdienst, dass jemand wie Vili
sich mit Gedanken über Glück und Philosophie auseinander setzte. Don Viliulfo
Alberola konnte es sich leisten, weil er reich war. Kein einfacher
Pesetenmillionär, nein, sondern wirklich reich. Einfacher Millionär hätte ja
jeder werden können, aber so betucht wie er, das war nicht jedem vergönnt. Er
besaß ein Vermögen, das von einer Heerschar von Anwälten verwaltet wurde, die
ihn vielleicht zwei- oder dreimal im Jahr belästigten, weil er das eine oder
andere Dokument unterschreiben musste. Er hatte Häuser an so vielen Orten
dieser Welt, dass Ulises Zweifel hegte, ob er sich an alle erinnerte oder sie
sich wenigstens einmal angesehen hatte. Und doch plauderte er in aller
Bescheidenheit mit den Leuten in seiner Akademie, wohnte in einer zwar großen,
aber nicht sonderlich luxuriös eingerichteten Wohnung im Zentrum von Madrid (in
der Stadt, pflegte er zu sagen, habe er seine Agora gefunden). Und er ertrug mit
einem ebenso perversen wie hingebungsvollen Stoizismus seine Frau Valentina.
Das Glück.
Ja, das Glück...
Worin aber bestand es, das Glück?
Er betrachtete erneut seinen Sohn, der unter dem Verdeck des Kinderwagens vor
sich hin brabbelte und dabei eine Unmenge durchsichtiger Speicheltropfen
verspritzte. Er schrie und lachte, strampelte, murmelte unsinniges Zeug auf
Spanisch und Deutsch und sah sich so fröhlich um wie jemand, der die Welt zum
ersten Mal zur Kenntnis nimmt und alles, was er sieht, für gut befindet. In
seinem Fall war es auch so.
Ach, wie glücklich wäre doch der kleine Telémaco, wenn er nur wüsste, dass
er glücklich war, wie Vergil sagen würde.
Ulises wuschelte ihm mit der linken Hand durchs Haar. Anmutig verdrehte das Kind
so lange den Kopf, bis der Vater genau in seinem Blickfeld lag; seine weit
aufgerissenen Augen hatten die Farbe einer frisch aufgeschnittenen Mandel. Er
schenkte Ulises ein breites, mit Sabber garniertes Lächeln der Zufriedenheit.
Er war ein entzückendes Kind, fröhlich und verspielt. Keiner käme auf die
Idee, dass ihm eine Mutter fehlte.
Als er auf Zehenspitzen und den Kleinen im Arm den Raum betrat, hatte die
Sitzung schon seit geraumer Zeit begonnen.
»Selbstverständlich bist du ein guter Mensch. Und ein glücklicher sowieso«,
sagte Carlota Rodríguez mit einem beschwichtigenden Lächeln zu einem der
Anwesenden. Sie hatte prachtvolle lange rote Haare, und trotz ihrer Brille
strahlten ihre Augen methylenblau.
Roberto Olazábal schickte seinerseits ein Lächeln zurück, das aber eher wie
ein unfreiwilliges Zwinkern wirkte. Dadurch kam er etwas ins Stocken. Er wollte
nicht, dass die Frau es falsch interpretierte. Er schaute sie noch einmal an,
aber in ihrem Gesicht waren keine Anzeichen von Ärger zu entdecken, fast könnte
man sagen: ganz im Gegenteil.
Na gut. Umso besser.
Ulises setzte sich so unauffällig wie möglich in eine Ecke, nahm den Kleinen
auf den Schoß und gab ihm ein Plastikfigürchen, um ihn zu beschäftigen.
»Stimmt schon«, bestätigte der Mann, diesmal in Richtung Vili. »Ich stehe ja
auch jeden Morgen auf und sage mir: Mann, Mann, Mann... Du bist vielleicht ein
Glückspilz. Und du hast so einen Haufen von Vorteilen. Ich meine, das Universum
ist riesig groß, und ausgerechnet
dir gelingt es, auf der Erde geboren zu werden, einem kleinen Planeten irgendwo
am Rand einer mittleren Galaxie, wo es eine Atmosphäre, fließend kaltes und
warmes Wasser und Lebensmittelgeschäfte gibt. Und hier auf der Erde landest du
ausgerechnet in Europa, Spanien, Madrid. Hmmm... Ist doch gar nicht schlecht für
den Anfang. Und dann hast du auch noch einen Job, einen richtig guten Job.
Besser gesagt, einen Superjob, wenn man bedenkt, in welchen Zeiten wir leben.
Und weiß bist du auch noch, genau die richtige Hautfarbe für diese
Breitengrade. Jeden Morgen beim Aufstehen sage ich mir das.« Roberto lehnte
sich in seinen Stuhl zurück und kratzte sich am Ohr. Er holte Luft, bevor er
fortfuhr. »Aber, ehrlich gesagt, wenn auch nur einer dieser Pluspunkte
wegfiele, dann hätte ich verschissen. Wenn ich zum Beispiel keine Arbeit hätte
oder wenn ich ein Schwarzer wäre oder wenn ich in Uganda leben müsste... Fiele
nur eines meiner Privilegien weg, dann wäre ich am Arsch. Es sind also nur dann
Privilegien, wenn man sie alle auf einmal hat, oder nicht?«
Vili nickte müde.
»Ja, jaaa...«, murmelte er.
Dann war Chantal Porcel an der Reihe. Sie war vierundfünfzig Jahre alt und
lebte mit ihrer Mutter zusammen. Als einmal jemand ihren Ex-Mann nach den Gründen
für die Scheidung fragte, wies er auf seine Schwiegermutter hin und benutzte
die gleichen Worte wie seinerzeit Lady Di, als sie im Fernsehen die ganze Welt
zu Tränen rührte: »In dieser Ehe waren wir zu dritt, da wurde es ein bisschen
eng.«
»Also...« Sie rutschte nervös auf ihrem Stuhl herum. Wenn sie an der Reihe
war, wusste sie fast nie, was sie sagen sollte. Sie hasste es, vor anderen
Leuten zu sprechen. Am Telefon hingegen war sie eine richtige Quasselstrippe.
Und manchmal ließ sie sich zu dieser Art von Selbstentblößung hinreißen, die
schüchterne Menschen sich von Zeit zu Zeit erlauben. »Ich kriege die Panik,
immer wenn ich in ein Flugzeug steige. Kaum dass ich den Fuß auf die unterste
Stufe setze, fange ich an zu beten. Ich bete zu Gott, bitte ihn, falls das
Flugzeug abstürzt, dass mein Leichnam verkohlt, damit ja keiner merkt, dass ich
vor dem Sterben keine Zeit mehr hatte, mich zu enthaaren.«
Vili wölbte die Augenbrauen und lachte, während er es sich in seinem roten
Ledersessel bequem machte, die Beine ausstreckte und den linken Fuß über den
rechten legte.
»Und? Was hat das mit dem zu tun, was wir gerade besprochen haben?«, fragte
Jacobo Ayala mit einem unwirschen Kopfschütteln.
Chantal blickte betreten zu Boden, als wäre sie kurzsichtig und suchte etwas.
»Vermutlich nichts«, räumte sie ein. »Ich wollte nur, dass ihr es wisst...
vielleicht ist es ja für irgendwas gut.«
Irma Salado war genauso wie Chantal geschieden. Nur war sie erst einunddreißig
und hatte darüber hinaus seit neuestem einen gut aussehenden jungen Griechen
als Freund.
»Um zu überleben«, sagte sie, während sie einige Strähnen ihrer
platinblonden Haare um den Finger wickelte, »relativiere ich alles, versteht
ihr? Das ist das ganze Geheimnis: die Relativität. Wenn ihr’s nicht glaubt,
lest nach bei Einstein. Ich sage mir zum Beispiel: Gut, du bist vielleicht nicht
naturblond, aber du kannst dir wenigstens die Haare färben, und selbst wenn die
Färbemittel nicht halten, was sie versprechen, auch egal, du hast wenigstens
Haare.« Sie sah sich in der Gruppe um, suchte bei jedem Einzelnen nach
Zustimmung. »Und o.k., ja, stimmt, ich geb’s zu, ich habe vielleicht nicht so
einen tollen Job wie Roberto, aber ich habe wenigstens einen Job, und auch wenn
der Job nichts Besonderes ist und mir nicht liegt, kann ich doch wenigstens
meine Rechnungen bezahlen. O.K., ich bin nicht groß, aber ich kann ja Absätze
tragen, oder? Ich habe mir zwar mit diesen Scheißabsätzen schon dreimal den Knöchel
verstaucht, aber meine Beine waren gesund, bevor ich täglich Absätze getragen
habe, von Verstauchung keine Spur.« Sie holte Luft und blähte stolz
ihre Brust, bevor sie fortfuhr. »Gut, ich habe kein Geld, stimmt. Aber ich habe
Taschen, die nur darauf warten, gefüllt zu werden, womit ich sagen will, dass
ich eine Jacke trage und mir diese Jacke kaufen konnte, obwohl ich leere Taschen
habe. Ja, richtig, mein Leben ist nicht gerade aufregend, das Aufregendste an
meinem Tag sind die Fernsehnachrichten. Es ist wahr, mein Leben ist nichts
Besonderes, aber ich habe wenigstens ein Leben, womit ich sagen will, dass ich
lebendig bin, was gar nicht zu verachten ist, wenn man bedenkt, dass, wenn es
nicht so wäre, ich mich ja über gar nichts mehr beschweren könnte.« Sie
zuckte mit den Schultern und machte eine lange Pause, die sie mit einem
beunruhigenden Seufzer füllte. »... weil ich dann nämlich tot wäre. Seid ihr
damit einverstanden oder nicht?«
»Geht das jetzt nicht ein bisschen zu weit?« Jacobo Ayala, der von Geburt an
blind war, schüttelte erneut unwirsch den Kopf hin und her.
Ulises streichelte seinen Sohn, damit er ruhig blieb. Dann hielt er sich
automatisch die Ohren zu. Immer wenn Jacobo redete, hörte es sich an wie bei
den Bee Gees, ein summender Ton, der ihn im Ohr kitzelte. Wobei die Bee Gees
wenigstens sangen. Oder doch angenehm trällerten. Was bei dem Blinden nicht der
Fall war.
Später sah er sich Irma genauer an. Sein Blick blieb auf ihren rosigen Fingern
haften, die zu einer Dame gehören könnten, die einer Ballade würdig war. Sie
hatte kleine Hände, mit denen sie nervös herumnestelte. Nach den Kriterien der
reinen Kunst war Irma weder hübsch noch hässlich, aber sie hatte ihren eigenen
Stil und ihre besondere Art, die Dinge zu betrachten, und das allein war schon
etwas. Etwas sehr Wichtiges.
Schon seit einigen Wochen interessierte sich Ulises für sie, er hatte sie nach
ihrer Arbeit in einem Kindergarten gefragt. »Ist nicht schlecht«, hatte die
junge Frau mit einem misstrauischen Blick auf Telémaco geantwortet, »obwohl
die Kleinen meistens echte Nervensägen sind.«
Ihre Brüste hoben und senkten sich, während sie sprach, bebten unter dem eng
anliegenden, schwarzen Sweatshirt, versprachen eine Art von Belohnung, die sich
genauerer Analyse entzog, aber das Vergnügen ihres Anblicks irgendwie erhöhten.
Eine weibliche Brust, die erwartungsvoll bebte, war an sich schon dazu angetan,
Ulises’ Aufmerksamkeit auf der Stelle in eine bestimmte Richtung zu lenken,
die ihm nicht immer zum Vorteil gereichte. Irmas Brüste hatten jedenfalls diese
Wirkung, und daher sah er sie erneut an, mit wachsendem Interesse.
Sein ebenfalls geschiedener Freund Jorge Almagro, stellvertretender Direktor
beim Finanzamt und ein Netsexjunkie, rückte leise seinen Stuhl näher an Ulises
heran.
»Hast du gesehen, was für einen Ausschnitt Irma heute hat?«, flüsterte er
Ulises ins Ohr und jagte ihm dabei mit seiner schlecht ausbalancierten
Atemmischung aus Menthol und Nikotin einen gehörigen Schrecken ein. »Wenn ich
nur weniger gehemmt wäre, würde ich sie zu mir nach Hause einladen und ihr
mein Handbuch des häuslichen Überlebens zeigen.«
Ulises sah Jorge erstaunt an und nahm Telémacos Hände von den schlecht gebügelten
Jackettaufschlägen seines Freundes.
»Du weißt schon...«, sagte der zerstreut, den Blick fest auf Irmas blonde
Haarmähne gerichtet. »Mein Habitus. Gewohnheiten sind stärker als die
Leidenschaft, falls du das noch nicht bemerkt hast. Ich führe ein geordnetes
Leben, so richtig bürgerlich. Ein Leben, das den Frauen gefällt, das ihnen das
Gefühl von Sicherheit gibt. Ich würde Irma mit nach Hause nehmen und ihr
meinen sonnenstudiogebräunten Körper zeigen. Mein altes Bidet. Und mein Ding,
das sich nach ehelicher Routine sehnt. Weil es aber so groß ist, mein Ding,
meine ich... na ja, bestimmt würde sie es nicht mal anschauen. Ich spreche von
meinem Penis. Meiner Frau ging es immer so, sie konnte ihn einfach nicht
anschauen. Sie sagte, er sei zu mächtig, als dass eine Frau seinen Anblick
lange ertragen könnte.« Mit einer Handbewegung wischte er den aufwühlenden
Gedanken an seine Ex-Frau beiseite und zwinkerte boshaft mit einem Auge. »Trotzdem
könnte ich Irma noch einiges beibringen, könnte ihr Sachen zeigen, die sie
bestimmt noch nie gesehen hat, unter anderem meinen Schwanz. Ich bin mir sicher,
dass meine Hausmannsmanien für jemanden wie sie ein Ereignis wären.«
Ulises lächelte seinen Freund an.
»Na ja, ich weiß nicht. Was den Sex angeht, kann ich nur sagen: das meiste
erfunden, aber das wenigste echt gefühlt, was heißt, dass du immer eine Chance
bei Frauen hast, bei ihr oder bei einer anderen. Du musst es nur versuchen.
Nicht so viel reden, mehr handeln. Ich glaube aber, dass Irma seit ein paar
Wochen einen neuen Freund hat.«
»Ach ja? Gut zu wissen: Aber eines ist klar, wenn ich meine Haare noch hätte,
würde ich das Terrain bei ihr trotzdem mal abchecken. Seit meiner Scheidung
habe ich so etwas nicht mehr gemacht. Wenn ich noch alle Haare auf meinem Schädel
hätte, wenn sie ihn noch schön bedecken und warm halten würden, dann hätte
ich auch den Mut, eine Frau wie Irma anzusprechen.«
Er verschränkte die Arme und sah zu dem Teilnehmer hinüber, der gerade das
Wort ergriffen hatte. Wie ein Erstklässler saß er da in seiner Schulbank und
tat so, als widmete er dem Sprecher alle Aufmerksamkeit. »Aber meine Ex hat ja
alles mitgenommen. Alles. Mein Selbstwertgefühl, mein Häuschen in den Bergen,
mein Herz, mein Girokonto, die Anrichte meiner Oma, den kleinen Jorgito! Das
Einzige, was sie mir gelassen hat, ist mein katastrophaler Haarausfall. Und die
paar Strähnen, die ich bis vor kurzem noch hatte, hat der Fahrtwind
weggeblasen, weil ich so viel mit dem Motorrad rumfahren muss, seit sie mir nämlich
auch mein Auto weggenommen hat.«
»Komm schon, hör auf, dich zu beklagen, wir sind doch hier, um das Glück zu
suchen, oder?« Ulises deutete auf die nachdenkliche und eindrucksvolle Gestalt
Vilis, der in der Mitte des Zirkels saß, den die Leute in der überfüllten
Akademie um ihn gebildet hatten.
»Das Glück?« Jorge verzog traurig seine dünnen Lippen. »Ja, natürlich, das
Glück...« Nachdenklich kniff er die Augen zusammen. »Ich hätte schon Lust,
ihm irgendwann mal zu begegnen, ich gäbe wer weiß was drum, wenn ich dieser
Hure Glück mal eine knallen könnte.«
Ulises versuchte, seinen Sohn festzuhalten, der auf den Boden klettern und im
Saal herumkrabbeln wollte. Draußen war es dunkel geworden, und die Straßenlichter
überzogen die Scheiben der riesigen Fensterwand mit einer Patina künstlicher
Helligkeit.
»Wir sind alle so schrecklich allein in dieser Welt!«, hörte er jemanden mit
dumpfer Stimme sagen.
Er wandte den Kopf und erblickte einen Mann mittleren Alters, den er nicht
kannte, der heute vielleicht zum ersten Mal hierher gekommen war, obwohl, gut möglich,
dass er ihm bisher einfach nur nicht aufgefallen war. Er trug Handschuhe, sein
ängstliches, misstrauisches Gesicht war wie die Vorankündigung eines
schrecklichen Ereignisses, das keiner der Anwesenden würde verhindern können.
Ulises hätte nie gedacht, dass er mit seiner Vorahnung Recht behalten sollte.
Der Mann weckte augenblicklich seine Aufmerksamkeit: Er sah irgendwie
mitgenommen aus und hatte an den Schläfen merkwürdige Hautrisse, man hatte den
Eindruck, er habe in seinem Leben so viel nachgedacht, bis die Knochen dem
unerbittlichen Abrieb durch die an den Kopf gepressten Finger Tribut gezollt
hatten; fasziniert betrachtete er ihn noch einen Moment, musste seine
Observation aber ohne weiteres Ergebnis abbrechen, da Telémaco unruhig wurde
und seine ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkte.
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