Born Bad von Andrew Vachss, 2002, Eichborn

Andrew Vachss

aus: Born Bad

Die schwarze Corvette glitt in eine Parkbucht hinter dem smoggrauen, fensterlosen Gebäude. Gene schaltete die Zündung aus. Lauschte in die Stille. Er nahm ein rechteckiges Lederetui aus dem Fach hinter den Sitzen, stieg aus, knallte die Tür zu. Er schloß den Wagen nicht ab.

Gene ging langsam durch die labyrinthartigen Korridore. Die Tür am Ende hatte kein Schild. Ein stämmiger Mann in Armeejacke sah ihn näher kommen, nahm keine Sekunde den Blick von Genes Händen.

"Ich will zu Monroe."
"Tut mir leid, Kleiner. Der ist mit einer Partie beschäftigt."
"Ich bin derjenige welcher."
Die Augen des stämmigen Mannes wanderten zu Genes Gesicht. "Er wartet seit über einer Stunde auf dich." Gene ging an dem Wachtposten vorbei in einen langen, schmalen Raum. Ein mit grünem Filz bespannter Pooltisch unter einer Reihe Hängelampen. An den Wänden Männer auf Bänken. Er sah das Zeichen an der gegenüberliegenden Wand: der große Pfeil - EXIT - direkt hinter Monroe. Sie waren da: Irish, der nervös Kugeln über den grünen Filz stieß, wartend. Und Monroe. Ein ungeheuer fettes Ding, umgeben von Schmarotzern. Knochenlos. Nur seine Augen verrieten Leben. Sie funkelten gierig aus den Tiefen der fleischigen Rollen seines Gesichts. Sein achthundert Dollar teurer schwarzer Anzug flatterte um seinen Körper, als wolle er das Fleisch nicht berühren. Monroes dünnes Haar war wie schwarzes Lackleder, durch eine Politur aus Schweiß an die niedrige Stirn geklatscht. Sein großer Kopf ruhte auf dem Wabbelhals. Seine Hände waren teigig rosafarbene Fleischhaufen am Ende kurzer Arme. Sein Lächeln war eine Narbe, und die furchteinflößende Aura, die er verströmte, war gefängnisscharf.

"Fast wärst du zu spät gekommen, Junge."
"Jetzt bin ich hier."
"Ich laß es dir durchgehen, Gene. Diesmal kürz ich dir nichts." Die Zuschauer grinsten, reagierten auf ihr Stichwort. "Drei Riesen, wenn du gewinnst", sagte Monroe.

Sie näherten sich dem niedrigen, sauberen Tisch. Gene ließ eine Hand sanft über die dicht gewebte Oberfläche gleiten, spürte die Ruhe, die sich wie immer in ihm ausbreitete. Er öffnete sein Lederetui und schraubte das Queue zusammen. Irish bekam den Anstoß. Gene rauhte sorgfältig die Spitze seines Queue an, trug den blauen Kalk auf. Trat an den Tisch, hielt den weißen Spielball in der linken Hand, spielte mit ihm, wartete.

"Denk nicht mal ans Verlieren", kam Monroes Stimme merkwürdig dünn. Gene spielte eine perfekte Serie. Irish ging einmal um den Tisch, sah, was nicht da war. Er spielte auf Sicher. Der Raum war still.
"Sieben in die Ecke."
Mit diesem Stoß war Gene wieder dran und versenkte die restlichen Kugeln. Er beobachtete Monroes feucht glänzendes Gesicht im Dämmerlicht, während die Kugeln neu aufgestellt wurden. Erjagte die Anstoßkugel ins Ziel, die anderen Kugeln bebten. Und er schickte die restlichen Kugeln in die Taschen, die nur für ihn dazusein schienen. Die bunten Kugeln gehörten ihm: manche ließ er über die Bande gehen, andere schnitt er messerscharf an oder spielte raffinierte Kombinationen. Brachte alle in ihre Taschen. Irish schaute eine Weile zu. Dann setzte er sich und starrte zu Boden. Steckte sich eine Zigarette an. Es wurde dunkler im Raum. Gene lächelte und verpatzte den nächsten Stoß. Irish stürzte an den Tisch. Lange Zeit spielte er bedächtig und zu vorsichtig. Als er fertig war, hatte er zwölf Kugeln Vorsprung, fünfundzwanzig noch zu spielen. Aber nun war Gene an der Reihe.

Und Gene lächelte Monroe wieder ins Gesicht. Beobachtete, wie der Mann sorgfältig eine Zigarette exakt in die Mitte seines Mundes steckte und einen Speichellecker wegwinkte, der sofort aufgesprungen war und ihm Feuer geben wollte. Und stieß wieder daneben ... deutlich.

Irish putzte die Kugeln vom Tisch, wartete ungeduldig auf den Rahmen. Er roch den Druck und wollte seine Glückssträhne nicht verlieren. Irish stieß erfolgreich an, spielte die restlichen Kugeln und beendete das Spiel. EXIT glühte im Hintergrund. Als die letzte Kugel versenkt war, drehte er sich um:
"Du schuldest mir Geld, Monroe."
Seine Stimme bebte. Einer von Monroes Männern legte ihm Geld in die geöffnete Hand. Der fette Mann sprach, sanft und eiskalt:
"Möchtest du noch mal spielen?"
"Nein, ich spiele nicht noch mal. Ich muß verrückt gewesen sein. Du hättest es durchgezogen. Ja. Du fetter, mieser Dreckskerl ..."
Einer der ruhig wartenden Männer verpaßte ihm einen harten Schlag unter das Herz. Andere traten vor, um ihn aus dem Raum zu schleifen.
"Laßt ihm das Geld", befahl Monroe.
Gene drehte sich um und blickte den fetten Mann stumm an. Fast geschafft ...
"Wirst du mich umbringen, Monroe?"
"Nein, Gene. Ich will dich nicht umbringen."
"Dann gehe ich jetzt."
Gene wurde links und rechts gepackt und zum Stuhl des fetten Mannes gebracht.
"So was wirst du nicht noch mal machen. Nie wieder."
Monroe drückte die hungrige Spitze seiner rotglühenden Zigarette tief in das Gesicht des Jungen, direkt unter ein Auge. Kurz bevor er das Bewußtsein verlor, erinnerte sich Gene, daß Monroe nicht rauchte.

Er kam wieder zu sich, das Gesicht im Gras. Er begann sich zu erheben, und die Erde klebte an seinem verunstalteten Gesicht. Seine Schreie waren Triumph.

Rezension I Buchbestellung 0I03 LYRIKwelt © Eichborn