Rita Utzenrath

Tutmirgut
Oder: Nichts Genaues weiß man nicht

Es gibt eine neue Form des zwischenmenschlichen Miteinanders.

Nahezu unbekannt ist diese neueste Variante, und auch mir wäre sie nicht aufgefallen, hätten sich nicht in der letzten Zeit einige Fälle gehäuft. Vielleicht ist Ihnen die neuartige Spezies aber auch schon begegnet.

Sie heißt: "Ertutmirgut-undichtuihmgut".

Oder, je nach Geschlecht: "Sietutmirgut-undichtuihrgut".

Kapiert?

Es handelt sich hier um eine ganz spezielle Beziehungs-Gattung, oder vielmehr: Nicht-Beziehungs-Gattung. Denn charakteristisch für diese Form ist eins: Man erfährt nichts, aber auch gar nichts über sie. Außer den oben zitierten Worten, versteht sich. Mit "Ertutmirgut-undichtuihmgut" scheint alles gesagt zu sein.

Mehr gibt es nicht. Mehr gab es nicht. Mehr wird es nie geben.

Aber was, um Himmel willen, gibt es denn? Wissenschaftliches, hartnäckiges Fragen ist erforderlich. So bei meiner Arbeitskollegin Uta. Nachts um 2 Uhr habe sie noch Besuch bekommen. "So?", gab ich interessiert von mir. "Bahnt sich da irgendetwas Neues an?" Entrüstetes "Neiin!" "Ja, wer kommt dich denn nachts um zwei besuchen!!?" "Och, nur so ein Bekannter." "So. Ist ja auch die beste Zeit, um Kaffee zu trinken. Verstehe". Hartnäckiges Schweigen. Inzwischen weiß ich: Dies ist das erste Anzeichen von "Tutmirgut-ichtugut".

Eine Woche später: Aha, das Phantom war wieder da. Wieder nachts. Meine Frage: "Beobachtet ihr vielleicht Fledermäuse oder was?" Und jetzt die Antwort: "Ach weißt du, ertutmirgut-undichtuihmgut. Das ist eigentlich schon alles." Aha! So einfach ist das! Aber: Was ist es? Früher hatten wir herrliche Bezeichnungen für geschlechtliches Miteinander, unter denen man sich konkret etwas vorstellen konnte. Ehe, Beziehung, platonische Freundschaft, Liaison, Verhältnis, Amouren oder „Krösken“. Ein herrlicher Ausdruck aus dem Kölner Raum für eine ganz bestimmte unbestimmte Art der Verbindung. Wo nun ist "Tutmirgut" anzusiedeln?
Die Betroffenen schweigen still.

So auch mein Uralt-Freund Harry. Seit einigen Wochen war er, der alleine lebt, plötzlich auf dem Fernsehturm Cocktail trinken, hatte sein neues Bücherregal mit jemandem zusammen aufgebaut, war nächtens außer Haus. "Mit wem warst du denn weg? Erzähl doch mal. Hast du jemand Nettes kennengelernt?" "Neee!!" Verbohrtes in den Boden Starren. Sind wir eigentlich im Mittelalter?

Die ominösen Treffen zogen sich über Wochen hin und ich vermutete schon, Harry sei in ein Untergrund-Doppelleben verwickelt, als er und "Tutmirgut" eines Abends vor meiner Tür standen. Eigentlich sah sie aus wie ein ganz normaler Mensch. Sogar wie ein ganz netter Mensch. Sie war auch der Sprache mächtig, nahm Speis und Trank zu sich, wie wir Menschen es zu tun pflegen, und als ich sie extra einmal kurz berührte, um zu sehen, ob sie wirklich existiert, fühlte sie sich ganz lebendig an.

Die beiden gingen, wie sie gekommen waren.

Und als ich am nächsten Tag bei Harry ermitteln wollte, was denn nun eigentlich Sache sei, kam die unvermeintliche Antwort: "Ach du, sietutmirgut-undichtuihrgut. Das ist eigentlich schon alles."

Aha. Ich gebe es auf. „Tutmirgut“ ist etwas absolut Undefinierbares. Mit menschlichem Verstand nicht zu ermessen. Wahrscheinlich eine außerirdische Beziehungsform, die sich unter den Menschen ausbreitet. Sozusagen mit dem grausamen Tutmir-Virus. Unrettbar.

Achten Sie doch einfach mal drauf. Es scheint eine Epidemie zu werden.

(1999)

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