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Feindesland
(Leseprobe aus:
Feindesland, Roman (2010,
Scherz).
Ausweichmanöver
Den ersten Arbeitstag in der Agentur beende ich bedeutend früher
als Hartmut und Caterina. Als bloß nach Projekten bezahlter
Offiziell-gar-nicht-da-Seiender kann ich das Gebäude um 16 Uhr
verlassen, während meine Lieben noch mindestens bis 20 Uhr
über Hipps neuen Brei für Erwachsene grübeln. Wie lange sie
genau bleiben, hängt davon ab, wann der erste Kollege Feierabend
macht. Das sei das ungeschriebene Gesetz der Werbebranche, hat
mir Gerd in unserem Hausmeisterkeller erklärt: Keiner geht nach
Hause, bevor nicht der Erste nach Hause geht. Streng genommen
führt das dazu, dass nie jemand geht, was auch häufig genug
passiere. »Wie oft klingelte damals um 4 Uhr nachts mein Telefon
«, erinnerte sich Gerd, »bis ich den Mädels beigebracht hatte,
dass ihre Gesetze nicht für das Facilitymanagement gelten.« Bei
›Facilitymanagement‹ lachte er. Dazu lief Barry White auf seinem
alten Kassettenrekorder. 4 Uhr nachts … Ich mache mir Sorgen
um meine Lieben. Ich mache mir Sorgen um uns.
Ich beschließe, mit der U-Bahn nicht direkt bis nach Hause zu
fahren, sondern früher auszusteigen und mir anzusehen, wo wir
eigentlich leben. Ich verlasse die U-Bahn an der Haltestelle Seestraße
und klettere mit den Rentnern, Studenten, Kleinkriminellen
und Müttern die dreckige Treppe hinauf aus dem Schacht.
Ein Drogeriemarkt neben dem Aufgang verscheuert ein eigentlich
teures Duschgel für sensationelle 99 Cent die Flasche. Anti-
Hangover mit Rubbelperlen, ein Gel, das wach hält, egal, was
passiert. Duschen statt schlafen. Schlafen können wir noch, wenn
wir tot sind.
Ich schlurfe zur Kreuzung. Ein gelber Kasten an der Ampel
klopft den Blinden den Takt. Vor dem Kinocenter Alhambra lungern
junge Leute mit silbernen Panzergliedketten herum. Die
Vokuhila-Frisur scheint im arabischen Umfeld wieder zu neuen
Ehren zu kommen. Eine digitale Laufschrift kündigt die kommenden
Filme an. Vor meinen Füßen dampft ein erst zwei Ampelphasen
junger, aus drei Würsten bestehender Hundehaufen. Auf
Augenhöhe schlingt sich eine große Hand um den Mast der Ampel,
als wolle sie ihn würgen. Sie gehört zu dem Fahrradkurier, den
wir vorgestern hinterm Reichstag getroffen haben. Seine straffen
Waden bewegen sachte die Pedale hin und zurück, um das Rad im
Stand auszubalancieren. Ein kleiner Hautfetzen seiner Akne wackelt,
als er mich anspricht: »Wohnt ihr in diesem Viertel?«
Ich zeige nach Nordwesten, über den Kinopalast hinweg. Der
Mann folgt meiner Geste mit den Augen und denkt still über
unsere Überlebenschancen nach. Ich spüre, dass ihm mehr auf
der Zunge liegt, doch er sagt nur: »Passt hier mit den Kneipen
auf. Am besten meidet ihr sie komplett.« Er spitzt die Lippen, so
dass sich seine Wangenknochen nach oben schieben. »Ja«, bekräftigt
er, den Blick geradeaus, »meidet sie.« Die Ampel wird grün,
er saust davon.
Ich gehe die Müllerstraße hinab, langsam, ich lasse mir Zeit. Vor
dem Eingang des Urnenfriedhofs steht ein Mann und sieht
stumm hinein ins Gelände, eine Hand am Gitter. Dann dreht er
sich um, geht die Straße hinab an mir vorüber und hustet, ein
lautes und unerbittliches Husten. Eine Bugwelle aus Schleim
schiebt sich in seinem Inneren über die Bronchien und zieht Tentakeln
aus rostigen Ketten hinter sich her. Ich weiche ihm aus.
Auf der anderen Straßenseite grenzen der Internetshop Net-Nex,
der Call-Shop Netbox und der Gebrauchtelektronikladen Net-
Tek direkt aneinander. In keinem der drei ist Kundschaft zu sehen.
Vor dem Yildiz-Café plauschen zwei alte Männer, deren Hosenbünde
zwei Nummern zu klein sind. Ich weiche einem weiteren
Hundehaufen aus, einem Viermaster, noch unberührt. Ein Mann
in Jeansjacke hustet knöchern. Ich weiche den Bakterien aus.
Zwei Teenagermädchen hüpfen aus einem Shop, der Kunstlederhandtaschen
mit Nieten für drei Euro verschleudert. Sie schnattern.
Dann niesen sie. Ich beschleunige meinen Schritt. Vor der
Post lehnt ein Trinker an der Wand und wippt, auf den Fersen
hockend, regelmäßig vor und zurück. Als ich ihn erreiche, kippt
er mir vornüber vor die Füße, fängt sich mit einer Hand ab und
verflucht sich und die Welt. Ich weiche dem Trinker aus. Gegenüber
verlässt ein Mann in grauer Jogginghose aus Baumwolle die
Döneria mit zwei randvollgepackten Tüten Hammelfleisch in
Brot. Er überquert die Straße und beeilt sich, auf den diesseitigen
Bürgersteig zu kommen. Unter der Jogginghose klingeln gut
sichtbar seine Glocken. Mit jedem Schritt beulen sie die graue
Baumwolle aus. Mein Gott, denke ich, der Mann kauft frisches
Fleisch in Brot und trägt keine Unterwäsche. Ich gehe schneller.
Der Spaziergang hat wenig Spazierendes mehr. Kurz vor dem
großen, beruhigend altertümlichen Gebäude des Paul Gerhardt
Stifts liegt die Videothek. Ich überlege, kurz in ihr zu verschwinden
und die Hüllen von Spielen und Filmen zu lesen, bis draußen
mehr Ruhe herrscht, doch erstens herrscht auf der Müllerstraße
nie Ruhe, und zweitens steht ein wuchtiger, käseweißer Kerl ohne
Haare mit verschränkten Armen in der Tür. Er trägt ein dunkelblaues
T-Shirt von Umbro. Seine Panzergliedkette baumelt nicht
so locker wie bei den Arabern vor dem Alhambra, sondern
quetscht sich in einen Fleischwulst seines Nackens. Vor dem Dis
play mit den Dutzenden bedruckten Schildern der Arzt- und
Therapieangebote, die der gigantische Komplex des Paul Gerhardt
Stifts anbietet, bleibe ich kurz stehen und frage mich, was
Psychotherapie, Akupunktur und Stressabbau wohl kosten. Ein
Haufen neben meinem Schuh lenkt mich ab, nur um einen Zentimeter
habe ich ihn verfehlt, das kleine Biest versucht gerade,
den Rest der Strecke in unauffälligen Millimeter-Rutschern zurückzulegen,
um sich doch noch unter meine Sohle zu hangeln.
Ich verlasse die Müllerstraße und biege in die Barfusstraße ein.
Hier ist es etwas ruhiger. Große, ehrwürdige Eschen und Kastanien
rauschen über den breiten Bürgersteigen. Man kann die Vögel
besser hören, da man sich von der Verkehrsader Müllerstraße
entfernt. Ein hagerer Mann schiebt einen Doppelkinderwagen
neben einer Frau daher und raucht dabei. Er hat oben drei und
unten fünf Zähne, zahllose Furchen im Gesicht und eine handtellergroße
Spinne auf dem Hals. Ihr Körper ist exakt auf den
Kehlkopf tätowiert, die Beine ziehen sich über den Hals. Man
weiß nicht, ob der Mann die zwei Kinder in dem Doppelbuggy
selbst gezeugt hat oder ob er der Vater der Frau ist, die in einer
schwarzen, glänzenden Hose von Reebok und einem tiefausgeschnittenen
weißen Top neben ihm läuft. Man weiß nur, dass er
nicht gesund sein kann, da auch er exakt auf meiner Höhe so zu
husten beginnt, als fuhrwerke ein sadistischer Entführer mit einem
Schraubenzieher an seinen Mandeln herum. Ich umgehe
ihn weitläufig, muss aber schon wieder aufpassen, da sich von
einem Balkon ein Schwall Wasser auf die Straße ergießt. Berlin
ist ein einziges Ausweichmanöver.
(...)Rezension I Buchbestellung I home II10 LYRIKwelt © Scherz Verlag