Feindesland von Oliver Uschmann, 2010, Scherz

Oliver Uschmann

Feindesland
(Leseprobe aus: Feindesland, Roman (2010, Scherz).

Ausweichmanöver

Den ersten Arbeitstag in der Agentur beende ich bedeutend früher

als Hartmut und Caterina. Als bloß nach Projekten bezahlter

Offiziell-gar-nicht-da-Seiender kann ich das Gebäude um 16 Uhr

verlassen, während meine Lieben noch mindestens bis 20 Uhr

über Hipps neuen Brei für Erwachsene grübeln. Wie lange sie

genau bleiben, hängt davon ab, wann der erste Kollege Feierabend

macht. Das sei das ungeschriebene Gesetz der Werbebranche, hat

mir Gerd in unserem Hausmeisterkeller erklärt: Keiner geht nach

Hause, bevor nicht der Erste nach Hause geht. Streng genommen

führt das dazu, dass nie jemand geht, was auch häufig genug

passiere. »Wie oft klingelte damals um 4 Uhr nachts mein Telefon

«, erinnerte sich Gerd, »bis ich den Mädels beigebracht hatte,

dass ihre Gesetze nicht für das Facilitymanagement gelten.« Bei

›Facilitymanagement‹ lachte er. Dazu lief Barry White auf seinem

alten Kassettenrekorder. 4 Uhr nachts … Ich mache mir Sorgen

um meine Lieben. Ich mache mir Sorgen um uns.

Ich beschließe, mit der U-Bahn nicht direkt bis nach Hause zu

fahren, sondern früher auszusteigen und mir anzusehen, wo wir

eigentlich leben. Ich verlasse die U-Bahn an der Haltestelle Seestraße

und klettere mit den Rentnern, Studenten, Kleinkriminellen

und Müttern die dreckige Treppe hinauf aus dem Schacht.

Ein Drogeriemarkt neben dem Aufgang verscheuert ein eigentlich

teures Duschgel für sensationelle 99 Cent die Flasche. Anti-

Hangover mit Rubbelperlen, ein Gel, das wach hält, egal, was

passiert. Duschen statt schlafen. Schlafen können wir noch, wenn

wir tot sind.

Ich schlurfe zur Kreuzung. Ein gelber Kasten an der Ampel

klopft den Blinden den Takt. Vor dem Kinocenter Alhambra lungern

junge Leute mit silbernen Panzergliedketten herum. Die

Vokuhila-Frisur scheint im arabischen Umfeld wieder zu neuen

Ehren zu kommen. Eine digitale Laufschrift kündigt die kommenden

Filme an. Vor meinen Füßen dampft ein erst zwei Ampelphasen

junger, aus drei Würsten bestehender Hundehaufen. Auf

Augenhöhe schlingt sich eine große Hand um den Mast der Ampel,

als wolle sie ihn würgen. Sie gehört zu dem Fahrradkurier, den

wir vorgestern hinterm Reichstag getroffen haben. Seine straffen

Waden bewegen sachte die Pedale hin und zurück, um das Rad im

Stand auszubalancieren. Ein kleiner Hautfetzen seiner Akne wackelt,

als er mich anspricht: »Wohnt ihr in diesem Viertel?«

Ich zeige nach Nordwesten, über den Kinopalast hinweg. Der

Mann folgt meiner Geste mit den Augen und denkt still über

unsere Überlebenschancen nach. Ich spüre, dass ihm mehr auf

der Zunge liegt, doch er sagt nur: »Passt hier mit den Kneipen

auf. Am besten meidet ihr sie komplett.« Er spitzt die Lippen, so

dass sich seine Wangenknochen nach oben schieben. »Ja«, bekräftigt

er, den Blick geradeaus, »meidet sie.« Die Ampel wird grün,

er saust davon.

Ich gehe die Müllerstraße hinab, langsam, ich lasse mir Zeit. Vor

dem Eingang des Urnenfriedhofs steht ein Mann und sieht

stumm hinein ins Gelände, eine Hand am Gitter. Dann dreht er

sich um, geht die Straße hinab an mir vorüber und hustet, ein

lautes und unerbittliches Husten. Eine Bugwelle aus Schleim

schiebt sich in seinem Inneren über die Bronchien und zieht Tentakeln

aus rostigen Ketten hinter sich her. Ich weiche ihm aus.

Auf der anderen Straßenseite grenzen der Internetshop Net-Nex,

der Call-Shop Netbox und der Gebrauchtelektronikladen Net-

Tek direkt aneinander. In keinem der drei ist Kundschaft zu sehen.

Vor dem Yildiz-Café plauschen zwei alte Männer, deren Hosenbünde

zwei Nummern zu klein sind. Ich weiche einem weiteren

Hundehaufen aus, einem Viermaster, noch unberührt. Ein Mann

in Jeansjacke hustet knöchern. Ich weiche den Bakterien aus.

Zwei Teenagermädchen hüpfen aus einem Shop, der Kunstlederhandtaschen

mit Nieten für drei Euro verschleudert. Sie schnattern.

Dann niesen sie. Ich beschleunige meinen Schritt. Vor der

Post lehnt ein Trinker an der Wand und wippt, auf den Fersen

hockend, regelmäßig vor und zurück. Als ich ihn erreiche, kippt

er mir vornüber vor die Füße, fängt sich mit einer Hand ab und

verflucht sich und die Welt. Ich weiche dem Trinker aus. Gegenüber

verlässt ein Mann in grauer Jogginghose aus Baumwolle die

Döneria mit zwei randvollgepackten Tüten Hammelfleisch in

Brot. Er überquert die Straße und beeilt sich, auf den diesseitigen

Bürgersteig zu kommen. Unter der Jogginghose klingeln gut

sichtbar seine Glocken. Mit jedem Schritt beulen sie die graue

Baumwolle aus. Mein Gott, denke ich, der Mann kauft frisches

Fleisch in Brot und trägt keine Unterwäsche. Ich gehe schneller.

Der Spaziergang hat wenig Spazierendes mehr. Kurz vor dem

großen, beruhigend altertümlichen Gebäude des Paul Gerhardt

Stifts liegt die Videothek. Ich überlege, kurz in ihr zu verschwinden

und die Hüllen von Spielen und Filmen zu lesen, bis draußen

mehr Ruhe herrscht, doch erstens herrscht auf der Müllerstraße

nie Ruhe, und zweitens steht ein wuchtiger, käseweißer Kerl ohne

Haare mit verschränkten Armen in der Tür. Er trägt ein dunkelblaues

T-Shirt von Umbro. Seine Panzergliedkette baumelt nicht

so locker wie bei den Arabern vor dem Alhambra, sondern

quetscht sich in einen Fleischwulst seines Nackens. Vor dem Dis

play mit den Dutzenden bedruckten Schildern der Arzt- und

Therapieangebote, die der gigantische Komplex des Paul Gerhardt

Stifts anbietet, bleibe ich kurz stehen und frage mich, was

Psychotherapie, Akupunktur und Stressabbau wohl kosten. Ein

Haufen neben meinem Schuh lenkt mich ab, nur um einen Zentimeter

habe ich ihn verfehlt, das kleine Biest versucht gerade,

den Rest der Strecke in unauffälligen Millimeter-Rutschern zurückzulegen,

um sich doch noch unter meine Sohle zu hangeln.

Ich verlasse die Müllerstraße und biege in die Barfusstraße ein.

Hier ist es etwas ruhiger. Große, ehrwürdige Eschen und Kastanien

rauschen über den breiten Bürgersteigen. Man kann die Vögel

besser hören, da man sich von der Verkehrsader Müllerstraße

entfernt. Ein hagerer Mann schiebt einen Doppelkinderwagen

neben einer Frau daher und raucht dabei. Er hat oben drei und

unten fünf Zähne, zahllose Furchen im Gesicht und eine handtellergroße

Spinne auf dem Hals. Ihr Körper ist exakt auf den

Kehlkopf tätowiert, die Beine ziehen sich über den Hals. Man

weiß nicht, ob der Mann die zwei Kinder in dem Doppelbuggy

selbst gezeugt hat oder ob er der Vater der Frau ist, die in einer

schwarzen, glänzenden Hose von Reebok und einem tiefausgeschnittenen

weißen Top neben ihm läuft. Man weiß nur, dass er

nicht gesund sein kann, da auch er exakt auf meiner Höhe so zu

husten beginnt, als fuhrwerke ein sadistischer Entführer mit einem

Schraubenzieher an seinen Mandeln herum. Ich umgehe

ihn weitläufig, muss aber schon wieder aufpassen, da sich von

einem Balkon ein Schwall Wasser auf die Straße ergießt. Berlin

ist ein einziges Ausweichmanöver.

(...)

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