Olympiawinter
In diesem Winter hatte Hans dieses richtig gute Zimmer
in Stuttgart. Es war ein Eckzimmer mit einem Erker,
und in dem Erker waren zwei richtig große Fenster,
und von den Fenstern des Erkers in Hansens Zimmer
sah man die ganze Stadt, die ganzen Häuser und
Türme und Hügel von Stuttgart, und über den ganzen
Häusern und Türmen und Hügeln von Stuttgart den
Himmel, und das richtig gut. Wir aber sahen kaum aus
den Fenstern, wir saßen meist nur still auf den Matratzen
rum, die fast den ganzen Boden von Hansens Zimmer
bedeckten, Gomo und Long Dong und Hans und
ich, und wir rührten uns nicht, und meist lief der Fernseher,
und im Fernseher lief meist Biathlon oder
Langlaufen, oder so etwas Ähnliches, denn es war ja
Olympiawinter. Abends machten wir die Rollladen zu
und tranken Bier, Wodka und Bier, wir donnerten uns
zu mit Wodka und Bier, bis wir gar nichts mehr wussten,
uns an nichts mehr erinnerten und die Augen zumachten,
und morgens machte Hans dann die Rollladen
wieder auf und den Fernseher an.
Manchmal ließ einer von uns, meist Hans oder ich, ein
Ding steigen, und die Luft war dann richtig schlecht,
und manchmal machte dann einer, meist einer der anderen
beiden, die Fenster auf, manchmal lachte auch
einer. Meist aber rührte sich keiner, und die Fenster blieben
zu und das Ding in der Luft, und das Ding breitete
sich in der Luft von Hansens Zimmer aus wie Blut in
lauwarmem Badewasser – es blieb nicht in der einen
Ecke kleben, in der es rausgekommen war, sondern es
war mit einem Mal überall, erst weniger stark und dann
stärker, und dann überall ganz stark, und es füllte die
ganze Luft aus im Zimmer, ohne dass man sagen hätte
können, woher es gekommen war. Und wir alle, Gomo
und Long Dong und Hans und ich, wir rührten uns
nicht, wir saßen nur rum und starrten in den Fernseher.
Und es war uns scheißegal, dass die Luft, die wir vier
Jungs hier einatmeten, nur noch ein einziges Ding war,
von dem niemand mehr wusste, wer es eigentlich steigen
gelassen hatte, ob Gomo oder Long Dong oder
Hans oder ich, es war jetzt einfach unser Ding, und, das
war uns klar, da waren wir uns sicher: es würde vorbeigehen,
so oder so.
(...)
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