Andreas Unterweger

Olympiawinter

In diesem Winter hatte Hans dieses richtig gute Zimmer

in Stuttgart. Es war ein Eckzimmer mit einem Erker,

und in dem Erker waren zwei richtig große Fenster,

und von den Fenstern des Erkers in Hansens Zimmer

sah man die ganze Stadt, die ganzen Häuser und

Türme und Hügel von Stuttgart, und über den ganzen

Häusern und Türmen und Hügeln von Stuttgart den

Himmel, und das richtig gut. Wir aber sahen kaum aus

den Fenstern, wir saßen meist nur still auf den Matratzen

rum, die fast den ganzen Boden von Hansens Zimmer

bedeckten, Gomo und Long Dong und Hans und

ich, und wir rührten uns nicht, und meist lief der Fernseher,

und im Fernseher lief meist Biathlon oder

Langlaufen, oder so etwas Ähnliches, denn es war ja

Olympiawinter. Abends machten wir die Rollladen zu

und tranken Bier, Wodka und Bier, wir donnerten uns

zu mit Wodka und Bier, bis wir gar nichts mehr wussten,

uns an nichts mehr erinnerten und die Augen zumachten,

und morgens machte Hans dann die Rollladen

wieder auf und den Fernseher an.

Manchmal ließ einer von uns, meist Hans oder ich, ein

Ding steigen, und die Luft war dann richtig schlecht,

und manchmal machte dann einer, meist einer der anderen

beiden, die Fenster auf, manchmal lachte auch

einer. Meist aber rührte sich keiner, und die Fenster blieben

zu und das Ding in der Luft, und das Ding breitete

sich in der Luft von Hansens Zimmer aus wie Blut in

lauwarmem Badewasser – es blieb nicht in der einen

Ecke kleben, in der es rausgekommen war, sondern es

war mit einem Mal überall, erst weniger stark und dann

stärker, und dann überall ganz stark, und es füllte die

ganze Luft aus im Zimmer, ohne dass man sagen hätte

können, woher es gekommen war. Und wir alle, Gomo

und Long Dong und Hans und ich, wir rührten uns

nicht, wir saßen nur rum und starrten in den Fernseher.

Und es war uns scheißegal, dass die Luft, die wir vier

Jungs hier einatmeten, nur noch ein einziges Ding war,

von dem niemand mehr wusste, wer es eigentlich steigen

gelassen hatte, ob Gomo oder Long Dong oder

Hans oder ich, es war jetzt einfach unser Ding, und, das

war uns klar, da waren wir uns sicher: es würde vorbeigehen,

so oder so.

(...)

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