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Vieles hält sich im Schatten auf. An Stellen, wo das Licht nicht mehr hinreicht.
Ich schaue aus dem Seitenfenster, auf einen Himmel, der sich verändert. Eine rötliche Wolke sinkt herab, wird gefangen von den dünnen Zweigen eines toten Baumes.
Vincent fährt und fährt, keine Ahnung wohin, ich befinde mich im Nirgendwo.
Tombe Etrusche glaube ich auf einem Straßenschild entziffert zu haben, aber nicht einmal das kann ich mit Gewissheit sagen.Wir bewegen uns auf holpriger Fahrbahn, an den Seiten Wildwuchs und Gestrüpp. Dahinter muss das Meer liegen, ich kann es riechen.
Vincent schert an den Wegrand aus. Ein abgeholzter Fleck. Überquellende Müllcontainer, vereinzelte Pinien und Sand. Nichts weiter. Der Ort kommt mir bekannt vor, dann wieder nicht.
Vincent holt mich aus dem Wagen.
Wohin bringst du mich?
Ein Firmament voller Sterne. Der Himmel in diesem Ewigkeitsblau.
Die Sterne antworten nicht. Weder eine Schnuppe noch ein beruhigender Gedanke fliegen herunter.
Vincent nimmt mein Handgelenk, ich stolpere hinter ihm her, er scheint den Pfad zu kennen. Einmal reiße ich mich los, um die Laschen der Stoffschuhe zu lösen, barfüßig stapft es sich leichter durch nachgiebigen Grund.
Sobald wir auf der Düne sind, lässt er mich frei, sackt in eine Kuhle.
Deutlich kann ich Vincent atmen hören. Er hat den Kopf eingezogen, ihn zwischen die Schultern gesteckt. In die Knie sinkend stelle ich fest, dass der Sand schwarz ist. Ich nehme eine Handvoll. Matter schwarzer Sand. Vincent, warum?
Vincent schaut auf die ruhige Bucht, öffnet den Blick. Langsam blättern die Schultern ab, sein Kopf befreit sich aus dem Gefängnis.
„Hier ging Jakob ins Meer. Mit seinem Motorrad fuhr er die knapp dreißig Kilometer von euren Sommervillen zum Golfo di Baratti herauf. Die alte BMW fanden die Carabinieri auf dem Parkplatz, wo jetzt die Container stehen."
Wie in einem imaginären Fensterrahmen eingefasst sah ich das Stück Meer, wo Jakob in meiner Vorstellung ertrank. Das Stück Meer lag vor unseren Sommervillen.
Locken treiben im Wind. Solange ich Dinge erzählen konnte, solange durften sie wirklich sein.
Ich kämpfe mit mir … bin meine Antagonistin, meine Gegenspielerin. Unsere tiefsten Ängste sind die, die wir vor uns selbst haben. Nelson Mandela schrieb diesen Satz in seiner Autobiografie nieder, ich kritzelte nach, heftete ihn an die Pinnwand. Dort hängen Schlüsselworte. Unbeachtet. Vergessen.
Plötzlich beginnt die Bauchdecke zu beben. Ich starre auf Vincents Mund, wie er sich bewegt. Es gibt ein Fühlen, das kreidebleich macht, deinen Atem anhält, weil sich ringsum Abgründe auftun.
„Jakob war auch mein Vater."
Irrlichtgedanken.
Die Erde dreht. Wirft unklare Schemen.
Ein Mensch umarmt mich.
Ich weine und weine.
Dann ist es still. Selbst der Wind hat aufgehört zu blasen.
Die Stille bleibt unberechenbar. Noch traue ich ihr nicht. Gespensterstille.
Lange stehen wir Schulter an Schulter. Die Gesichter sind einem Meer zugewandt, das zu kalt ist, um darin zu schwimmen.
Endlich bleibt die Erde stehen.
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