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Auf den Fährten
des Försters
(aus: Zwölfeläuten,
Theaterstück/Erzählung, 1985/2001, Haymon)
Das zweite Kapitel: Auf den Fährten des
Försters
Von der Bergseite her stapft der Förster heran, ein einsamer Jäger in weißer
Wildnis. Sein deutscher Wolfshund hat die Tollwut gekriegt, von den Füchsen,
diesem Gesindel. Und es gibt keine rassereinen Jagdhunde mehr in der Gegend, nur
noch irgendwelche Rattler, Mischlinge ersten und zweiten Grades. Er biegt um die
Kirchhofmauer und hält das Jagdgewehr schußbereit in der Hand, den Jägerblick,
scharf wie ein Jagdhund, auf die Schrittspuren gerichtet. Grad waren sie noch
deutlich, aber an der Mauer verlieren sie sich, alles zerstampft. „Viel zu
viel Füß“, flucht er.
Der Pfarrer Glashüttner fährt herum: „Fichtelhuber! Bist nicht beim Begräbnis?“
„Mein Beileid“, sagt der Förster kalt. „Das da ist wichtiger!“
Der Pfarrer folgt seinem Blick, sucht im Matsch, was da wichtiger sein könnte,
findet nichts.
„Das da“, sagt der Förster, „ist viel wichtiger, das ist kriegswichtig,
Pfarrer!“
Der Pfarrer versteht nichts. „Was denn, um Himmelswillen?“
Der Förster deutet mit dem Gewehrlauf in den Schnee: „Partisanen! Und die
Spuren führen bis ins Dorf!“
Mit einer gewissen Genugtuung sieht er den Pfarrer Glashüttner erbleichen. Der
bringt kein Wort heraus, sieht aus, als suche er nach einem passenden Bibeltext.
„Ich muß jetzt zum Begräbnis“, sagt er schließlich und will davon.
„Der Ortsvorsteher muß her“, fordert der Förster. „Sagen Sie ihm, etwas
enorm Wichtiges wär passiert, und daß er sofort kommen soll!“
Der Pfarrer bockt: „Das geht nicht, er ist ja beim Begräbnis!“
„Er soll sich wegschleichen!“
Jetzt wird es dem Glashüttner zuviel, jetzt wird er widerständig. „Ein Förster
kann schleichen“, ätzt er, „aber ein Orstvorsteher kann sich nicht einfach
schleichen!“
Der Fichtelhuber hebt seine Stimme wie ein Fahne - da er der Fichtelhuber ist,
wie eine Hakenkreuzfahne: „Kruzitürken, Pfarrer! Partisanen!“
Der Pfarrer neigt den Kopf, verschränkt die Arme und wird zynisch: „Na und?
Es ist ja Krieg! Was erwartest du dir denn vom Krieg? Touristen?“
Das ist zuviel. Der Förster plustert sich auf: „Sie, Hochwürden! Ich bin der
Ortsgruppenleiter da, und ich sag Ihnen, das ist eine ernste Angelegenheit für
ganz Sankt Kilian! Gehen S’ in die Kirchn, lesen S’eine Messe oder spielen
S’ Orgel. Machen Sie, was Sie wollen, aber der Sonnleitner muß her zu mir!
Verstanden? Und zwar heimlich und sofort!“
Der Pfarrer versteift sich. Hier stehen sich politische Macht und Kirche gegenüber
und starren einander in die Augen. Auch eine Art Krieg. Er trotzt: „Zuerst
kommt die arme Lindmoserin ordentlich wie ein Christenmensch unter die Erd!“
Jetzt kriegt der Fichtelhuber schmale Augen, wie immer, wenn er ein Wild im
Visier hat, er wird gefährlich leise, und sein Schnauzbart sträubt sich.
„Sie wissen nicht, was ich weiß“, droht er. „Nicht nur, daß die
Partisanen da draußen herumziehen. Auch der Kreisleiter kommt. Er muß schon
bald da sein …“
Das sitzt, ein Blattschuß! „Jessasmaria“, entfährt es dem Pfarrer, und er
greift sich unwillkürlich ans Herz. „Woher weißt du denn das, Fichtelhuber?“
Der Förster steht stolz und kalt da. Als Ortsgruppenleiter ist er dem
angstgebeutelten Pfaffen keine Rechenschaft schuldig, aber er klärt ihn
gnadenhalber auf: „Auf einen Hirschen soll ich mit ihm gehn!“ Das wäre
nicht der erste Hirsch, den der Kreisleiter im Revier geschossen hat.
Der Pfarrer staunt auf seine simple Art: „Auf einen Hirschen? Aber es ist doch
Schonzeit!“
„Es ist Krieg, nicht Schonzeit“, stellt der Förster klar. „Alsdann,
schicken S’ mir den Ortsvorsteher her, Hochwürden!“
Der Pfarrer geht, und nach einem heiklen Gespräch mit der Kronhauserin, kommt endlich der Ortsvorsteher Sonnleitner.
„Da schau her“, ruft ihn der Förster zu
sich. „Die Spuren! So nah ans Dorf heran traut sich das Gsindel jetzt
schon!“
Langsam und würdevoll stapft der Ortsvorsteher näher und schaut, wohin der
Gewehrlauf deutet. Die Schneeflocken fallen jetzt dichter und legen sich sanft
auf ungewisse Spuren.
„Wer weiß, wer das war“, meint der Sonnleitner philosophisch.
Der Förster versteht das als Kritik an seiner Kompetenz. „Ich hab’s ja
selber gsehn, von weitem. Vom Ort sind sie kommen und im Wald sind s’
verschwunden…“
Damit ist der Ortsvorsteher persönlich eingebunden, da kann er sich nicht drücken.
„Echte Partisanen?“
„Mit Gewehren und allem drum und dran! Was könnten die denn gsucht haben in
Sankt Kilian?“
Hinter der harmlosen Frage verbirgt sich ein monströser Verdacht. Sonnleitner
schüttelt sich, klopft den Schnee vom Mantel und zuckt mit den Schultern:
„Vielleicht wollten sie nur ein Hendl stehlen…“
„Das glaubst du ja selber net“, faucht der Förster. „Alsdern, was machen
wir?“
Sonnleitner fühlt sich unbehaglich. „I muß zum Begräbnis“, sagt er, „i
halt ja eine Rede am Grab, kurz und ergreifend.“
„Aber Ortsvorsteher, wir müssen doch was tun!“ Der Förster läßt nicht
locker, ein verbissener Jagdhund.
„Was denn?“ stellt sich der Sonnleitner dumm.
„Na, den Spuren folgen“, fordert der Ortsgruppenleiter fanatisch, „die
Banditen jagen!“
Sonnleitner denkt kurz nach, dann hat er die Lösung: „Wenn du sie nicht gsehn
hättest, wüßten wir gar nichts davon. Also tun wir so, als hättest du sie
nicht gsehn. Pfiat di!“ Und flink wendet er sich ab. Aber der Förster läßt
ihn nicht von der Leine: „Du, Sonnleitner! Da wär noch was!“
„Was denn, Fichtelhuber?“
„Der Kreisleiter kommt! Er wird bald da sein!“
Der Ortsvorsteher zieht den Kopf ein wie ein frierender Vogel. Die wollenen
Ohrenschützer verschwinden zwischen dem aufgestellten Kragen des Lodenmantels.
Ein Seufzer steigt als Atemwolke auf: „An so einem Tag sollt man gar net erst
aufstehn!“
Der Fichtelhuber sieht das aber ganz anders: „Was denn? Das ist doch gut für
uns!“
„Wieso gut für uns?“
Der Förster drückt sein Kreuz durch, steht kerzengrad stramm, und trompetet
mit geblähtem Brustkorb zur Jagd: „Weil wir uns unter den Augen vom
Kreisleiter als Kämpfer an der Heimatfront Verdienste ums
Reich erwerben!“
Sonnleitner schaut am Fichtelhuber vorbei zum Waldrand hin und sagt nach einer
Weile mit dünnen Lippen: „Förster, du spinnst ja.“
Der setzt nach: „Statt eine banditenverdächtige Ortschaft wird Sankt Kilian
am Krahberg zur Speerspitze der Banditenbekämpfung im Hinterland!“
Der Ortsvorsteher stochert nachdenklich mit einer Schuhspitze im Schnee herum.
Der Förster ist ein Problem, denkt er, der begreift nicht, was sich verändert
hat seit Stalingrad. Die Russen stehen ja schon in Ungarn. „Wie stellst du dir
das vor“, fragt er schließlich. „Wir packen den Stier beim Schopf“, stößt
der Förster enthusiastisch hervor.
„Aber wie?“
„Indem wir unseren Mann stellen“, ruft der Förster.
„Na gut, aber welchen Mann denn?“ Berechtigte Frage. Alle, die sich stellen
könnten, sind längst an die Front gestellt - fast alle.
„Hör zu, Sonnleitner“, beschwört ihn der Fichtelhuber mit funkelndem
Blick. „Wir müssen eine Abteilung Landwacht aufstellen, die Landwacht von
Sankt Kilian! Eine Ehrensache für jeden Sankt Kilianer!“
„Weißt du was“, wiegelt der Ortsvorsteher ab, „ich meld es einfach der
Gendarmerie.“
Jetzt kriegt die Stimme des Försters einen nicht zu überhörenden drohenden
Unterton: „Das wär eine verdächtige Unverzeihlichkeit, Sonnleitner!“ Und
auf den fragenden Blick des anderen ereifert er sich:
„Jetzt sind die Spuren noch frisch! Jetzt müssen wir’s packen, das Gsindel!
Es gibt sogar einen Orden für Banditenbekämpfung! Der Jäger von Seeau hat ihn
kriegt …“
Der Ortsvorsteher ringt sich einen Entschluß ab: „Also gut - wir treffen uns
beim Hirschen, nach dem Begräbnis.“
„Alle tauglichen Männer“, fordert der Förster.
„Das werden nicht viel sein!“
„Das letzte Aufgebot“, sagt der Fichtelhuber großartig. „Heil Hitler,
Ortsvorsteher!“
Dem Sonnleitner zuckt instinktiv der Arm hoch, aber dann erinnert er sich an die
Russen, die schon in Ungarn stehen. „Pfiat di, Förster“, sagt er leise.
Dann kämpft er sich durch das dichter werdende Schneegestöber zurück zur
Trauergemeinde.
Der Förster wendet sich strammen Schritts seinem Forsthaus am Waldrand zu, den
Kopf voller Heldenlieder.
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