Die Lügen der Frauen von Ljudmila Ulitzkaja, 2003, Hanser

Ljudmila Ulitzkaja

Die Lügen der Frauen
(Leseprobe aus: Die Lügen der Frauen, Roman, 2003, Hanser - Übertragung Ganna-Maria Braungardt)

Der letzte Tag vor der Abreise begann mit einem Anruf. Eine Stimme mit kaukasischem Akzent fragte in schleppendem, singendem Tonfall nach Shenja.
»Hier ist Violetta, ich komme heute zu Ihnen saubermachen.«
Shenja hüstelte verschlafen und überlegte. Sie wollte sagen, daß es ihr heute nicht paßte, weil sie morgen verreise, in zehn Tagen sei sie zurück, da könnten sie etwas ausmachen. Doch dann dachte sie: Meinetwegen! Soll sie ruhig zweimal die Woche kommen, saubermachen und Essen kochen, die Männer verwöhnen. Jedesmal wenn Shenja dienstlich verreiste, empfand sie ein leises Schuldgefühl gegenüber ihrer Familie und ihrem Haushalt.
»Gut, kommen Sie her.«
»Ich bin bald da, in drei Stunden etwa, ich muß nämlich noch die Kinder fertigmachen.«
Shenja sah zur Uhr – es war dreiviertel acht. Um vier mußte sie bei der Lufthansa das Ticket abholen, und davor hatte sie noch ein paar Augiasställe auszumisten. Reinigung, Post und Hausverwaltung schaffte sie gerade bis elf. Punkt elf klingelte es. Shenja öffnete: Vor ihr stand ein Strauß kleiner Chrysanthemen, dahinter lächelte eine dicke Frau in einem mit Applikationen besetzten Mantel und einem rosa Schal mit grobem Lurexfaden. Zu ihrer Rechten ein etwa zehnjähriges Mädchen, zur Linken ein Junge im Vorschulalter. Der Junge trug einen Lkw auf dem Arm, der beinahe so groß war wie er selber, das Mädchen einen Tierkorb, aus dessen halboffener Tür ein riesiger Katzenkopf heraussah.
»Die Großen sind in der Schule, und den Kleinen lasse ich keinen Schritt von meiner Seite. Elvirotschka hat Husten, darum geht sie erst mal nicht zur Schule. Sie hat sowieso die besten Zensuren von allen.«
Während Shenja die senfgelben Blumen in Empfang nahm und die neue Situation verarbeitete, zog Violetta sich aus, half dem kleinen Achmet aus der Lederjacke, zog den beiden die Schuhe aus und stellte sie zusammen mit ihren eigenen ordentlich der Größe nach hin, die Spitzen akkurat nebeneinander. Sie streiften gestrickte Pantoffeln über, dann gingen sie alle drei ins Eßzimmer und setzten sich an den Tisch. Der Kater, einen strengen Ausdruck im grauen Gesicht, saß auf dem Schoß des Mädchens.
Violetta sollte sich im Laufe der Zeit als ein wahres Goldstück erweisen. Ihre älteste Tochter war mit achtzehn Jahren bei einem Brand während der Bombardierung von Grosny umgekommen. Der kleine Achmet hatte damals im Krankenhaus gelegen – die Familie war im Krankenhausflur unter Beschuß geraten, dabei war das Kind am Arm verwundet worden, der Vater am Bein. Der Kater war durch eine Bombenexplosion ertaubt, seitdem schleppte Elvira ihn auf dem Arm herum. Ein gutes Mädchen, hatte Mitleid mit dem Invaliden.
Violetta zog den Reißverschluß ihrer Tasche auf, nahm eine Tüte heraus und breitete geschäftig Papiere und Fotos auf dem Tisch aus.
»Das ist mein Diplom, beinahe mit Auszeichnung. Meine Beurteilung von der Arbeitsstelle. Das ist mein Papa, das Foto wurde nach dem Krieg damals gemacht, da war er noch ganz jung. Und hier, mein Ausweis. Die Geburtsurkunden von Achmet, von Elvira, von Iskander und von Rustam. Unser Hochzeitsfoto. Mein Mann war Oberingenieur. Aber den Betrieb gibt es jetzt nicht mehr. Das ist mein älterer Bruder mit seiner Familie. Er hat zwei Mädchen und drei Söhne. Hier. Das ist das letzte Foto von vor dem Krieg, da ist meine Große gerade so alt wie Elvira jetzt, zehneinhalb. Und das sind Artikel aus unserer Republikzeitung: Als mein Mann fünfzig wurde, vor dem ersten Krieg, hat er eine Ehrenmedaille bekommen.«
Der ganze Tisch war bereits übersät mit Fotos und Papieren, und Shenjas Herz pochte dumpf wie ein Zahn nach der Betäubung.
»Alla Alexandrowna hat mir erzählt, daß Sie ihre Freundin sind, und da habe ich mich so gefreut. Sie tut so viel für uns, als wären wir Verwandte. Ich bin hier von der Leiter gefallen und hatte eine Gehirnerschütterung, und sie hat mich im Krankenhaus untergebracht, bei guten Ärzten. Aber mir wird noch immer schwindlig.«
Shenja sah sich die Fotos an – Bruchstücke eines Lebens, ein unvollständiges Puzzle, das sich nie mehr zu dem alten Bild zusammenfügen würde.
»Violetta, wenn Sie eine Gehirnerschütterung haben, dann müßte eigentlich ich bei Ihnen die Fußböden wischen und nicht Sie bei mir.«
Violetta lachte über den Scherz – ihre Goldzähne blitzten auf.
»Alla Alexandrowna sagt auch, daß es für mich noch zu früh ist, putzen zu gehen. Vorher habe ich ja bei ›Njam-njam‹ gearbeitet, Piroggen verkauft. Kaufen Sie bloß die nie, das ist alles Betrug. Meine Stelle hat jetzt eine Tatarin aus Baku. Und die gibt sie um nichts auf der Welt wieder her. Der Stand ist warm, und bald ist Winter. Die meisten von uns arbeiten auf dem Markt: die Frauen als Verkäuferinnen, die Männer als Packer oder, wer Glück hat, als Fahrer. Ein Bruder von mir ist in Rostow, der andere ist in die Türkei gegangen. Meine Schwester ist in Grosny geblieben, bei den Eltern, dort ist es noch schlimmer als hier. Auch wenn’s das Zuhause ist. Ich hätte nie gedacht, daß es mal so kommt, ich bin ja Ingenieurin für Arbeitsschutz, habe in der Verwaltung gearbeitet. Aber saubermachen kann ich gut, meine Wohnung hat immer geblitzt, alles war sauber und schön, wir haben alles gehabt – einen finnischen Kühlschrank, ein Madonnen-Teeservice und achtzehn Teppiche, einer schöner als der andere. Es ging uns so gut! Und jetzt – alle in einem Zimmer, und auch das nur dank Alla Alexandrowna, das Armenkomitee bezahlt die Miete. Sie hat auch Aslan die Stelle bei ihrem Sohn in der Firma verschafft, als Pförtner. Er hinkt doch, da kann er nicht als Packer gehen. Außerdem ist er schon über sechzig.«
Sie redete und redete. Die Kinder saßen brav am Tisch, wie angeklebt. Achmet hielt das Lastauto an die Brust gepreßt, auf Elviras Schoß saß der Kater und schlief brav.
Shenja überlegte hin und her. Eine große Familie. Wieviel sie Violetta auch zahlen würde, davon ließ sich diese Horde nicht durchfüttern. Sie könnte Violetta als Putzfrau im Verlag unterbringen – aber da bekäme sie maximal zweitausend. Als Haushaltshilfe bei jemandem auf der Datscha? Aber eine so große Familie würde niemand nehmen.
»Also«, sagte Shenja. Da klingelte das Telefon.
Chawwa freute sich, Shenja zu Hause anzutreffen.
»Ich rufe schon die ganze Woche bei dir an, aber du bist nie da. Ich komme zu dir! Jetzt gleich!«
»Gut, komm her! Aber jetzt gleich!« sagte Shenja. »Also«, wiederholte sie.
Wieder klingelte das Telefon. Diesmal war es Lilja. Chawwa und Lilja kannten sich nicht, meldeten sich aber immer irgendwie zeitgleich bei Shenja.
»Shenetschka«, begann Lilja im Erzählton, »ich wollte mich bei dir bedanken. Ich mache vorhin den Kühlschrank auf, und mir ist ganz warm ums Herz geworden: Da stehen deine Gläser, und alles so lecker und mundgerecht für mich zahnlose Alte. Du bist zu mir wie eine Mama.«
»Sag lieber, wie eine Großmutter«, brummte Shenja.
Lilja lachte schwach, mit halber Kraft.
»Auch gut. Meine Großmutter konnte sowieso besser kochen als meine Mama. Ich wollte mich bei dir bedanken und … dir einen Schutzengel für die Reise wünschen.« Das mit dem Engel sagte sie unsicher, denn sie kannte Shenjas ketzerische Spottlust. Aber Shenja nahm den Engel hin, und Lilja schloß auf echt orthodoxe Art: »Ich werde beten für deine Reise zu Wasser und zu Lande.«
»Tu das. Dann packe ich auch den Badeanzug ein. Ich ruf dich später zurück.« Sie legte auf. »Also, Violetta, ich verreise morgen für zehn Tage, trotzdem arbeiten Sie ab heute schon bei mir. Anfangen werden Sie aber erst, wenn ich wiederkomme. Erst einmal«, Shenja kramte auf dem Regal herum; neben der Zuckerdose stand eine Zwiebackdose, die diverse Zettel, Quittungen und Geldscheine enthielt, »nehmen Sie das als Vorschuß.«
Sie legte den blaßgrünen Schein auf die schwarzweißen und zeitungsgrauen Papiere auf dem Tisch.

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