Nur Du, und nur Ich von Christian Uetz, 2011, Secession Verlag

Christian Uetz

Nur Du, und nur Ich
(Leseprobe aus: Nur Du, und nur Ich, Roman in sieben Schritten, 2011, Secession-Verlag).

ERSTER Schritt

_ Was machen wir jetzt noch?

Keine U-Bahn mehr, keine S-Bahn, und die Nachtbusse zu finden

interessiert uns nicht an diesem achten Dezember. Aus Bern hütest

du eine Wohnung in Friedrichshain; aus Zürich überwintere ich in

Schöneberg; und wir sitzen im Kaffee am Meer in Kreuzberg.

_ Ein Drink bei mir an der Bozener?

Wir sitzen auf dem Sofa und trinken Martini.

_ Ich würde jetzt zu gern nackt mit dir im Bett liegen.

_ Im Bett liegen ist gut.

Du tanzt angezogen neben dem Bett, während ich nackt unter der

Decke liege.

_ Ich bin komisch,

und kommst unausgezogen unter die Decke.

_ Ich bin nicht so.

Wir plaudern und lachen, bald ziehst du das T-Shirt aus, dann auch

die Jeans.

_ Wenn nichts passiert, passiert das Tiefste.

Oder, das muss jetzt gesagt sein, sonst versagt das System, das,

was nicht passiert, ist das, was nicht vorbeigeht, und wenn’s passiert,

passiert’s die Dauer unendlich.

_ Es muss nichts passieren, ist doch schön so.

Und so passiert’s am schönsten.

Passiert es nicht gemacht und ungewollt und ja, zeitlos.

Dann küssen wir uns endlos.

_ Was ist denn das? Eine Lustwelle, von wo treibt die denn her, welcher

Horizont tut sich da denn auf, so weit, so fern?

Und hier, da schau, da hab ich’s im Glutenkern wie mein Kohleofen:

wenn der einmal singt, da glüht der dann stundenlang. Ohne

nachzulegen.

Du ersinnst dich von Anfang an als Königin der Zeitlosigkeit.

Zeitlosigkeit ist das erste liebe Wort, das ich von dir höre in dieser

ersten Nacht.

Nacht der Immaculata.

Nacht der heiligsten unter allen euch Frauen, gebenedeites Glück

vom achten auf den neunten schon vor der Zeitzählung.

Und wie es schon gegen Morgen geht ! Und wie wir es nicht fassen

können, wie es schon so spät und noch so früh ! Und wie wir

zum Frühstück im Robbengatter lachen über befleckte Milch, die

in allen Munden Latte macchiato, und die unbefleckte Empfängnis

in niemandes Mund, sagst du, es sei die Langsamkeit, die du am

meisten liebst, wenn die Zeit nicht vergeht, sondern sich auflöst.

Dein Schlüssel ist das Sinnfreie in jeder Sekunde, alles ins Ziellose

verwandeln, dein Credo, in Purzelbaumkomisches, und doch ist es

eine sensibelste Wahrnehmung, ein unablässig bis ins Kopfweh

arbeitendes Denken, dessen Schmerz der feinste Sinn und dessen

Lachen in der Nichtswürde die Königswürde. Nur deine erste Botschaft,

die lautet: Von allem, was passiert ist – bleibt etwas zurück,

gleitet in der gegenwart mit mir – sie soll nicht passieren, und doch

spüre ich, als hätt sie’s eilig, geht vorüber, will vergangenheit werden.

Beim passieren werd ich sie am schopf packen und auf den mund

küssen, leben einhauchen. (wie? was? es will unverstanden gesagt

sein). Am 13. erst erreiche ich dich fürs Kino in der Kulturbrauerei.

Um Mitternacht stehen wir an der U 2, Senefelderplatz.

_ Kann ich noch zu dir kommen?

_ Bei mir ist es zu kalt.

_ Kommst du also zu mir?

_ Zu heiß.

_ Du bist einfach nicht verliebt, vor allem nicht in mich.

_ Nein, das ist es nicht, es fällt mir auch nicht leicht, dir abzusagen.

_ Ich konnte eben nicht.

_ Ach Quatsch ! Das ist mir gar nicht wichtig.

_ One-Night-Stands hab ich auf Seiten der Typen verbucht.

_ Und nun bist du überrascht, dass auch eine Frau das kann?

_ Nein, ich fände es nur schade, dich nicht wiederzusehen.

_ Gehen wir noch zusammen etwas trinken?

Wir finden die Eleven n Lounge in Friedrichshain.

_ Jetzt fällt mir BEFORE SUNSET ein, wo sie sich nur eine Nacht

und dann erst neun Jahre später unverabredet wiedersehen.

_ Ja, vielleicht sollten wir uns neun Jahre nicht wiedersehen und es

grad so schön stehen lassen.

_ Du bist echt grausam.

_ Ich kann mich gar nicht wirklich verlieben zurzeit, ich bin irgendwie

aus der Bahn geworfen seit der letzten Beziehung, seit die zu

Ende.

_ Es ist jede Beziehung aus der Einsamkeit geworfen.

_ Uns vor die Füße. Komm, heb mich empor !

_ Deine Empörung hat Blut.

_ Erwartung zerstört alles, jedenfalls habe ich meine Schwierigkeiten

damit, und jede Art der Kontrolle nimmt mir alle Lust auf

weiteren Kontakt.

_ Wie fandest du meine Zunge?

_ Du bist schneller geworden, ich mag die Langsamkeit.

_ Und ich hab befürchtet, es beginne dich zu langweilen.

_ Meine Wohnung ist eiskalt, ich kann dich wirklich nicht mitnehmen

zu mir. Andererseits, zusammen liegen wäre schon schön.

Aber du darfst keine Erwartungen hegen, bitte.

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