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Denk nicht, wir bleiben hier.
Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner
(Leseprobe aus: Denk nicht, wir bleiben
hier, Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner, 2006, Hanser)
»Die Verfolgung war schon 1933 da, wo der Hitler
ans Ruder kam.
Da bin ich geboren und meine Mama hat mir den Namen Adolf
gegeben. Ich heiße Hugo Adolf Höllenreiner. Warum sie mich Adolf
genannt hat, ist leicht zu erklären. Dass uns vielleicht nichts passieren
kann, wenn ich den Namen habe wie der Hitler.« Hugo wachte auf,
weil er Schreie und Krachen und Weinen hörte. Erschrocken kletterte
er aus dem warmen Bett und rannte in die Novemberkälte hinaus.
Draußen dämmerte es, der Himmel war grau. Ziellos und panisch
liefen die Pferde herum, galoppierten aus dem Hof, auf die Straße.
Der Pferdestall war weg, abgebrannt, schwelte und rauchte, die
Pferde hatten sich losgerissen und flüchteten, die Fuhrwerke standen
noch da, aber verrußt oder vom Feuer verkohlt. Im Hof die Mama,
mit einer Bürste in der Hand, sie schluchzte und schrubbte einen
Leiterwagen. Was wollen die Leute von uns? Was machen die mit
uns? Wir haben doch nichts getan. Dachte Hugo. Auf den Wiesen,
auf der Straße irrten die Pferde, weißer Dampf stieg aus ihren
Nüstern. Der Dada, Hugos Vater, und Dadas Bruder, Onkel Konrad,
fingen eines nach dem anderen ein, sie brachten alle Pferde zurück.
Und die Mama weinte. »Das ist meine erste Erinnerung – dass die
Mama so geweint hat. Da war ich fünf. Mama, warum weinst du
denn? Mir hat die Mama so leid getan. Und die Traurigkeit von ihr.
Haben wir erst später gemerkt, dass sie schon ungefähr gewusst hat,
was uns bevorsteht.« Die Eltern, Hugo und seine fünf Geschwister
wohnten in der Deisenhofener Straße 64 in München-Giesing.
Damals war Frieda, die Älteste, neun Jahre alt, Manfred sechs, dann
kam Hugo, Rosi war drei, Rigo eineinhalb und Januschek war noch
nicht auf der Welt. Der Dada hatte das kleine Haus mit Stall und
Scheune nach Hugos Geburt gekauft. Er war Fuhrunternehmer und
handelte mit Pferden, besaß vier Leiterwagen und sieben Pferde.
Wenn Leute umziehen wollten, transportierte Dada ihre Sachen.
Onkel Konrad wohnte mit Tante Notschga und fünf Kindern
gegenüber in der Nummer 79. Auch er handelte mit Pferden. Um die
Ecke in der Unterbergstraße lebten die Großeltern. Babo, der
Großvater, betrieb ein Kasperltheater. In München-Giesing
erstreckten sich kilometerweit Wiesen und Äcker. Die meisten von
Dadas Brüdern und Schwestern lebten inzwischen mit ihren Familien
auch in München. »In München war es nicht so wie heute. Heute sind
da nur Straßen, Autos und Häuser, man erkennt nichts mehr. Damals
hast du mit den Pferden hinfahren können, wo du gewollt hast. Da hat
keiner was gesagt, außer es war eingezäunt, aber die meisten Wiesen
waren frei. Das war eine schöne Zeit, die herrlichste Zeit.« Bevor
Dada, seine Eltern und Geschwister sich mit ihren Familien in
München niederließen, hatten manche ihren Wohnsitz in Arnstadt in
Thüringen und manche in Kassel in Hessen. Aber ihre
Staatsangehörigkeit war bayerisch. Sie stammten aus Burgpfarrnbach
bei Fürth. Einen festen Wohnsitz und eine Staatsangehörigkeit
brauchten sie lebensnotwendig, weil sie jedes Jahr einen
Wandergewerbeschein beantragen mussten, den nur die
Heimatgemeinde ausstellen durfte. Und nur mit dem
Wandergewerbeschein konnten sie ihren Lebensunterhalt verdienen.
Darauf mussten auch die Wohnwagen und das Pferd oder die Pferde
eingetragen sein. Babo, Onkel Peter, Onkel Friedla, Onkel Babist und
Dada musizierten mit Geige, Gitarre und Drehorgel, Mami, die
Großmutter, und Mama gingen mit Spitzen und Kurzwaren
hausieren. Mami flickte auch Schirme. Außerdem handelten die
Männer mit Anzugstoffen und Wolle, auch mit Geigen, mit Pferden –
was sich ergab. Früher hatte Babo erst als Seiltänzer und Turner,
später mehr als zehn Jahre lang als Scherenschleifer seine Familie
miternährt. Onkel Eduard war in der Jugendzeit auch als Seiltänzer
und Turner auf Jahrmärkten aufgetreten, zu ihren Nummern gehörte
auch Hantelwerfen und Kettensprengen. An jedem Ort mussten sie
sich anmelden, wenn sie ankamen, und um Genehmigung bitten,
bleiben zu dürfen. Und sie mussten sich wieder abmelden, auch wenn
sie ohnehin nur für einen Tag bleiben durften. Fast jeder Ort wollte
die Familien so schnell wie möglich wieder loswerden. Manche
Leute meinten, die Zigeuner würden stehlen und betteln, dabei
wollten sie handeln und tauschen. Und leben. Manchmal, wenn sie
nichts verdient hatten, bettelten sie auch. Um Essen für sich und Heu
für die Pferde. Oft wurden sie von Gendarmen kontrolliert, dann
musste Babo Geburtsurkunden, Heiratsurkunden, Steuernachweis,
Wandergewerbeschein, eine polizeiliche Bescheinigung, dass keine
Vorstrafen vorliegen, und die Anmeldung mit der festen Adresse
vorzeigen können. Sie mussten nachweisen, woher sie kamen und
sagen, wohin sie wollten. Deshalb ließ Babo die
Aufenthaltsgenehmigungen in Schulhefte schreiben und stempeln
und hatte immer alles beisammen. Er verwahrte alle Papiere in einem
Lederköfferchen so groß wie eine Keksdose, darauf achtete er sehr.
Auch alte Papiere hob er auf. Früher mussten auch die Kinder ein
Heft haben, in dem sie sich in den verschiedenen Orten ihre
Schulbesuche bescheinigen ließen. Aber solange die Kinder
schulpflichtig waren, wohnte die Familie meistens in Fürth. Schon als
Babo noch jung war, kontrollierten die Gendarmen die Reisenden
und schrieben Berichte über sie. Aber damals brauchten sie noch
nicht so viele Papiere und es wurden ihnen keine Fingerabdrücke
abgenommen. Und sie konnten sich manchmal gegen die Kontrollen
oder sogar Festnahmen wehren. So wie Babos Onkel, Georg Duka,
der Bruders seines Dadas. Über ihn schrieb ein Gendarm einen
Bericht, weil es ihm nicht gelungen war, Georg Duka wegen eines
ungültigen Wandergewerbescheins festzunehmen. Babos Onkel
versuchte, mit den Pferdewagen zu ziehen, der Gendarm stellte sich
den Pferden in den Weg. Später schrieb er seinen Bericht: »Ich griff
nun schnell den Pferden in die Zügel, um den Wagen zum Stehen zu
bringen, worauf mir Georg Duka die Zügel zu entreißen suchte. Als
ihm dies nicht gelang, rief er in seinen Wagen: ›Waffen her!‹ und nun
schlugen seine Söhne mit Peitschen und Stecken auf mich und die
Pferde ein, wobei ich mit einem Stecken auf die linke Hand einen
derartigen Schlag erhielt, so daß mir die Hand aufschwoll und ich
genöthigt war, die Zügel der Pferde fallenzulassen.« Unterwegs war
Babo mit der großen Familie weniger in Bayern, da hatten sie zu
viele Schwierigkeiten mit der Polizei. Ihnen wurden Fingerabdrücke
abgenommen, als wären sie Verbrecher, auch den Kindern. Als
Hugos Dada 15 war, durfte in Württemberg niemand mehr auf der
Reise leben. Die Regierung verbot das zigeunermäßige Umherziehen
und Lagern, so nannte sie das Leben in Wohnwagen oder Planwagen.
Das war nach dem Ersten Weltkrieg. Also blieb Babo meistens doch
in Bayern. Bis es dort ein neues Gesetz gab. Es wurde verboten, mit
mehr als einer Familie zu reisen. Reisen in Horden nannten die
Behörden das. Inzwischen waren aber manche von Mamis und Babos
Kindern verheiratet. Sollten sie jetzt getrennt von ihren Kindern
leben? Sie hielten sich fast nur noch in Hessen auf. Bis Hessen das
bayerische Gesetz übernahm. Jetzt durfte die Polizei auch dort die
Reiseroute vorschreiben und die Erwachsenen in Arbeitsanstalten
stecken, wenn sie nicht eine regelmäßige Arbeit nachweisen konnten.
Babo und Mami wichen nach Thüringen aus. Die Geschäfte wurden
immer schwieriger, die Leute hatten kein Geld für neue Pferde,
Anzüge, Stoffe, und Babo kaufte sich hundert Jahre alte geschnitzte
Kasperlepuppen, dachte sich Geschichten aus und trat mit seinem
Theater auf. Ein, zwei seiner Söhne oder Enkel spielten mit oder sie
halfen. Wenn sie ihm nicht schnell genug die Puppen reichten, haute
er ihnen mit der freien Hand die Puppe auf den Kopf, während er mit
der anderen oben Kasperle hüpfen und singen ließ. Außerdem
handelte Babo weiter mit Pferden. Anfang der Dreißigerjahre
beschloss er, sich in München niederzulassen und pachtete Wiesen.
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