Ilse Tschörtner

Michail Lermontow

Porträts

1

Er ist nicht schön, von kleiner Statur,

Doch glüht sein Auge liebeverheißend,

Und in die Wangen hat die Natur

Den Zug der Leidenschaften gemeißelt.

Das Haar pechschwarz, der Mund aschefahl

Und schmal, doch zart, von zierlichem Schwunge;

Ob offen, ob geschlossen – egal,

Stets tönt aus ihm die göttliche Zunge!

Und zürnt mit ihm der Erdenperun,

So wirft er sich ihm zornig entgegen.

Ein Achselzucken wert ist ihm Ruhm.

Er lacht kaum. Dunkler Schwermut erlegen,

Doch stolz und freiheitlich wacht sein Geist.

Die Welt der Menschen, in ihr verwaist,

Mit ihrer Liebe, Tücke, Intrige

Verwirft er als ein Lügengefüge.

Nie suchte, hatte er einen Freund.

Natur nur ist ihm freund und vertraut.

So treibt der Steppenwind und beweint

Sein Opfer, ein entwurzeltes Kraut.

 

2

Und dieser Held – von Gewicht, mein Leser!

Der Brustkorb füllig, das Sitzteil wuchtig.

Oft Spaßvogel, öfter Trübsalbläser,

Gefällig, gutmütig, manchmal fuchtig.

Auch er geweiht mit dem Musenkuß.

Die Schönen Moskaus belächeln ihn.

So schwingt er sich auf Gaul Pegasus

Und fliegt ins Luftschloß der Phantasien.

Gekleidet modisch, leicht geckenhaft.

Die Augen klein, wenig augenscheinlich.

„Die Bäckchen – Pflaumen im besten Saft“,

So höhnt die Welt, sich im Hohn gern einig.

 

3

Voll Mißgunst, wild, kalt, eigenherrlich,

Vor Mensch und Gott so hoch zu Thron,

Daß mancher sich bekreuzt; nie ehrlich,

In seiner Freundlichkeit gefährlich,

Kurzum, ein finsterer Patron.

 

4

Alles auf Erden ist, richtet er, öde, gering, gemein.

Höhere Seelen erstreben ein Höhres – berühmt zu sein.

 

5

Nur heiter, mit sonnigem Lächeln,

Dem Leben hold, der goldnen Jugend,

Doch nicht ohne wahre Gefühle!

Geradsinnig, freiherzig, lauthals

Und taub für die magische Sprache

Der Leidenschaft und der Natur.

 

6

Er liebt den Schlummer in Plüsch und Plünne

Und niederer Leute Brüderschaft,

Liebt süßes Nichtstun, den Rausch der Sinne

Und haßt die „verruchte Leidenschaft“!

Das dunkle Haar hängt in Stirn und Wangen,

Und hinter den Strähnen glimmt und graut

Der Blick vor – grüblerisch, selbstbefangen.

Und selten entspringt dem Mund ein Laut.

 (1829)

__________

1. Januar

Wenn in der bunten Menge eines Raums
An mir wie aus dem Dämmer eines Traums
Im Lärm von Tanz, Gelächter, Schwatzen,
Zum Flüstern, Zischen floskelnder Auguren
Vorüberschillern leblose Figuren,
Des Anstands hoffärtige Fratzen;

Wenn Hände, zarte, doch der Gabe längst benommen,
Vor Zärtlichkeit zu beben, lässig unbeklommen
Die meinen streifen, kalte, strenge –
Wie oft dann, äußerlich ergeben all dem Tand,
Beschwöre ich in mir ein fernes heiliges Land,
Verblichner Jahre Bilder, Klänge.

Und glückt es mir für kurz, zu fliehn von hier im Innern,
Dann fliegt, ein freier freier Vogel, mein Erinnern
In dieses ferne Land hinaus.
Ich sehe mich als Kind, seh die vertrauten Orte,
Das hohe Herrenhaus, den Garten mit der Pforte,
Das halbverfallne Pflanzenhaus …

Der Teich, verschlafen, blind, bedeckt mit grünem Schorf,
Und hinterm Teich im Rauch der Rauchfänge das Dorf,
Und fern, schon nebelfahl, die Wiesen.
Ich geh in der Allee, durch dunkle Sträucher schnellen
Auffunkelnd letzte Strahlen, Laub in hellen Wellen
Rauscht leise unter leichten Füßen.

Und eine nie gefühlte Sehnsucht bebt in mir,
Ich liebe, hoffe, weine, trachte bang nach ihr,
Der Schöpfung meiner Wünsche, Träume:
Die Augen hold und heiß, zwei Becher Himmelsbläue,
Das Lächeln rosig, wie das Leuchten, erste scheue,
Des jungen Tages durch die Bäume.

So, dieses Zauberbilds allmächtiger Herr und Meister,
Versonnen, saß ich oft – ein freudenreich Verwaister.
Und denk ich inständig daran,
Wenn Schmerz, Verzweiflung, Zweifel, Zorn das Herz zerrütten,
Dann winkt es mir wie eine grüne Insel mitten
In einem wüsten Ozean.

Erwach ich aber und das Bild verblaßt,
Verjagt vom Lärm der Menge wie ein Gast,
Der gröblich brach den guten Ton –
Wie möcht ich allen da die Lust vergällen
Und ihnen Verse um die Ohren schellen
Voll Abscheu, Bitterkeit und Hohn!

(1840)

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Aus dem Album der S. N. Karamsina

Ich liebte auch, in der Bravour
Der Jugend, Unschuld, Seelenkraft,
Die lauten Stürme der Natur,
Die heimlichen der Leidenschaft.

Ihr Rätsel: Schönheit ohne Wesen
Durchschaute ich, und bald verdroß
Mich ihre Sprache: unerlesen,
Zusammenhanglos, zügellos.

Heut lieb ich friedlichere Dinge –
Daß kleine Wünsche sich erfüllen:
Der Morgen klares Wetter bringe,
Der Abend ein Gespräch im stillen.

Ich liebe Ihre Aberwitze,
Ihr Ha-ha-ha und Hi-hi-hi,
Den Charme der S., die Geistesblitze
Von Sascha. Und M.s Poesie ...*

(1841)

*Michail Lermontow: Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Band I: Gedichte und Poeme, Rütten & Loening, Berlin 1987, S. 16-18, 141-142, 188; deutsch von Ilse Tschörtner

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