Proteus Hauptmann von Heinz-Dieter Tschörtner, Thelem, 2009

Heinz-Dieter Tschörtner

Proteus Hauptmann
(Leseprobe aus: Proteus Hauptmann. Beiträge zu Werk und Wirkung. THELEM, Dresden 2009, S. 26-27).

Es geht dem Dichter in allen seinen Schöpfungen in erster Linie um den Menschen. Der überwältigende Eindruck seines Werkes beruht auf der Fülle lebendiger Gestalten. Keime für viele Dichtungen waren nicht Handlungen, sondern Menschen. Aus ihrem Zusammentreffen mit der Welt und mit anderen Menschen versucht Hauptmann, ihre Schicksale in den Griff zu bekommen. Es ist bekannt, daß er viele Dichtungen abbrach und unvollendet ließ, weil er sich nicht entschließen konnte, ihnen einen Schluß aufzuzwingen. Nicht zuletzt daraus erklärt sich die Fülle der zum Teil weit gediehenen Fragmente. Natürlich hängt das auch mit der Art seiner poetischen Produktion zusammen. Hauptmann ist im Sinne von Schillers Essay „Über naive und sentimentale Dichtkunst“ ein naiver Schriftsteller – freilich unter den veränderten historischen Bedingungen cum grano salis. Die Reflexion nimmt in seinem Schaffen keinen großen Raum ein wie bei dem typisch sentimentalischen Thomas Mann. Wie Schiller schreibt, gelingt dem naiven Dichter ein glücklicher Wurf „mit anspruchsloser Simplizität und Leichtigkeit“, er „triumphiert durch Einfalt über die verwickelte Kunst“. Wenn er gelingt, ist ein solcher Entwurf keiner Verbesserung bedürftig, er ist aber dann auch keiner fähig, wenn er verfehlt wird. Daher sind es nicht immer Hauptmanns beste Arbeiten, die durch besserndes Feilen, durch verschiedene Fassungen Form gewannen.

„Die naiven Dichter“, schreibt Schiller in seiner Arbeit, in der er den Gegensatz zwischen seiner und Goethes Schaffensweise zu definieren sucht, „rühren uns durch Natur, durch sinnliche Wahrheit, durch lebendige Gegenwart“. Zweifellos trifft das Schaffen aus der sinnlichen Erfahrung, aus der realen Wirklichkeit heraus, in starkem Maße für Hauptmann zu. „Statt Ironie, Distanz, Doppelbödigkeit oder Dialekt“, konstatiert Joachim Seyppel, „haben wir noch einmal eine ebenso naive wie tief angelegte Gesamtschau der Welt. Natur und Welt bestehen noch an sich, es gibt sie noch, diese ganze Welt“. Die Forschung hat in großem Umfang Vorbilder und Erlebnisse, Beziehungen zwischen Leben und Werk Hauptmanns nachweisen können. Beobachtung und Gedächtnis sind die Hauptquelle seines frühen Schaffens. Dazu kommt, daß dem Dichter noch in späten Jahren echte Träume, Gesichte und Eingebungen zu Wurzeln und Bestandteilen seiner Schöpfungen wurden. Höhepunkte bilden hier zweifellos die großen Epen seiner Spätzeit, das Eulenspiegel-Epos und „Der große Traum“. Der Dichter hat bei aller Reichhaltigkeit seiner Produktion und seinem enormen Fleiß (nulla dies sine linea war sein Wahlspruch), von Ausnahmen abgesehen, seine Arbeit stets wachsen und ausreifen lassen. Daraus erklärt sich der langwierige, oft jahrzehntelange Entstehungsprozeß vieler der bedeutendsten Werke. „Man darf auch in der Produktion nie das unbewußt Wirkende aufstören; man könnte sonst leicht in die Lage kommen, Mechanik für Wachstum zu setzen.“

Hauptmanns Arbeitsweise ist oft beschrieben worden. Schon in seinen Anfängen liebte er es zu diktieren. Manuskripte von seiner Hand sind daher selten, meist wurden sie von seiner Frau oder von Sekretären geschrieben. Auf langen Produktivspaziergängen durchdachte und formte er den Stoff, an dem er gerade arbeitete, notierte wesentliche Gedanken in Notizbüchern, mit deren Hilfe er dann dem jeweiligen Sekretär diktierte. Es ist überliefert, daß auf diese Art sogar lange Reihen vollendeter Verse, so viele Gesänge des Terzinen-Epos „Der große Traum“, fast ohne Zögern und gleichsam eruptiv aus ihm herausbrachen. Bei seinen zahlreichen Reisen, die ihn später in einem bestimmten Rhythmus von Agnetendorf hauptsächlich nach Italien und nach Hiddensee führten, war ein zusammenklappbares Stehpult sein ständiger Begleiter. Den Entstehungsprozeß

vieler seiner Dichtungen hat Hauptmann einmal in folgendem Bilde ausgedrückt: „Draußen ist heiterer Himmel, und dann zeigt sich mit einem Male ein Wölkchen und noch eines, und die beiden verdichten sich, und man weiß nicht, wie es geschah, daß sie im Blau aufgetaucht sind.

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