Tausend Herzen von Dan Tsalka, 2002, DVA

Dan Tsalka

aus: Tausend Herzen

Das linke auge. Der Vorhang zittert. Ein donnerndes Geräusch, kurz, aber laut. Die Bühne verdunkelt sich. Und wieder ein Donnern... weißes Licht ...

Die beiden Frauen begutachteten seinen kahlgeschorenen Kopf, die große Narbe auf seiner linken Wange und die kleineren Narben auf Stirn und Schädel.

– Was sehen meine Augen? Tatsächlich einen preußischen Offizier?

– Ein preußischer Offizier? Hier?

– Mensur? Vielleicht war er der Meister des Duells in seiner Burschenschaft.

– Burschenschaft? Du meinst wohl »Korps«, Liuba. Er sieht eher adelig aus.

– Ein deutscher Adeliger auf der Ruslan?

– Vielleicht ist er vor einem Erzfeind aus seinem »Korps« auf der Flucht, der ihm die Ohren ausreißen und die Nasenspitze stutzen wollte?

– Ach, Mura, Murotschka ... Sieh doch hin: ein Kinderbuch, von Ludmila Charskaja. Glaubst du, ein solcher Mann würde ein Kinderbuch auf russisch lesen? Du bist nicht weniger verrückt als diese deutschen Junglöwen. Ein preußischer Adeliger auf der Ruslan!

– Du hast recht, Liuba ...

Sie sagte etwas mit gedämpfter Stimme, und beide brachen sie in Gelächter aus. Wüste. Dunstiger Hintergrund. Relikte einer Schlacht: Speere, Helme, Schilde, Schwerter.

– Meine Damen, sagte er und öffnete sein linkes Auge.

Deines pferdes zügel. Die israelische Mayflower. Bereits im Jahre 1962 sprach man von einer Jubeljahrfeier der Überfahrt der Ruslan. Politiker, Industrielle, Geschäftsleute, Dichter, Maler, Architekten

– all jene, die auf den Planken des nahezu legendären Schiffes gereist waren, würden sich mit der luxuriösen Schalom einschiffen und auf den Weg nach Jaffa machen, wenngleich nicht von Odessa, so zumindest vom Haifaer Hafen aus. Mayflower! Und wäre nicht der Tod von Frau Tschemerinsky gewesen, das Feuer – wer weiß? Es gab nur einen Mann unter den Passagieren der Ruslan, der in das Bild vom Pilgerschiff paßte: Herr Ussischkin, König der Zionistenkönige, Schahinschah, Padischah Ussischkin, der in seiner Kabine für sich blieb und nur einmal am Tag zu einem Spaziergang herauskam, ein Gefangener der feucht schäumenden Bastille, mit seiner Stockspitze herrschaftlich aufs Deck klopfend, hochaufgerichtet, nicht willens, nach links noch nach rechts zu blicken, seine Augen über den düsteren Himmel streifen ließ, die aufgewühlte Wasserwüste, in Betrachtung der ungehemmten Elemente der Natur. Der Spaßvogel aus der Chassidengruppe, der die Passagiere der Ruslan immer nachzumachen pflegte und in verblüffender Geschwindigkeit jiddische Kehrreime über sie verfaßte, imitierte Herrn Ussischkin geradezu wunderbar.

Nach dieser Überfahrt war Marinsky nie wieder einem so fähigen Komödianten begegnet, ein volkstümlicher Improvisator mit einer bestrickenden Stimme. In dem mageren Körper des Spaßvogels wirkte Herr Ussischkin weit angenehmer als in seinem eigenen. Der Scherzbold übertrug eine versteckte Zuneigung auf sein Imitationsobjekt, etwas kindlich Verträumtes. Sein Herr Ussischkin, genau wie der leibhaftige Ussischkin, bohrte stets die Spitze seines Stockes in den Boden, in die Holzplanken, in Gegenstände, Taue und Abfall, als spießte und schlitzte er den Leib eines bösartigen Leviathans auf, während sein Kopf mit grüblerischen Gedanken spielte und sein abwesender Blick über das Tohuwabohu glitt, das die Ruslan war, doch nicht nur stolze Überheblichkeit drückte sein Gesicht aus – in des Komödianten Imitation ähnelte Ussischkin den Brautleuten, die immer nach oben blicken, den blauen Himmel in ihren Augen, Glockengeläut in ihren Ohren, den Bräuten und Bräutigamen auf den glanzvollen Fotografien des gefeierten Odessaer Fotografen Jefrem Serafi movitsch Zlatkin, ein Künstler mit lächelnder Zärtlichkeit und einer mozartesken Liebe für das Wunder des Paares.

Tatsächlich war die Ruslan nichts anderes als ein armseliges Frachtschiff, das erbärmlichste von allen, mit vier Kabinen im Heck – die Kabine des rotäugigen Kapitäns, die seiner beiden Offiziere – der Navigator, der bisweilen nüchtern war, und der Hauptmaschinist, der stets betrunken war –, die Kabine des großen Herrn Ussischkin und die des reichen Kaufmanns Jekutiel Schubov und seiner dicken Gattin.

Außer diesen Kabinen gab es kein einziges Bett auf der Ruslan. Alles schlief im riesigen Schiffsbauch, der nur aus Kohle, Ruß, alten Dreckhaufen, verrotteten Tauen und verrosteten Ketten bestand. In bitterer Kälte und Winterstürmen taumelte das armselige, geradezu unglaublich schmutzige Schiff wie schlafwandelnd, vollgepackt mit kranken und hungrigen Menschen. Es hatte nicht viel gefehlt, und diese elende Mayflower hätte Odessa überhaupt nie verlassen. Die Stadt ging von einer Hand zur anderen, von den Händen der Weißen in die der Roten, von denen der Roten wieder in die der Weißen, von Komitees zu Hauptquartieren. Die Menschen, die sich während des großen Krieges nicht aus Mütterchen Rußlands Schoß hatten befreien können, warteten in bröckelnden Hotels, in den Straßen nahe dem Hafen, in den stinkenden Gassen darauf, daß sie nach Erez-Israel zurückkehren könnten: Chassidim aus Jerusalem, darunter der begnadete Komödiant, ein Seidenhändler, zwei Schreiner, ein Werkstattbesitzer aus Haifa sowie zwei Kantoren, ein Elektroingenieur und sogar ein Fernmeldeingenieur. Eineinhalb Jahre lang war Raja zwischen den verschiedenen Komitees mit Boris Schatz’ Brief an Marinsky umhergelaufen, in dem vier Worte gefälscht waren, die andeuten sollten, daß Marinsky in Jerusalem lebte und architektonisches Zeichnen an der Bezalel-Kunstakademie lehrte. Er und Raja sowie vier weitere zionistische Familien hatten Jerusalemer Adressen, Straßen- und Personennamen auswendig gelernt, um die Prüfung vor den vielen Komitees zu bestehen.

Die Weißen zeigten sich bereit, den armen Exilanten Ausreisegenehmigungen nach Erez-Israel zu erteilen; die Roten waren nicht geneigt, auch nur irgendeinen Menschen aus der sowjetischen Insel, dieser Insel der Gleichheit und Gerechtigkeit, ziehen zu lassen. Im April tauchten rote Flaggen an der Masten der französischen Schiffe im Hafen auf, und als die Ruslan schließlich ausgelaufen war und sich etwa zwei Kilometer von der Küste entfernt hatte, war von weitem der knatternde Widerhall der Maxims zu hören und das Knallen kleiner Granatwerfer – die Roten rückten wieder auf den Stadtrand vor.

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