Die Träumer von Peter Truschner, 2007, ZsolnayPeter Truschner

Die Träumer
(Leseprobe aus: Die Träumer, Roman, 2007, Zsolnay)

Die Menschen wurden nicht zu Ameisen, auch wenn der
Forscherblick aus fünfzehn Metern Höhe Iris kurz das Gefühl gab,
daß sie in Wahrheit kein Bankett veranstaltete, sondern ein
zoologisches Experiment. Es schien, als vergrößerte der Schliff des
Glases den Sehwinkel: Die Kuppel des Museums wirkte ein wenig
wie eine Lupe. Iris suchte die Gesichter von Bekannten zu entdecken,
stellte jedoch fest, daß ihr die Gesichter immer unbekannter wurden.
Kurz fürchtete sie, der Anblick könnte ihre Freude über den Empfang
mindern. Ihre Sorge war jedoch unbegründet. Die Zufriedenheit mit
sich selbst und der geleisteten Arbeit umgab sie wie ein Kokon, an
dem alles abprallte, was ihren Erfolg hätte relativieren können.
Der Wind fegte über das Dach. Er milderte die dumpfe Hitze nicht,
im Gegenteil, er fügte ihr eine neue Qualität hinzu – etwas
Schneidendes, das denjenigen, der von den Temperaturen der letzten
Tage erschöpft war, endgültig mürbe machte. Der Wind hatte die
Stadt das ganze Jahr über fest im Griff. Im Herbst und Winter trieb er
die einzelnen Wolkenfelder am Himmel zu einer großen Herde
zusammen und zwängte sie in einen Pferch, dessen Größe ziemlich
genau dem Stadtgebiet und seinen Vororten entsprach. Es hätte
niemanden überrascht, wenn zu dieser Jahreszeit in jeder tagdunklen
Miets- und Eigentumswohnung ein von der Stadtverwaltung
propagierter und bezuschußter Lichtkult zelebriert worden wäre, den
die Landeskirchen selbstverständlich angeprangert hätten – obwohl
die graue Leere des winterlichen Firmaments auch innerhalb der
Kirchen zum Alltag geworden war, der keine Jahreszeiten kannte.
Der Winter, der nur selten so streng ausfiel, daß sowohl der Fluß als
auch Wasserleitungen zufroren, wurde prinzipiell als hart empfunden,
weil der Wind die gefühlten Temperaturen niedriger ausfallen ließ als
diejenigen, die das Barometer anzeigte. Man wehrte sich gegen die
Kälte wie gegen einen Verehrer, der einem an Mantel und
Rollkragenpullover vorbei schnurstracks an die Wäsche ging.
Im Sommer wirbelte der Wind den Radfahrern und
Straßencafébesuchern den für die Gegend typischen Sand in die
Augen, sodaß man im August einen Vorgeschmack darauf bekam,
wie es sein würde, wenn wenige Wochen später wieder die kälteren
Jahreszeiten Einzug hielten.
Der Wind blies Iris ins Gesicht. Er drohte das, wofür der Friseur zwei
Stunden gebraucht hatte, in wenigen Augenblicken zunichte zu
machen. Sie ging ein paar Schritte zur Seite und wurde von einer Bö
erfaßt. Es kam ihr so vor, als wollte der Wind sie packen, sein Zugriff
war herrisch und rauh. Roberts Hände waren vor wenigen Tagen
ebenso rauh gewesen, rauher noch, da der Schrecken, der ihr in die
Glieder fuhr, als er sie berührte, das Gefühl auf ihrer Haut verstärkte.
Sie hatte gerade eine Dusche genommen, als er, ohne daß sie es
gehört hatte, nach Hause gekommen war. Im letzten Augenblick,
bevor er sie, wie er es gerne tat, erschrecken konnte, nahm sie eine
flüchtige Bewegung wahr, sodaß sie wußte, daß es sich um niemand
anders handeln konnte als um ihren Mann.
Als Robert ihr von hinten seine Hände auf die nackten Schultern
legte, schrie sie nicht auf, wie sie es sonst tat. Sie wußte, daß er auf
diesen Schrei wartete und ein wenig enttäuscht war, als er ausblieb.
Dennoch war etwas anders als sonst: Roberts Hände – es waren die
Hände eines Mannes, der körperliche Arbeit verrichtete, der Holz
hackte, Getreidesäcke schleppte oder Kartoffeln aus der Ackerfurche
aufsammelte, Hände, mit denen sie seit ihrer Kindheit nicht mehr in
Berührung gekommen war. Der Mann, der gewiß ihr Mann war und
doch gleichsam über Nacht zu einem anderen geworden war, löste
das Handtuch, das sie sich um die Hüften gewickelt hatte, ließ es zu
Boden fallen und preßte sanft seinen bekleideten Körper gegen ihre
Nacktheit. Die Masse, der Druck, die Wärme, die Spannung – die
Physik dieser Umarmung sprach eine deutliche Sprache.
Sie wandte sich nicht um – Robert drehte sie zu sich her. Es schien
ihm ein Bedürfnis zu sein, daß sie ihn so sah, wie er war –
gleichgültig, ob sie es guthieß oder nicht. Natürlich war er kein
anderer geworden, nur weil seine Hände von ungewohnter
körperlicher Arbeit Schwielen hatten; weil seine Fingernägel dreckig
waren; weil er dunkle Ränder unter den Augen hatte und überhaupt
abgearbeitet aussah – auch wenn dies alles in seinem Fall nicht
unbedingt das Werk einer Woche oder gar eines Monats war, sondern
wahrscheinlich nur eines einzigen Tages. Es war etwas Geducktes an
ihm, das ihm in jenem Augenblick den Status eines Unbekannten
verlieh. Er hatte einen fast gemeinen Gestank an sich. Er stand nicht
wie sonst gerade da – neugieriger und doch in sich gekehrter Blick,
markantes Kinn, hohe Stirn –, sondern hing wie an einem
Kleiderbügel in der Luft. Er würdigte sie nicht eines Blicks, sondern
vieler kleiner, ein Kartenspieler, der wahrscheinlich nur ein
bescheidenes Blatt in Händen hielt, sich aber dennoch am Ausspielen
erfreute.
Iris hätte ihn gerne gefragt, wo er gewesen war. Was er gemacht
hatte. Sie hatte den ganzen Tag über vergebens versucht, ihn am
Handy zu erreichen, hatte ihm zwei E-Mails geschickt, die
unbeantwortet geblieben waren. Ihn in seinem Büro anzurufen war
sinnlos, da er fast nie ans Telefon ging, um abseits von Sitzungen und
Besprechungen allem institutsinternen Kram aus dem Weg zu gehen;
ein Verhalten, mit dem er sich bei den Kollegen rasch unbeliebt
gemacht hatte.
»Ich lerne gerade die Stadt kennen«, sagte er.
Sie fragte nicht nach, was das zu bedeuten hatte. Sie kannte ihn
genug, um zu wissen, daß er ihr früher oder später davon erzählen
mußte, ob er wollte oder nicht.
»So wie du aussiehst, könnte man meinen, es wäre das Land«,
antwortete sie.
Iris wußte, wovon sie sprach, sie war auf dem Land aufgewachsen, in
einem jener Dörfer, die ein gutes Stück hinter dem grünen Gürtel
lagen, der das Antlitz der Stadt wie eine Umrißlinie umgab. Sie
wirkte, als wäre sie nachträglich hinzugefügt worden, dabei war es
genau umgekehrt.
Frauen aus ihrem Bekanntenkreis, die ebenso dem Leben am Land
entronnen waren wie sie, träumten nach zwanzig Jahren Großstadt
inzwischen davon, zurückzukehren. In ihrer Erinnerung hatte sich das
Landleben zu einem Leben in der Natur verklärt. Die Bilder, die sie
dabei beschworen, entstammten ausschließlich ihrer frühesten
Kindheit, als sie noch auf Mund- und Nasenhöhe mit der Pflanzenund
Tierwelt existierten. In ihnen herrschte ein ausgeprägt saftiges,
feuchtes Element vor, das weniger einer Beschreibung der Welt über
als einer unter Wasser zu entstammen schien, als wäre das Leben auf
dem Land ein Schweben im Fruchtwasser gewesen, während das
Leben in der Großstadt der Katastrophe der Geburt gleichkam.
Iris’ Dorf lag am westlichen Ausläufer einer Ebene, die sich über
zwei Staatsgrenzen erstreckte. Wenn der Sommer sich gegen
Durchschnittswerte und für Extreme entschied, fuhren die
Sonnenstrahlen wie Sensenhiebe ins Land. Das Gras nahm die Farbe
von Walnußschalen an, was einen Rückschluß auf die Härte und
Unnachgiebigkeit zuließ, mit der die Sonne es traktierte. Der Geruch
des Heus, das eingefahren werden mußte, bevor die Felder sich in
eine offene Feuerstelle verwandelten, drang bis in Iris’
Klassenzimmer. Weizen und Mais wuchsen, als sei das Wachstum
eine Schlacht, bei der sie auf heftige Gegenwehr stießen. Der
Wasserpegel sank, manche Gewässer trockneten aus. Ihre
Großmutter hatte einmal versucht, ihr zu erklären, was ein
Herzinfarkt war. Als Iris die im Schlamm um ihr Leben zappelnden
Fische sah, verstand sie, was ihre Großmutter damit meinte, wenn sie
sagte, daß das Herz sich die Entscheidung nicht leicht machte und in
der Brust um sich schlug, bevor es den Körper, den es antrieb, seinem
Schicksal überließ. Die zweckgebundene Materie verging ebenso
gleichgültig, wie sie sonst gedieh.
Der Mensch erwies sich als beflissener Zauberlehrling der Sonne.
Sein Zauberstab bestand jedoch nicht aus Lichtteilchen, sondern aus
Baustoffen. Der Asphalt der Straßen und der Beton der Tankstellen
und Supermärkte übten eine ähnlich magische Wirkung auf die
Landbevölkerung aus, wie es sonst nur Stoffe taten, die das
Fernsehen zum Träumen und Kaufen anbot. Auf- und Zufahrten, die
zuvor ein Mittelstreifen aus Gras zierte, wurden ebenso geteert wie
Forststraßen oder der Platz um die Kirche, der nur noch der
geographische Mittelpunkt des Ortes war. Wo Erde und Gras zuvor
die Steifheit der Bewegungen und Gefühle bei Hochzeiten und
Begräbnissen abgefedert hatten, wurde auf dem Asphalt das
Gezwungene, das diesen Ritualen beigemengt war, hör- und spürbar.
Wo einmal Kuhweiden gewesen waren, errichtete man Betonkästen
mit Zufahrt zur Bundesstraße für jene, die ein Leben im Grünen
führen wollten, ohne damit enger in Berührung zu kommen.
Der Flecken, auf dem Iris groß wurde, hatte alles, was man sich vom
Leben auf dem Land erwartete – in dem Sinn, daß eine Visage auf
einem Steckbrief immer noch das Gesicht eines Menschen blieb. Das
Wild, das sich dort umtrieb, wurde eher totgefahren als
totgeschossen. Es gab Triller und Gezwitscher, aber was waren Spatz,
Amsel und Meise schon gegen die Vögel, die in für sie
unerreichbaren Höhen auf ihrer berechneten Anflugbahn dem
zwanzig Kilometer entfernten Flughafen entgegendonnerten. Das
Grün wucherte spärlich, und das Blau trat nicht oft über die Ufer,
dennoch beschränkte man den Wald auf Schneisen zwischen
Häusern, Straßen und Äckern und regulierte das lose Netz der Bäche
zu einem charakterlosen Kanal, in dem es weniger Forellen und
Flußkrebse als umgekippte Einkaufswagen zu sehen gab. Als
schließlich die ersten Windräder aufgestellt wurden, fanden die
Augen auch am Horizont keine Ruhe mehr. Eine Verwüstung folgte
der anderen. Wie sehr hätte Iris über all das lachen können, wäre sie
nicht selbst ein Teil davon gewesen.
Babsi war Iris’ beste Freundin. Ihre Eltern waren
Nebenerwerbsbauern. Als die Windräder in Sichtweite ihres Hofs
aufgestellt wurden, protestierten die Eltern nicht dagegen.
Keineswegs nur, weil Proteste gegen Verordnungen, die man nach
dem Willen der Politiker zu akzeptieren hatte, damals noch nicht auf
der Tagesordnung standen. Babsis Eltern wußten gar nicht, wogegen
sie hätten protestieren sollen. Es gab in ihrer Umgebung nichts
Vergleichbares, und in den Medien wurde ausschließlich Positives
über diese umweltfreundliche Form der Energiegewinnung verbreitet.
So war es nicht verwunderlich, daß sie, als sie immer schlechter
schliefen, anfangs die Zunahme des Flugverkehrs dafür
verantwortlich machten. Der Schlaf wurde zu einem Wurm, dem man
dabei zuhören konnte, wie er sich durch den Körper fraß, sodaß die
Eingeweide unter der Haut bebten und man zitternd erwachte. Babsis
Eltern hielten den Atem an, öffneten das Fenster, lauschten – nichts.
Es dauerte eine Weile, bis sie herausfanden, daß es an den
Schallwellen der Windräder lag, die die Federkerne der Matratzen
zum Schwingen brachten. Wenn der Wind tagsüber die Räder
bewegte, trieben Schatten über das Haus, als steche jemand vom
Himmel herab darauf ein. Die Eltern hofften, sie würden sich im
Laufe der Zeit ebenso daran gewöhnen, wie man sich früher, als der
Misthaufen noch hinter dem Haus war, an die Fliegen gewöhnt hatte,
die man sich ständig aus dem Gesicht wischen mußte.

Rezension I Buchbestellung III07 LYRIKwelt © Zsolnay