Schlangenkind von Peter Truschner, 2001, ZsolnayPeter Truschner

Eine einseitige Angelegenheit
(Leseprobe aus: Schlangenkind, Roman, 2001, Zsolnay)

Mein Großvater war selbst als zahnloser, so gut wie besitzloser alter Mann noch überrascht, wenn ihm jemand widersprach oder vorschrieb, was er zu tun hatte. Noch dazu, wenn es sich dabei um seine Tochter handelte, deren Leben ihm in ihrer Kindheit gerade so verfügbar schien wie ein Schlüssel an seinem Bund.
Die anmaßende Körperlichkeit seiner erwachsenen Tochter, die nicht wenige einschüchterte - ihn nicht; diese großstädtische Resolutheit, die viele an ihr bewunderten - er nicht. Er glaubte, das unvermindert Schwankende ihrer Existenz hinter diesem ersten Eindruck erkennen zu können, das Flüchtige und die Qual. Er glaubte, daß er immer noch dazu imstande war, sie bis aufs Blut zu reizen, bis zur äußersten Entblößung ihrer Schwächen, wenn er wollte. Er fühlte sich bei ihrem Anblick erbost, erfreut, verbraucht, erfrischt zugleich. Dann wurde er rasch müde, dämmerte im Sitzen vor sich hin, ohne jedoch wirklich zu schlafen.
Meine Mutter sah auf ihn hinab: Sie wußte, sein Blut zirkulierte nun wie Sirup durch seinen Körper, sein Wille schien kurzfristig formbar wie Plastellin. In ihrer Jugend galt es, diese Augenblicke - etwa, wenn er sturzbesoffen nach Hause kam - nicht ungenützt vorübergehen zu lassen. Nur allzu schnell konnte er wieder zur Besinnung kommen und alles Zugängliche, Nachgiebige (Eigenschaften, die für ihn im übrigen ausschließlich den Körper und die Gefühlswelt von Frauen bezeichneten), das in Folge des Rausches von ihm Besitz ergriffen hatte, wie ein Reptil von sich abstreifen und seinen löcherig gewordenen Panzer durch ein zellfrisches Exemplar ersetzen.
In jenen lethargischen Momenten, in denen das stets Wachsame, Mißtrauische seines Wesens vorübergehend betäubt war, steckte ihm meine vierzehn, fünfzehn Jahre alte Mutter einen Stift in die Hand und brachte ihn dazu, all jene Formulare und Erlagscheine zu unterschreiben, die er unter normalen Bedingungen nicht unterschrieben hätte. Das heißt, nicht ohne jene Widerspenstigkeit, die seiner Freude an der schieren Verzweiflung meiner Großmutter in diesen Dingen entsprang; oder aber erst dann, wenn etwa eine Zahlungsfrist definitiv abgelaufen war.
Großvaters Körpersprache, die sich auf den ersten Blick darauf zu beschränken schien, der Welt den Rücken zu kehren, war nichtsdestoweniger bis unter die Fingernägel empfänglich und militant. Wenn das Bier, das er in trauter Bauern- und Eisenbahnerrunde in sich hineingeschüttet hatte, ihn auch allmählich in sich zusammensacken ließ, konnte er doch im nächsten Moment förmlich aus sich heraustreten. Alle Glieder und Organe seines Körpers arbeiteten dann darauf hin, daß er beim Kartenspielen die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. Er exaltierte sich, wollte gleichzeitig jedoch von niemandes Körperlichkeit oder Kommentar belästigt werden, bis er sich letztlich mit dem erfolgreichen Wiederfinden seines verwackelten Spiegelbildes in den schnapsgetrübten Pupillen seiner Mitspieler zufrieden gab. Daß er wenig Freunde hatte, lag auch daran, daß er im umgekehrten Fall für andere ein hundsmiserables Publikum abgab.
Meine Mutter beruhigte sich. Nicht selten glich ihre Reaktion auf die Provokationen ihres Vaters der eines kleinen Kindes, das zum ersten Mal bewußt die zwar enttäuschende, nichtsdestoweniger kolossale Entdeckung macht, wie unnachgiebig sich die Welt der sturen, stummen Dinge - Beißringe, Legosteine, Puppenköpfe - der von Tag zu Tag weniger unschuldigen Wut seiner Gliedmaßen entgegenstellt. Doch wie sehr vermag dieser Widerstand eine gleichzeitig destruktive und konstruktive Ader seiner Phantasie zu Höchstleistungen anzuspornen! Der Haß meiner Mutter war ihr neunschwänziger Geliebter: unersättlich drang er in sie ein und verbrauchte ihre Liebesfähigkeit.
Großvater wuchs an der Aura der einstigen Willkür, der ausufernden Unbeherrschtheiten, die er immer noch heraufzubeschwören vermochte. Sein merklich verfallendes Fleisch straffte sich, und der zeitweilig am Stock Gehende richtete sich auf wie ein erigierender Penis.
Er war wie ein zerfledderter Titan. Seine zunehmende körperliche und geistige Inkontinenz ließen es nicht zu, daß er sich noch einmal sammelte. Er war rüstig; das Rüstzeug zu einem Feldzug gegen das Unrecht, das seine Tochter älter und mächtiger hatte werden lassen, besaß
er nicht mehr. (Was sich für ihn nicht tragisch auswirkte,
da er, wie alle Spieler, ohnehin dem raschen Abfeuern, Abspritzen huldigte: alles-oder-nichts-sofort. Das war es auch, was er und seine Zechkumpane wie einen Rosenkranz herunterlallten: es sich vorher noch einmal so richtig geben.)
Ineinander verkrallt wie desorientierte Fledermäuse, bezichtigten sich Tochter und Vater desselben Verbrechens: "Du hast mir meine Jugend versaut!" versus "Und du vasaust mia mei Olta!"

Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Zsolnay