Eine einseitige
Angelegenheit
(Leseprobe aus: Schlangenkind, Roman, 2001, Zsolnay)
Mein Großvater war
selbst als zahnloser, so gut wie besitzloser alter Mann noch überrascht, wenn ihm jemand widersprach oder vorschrieb,
was er zu tun hatte. Noch dazu, wenn es sich dabei um seine Tochter handelte, deren Leben
ihm in ihrer Kindheit gerade so verfügbar schien wie ein Schlüssel an seinem Bund.
Die anmaßende Körperlichkeit seiner erwachsenen Tochter, die nicht wenige
einschüchterte - ihn nicht; diese großstädtische Resolutheit, die viele an ihr
bewunderten - er nicht. Er glaubte, das unvermindert Schwankende ihrer Existenz hinter
diesem ersten Eindruck erkennen zu können, das Flüchtige und die Qual. Er glaubte, daß
er immer noch dazu imstande war, sie bis aufs Blut zu reizen, bis zur äußersten
Entblößung ihrer Schwächen, wenn er wollte. Er fühlte sich bei ihrem Anblick erbost,
erfreut, verbraucht, erfrischt zugleich. Dann wurde er rasch müde, dämmerte im Sitzen
vor sich hin, ohne jedoch wirklich zu schlafen.
Meine Mutter sah auf ihn hinab: Sie wußte, sein Blut zirkulierte nun wie Sirup durch
seinen Körper, sein Wille schien kurzfristig formbar wie Plastellin. In ihrer Jugend galt
es, diese Augenblicke - etwa, wenn er sturzbesoffen nach Hause kam - nicht ungenützt
vorübergehen zu lassen. Nur allzu schnell konnte er wieder zur Besinnung kommen und alles
Zugängliche, Nachgiebige (Eigenschaften, die für ihn im übrigen ausschließlich den
Körper und die Gefühlswelt von Frauen bezeichneten), das in Folge des Rausches von ihm
Besitz ergriffen hatte, wie ein Reptil von sich abstreifen und seinen löcherig gewordenen
Panzer durch ein zellfrisches Exemplar ersetzen.
In jenen lethargischen Momenten, in denen das stets Wachsame, Mißtrauische seines Wesens
vorübergehend betäubt war, steckte ihm meine vierzehn, fünfzehn Jahre alte Mutter einen
Stift in die Hand und brachte ihn dazu, all jene Formulare und Erlagscheine zu
unterschreiben, die er unter normalen Bedingungen nicht unterschrieben hätte. Das heißt,
nicht ohne jene Widerspenstigkeit, die seiner Freude an der schieren Verzweiflung meiner
Großmutter in diesen Dingen entsprang; oder aber erst dann, wenn etwa eine Zahlungsfrist
definitiv abgelaufen war.
Großvaters Körpersprache, die sich auf den ersten Blick darauf zu beschränken schien,
der Welt den Rücken zu kehren, war nichtsdestoweniger bis unter die Fingernägel
empfänglich und militant. Wenn das Bier, das er in trauter Bauern- und Eisenbahnerrunde
in sich hineingeschüttet hatte, ihn auch allmählich in sich zusammensacken ließ, konnte
er doch im nächsten Moment förmlich aus sich heraustreten. Alle Glieder und Organe
seines Körpers arbeiteten dann darauf hin, daß er beim Kartenspielen die Aufmerksamkeit
aller auf sich zog. Er exaltierte sich, wollte gleichzeitig jedoch von niemandes
Körperlichkeit oder Kommentar belästigt werden, bis er sich letztlich mit dem
erfolgreichen Wiederfinden seines verwackelten Spiegelbildes in den schnapsgetrübten
Pupillen seiner Mitspieler zufrieden gab. Daß er wenig Freunde hatte, lag auch daran,
daß er im umgekehrten Fall für andere ein hundsmiserables Publikum abgab.
Meine Mutter beruhigte sich. Nicht selten glich ihre Reaktion auf die Provokationen ihres
Vaters der eines kleinen Kindes, das zum ersten Mal bewußt die zwar enttäuschende,
nichtsdestoweniger kolossale Entdeckung macht, wie unnachgiebig sich die Welt der sturen,
stummen Dinge - Beißringe, Legosteine, Puppenköpfe - der von Tag zu Tag weniger
unschuldigen Wut seiner Gliedmaßen entgegenstellt. Doch wie sehr vermag dieser Widerstand
eine gleichzeitig destruktive und konstruktive Ader seiner Phantasie zu Höchstleistungen
anzuspornen! Der Haß meiner Mutter war ihr neunschwänziger Geliebter: unersättlich
drang er in sie ein und verbrauchte ihre Liebesfähigkeit.
Großvater wuchs an der Aura der einstigen Willkür, der ausufernden Unbeherrschtheiten,
die er immer noch heraufzubeschwören vermochte. Sein merklich verfallendes Fleisch
straffte sich, und der zeitweilig am Stock Gehende richtete sich auf wie ein erigierender
Penis.
Er war wie ein zerfledderter Titan. Seine zunehmende körperliche und geistige Inkontinenz
ließen es nicht zu, daß er sich noch einmal sammelte. Er war rüstig; das Rüstzeug zu
einem Feldzug gegen das Unrecht, das seine Tochter älter und mächtiger hatte werden
lassen, besaß
er nicht mehr. (Was sich für ihn nicht tragisch auswirkte,
da er, wie alle Spieler, ohnehin dem raschen Abfeuern, Abspritzen huldigte:
alles-oder-nichts-sofort. Das war es auch, was er und seine Zechkumpane wie einen
Rosenkranz herunterlallten: es sich vorher noch einmal so richtig geben.)
Ineinander verkrallt wie desorientierte Fledermäuse, bezichtigten sich Tochter und Vater
desselben Verbrechens: "Du hast mir meine Jugend versaut!" versus "Und du
vasaust mia mei Olta!"
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Zsolnay