Das Buch vom Salz von Monique Truong, 2004, Beck

Monique Truong

Das Buch vom Salz
(Leseprobe aus: Das Buch vom Salz, Roman, 2004, Seite 47-51, Beck - Übertragung Barbara Rojahn-Deyk)

4

„Thin Bin“, sagt Gertrude Stein und spricht dabei fröhlich meinen Namen falsch aus, reimt ihn statt dessen mit einem englischen Wort, von dem sie behauptet, daß es mein augenfälligstes Kennzeichen beschreibe, es jedoch ablehnt, mir mitzuteilen, was dieses denn sei. Ich weiß inzwischen, daß meine Madame, obwohl nicht grausam, doch eine Menge Unfug im Kopf hat. Nie versäumt sie es, mich mit einem Lächeln und einem lauten, aber herzlichen amerikanischen „Ja, hallo, Thin Bin!“ zu begrüßen. Dann geht sie weiter und läßt mich einmal mehr mit der Frage zurück, was dieses „thin“ denn sein könnte.
Kurz, denke ich, ist die naheliegendste Antwort.
„Dumm“, behauptet der Alte Mann hartnäckig.
Gut aussehend, wage ich vorzubringen, kommt der Sache wohl näher.
Alle meine Arbeitgeber beschenken mich mit einem Spitznamen, ob sie es wissen oder nicht. Keiner von ihnen – und ich übertreibe nicht – hat mich je bei meinem Vornamen gerufen. Ihre Aussprachefehler sind ohne Zahl, ein Epos für sich. Gertrude Steins Spitzname reimt sich eben nur. Jedesmal, wenn sie meinen Namen nennt, sage ich ihn auch. Ihn richtig ausgesprochen zu hören, wenn auch nur in meinem Kopf, ist ein Wunsch, den ich nicht ablegen kann. Ich korrigiere, wo Laute fehlen, und bringe in die richtige Ordnung, was vorher in Unordnung war. Trotzdem sehne ich mich nach einer anderen Stimme, die meinen Namen ausspricht, und das in einem erwartungsvollen Ton, mit einem Seufzer der Erleichterung, einem warmen Klang der Zuneigung.
„Thin Bin“, sagt Gertrude Stein, „wie würden Sie `Liebe` definieren?“
Während meine Madame ihre Frage mit dem beginnt, was ich inzwischen als meinen amerikanischen Namen akzeptiere, muß sie das übrige, das Eigentliche, auf französisch sagen. Es ist schließlich die einzige Sprache, die wir gemeinsam haben. Und glauben Sie mir, GertrudeS teins Französisch ist furchtbar. Wie ein Schuh, der eine Treppe hinunterfällt. Der Rhythmus stimmt überhaupt nicht. Je näher es kommt, desto lauter und disharmonischer klingt es. Ihr breiter amerikanischer Akzent gefällt ihr jedoch ungemein. Sie betrachtet ihn als notwendige Verzierung, ganz wie eine ihrer beeindruckenden Mosaikbroschen, die sie so gerne trägt. Sie benutzt ihn ausgiebig auf ihren täglichen Spaziergängen durchs Viertel, auf denen Basket an seiner roten, aus Seil geflochtenen Hundeleine zerrt. Mit dem Chihuahua geht Gertrude Stein niemals spazieren. Pépé ist nicht in Bestform, wenn er Erde oder Stein unter seinen Bleistiftpfoten spürt. Zuerst zittert er, und dann läßt er Gas ab. Für einen Hund von der Größe eines Perlhuhns mehr, als man sich vorstellen kann. Gertrude Stein zieht den ziegengroßen Pudel vor. Baskets Mäntelchen, so glaubt sie, gibt ihm ein vernünftiges Aussehen. Gemeinsam ziehen diese beiden stattlichen Botschafter amerikanischen Goodwills durch die Straßen des Rive gauche, plaudern mit den Ladenbesitzern in den Türen und mit den alten Männern, die ihre winzigen Hunde spazierenführen, die Sorte, die wie Pépé das ganze Jahr über zittert. Es überrascht mich immer, wenn ich Basket mit Gertrude Stein spazierengehen sehe. Trotz aller Hochnäsigkeit, die Seine Hoheit an den Tag legen, wenn sie mit mir allein zu Hause ist, ist der Pudel Basket auf den Straßen dieser Stadt nur noch ein weiterer hechelnder, sabbernder, hinterteilbeschnüffelnder, pisseversprühender Gegenstand unangebrachter Zuneigung. Ich bin nicht von Natur aus eifersüchtig. Es ist nur so, daß mir Hunde oder genauer: Madame und Madames Liebesverhältnis zu ihnen fremder sind, als ihre Sprache es jemals sein könnte. Wie Anh Minh sagen würde: „Nur die Reichen können es sich leisten, ihre Tiere nicht zu essen.“
Gertrude Stein beherrscht absolut perfekt eine Art von Hundesprache, mit der sie ihre Wertschätzung auszudrücken vermag. Diese und den keuchenden rosa Basket benutzt sie, um sogar zu dem mürrischen Schlachter auf dem Boulevard Edgar-Quinet nett zu sein, einem Mann, der sein eines Glasauge ununterbrochen auf die Reihen kleiner nackter Kadaver gerichtet hält, die in seinem Schaufenster hängen. Sie benutzt sie und Basket, um dem Zigeunermädchen mit den langen Wimpern, das, je nach Jahreszeit, Rosmarin- oder Veilchensträuße auf der Rue de la Gaîté feilbietet, etwas Nettes zu sagen, wenn Basket hinspringt, ihr die Hände leckt und seine Nase unter ihre Röcke steckt. Meine Madame benutzt diese Sprache und Basket, weil ihr Französisch, wie das meine, Grenzen hat. Es verweigert sich ihr. Es zwingt sie, sich kurz auszudrücken, wenn auch nicht genau. Im Französischen sieht sich Gertrude Stein völlig auf einfache Sätze angewiesen. Sie gleicht das mit dem Klang ihrer Stimme und der Wärme ihres Blicks aus. Sie handhabt die Sprache mit überwältigendem Charme. Wenn ich sie sprechen höre, erfüllt mich fast so etwas wie Freude. Ich bewundere die Holprigkeit, die unbekümmerte Großtuerei ihrer Worte. Ich finde, sie entspricht meiner eigenen. Ich denke, wir werden einander mit einem Wort unser Beileid ausdrücken und uns das übrige mit den Augen sagen. Ich glaube, das haben wir gemein.
Gertrude Stein hat ihrerseits angefangen, sich für meine, wie soll ich sagen, Interpretation der französischen Sprache zu interessieren. Mein Gebrauch von Verneinungen und Wiederholungen ist für sie eine Bestätigung. Die Zeugin eines so urgewaltigen, brutalen Niederreißens einer Sprache zu sein, beflügelt sie. Sie ist eine Mitverschwörerin. Und natürlich machte ihr die Sache Spaß. Ich weiß noch, daß Gertrude Stein am Tag meiner Einstellung dabei war, als ich mit Miß Toklas zum erstenmal den Speiseplan für die darauffolgende Woche besprach. Das Gespräch fand damals, wie es das auch heute noch tut, in der Küche statt. Gertrude Stein betritt, wie ich inzwischen weiß, die Küche grundsätzlich nicht. Sie muß von Anfang an gespürt haben, was in mir schlummerte. An jenem Nachmittag wollte ich Miß Toklas fragen, ob das Haushaltsgeld es gestatte, für ein Abendessen, zu dem meine Mesdames zwei Gäste erwarteten, zwei Ananas zu kaufen. Ich wollte ihr sagen, daß ich die erste Ananas in papierdünne Scheiben schneiden und diese mit Schalotten und Rindfleischscheiben kurz anbraten würde. Daß der Zucker der Ananas dabei karamelisieren und dem Gericht einen leicht rauchigen Geschmack verleihen würde, nach dem man süchtig werden könne. Daß das Rezept eine verfeinerte Version eines der Lieblingsgerichte meiner Mutter sei. Ich wollte ihr sagen, daß ich die zweite Ananas in mundgerechte Stücke schneiden, sie in Kirschwasser tränken und aus ihnen ein betrunkenes Bett für löffelweise eingefülltes Mandarineneis machen würde. Um den Rand würde ich ungesüßte Schlagsahne spritzen, einen Ring aus elfenbeinfarbenen Rosetten. Und da ich eitel bin und nichts lieber höre als die Loblieder, die ich hervorrufen kann, wollte ich ihr noch sagen, daß ich auf das Ganze drei Blütenblätter kandierter Veilchen mit ihren funkelnden Zuckerkristallen streuen würde.
„Madame, ich möchte eine Birne ... keine Birne kaufen.“
Miß Toklas sah mich an. In ihren Augen lag keinerlei Erkennen.
Nun ja, in dem Augenblick, als ich meinen Mund aufmachte, hatte ich das französische Wort für Ananas vergessen. Die Wörter dieser Sprache verlassen mich, wie es ihnen paßt, und verspotten mich mit ihrer improvisierten Abwesenheit. Wenn ich alleine bin, dann bieten sie sich mir an, sind wie lockeres Wechselgeld in einer flachen Tasche, aber sobald ich nach einem greife, fallen mir die anderen heraus. Das ist mir schon oft so gegangen. Wenigstens weiß ich jetzt, was ich tun muß, dachte ich. Ich wiederholte meine Frage, aber diesmal hatte ich die Hände auf dem Kopf, wobei nur der untere Teil der Handflächen mein Haar berührte. Meine gespreizten Finger sahen aus wie zwei aufrechte, nicht ganz geöffnete Fächer. So stand ich mit meiner Krone vor meinen neuen Madame und Madame als die Verkörperung einer „Birne ... keine Birne“. Ich weiß noch, daß Gertrude Stein lächelte. Bereits da beschäftigte sich meine Madame mit meinem Französisch. Sie wickelte meine Worte um ihre Zunge und hob sie sich für später auf, um ihre Wandlungen genauer zu studieren.

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