Eine ganz normale Affäre von Joanna Trollope, Hoffmann und CampeJoanna Trollope

aus: Eine ganz normale Affäre

»Es wäre ratsam, den Knaben noch eine halbe Stunde hier oben zu behalten«, sagte der Gerichtsdiener zu dem Wachmann.
Sie blickten beide quer durch den Wartebereich vor dem Gerichtssaal auf den Angeklagten. Er rauchte hastig. Außerdem über- ragte er um Haupteslänge das Grüppchen Frauen, das sich um ihn scharte wie ein Haufen Glucken um einen Gockel, ihm gut zuredete und ihm schöne Augen machte.
Der Wachmann klirrte mit dem Schlüsselbund an seinem Gürtel. "Gibt's Arger unten?«
»Nicht direkt Arger«, sagte der Gerichtsdiener, "aber da warten ein paar Freundinnen und Angehörige des Mädchens. Sie warten. Man kennt das ja. «
Der Wachmann seufzte.
»Wenn man ihm bloß keine Kaution gewährt hätte. Dann könnte ich ihn einfach wieder mitnehmen. Wenigstens wüsste ich dann, wo er ist.«
Der Gerichtsdiener spähte noch einmal zum Angeklagten hinüber. Gut aussehender Bursche, sexy, die Sorte, die Mädchen magnetisch anzieht. Vertrauenswürdig aber wirkte er nicht; zumindest nicht, was seine Stieftochter anging.
»Der haut nicht ab.«
»Ich hätte ihn trotzdem lieber hinter Schloss und Riegel.«
Eine junge Frau kam eiligen Schrittes vorbei, eine schwarz ge- kleidete junge Frau mit rötlich braunem Haar, das sie hinten am Kopf mit einem schwarzen Band zurückgebunden hatte. Sie trug einen schwarzen Aktenkoffer und über dem Arm einen schwarzen Mantel. Im Vorübergehen nickte sie dem Gerichtsdiener zu.
»Schönen Feierabend«, sagte sie.
Der Wachmann sah ihr hinterher. Er hatte sie den ganzen Tag über während der Verhandlung beobachtet, Miss Merrion Palmer, Anklagevertreterin, und bewundernd zur Kenntnis genommen, wie exakt der Zopf ihrer Perücke über ihrem eigenen saß.
»Hübsche Beine«, meinte er.
Der Gerichtsdiener stieß leicht die Luft aus und zog seine schwarze Robe zurecht, die ihm von den Schultern zu gleiten drohte.
»Oh«, sagte er, »allerdings.«
Er blickte den Wartebereich rauf und runter und flüsterte dann: »Kennen Sie unseren Richter?«
»Na, hören Sie mal«, sagte der Wachmann, »ich bin doch den halben Monat hier. Klar kenne ich den Richter.«
Der Gerichtsdiener rückte etwas näher.
»Was da gerade vorbeigegangen ist«, sagte er und hielt die Augen auf die Glastür am Ende des Wartebereichs geheftet, die zum Richterkorridor führte, »ist nicht bloß irgendeine Anwältin. Was da vorbeigegangen ist, ist das Schnuckelchen Seiner Ehren.«

In seinem Zimmer auf der anderen Seite der Glastür nahm Richter Guy Stockdale seine Perücke ab und hängte sie über ihr Holzgestell. Beides, Perücke und Gestell, hatte seinem Vater gehört, wie auch die Taschenuhr in seiner Westentasche, die er jeden Tag dabeihatte, aus einer abergläubischen Furcht heraus, sich öffentlich zum Narren zu machen, wenn er sie einmal vergaß, und der silberne Kugelschreiber, mit dem er sich da oben gewissenhaft Notizen machte, allein, auf der Richterbank.
Dann streifte er seine Robe ab – aus purpurner, weinroter und schwarzer Seide – und hängte sie auf den Plastikbügel einer landesweiten Reinigungskette, der wohl endgültig den schweren, holzgeschnitzten Bügel ersetzt hatte, den er extra für diesen Zweck mitgebracht hatte. Dann legte er sein schwarzes Jackett ab, hängte es über die Rückenlehne eines Armstuhls aus grauem Kunststoff, setzte sich hinein, legte den Kopf in die Hände und drückte sich die Handballen in die Augenhöhlen.
»Wäre es dir lieber, wenn ich meine Perücke abnehme?« hatte er heute vormittag um halb elf das Mädchen gefragt, das über Videokamera als Zeugin zugeschaltet war. »Wäre es dann leichter für dich?«
Sie hatte zurückgestarrt, ein cleveres, aufgewecktes kleines Gesicht, das von einem Mantelkragen aus Kunstpelz umtahmt wurde.
»Das stört mich nicht«, hatte sie erwidert. Sie hatte nicht eingeschüchtert gewirkt. Durch nichts, den ganzen Tag über nicht, außer gelegentlich durch die qualvolle Erinnerung daran, was sie gefühlt hatte, was ihr zugestoßen war. »Wie Sie wollen.«
Seltsamerweise hätte er seine Perücke ganz gern abgesetzt. Das kam sonst nicht vor. Sonst war er sich so sehr der Tatsache bewusst, ein Amtsträger und Repräsentant der Justiz zu sein und nicht bloß Guy Stockdale, zweiundsechzig Jahre alt, einen Meter achtundachtzig groß, Schuhgröße 45, noch immer – beeindruckenderweise – ohne Brille oder dritte Zähne, dass er ganz froh war, wenn seine Perücke und Robe ihn von einem Individuum in eine unpersönliche Instanz verwandelten. Heute aber war es anders gewesen. Heute war es anders gewesen, weil er, ohne eigenes Zutun, an einen Punkt gelangt war, an dem er eine Entscheidung zu treffen hatte; er konnte sie nicht einfach weiter von allen Seiten begutachten, darüber nachdenken und sie dann sorgfältig zur Seite legen, um sich eines schönen Tages mit ihr zu befassen, wenn das Licht hell und sein Mut groß genug wären. Dieses Wissen veranlasste ihn, das Mädchen auf dem Videobildschirm nicht bloß als ein missbrauchtes Kind zu betrachten – dreizehn Anklagepunkte wurden ihrem Stiefvater zur Last gelegt, sechs wegen unzüchtiger Handlungen, fünf wegen ungesetzlichem Verkehr, zwei wegen Vergewaltigung –, sondern als eine Art Weggefährtin in einer Welt, wo die Dinge, die man sich wünschte und brauchte, allmählich in schlimmen Konflikt mit den Dingen gerieten, die man bereits einigermaßen besaß.
Nach einem leichten Anklopfen öffnete sich die Tür. Penny Moss, eine junge Bürogehilfin, die direkt nach ihrem Schulabschluss für den Stanborough Crown Court zu arbeiten begonnen hatte, kam mit einer Akte herein. Guy nahm die Hände vom Gesicht und sah sie blinzelnd an. Sie nahm weiter keine Notiz davon, dass sie den Vorsitzenden Richter mit dem Kopf in den Händen vergraben angetroffen hatte. Sie nahm niemals je von irgendetwas Notiz, es sei denn der unmittelbaren Angelegenheit, mit der sie gerade befasst war. Sie legte die Akte auf den Schreibtisch.

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