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Der Weltensammler
(Leseprobe aus: Der Weltensammler, Roman, 2006, Hanser)
6. Beseitigen von Hindernissen
Mit weniger als zwölf Dienern kann ich den Haushalt nicht organisieren, hatte
Naukaram beteuert. Burton hatte ihm daraufhin erlaubt, zwölf Diener auszusuchen
und vorzuführen. Wer weiß schon, wie und wo er sie aufgetrieben hat. Es
interessierte ihn nicht. Er hatte beschlossen, Naukaram bis auf weiteres gewähren
zu lassen. Er akzeptierte sie, die zwölf unbekannten, dunklen Gestalten, die
ins Zimmer glitten, wortlos ihre Arbeit verrichteten und ansonsten in kaum
sichtbarer Unterwürfigkeit verharrten, die Handflächen übereinandergelegt,
der Blick auf Burton fixiert. Manchmal vergaß er sie und erschrak, wenn sie ein
Geräusch verursachten. Er teilte die Tage im Bungalow mit ihnen; die hellen
Tage, die heißer und zäher wurden, saß er am Schreibtisch, hinter Jalousien,
die das Draußen abblendeten. So konnte er lesen und schreiben, einigermaßen
bequem, einigermaßen erträglich. Was sollte er sonst tun? Er brachte einer
beliebig rekrutierten und miserabel motivierten Truppe das Alphabet des
Exerzierens bei, in den Stunden nach dem Morgengrauen, und es hätte einiges an
Verblendung bedurft, in der Ausbildung dieser imperialen Hosenträger eine
bedeutsame Aufgabe zu sehen. Die Sicherheitslage im Umkreis dieses Außenpostens
gab zu keiner Sorge Anlaß, die Einheimischen verhielten sich ruhig, die letzten
Verluste lagen schon einige Jahre zurück, als bei einer Parade im Palast des
Maharaja ein Elefant außer Rand und Band geraten war und einige der Sepoy
niedergetrampelt hatte. Ansonsten herrschte eine solche Stille, er meinte den
Pulsschlag der Borniertheit zu hören. Er ekelte sich vor dem klebrigen
Stumpfsinn eines Lebens, das dem Billard und dem Bridge gewidmet war, er
weigerte sich, seine Dienstdauer zu durchwarten, versunken in Polstern, so tief
wie muffig, einen starren Blick auf Fingernägel gerichtet, in denen sich Sand
und Staub ansammelte. Es gab nur eine Möglichkeit, sein Leben nicht zu
verplempern: Sprachen lernen. Sprachen waren Waffen. Mit ihnen würde er sich
von den Fesseln der Langeweile befreien, seine Karriere anspornen,
anspruchsvolleren Aufgaben entgegensehen. Auf dem Schiff hatte er genug
Hindustani aufgelesen, um sich grob zu orientieren, um sich vor den
Einheimischen nicht lächerlich zu machen, und das war mehr – wie er zu seinem
Erstaunen festgestellt hatte –, als selbst jene Offiziere vermochten, die vom
Hind seit längerem gezeichnet waren. Einer von ihnen redete ausschließlich im
Imperativ; ein anderer benutzte stets die weibliche Konjugation – alle wußten,
er plapperte seine einheimische Geliebte nach. Ein Schotte hatte keinen einzigen
seiner Zungenschläge anpassen können, so daß ihn seine Landsleute nur mühsam
und die Einheimischen überhaupt nicht verstanden. Versuchte er sich am
Hindustani, antworteten sie höflich und bedauernd, sie verstünden leider kein
Englisch, der Saheb möge sich einen Augenblick gedulden, sie würden jemanden
holen, der übersetzen könne.
Nach den Regimentspflichten setzte sich Burton an seinen Schreibtisch und
versenkte sich bis in den späten Abend hinein in die Grammatiken, die er in
Bombay erworben hatte. Er wurde selten gestört. Es hatte sich schnell
herumgesprochen, daß der Griffin ein Sonderling war. Es fiel ihm nicht leicht,
ruhig sitzen zu bleiben. Kein halbes Jahr her, da war er von Greenwich aus
aufgebrochen, in der Erwartung, aus dem Krämeralltag in das Reich famoser
Heldentaten und zügiger Aufstiege überzusetzen, Ruhm und Ehre anzulaufen. Männer
seines Alters kommandierten dreitausend Sikhs, eroberten Ländereien für Ihre
Majestät, die größer waren als Irland.
Schweißtropfen rannen über seine Unterarme, seinen Rücken, Fliegen schwirrten
um ihn herum, Afghanistan war anderswo und bereits befriedet, und ihm blieb
nichts anderes übrig, als Wörter laut auszusprechen, hundertfach wiederholt.
Sobald er schwieg, hörte er das Surren der Moskitos, die er nicht loswurde,
egal wie oft er durch die Luft schlug und dabei das Wort brüllte, das er sich
gerade aneignete. Es gab nur eine Strategie, diese Plage zu besiegen. Er mußte
regungslos in seinem Stuhl verharren, die Augen auf das aufgeschlagene Buch vor
sich gerichtet, auf das nächste englische Wort, dem wie so oft zwei
Entsprechungen zugeteilt waren – die Doppelzüngigkeit der Einheimischen
offenbart sich in ihrer Sprache, hatte der weiblich konjugierende Offizier zum
besten gegeben. Er war ein hinterlistiges Opfer, das Gehör geeicht auf die
heransurrende Mücke, pratikshaa karna, die eine Entsprechung, langsam zu
wiederholen, jede Silbe ein Schluck Wasser, der Moskito war jetzt nahe, intezaar
karna, die weitere Entsprechung, die er wiederholte, mehrfach, er spürte, wie
sich die Mücke auf seinem Arm niederließ, wie sie hineinstach. Dann schlug er
zu.
–Naukaram!
–Ja, Saheb.
–Mit Grammatiken allein komme ich nicht weiter. Ich brauche einen Lehrer,
kannst du einen brauchbaren Lehrer auftreiben?
–Ich kann versuchen.
–In der Stadt?
–Ja, in der Stadt.
–Noch etwas, Naukaram.
–Ja, Saheb!
–Ich verbiete dir, von nun an auch nur ein einziges Wort Englisch in meiner
Gegenwart zu reden. Sprich Hindustani! Oder Gujarati oder weiß der Teufel was,
aber kein Wort Englisch mehr.
–Und wenn Besuch kommt?
–Das Nötigste. Nur das Allernötigste.
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