Der unterirdische Himmel von Sofi Triantafillou, ZsolnaySoti Triantafillou

Der unterirdische Himmel
(Leseprobe aus:
Der unterirdische Himmel, Roman, 2001, Zsolnay - Übertragung Birgit Hildebrand).

Sein Name war Billy Morrow, aber im Viertel nannten sie ihn Dudes. Es war ein Viertel mit Holzhäusern, in der Nähe des Highways, der nach Indianapolis führt; Billy lebte dort in der Dubeil Street, in einem Einfamilienhaus, das 52 er-baut worden war, als es in der Stadt South Bend in Indiana viele Fabriken gab. Billy ging in die St. Joseph's School, zehn Blocks weiter unten: jeden Tag ging er dorthin, fünf Tage in der Woche, außer wenn er mit seinem Freund Tony Farina schwänzte. Sie nannten ihn Dudes, ganz egal, was er machte; denn selbst wenn er auf dem Platz in der Nachbarschaft Basketball spielte, blieb Billy sauber, knitterfrei und wohlfrisiert - und ebendeshalb nannten sie ihn Dudes. Seine Mutter bügelte ihm die Bluejeans und Baumwoll-T-Shirts, als handelte es sich um Hemden - und dann besah sich Billy lange im Spiegel, wie es sonst die Mädchen tun. Sein Vater rief dann, paß ja auf, daß dir auch keine Knitterfalte entgeht, Vassilakis, paß ja auf deinen Scheitel auf - und gelegentlich stellte er sich besorgt die Frage: Wird aus dem Jungen etwa eine Schwuchtel? Nein, aus dem Jungen wurde ganz sicher keine Schwuchtel: in der dritten Klasse des Gymnasiums ging Billy regelmäßig mit Wilma Popper am Fluß spazieren, die hatte genau über ihren großen Ohren zwei große Zöpfe. Sein Vater murrte, er hat sich von einer Amerikanerin einfangen lassen, wo hat er die denn aufgegabelt - als sei es schwierig, in Amerika eine Amerikanerin aufzugabeln -, wir werden noch ihren Vater auf den Hals bekommen. Aber Billy ließ sich nie einfangen, und sie bekamen auch keinen Vater auf den Hals, außer bei diesem einen Mal, wo sie Anny nicht mit ihm nach Michigan City ins Drive-in fahren ließen. Sie hatten eigentlich Cotton Club sehen wollen, aber Anny hatte den blöden Fehler gemacht, ihrem Vater zu erzählen, es sei die Geschichte eines Haarlemer Clubs, und ihr Vater war an die Decke gegangen - wie Billy später erfuhr, hatte Annys Vater gesagt, das hat uns gerade noch gefehlt, daß wir uns anschauen, wie sich die Nigger beim Tanzen aufführen; und er beschimpfte Billy und nannte ihn einen "spic" und einen "wop", das heißt, er beschimpfte ihn im Grund schon ganz richtig - nannte ihn einen Scheißeinwanderer, einen Neuling in Amerika. Als sei der Umstand, daß man ein Neuling ist, ein Verbrechen. Zudem war er gar kein Neuling; er war in dieser Stadt hier geboren, in South Bend in Indiana, in der Dubeil Street, in der Nähe des Highways, der nach Indianapolis führt. Deshalb machte sich Billy nichts daraus - eher wunderte er sich, daß Annys Vater keine Ahnung hatte, was für ein bedeutender Film Cotton Club war -, und so sagte er seinem Vater nichts wegen dem spic und dem wop; solche Sachen nahm sich der Vater zu Herzen. Und er hatte auch keine Lust mehr, Anny wiederzusehen - ihm stanken die Mädchen, die alles mit ihrem Vater besprachen und dann auch noch Sir sagten: "Yes Sir", "No Sir". Billy überlegte, wie es wäre, wenn er zu seinem Vater Sir sagte, und er mußte lachen. Schließlich fuhr er mit Tony ins Drive-in - mit dem Auto von Tonys Mutter Vi Farina. Sie hatten eine super Zeit: sie tranken Lefty O'Doule-Bier - so ein alkoholfreies Bier, wie Limo -, verspeisten Popcorn aus Riesentüten und grinsten voll Schadenfreude über die, die ein Cabrio hatten und schlotterten. In den Nordstaaten hat es keinen Sinn, mit dem Cabrio ins Drive-in zu kommen, abends ist es eiskalt, und die Luft ist wie Nebelschwaden.
In der ersten Klasse der Highschool ging Billy zuerst mit Mary Lynch (die hatte auch Zöpfe, aber keine so großen Ohren) und dann mit Adrienne Pappas, die aus Zypern stammte und in der gleichen Straße ein Stück weiter unten wohnte - sein Vater freute sich schon: Die Zyprioten sind nett, auch wenn sie keine echten Griechen sind. Aber er freute sich nicht sehr lange; denn er fand heraus, daß Billy während der Zeit, als er mit Adrienne ging, stundenlang mit einer Lotty oder Letty herumtelefonierte - Herr Moropoulos (hier in Amerika nannten sie ihn Morrow) hatte den Namen nicht recht verstanden. Seine Englischkenntnisse reichten nicht aus, um den Lauscher zu spielen.
In der Schule war Billy eine Plage: keine große Plage - er gehörte zu keiner Gang und ging auch nicht oft auf Schießstände; aber er war doch eine Plage. Er lernte gerade so viel, daß er durchkam, er wußte ein bißchen was über Bücher, ein bißchen was über Geographie und etwas mehr über Geschichte - über die Entdeckung Amerikas und über die Kriege mit den Indianern, wie sie die Weißen skalpiert hatten. Aber er kam zu spät zum Unterricht, er konnte in der Früh nicht wach werden. Und obwohl er in der Klasse nicht viel sagte, verursachte er die paar Male, wo er etwas sagte, einen Aufruhr: einmal hatte er gesagt, die Religion sei ein Quark, und ein anderes Mal, die Heimat sei ein Quark.
Möchtest du uns das näher erklären, Bill? hatte Mrs. Normand-Parks gefragt, die amerikanische Geschichte unterrichtete. Sie versuchte, sich in Toleranz zu üben.
Nein, hatte Billy erwidert. Er saß da und hielt sich den Kopf mit der Hand, als wollte er ihm herunterfallen. Er konnte und wollte es auch gar nicht erklären - aber er war sich sicher, seit er auf einem Foto ein Werk von Robert Indiana gesehen hatte: ein Gemälde, wo der ironischste Satz der Welt draufstand: God is a lily in the valley - he can do anything but fail. Es war ein perfekter ironischer Satz, der aus einem Lied von Schwarzen stammte, und Billy freute sich, daß ihn Robert Indiana auf das Gemälde gesetzt hatte.

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