Das Badezimmer
(Leseprobe aus: Das Badezimmer, Roman,
Seite 29-35, 2004, Frankfurter Verlagsanstalt - Übertragung von Joachim
Unseld)
26) Einen Fuß vor den anderen setzend, fast im
Laufschritt, trabte ich in den Flur, um das Telefon abzuheben. Falsch verbunden,
der Anruf galt den Vormietern. Im Zimmer drang ein grauer Tag durch die Tüllvorhänge.
Ich legte den Hörer zurück auf die Gabel des alten Apparats, umrundete in
Gedanken versunken meinen Schreibtisch und blieb reglos am Fenster stehen. Es
regnete. Die Straße war naß, die Bürgersteige glänzten dunkel. Autos parkten
ein. Über andere, die bereits standen, ging der Regen nieder. Leute beeilten
sich, über die Straße zu kommen, betraten und verließen das Postamt, den
modernen Bau mir gegenüber. Auf die Fensterscheibe vor mir legte sich ein
leichter Beschlag. Hinter dem zarten Dunstfilm beobachtete ich, wie Passanten
Briefe einwarfen. Der Regen verlieh ihnen etwas Konspiratives: Am Briefkasten
angekommen, zogen sie einen Umschlag unter dem Mantel hervor und steckten ihn,
sehr schnell, damit er nicht naß wurde, in einen Schlitz, richteten danach den
Mantelkragen auf, um sich vor dem Regen zu schützen. Ich bewegte mein Gesicht
noch näher ans Fenster, und plötzlich, die Augen an die Scheibe gepreßt,
konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich alle diese Leute da
unten in einem Aquarium befanden. Hatten sie vielleicht Angst? Das Aquarium füllte
sich langsam.
27) Auf meinem Bett sitzend, den Kopf in die Hände gestützt (immer diese
extremen Stellungen), sagte ich mir, daß die Leute den Regen nicht fürchteten;
manche, die gerade vom Friseur kämen, würden sich vor ihm hüten, aber niemand
hätte wirklich Angst, daß der Regen nie wieder aufhört, ein unaufhörliches
Fließen, das alles verschwinden läßt – alles vernichtet. Mich dagegen, da
am Fenster, überkam plötzlich ausgelöst durch eine Verwirrung, die der
wachsenden Beklemmung geschuldet war angesichts all der Bewegungen vor meinen
Augen, dem Regen, dem Hin und Her der Menschen und Autos, Angst vor dem
Unwetter, dabei war es das Verrinnen der Zeit selbst, das mich, einmal mehr, in
Schrecken versetzt hatte.
28) Der Küchentisch bedeckt mit einem weißen Wachstuch, der Küchenschrank,
seine Schubladen und Regale, das Fenster und das Fensterbrett. Das Spülbecken
und den Stapel Geschirr dort gegenüber, auch diesen Herd erkannte ich nicht
mehr wieder. Der Boden wirkte dunkel, an manchen Stellen hatte sich das Linoleum
gelöst. Zwei Besen waren an die Wand gelehnt. Ich registrierte all diese
Details, ich schaute, ohne mich entschließen zu können einzutreten. Ich stand
im Türrahmen und hatte das Gefühl, mich an einem völlig fremden Ort zu
befinden. Wer waren diese Männer? Was hatten sie bei mir zu suchen?
29) Ohne sich im geringsten an meiner Anwesenheit zu stören, setzten die Polen
konzentriert und in aller Ruhe ihre Unterhaltung fort. Die Augen auf die auf dem
Holzbrett ausgebreitete unförmige Masse gerichtet, stach Kabrowinski da und
dort mit der Spitze seines Messers in den Cephalopoden, um irgendwelche Auswüchse
zu beseitigen. Der Tintenfisch war nun vollständig nackt. Nur noch an den Enden
der Fangarme waren Reste der gräulichen Haut zu sehen, umgestülpt wie kleine Söckchen.
Die Tentakel ragten über das Holzbrett hinaus, schlängelten sich in alle
Richtungen; sie krochen längs des Spülbeckens entlang, wölbten sich über
Hindernisse hinweg, trafen wieder aufeinander, überkreuzten sich. Die längsten
hingen an verschiedenen Stellen ins Leere. Kabrowinski legte sein Messer
beiseite und erklärte, an mich gewandt, daß er nun die richtigen Handgriffe
beherrsche. Nach seiner Schätzung, obwohl noch fünf Tintenfische ineinander
verschlungen im Spülbecken lagen, bräuchte er nur noch eine Viertelstunde, um
sie abzuhäuten. Wunderbar, wunderbar, dachte ich und suchte in meinen Taschen
nach den Zigaretten. Ich hatte sie in meinem Zimmer liegen lassen.
30) Debatten wurden eröffnet, würde der Botschafter sagen, Vorschläge
eingebracht, Schlußfolgerungen gezogen und neue Programme ins Leben gerufen.
Diese Projekte, die im Sinne einer Vereinheitlichung der Konzepte ausgearbeitet
wurden, zielen anhand einer präzisen Definition der vorgängigen Studien auf
nachhaltigere Umsetzung der während der letzten Sitzung getroffenen Verfügungen.
Mit diesen Verfügungen wird im übrigen versucht, die Teilnehmer zu einer
genaueren Programmierung ihrer Untersuchungsaktivitäten zwecks erfolgreichen
Umgangs mit den Projekten anzuleiten, um so Modalitäten einer verbesserten
praktischen Effizienz der personellen Ressourcen ins Werk zu setzen. Eingedenk
der von den Teilnehmer gehegten großen Erwartungen, sind sie darin übereingekommen,
ihre Anstrengungen hinsichtlich Zuständigkeit, Zuverlässigkeit und
Zusammenhalt zu bündeln. Mehr noch. Sie erwarten – und dieser Ausdruck stammt
aus dem Munde des Vorsitzenden der Sitzung selbst – vermehrte Anstrengungen im
Hinblick auf die Realisierung der gesteckten zentralen Ziele. Haben Sie eine
Salatschüssel? fragte Kabrowinski. Wie bitte? Eine Salatschüssel, wiederholte
er und zeichnete so etwas wie eine Salatschüssel in die Luft.
31) Mit leicht nach vorn gebeugtem Körper ließ Kabrowinski liebevoll den in
kleine Scheiben geschnittenen Tintenfisch über das schräg gehaltene Brett in
einen Behälter gleiten. Er hatte alle Schränke öffnen, Töpfe verschieben,
Kannen und Schüsseln, Siebe und sonstiges Küchengerät hervorziehen müssen,
bis er hinten in irgendeinem Schrank diese grünliche Obstschale aus schäbigem
durchsichtigen Plastik gefunden hatte. Kovalskazinski Jean-Marie hatte sich
ebenfalls an der Suche beteiligt, allerdings mit weit weniger Überzeugung, er
hatte sich darauf beschränkt, wachsamen Blicks durch die Küche zu gehen. Der
Tintenfisch war vollständig zerlegt, der Körper in Streifen geschnitten, die
Fangarme in kleine runde Scheiben, mit Hilfe seines Messers beförderte
Kabrowinski diesen beweglichen Haufen in den Behälter. Nachdem das getan war,
piekste er einen zweiten Tintenfisch aus dem Spülbecken, hob ihn weit über
unsere Köpfe hinweg und breitete ihn, mit einer eleganten Bewegung und in die
Knie gehend, auf dem Holzbrett aus. Seit einiger Zeit schon war mir klar, daß
ich die Küche verlassen würde (ich fror ein wenig).
32) Ich war aufgestanden und ging aus der Küche, um mir einen Pullover aus
meinem Zimmer zu holen. Bevor ich die Schwelle überquerte, verbeugte ich mich
leicht und ließ meine Gäste mit einem entschuldigenden Lächeln wissen, daß
ich sie mit Bedauern verließe. In der Wohnung war es still. Ich ging geräuschlos.
Wie oft hatte ich auf diese Weise die Diele durchquert, mich erst nach links,
dann nach rechts gewandt, bevor ich mit gleichmäßigem Schritt mein Zimmer
erreichte? Und wie oft hatte ich den umgekehrten Weg genommen? Ich fragte mich
das. Die Türen zum Flur hin waren halb geöffnet. Durch die Türöffnungen
fielen feine Bänder grauen Lichts, die sich auf dem Teppichboden vermischten.
Über meine sich bewegenden Schuhe kreuzten blasse Streifen. Ich wandte mich
nach rechts und betrat mein Zimmer. Vor dem Fenster stehend, massierte ich Arme
und Brust. Mit einem Finger zeichnete ich auf das Fenster, zog Linien auf die
beschlagene Scheibe, unendliche Kurven (draußen war es immer noch so
pariserisch).
33) Zwei Arten gibt es, zu Hause, hinter einer Fensterscheibe, zu beobachten,
wie der Regen fällt. Bei der ersten hält man den Blick auf einen beliebigen
Punkt im Raum gerichtet und sieht dem unaufhörlichen Fallen des Regens an der
ausgewählten Stelle zu; diese Art, so entspannend sie für den Geist ist, gibt
keinen Aufschluß über das zielgerichtete Ende der Bewegung. Die zweite Art,
die dem Sehvermögen einiges an Behendigkeit abverlangt, besteht darin, mit den
Augen dem Fallen eines einzigen Tropfens zu folgen, von seinem Eintritt in das
Sehfeld bis zu seinem Aufplatzen auf dem Boden. Auf diese Weise ist es möglich,
sich vorzustellen, daß die Bewegung, so blitzartig sie auch dem Anschein nach
ist, in ihrem Wesen zur Bewegungslosigkeit tendiert, und sie aus diesem Grund,
so langsam sie manchmal auch scheinen mag, die Körper unaufhörlich in Richtung
Tod zieht, in dem ich die Bewegungslosigkeit seh. Olé.
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