Sieben Jahre Reisen
(Leseprobe aus: Unrast, Roman, 2009, Schöffling&Co. - Übertragung
Esther
Kinsky).
Jedes Jahr eine Reise, seit sieben Jahren, seitdem wir geheiratet haben«,
erzählte ein junger Mann im Zug. Er trug einen eleganten langen schwarzen Mantel
und hatte ein schwarzes Köfferchen bei sich, das aussah wie ein feiner
Besteckkasten.
»Wir haben viele Fotos«, erklärte er. »Alle der Reihe nach geordnet.
Südfrankreich, Tunesien, Türkei, Italien, Kreta, Kroatien, sogar Skandinavien.«
In der Regel schauen sie die Bilder mehrmals an: zuerst mit der Familie, dann
bei der Arbeit, dann mit Freunden, und danach liegen die Fotos jahrelang
wohlverwahrt in Plastikhüllen, wie Beweisstücke im Schrank eines Detektivs: »Wir
sind dort gewesen.«
Er wurde nachdenklich und schaute aus dem Fenster.
Draußen entflohen die Landschaften, werweißwohin hastend. Dachte er nicht
manchmal darüber nach, was das heißt: »Wir sind gewesen«? Wohin sind die zwei
Wochen in Frankreich, die sich heute mit Mühe in ein paar Erinnerungen quetschen
lassen: plötzlicher Hunger an der Stadtmauer eines mittelalterlichen Orts und
ein Augenblick, eines Abends in einem Lokal, unter einem weinberankten Dach. Was
ist von Norwegen übrig geblieben? Nur die Kälte des Wassers in einem See und ein
Tag, der nicht zu Ende gehen wollte, und dann noch die Freude über das Bier, das
man kurz vor Geschäftsschluss hatte erstehen können, oder der umwerfende erste
Blick auf einen Fjord.
»Was ich gesehen habe, das gehört mir«, erklärte der Mann zusammenfassend, dabei
lebte er plötzlich auf und schlug sich begeistert auf die Schenkel.
Rezension I Buchbestellung II09 LYRIKwelt © Schöffling