Taghaus, Nachthaus
(Leseprobe aus:
Taghaus, Nachthaus,
Roman, 1998/2001, DVA - Übertragung
Esther
Kinsky)
Der Traum
In der ersten Nacht hatte ich einen reglosen Traum. In meinem Traum war ich nichts als ein
Blick, ein reines Schauen, ohne Körper, ohne Namen. Ich schwebte hoch über dem Tal an
einem nicht näher bestimmten Punkt, von dem aus ich alles oder fast alles sah. Ich
bewegte mich in diesem Zustand des Schauens, blieb aber an derselben Stelle. Oder besser
gesagt, die Welt ergab sich mir, während ich sie betrachtete, sie näherte und entfernte
sich, so daß ich entweder alles auf einmal oder nur die kleinsten Einzelheiten sehen
konnte.
Ich sehe also das Tal, in dem das Haus steht. Es steht mitten im Tal, aber es ist weder
mein Haus noch mein Tal, mir gehört gar nichts, denn ich selbst gehöre mir nicht, so
etwas wie ein Ich existiert überhaupt nicht. Ich sehe die Linie des Horizonts, der das
Tal von allen Seiten wie ein Ring umschließt. Ich sehe den aufgewühlten, trüben Bach,
der zwischen den Hügeln fließt. Ich sehe die Bäume, die mit ihren mächtigen Stämmen
in der Erde verwurzelt sind, wie einbeinige, unbewegliche Tiere. Die Reglosigkeit der
Dinge, die ich sehe, ist scheinbar. Wenn ich will, kann ich den Schein durchschauen. Dann
sehe ich unter der Baumrinde die beweglichen Rinnsale des Wassers und der Säfte, die
unentwegt kreisen und auf- und absteigen. Unter den Dächern sehe ich schlafende Menschen,
und ihre Reglosigkeit ist auch nur Schein, ihre Herzen klopfen leise, ihr Blut rauscht,
selbst ihre Träume sind nicht wirklich, denn ich sehe, was sie sind, pulsierende
Fragmente von Bildern. Ich betrachte diese träumenden Körper, und in ihren verworrenen
träumerischen Gedanken sehe ich mich selbst, und dann mache ich diese merkwürdige
Entdeckung, daß ich der Blick bin, ohne Reflexion, ohne Bewertung, ohne Gefühl. Und
gleich darauf mache ich noch eine Entdeckung: Ich kann auch durch die Zeit hindurchsehen,
ich kann den Punkt, wo ich in der Zeit bin, genauso ändern wie den Punkt, wo ich im Raum
bin. Wie ein Pfeil auf dem Computerbildschirm, der sich selbsttätig bewegt oder einfach
nur nichts von der Hand weiß, die ihn bewegt.
So träume ich eine unendlich lange Zeit, wie mir scheint. Es gibt kein Vorher und kein
Nachher, ich erwarte auch nichts Neues, denn ich kann weder etwas gewinnen noch etwas
verlieren. Die Nacht nimmt kein Ende. Nichts geschieht. Selbst die Zeit ändert das, was
ich sehe, nicht. Ich schaue, und weder erkenne ich etwas Neues noch vergesse ich etwas von
dem, was ich gesehen habe.
Marta
Den ganzen ersten Tag verbrachten wir damit, unseren Grund und Boden abzuschreiten. Die
Gummistiefel versanken im lehmigen Boden. Die Erde war rot, der Schmutz, der an den
Händen klebte, war rot, und wenn man die Hände wusch, verfärbte sich das Wasser rot. R.
betrachtete zum wiederholten Mal die Bäume im Obstgarten. Alte, buschige Bäume, die in
alle Richtungen wucherten. Solche Bäume würden bestimmt keine Früchte hervorbringen.
Der Obstgarten zog sich bis zum Wald hin und hörte an der dunklen Wand der Fichten auf.
Die Fichten standen da wie ein Heer. Am Nachmittag fiel wieder ein mit Schnee vermischter
Regen. Das Wasser sammelte sich auf der lehmigen Erde, es bildete kleine Bäche und
Rinnsale und verschwand dann unter der Hauswand. Ein unentwegtes Rauschen irritierte uns,
und wir stiegen mit einer Kerze in den Keller hinab. Über die steinernen Stufen ergoß
sich ein regelrechter Bach, spülte über den Steinfuß-boden und floß dann tiefer unten
wieder hinaus. Wir erkannten, daß das Haus auf einem Bachlauf stand, es war
unvorsichtigerweise auf fließendem unterirdischem Wasser gebaut, und jetzt ließ sich
nichts mehr daran ändern. Es blieb uns nichts anderes übrig, als uns an das dumpfe,
unablässige Geräusch und die unruhigen Träume zu gewöhnen.
Draußen vor dem Fenster war noch ein Bach, er führte trübes, rotes Wasser, das ziellos
die unbeweglichen Wurzeln der Bäume unterspülte und dann im Wald verschwand.
Aus dem Fenster des langen Zimmers sah man Martas Haus. Seit drei Jahren dachte ich
darüber nach, wer Marta war. Sie erzählte immer etwas anderes über sich. Jedes Mal
nannte sie ein anderes Geburtsjahr. Wie alles hier, existierte auch Marta für R. und mich
immer nur im Sommer, im Winter verschwand sie. Sie war klein, weißhaarig und zahnlos.
Ihre Haut war runzlig, trocken und warm. Ich weiß es, weil wir uns zur Begrüßung auf
die Wangen küßten, manchmal umarmten wir einander unbeholfen, und dann nahm ich ihren
Geruch auf. Sie roch nach Feuchtigkeit, die sich nicht trocknen läßt. Dieser Geruch
bleibt immer haften, man wird ihn nicht los. Kleidung, die im Regen durchnäßt worden
ist, muß man gründlich waschen, sagte meine Mutter, aber sie wusch in der Regel alles,
ohne daß es notwendig war. Sie öffnete die Schränke, zog die sauberen, gestärkten
Leintücher heraus und warf sie in die Waschmaschine, als habe die Nichtbenutzung sie
genauso verschmutzt wie die Benutzung. Der feuchte Geruch an sich war unangenehm, aber an
Martas Kleidung und auf ihrer Haut roch er vertraut und freundlich. Wenn Marta hier war,
befand sich alles an seinem Platz, alles war in der besten Ordnung.
Marta kam gleich am zweiten Abend. Zuerst tranken wir Tee, dann Hagebuttenwein vom letzten
Jahr, der dunkel und schwer war und so süß, daß der Kopf schon nach dem ersten Schluck
wie benebelt war. Ich räumte Bücher aus einer Kiste. Marta hielt ihr Glas in beiden
Händen und schaute teilnahmslos zu. Ich dachte, Marta könne nicht lesen. So kam es mir
vor. Das war möglich, denn sie war so alt, daß ihr die Schulpflicht erspart geblieben
sein könnte. Ihr Blick blieb nie an einem Buchstaben hängen. Aber ich fragte sie nie
danach.
Die Hunde liefen aufgeregt zwischen drinnen und draußen hin und her. Auf ihrem Fell
brachten sie den Geruch von Kälte und Wind mit herein. Sie wärmten sich in der geheizten
Küche auf, danach zog es sie wieder in den Garten. Marta kraulte ihnen mit ihren langen,
knochigen Fingern den Rücken und sagte ihnen immer wieder, wie schön sie seien. So
redete sie den ganzen Abend mit den Hunden. Ich sah ihr aus den Augenwinkeln zu, während
ich die Bücher auf den Holzregalen aufstellte. Die Wandlampe beleuchtete ihren Scheitel
mit seinen Federbüscheln dünner, weißer Haare. Im Nacken waren sie zu einem Zopf
zusammengebunden.
[
]
Ich wußte nicht viel von Marta. Ich wußte nur das, was sie mir erzählt hatte. Alles
mußte ich mir selbst zusammenreimen, und mir wurde klar, daß ich Geschichten über sie
erfand. Ich schuf eine Marta mit einer Vergangenheit und einer Gegenwart. Denn sobald ich
sie bat, mir etwas über ihre Jugend zu erzählen, darüber, wie damals all das aussah,
was jetzt so selbstverständlich erscheint, wechselte sie das Thema, schaute zum Fenster
hinaus oder schwieg einfach, widmete ihre ganze Aufmerksamkeit dem Kohl, den sie gerade
raspelte, oder flocht Haare. Ich verstand das nicht als Unlust, etwas zu erzählen. Es
war, als hätte Marta nichts über sich zu erzählen, als hätte sie keine Geschichte. Sie
sprach gerne von anderen Menschen, die ich vielleicht ein paarmal zufällig gesehen hatte
oder die ich gar nicht kannte, weil ich ihnen nicht mehr begegnen konnte, denn sie waren
schon lange tot. Sie sprach auch von Menschen, die mit Sicherheit gar nicht existierten.
Später stellte sich heraus, daß Marta gerne Dinge erfand. Und von Orten, wo sie diese
Menschen wie Pflanzen einsetzte. Sie konnte stundenlang reden, bis ich genug hatte und
höflich einen Vorwand fand, sie zu unterbrechen und über die Wiese nach Hause zu gehen.
Manchmal hielt sie in ihren Ausführungen plötzlich inne, ohne Grund, wochenlang kam sie
nicht mehr auf dieses Thema zu sprechen, um irgendwann unvermittelt wieder anzufangen:
»Weißt du noch, wie ich dir erzählt habe ...«
»Ja, das weiß ich noch.«
»Also, das ging so weiter ...« Und dann spann sie einen eingetrockneten Faden weiter,
während ich versuchte, mich daran zu erinnern, von wem sie gesprochen hatte und wo sie
stehengeblieben war. Merkwürdigerweise war mir meistens nicht die Geschichte in
Erinnerung geblieben, sondern Marta, während sie erzählte, ihre kleine Gestalt mit den
runden Schultern in dem Pullover mit den ausgeleierten Knopflöchern und ihre knochigen
Finger. Ich wußte noch, ob sie dabei gegen die Windschutzscheibe des Autos geredet hatte,
als wir auf dem Weg nach Wambierzyce waren, um dort Bretter zu bestellen, oder ob es beim
Kamillepflücken auf Bobols Feld gewesen war. Auf die Geschichten konnte ich mich nie
besinnen, sondern nur auf die Situation, die Umstände, die Welt, die sie in mir Wurzeln
schlagen ließ, als seien das gleichsam unwirkliche, erfundene, erträumte, in ihrem und
in meinem Kopf hin- und hergespiegelte, von den Worten verwaschene Geschichten. Sie brach
die Erzählung so plötzlich ab, wie sie sie angefangen hatte. Wegen einer Gabel, die auf
den Boden gefallen war und deren blechernes Scheppern den letzten Satz zersplittert hatte,
behielt sie das letzte Wort im Mund und mußte es verschlucken. Oder Soundso trat ein,
ohne anzuklopfen, wie es so seine Angewohnheit war, stapfte in seinen schweren Stiefeln
herein und hinterließ eine Spur aus Wasser, Schlamm, Tau, je nachWitterung. In seiner
Anwesenheit konnte man kein Wort mehr miteinander sprechen, weil er so laut war.
Ich vergaß viele Dinge, die mir Marta erzählte. Die eine oder andere zusammenhanglose
Pointe ist mir in Erinnerung geblieben, so wie Senf, der noch auf dem Tellerrand liegt,
wenn die Mahlzeit verzehrt worden ist. Einzelne Szenen, manche schrecklich, manche
komisch. Einzelne aus dem Zusammenhang gerissene Bilder, wie von Kindern, die mit bloßen
Händen im Bach Forellen fingen. Ich weiß nicht, warum ich solche Einzelheiten
angehäuft, die Geschichte aber vergessen habe, obwohl sie doch einen Sinn gehabt haben
muß, denn sie war eine Erzählung mit Anfang und Ende. Ich habe nur die Kerne behalten,
die meine Erinnerung hinterher, und zwar zu Recht, ausspucken mußte.
Es war nicht so, daß ich nur zuhörte. Ich sprach auch mit ihr. Irgendwann am Anfang
erzählte ich ihr, daß ich Angst vor dem Sterben hatte, nicht vor dem Tod, sondern vor
dem Moment, wenn ich nichts mehr auf später würde verschieben können. Und daß diese
Angst immer kommt, wenn es dunkel ist, und niemals tagsüber, und daß sie ein paar
schreckliche Momente lang dauert, wie ein epileptischer Anfall. Gleich darauf schämte ich
mich, daß ich so ein unvermitteltes Bekenntnis abgelegt hatte. Dann versuchte ich, das
Thema zu wechseln.
Marta hatte kein Therapeutenherz. Sie fragte nicht nach, sie ließ nicht das Geschirr in
der Spüle sein, um sich zu mir zu setzen und mir auf die Schultern zu klopfen. Sie
versuchte nicht wie andere Leute, alles Wesentliche zeitlich einzuordnen, und fragte
nicht: »Wann hat das angefangen?« Es ist ohnehin so, daß das am wichtigsten ist, was
sich gerade abspielt, was man gerade vor Augen hat. Die Fragen nach Anfang und Ende
vermitteln kein Wissen, das irgendwie von Wert ist.
Manchmal dachte ich, Marta höre gar nicht zu oder sei völlig ungerührt wie ein
abgeschnittenes totes Stück Holz, denn in einem solchen Augenblick hörte sie nicht nur,
wie erwartet, nicht auf, mit dem Geschirr zu klappern, auch ihre Bewegungen verloren
nichts von ihrer automatischen Geschmeidigkeit. Sie erschien mir sogar in gewisser Weise
grausam, und zwar mehrmals. Zum Beispiel, als sie ihre Hähne mästete und sie dann
totschlug und auffraß, alle auf einmal, im Laufe zweier Tage im Herbst.
Ich verstand Marta damals nicht, und ich verstehe sie auch jetzt nicht, wenn ich über sie
nachdenke. Aber was hätte ich davon, sie zu verstehen? Was nützte es mir, die Motive
ihres Verhaltens, die Quellen all ihrer Erzählungen zu kennen? Was brächte mir ihre
Biographie, wenn Marta überhaupt eine Biographie hatte? Vielleicht gibt es Menschen ohne
Biographie, ohne Vergangenheit und Zukunft, die anderen als ein ewiges Jetzt erscheinen?
Soundso
In den letzten Tagen kam jeden Abend unser Nachbar Soundso zu uns, immer gleich nach den
Fernsehnachrichten. R. erhitzte Rotwein, streute Zimt und Gewürznelken hinein. Jeden
Abend erzählte Soundso den Winter, denn der Winter muß erzählt werden, damit der Sommer
kommen kann. Es war immer dieselbe Geschichte, die davon handelte, wie Marek Marek sich
aufgehängt hatte.
Wir hatten die Geschichte schon von anderen gehört, aber gestern und vorgestern hörten
wir sie von Soundso. Er vergaß, daß er sie schon erzählt hatte, und fing wieder von
vorne an. Zuerst kam immer die Frage, warum wir nicht zu Marek Mareks Beerdigung gekommen
waren. Wir hatten nicht kommen können, weil es im Januar war. Wir waren einfach nicht
imstande gewesen, zur Beerdigung zu kommen. Es schneite, die Autos sprangen nicht an, die
Akkus röchelten nur. Die Straße hinter Jedlina war zugeschneit, und die Busse standen in
endlosen Staus.
Marek Marek wohnte in einem Haus mit Blechdach. Im letzten Herbst war seine Stute in
unseren Garten gekommen und hatte das Fallobst unter den Apfelbäumen gefressen. Sie hatte
die Äpfel unter dem angefaulten Laub hervorgescharrt. Uns sah sie gleichgültig an, R.
meinte sogar, ihr Blick sei ironisch.
Am Nachmittag, als es schon anfing, dunkel zu werden, war Soundso nach Ruda
zurückgekommen. Er sah, daß die Tür von Marek Mareks Haus genauso angelehnt war wie am
Morgen, deshalb stellte er sein Fahrrad an der Wand ab und schaute durch das Fenster
hinein. Er sah ihn sofort. Halb hing, halb lag er an der Tür, ganz verdreht und
zweifellos tot. Soundso schirmte die Augen mit der Hand ab, um besser sehen zu können.
Marek Mareks Gesicht war dunkel und bläulich, und seine Zunge ragte heraus. Seine Augen
starrten irgendwo in die Höhe. »Das ist doch ein Trottel«, sagte Soundso zu sich
selbst, »der kann sich nicht mal richtig aufhängen.«
Er nahm sein Fahrrad und ging davon.
In der Nacht fühlte er sich etwas unbehaglich. Er überlegte, ob Marek Mareks Seele in
den Himmel oder in die Hölle gekommen war oder wo auch immer man hinkommt, wenn
überhaupt irgendwohin.
Plötzlich erwachte er, es dämmerte schon, und er sah ihn neben dem Ofen stehen. Marek
Marek stand da und sah ihn an. Soundso wurde wütend. »Ich bitte dich, geh hinaus. Das
ist mein Haus. Du hast dein eigenes Haus.« Die Erscheinung regte sich nicht, sie schaute
ihn direkt an, aber ihr Blick war sonderbar, als sehe sie durch ihn hindurch.
»Marek, ich bitte dich, geh weg«, sagte Soundso wieder, aber Marek oder was auch immer
er inzwischen war reagierte nicht. Da überwand Soundso die Angst vor jeglicher Bewegung,
die ihn plötzlich überkommen hatte, stand auf und nahm seinen Gummistiefel in die Hand.
So bewaffnet ging er auf den Ofen zu. Vor seinen Augen verschwand die Erscheinung. Er
blinzelte und kehrte in sein warmes Bett zurück.
Als er am Morgen Holz holte, blickte er wieder durchs Fenster bei Marek hinein. Nichts
hatte sich verändert, der Körper lag immer noch in derselben Stellung, aber heute kam
ihm das Gesicht dunkler vor. Den ganzen Tag brachte Soundso auf dem Weidenschlitten, den
er sich im letzten Jahr gebaut hatte, Holz aus den Bergen herunter. Er brachte kleine
Birken nach Hause, die er selbst fällen konnte, und dicke Stämme umgestürzter Fichten
und Buchen. Er legte das Holz in seinem Schuppen zurecht, um es später in kleinere
Stücke zu hacken. Dann heizte er im Ofen ein, bis die Herdplatte rot glühte. Er kochte
für sich und die Hunde eine Kartoffelsuppe, dann schaltete er den Schwarzweißfernseher
ein und schaute sich beim Essen die flackernden Bilder an. Er hörte keinen Ton. Als er
ins Bett ging, schlug er zum ersten Mal seit zig Jahren, vielleicht zum ersten Mal seit
der Konfirmation oder der Hochzeit, das Kreuzzeichen. Diese so lange vergessene Geste
brachte ihn auf einen Gedanken: Er konnte zum Pfarrer gehen und ihm die Sache vortragen.
Am nächsten Tag strich er schüchtern um das Pfarrhaus. Er traf den Priester, als dieser
mit raschem Schritt der Kirche zustrebte, bemüht, die tauenden Schneeflecken zu
vermeiden. Soundso war nicht dumm, deshalb sagte er nie etwas geradeheraus. »Was würden
Sie tun, Herr Pfarrer, wenn ein Geist zu Ihnen käme?« Der Pfarrer sah ihn verwundert an,
dann wanderte sein Blick zum Dach der Kirche, wo eine nicht enden wollende Reparatur im
Gange war. »Ich würde ihn wegschicken.«
»Aber wenn es ein hartnäckiger Geist wäre, der nicht weggehen will, was würden Sie
dann tun?«
»Man muß in allem konsequent sein«, antwortete der Pfarrer weise und machte geschickt
einen Bogen um Soundso.
In der nächsten Nacht war alles wie in der vorhergehenden. Soundso erwachte plötzlich,
als hätte ihn jemand gerufen, er setzte sich im Bett auf und sah Marek Marek am Ofen
stehen. »Verschwinde!« schrie er. Die Erscheinung regte sich nicht, und Soundso hatte
sogar den Eindruck, als sehe er ein ironisches Lächeln auf dem aufgeschwollenen, dunklen
Gesicht.
»Soll dich der Schlag treffen, warum läßt du mich nicht schlafen?« sagte Soundso. Er
nahm einen Gummistiefel und stürzte damit bewaffnet zum Ofen. »Bitte verschwinde von
hier!« brüllte er, und der Geist verschwand.
In der dritten Nacht kam die Erscheinung nicht mehr, und am vierten Tag fand Marek Mareks
Schwester die Leiche und erhob ein großes Geschrei. Sofort kam die Polizei wickelte Marek
Marek in schwarze Folie und nahm ihn mit. Sie fragten Soundso aus, wo er gewesen sei und
was er gemacht habe. Er sagte, er habe nichts Besonderes bemerkt. Er sagte auch, wenn
jemand trinke wie Marek Marek, würde er früher oder später so enden. Sie stimmten ihm
zu und gingen.
Soundso nahm sein Fahrrad und strampelte bis nach Ruda. Im Restaurant Lido stellte er
einen Krug Bier vor sich auf den Tisch und schlürfte ihn ganz langsam, Schluck für
Schluck. Was er vor allem empfand, war Erleichterung.
[
]
»Weshalb sieht Soundso Geister, und ich nicht?« fragte ich Marta einmal.
»Weil er innen leer ist«, sagte Marta. Ich verstand das damals so, als meinte sie damit
Gedankenlosigkeit und Einfalt. Ein Mensch, der innen voll ist, erschien mir wertvoller als
ein leerer Mensch.
Später wischte ich den Fußboden in der Küche und begriff plötzlich, was Marta mir
hatte sagen wollen. Denn Soundso ist einer von den Menschen, die sich Gott so vorstellen,
als stünde er dort und sie hier. Soundso sieht alles von außen, sogar sich selbst sieht
er von außen, er betrachtet sich selbst wie eine Fotografie. Er nimmt sich nur im Spiegel
wahr. Wenn er beschäftigt ist, zum Beispiel seine filigranen Schlitten baut, hört er
überhaupt auf, für sich selbst zu existieren, denn er denkt nur an den Schlitten und
nicht an sich. Er findet sich selbst als Gegenstand seiner Gedanken nicht interessant.
Erst wenn er sich anschickt, seine tägliche Pilgerfahrt nach Nowa Ruda anzutreten, um
eine Schachtel Zigaretten und Tabletten mit einem Kreuzchen darauf zu besorgen, wenn er
sich selbst zum Aufbruch bereit im Spiegel sieht, denkt er an sich als »der da«, niemals
als »ich«. Er sieht sich nur mit den Augen anderer, deshalb ist ihm sein Aussehen so
wichtig, die neue braune Joppe, das cremefarbene Hemd, dessen heller Kragen einen Kontrast
zu dem gegerbten Gesicht bildet. Deshalb ist Soundso auch für sich selbst jemand, der
außerhalb von ihm existiert. In seinem Innern gibt es nichts, was aus dem Inneren blickt,
deshalb gibt es auch kein Spiegelbild. Dann kann man Geister sehen.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © DVA