aus: Reise in mein vergessenes Ich
5.1.1949
Im Gespräch mit Sonja eine interessante Entdeckung. Nicht nur ich bin faul.
Unsere ganze Intellektuellengeneration ist weniger fleißig als die Vorgänger.
Wo sind die Diskussionen über allgemeine Probleme? Wir werden praktizistisch:
von Tag zu Tag verschieben wir Aufgaben, denen wir nicht gewachsen sind.
Zweitens, wenn der Mensch beschließt, Intellektueller zu sein, muß er sich vom
Alltagsgeschwätz lösen und an sich arbeiten. Aber in dem Fall gerät er
unweigerlich in Konflikt mit der kollektivistischen Gesellschaft, denn so wie
der Mensch lebt, so ist er auch. Ist der Ausweg in einem Doppelleben zu sehen?
So tun, als wäre dein Horizont auf fertige Schlußfolgerungen beschränkt, die
du wiederkäust, aber heimlich den Funken am Glimmen halten?
Ich habe sie wieder aufgefordert, meine Geliebte zu werden. Sie beeilte sich,
Hindernisse zu errichten: Sie will keine Bindung auf Zeit, sie kann die
Verstellung vor den Genossen nicht ertragen, der Zweifel an meiner Treue wird
sie quälen. Sie hatte schon begonnen, anderen unsere Liebe zu demonstrieren.
Darauf zog ich mich, erschrocken, schnell zurück. Die ganze Szene war, von außen
betrachtet, sehr aufregend und pathetisch. Meine Offenheit, ihre
Schamhaftigkeit.
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23.5.1949
Das Leben hat mich von Anfang an niedergedrückt – durch den
Rassenunterschied, das häusliche Ungemach, Mutters Vulgarität. Wäre ich stärker
und gröber gewesen, hätte ich mich zum verknöcherten Bourgeois entwickelt
oder gegen alles rebelliert, was mir Schmerzen zufügte. Da ich es nicht war,
begann ich mich zurückzuziehen, und so ist es bis heute. Ständige Flucht vor
dem Hauptstrom des Lebens, ständige Suche nach Zuflucht in den ruhigen
Seitenarmen, wo das Wasser stinkend und abgestanden, aber ungefährlich ist.
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Novi Sad, 16.6.1949
Das Ziel meiner Bemühungen ist, mir ein »Leben« zu schaffen, d.h. das, was
andere Menschen von sich aus haben. Das spürte ich heute bei Ilija, wo dieses
Leben, nach dem ich giere, schonungslos vertan wird. Nicht dieses Lebens würdig
werden, denn es rangiert unterhalb meines eigenen, sondern es erobern, das ist
notwendig.
*
Eine halbe Stunde nach dieser Eintragung, als ich an Einsamkeit, Unverständnis und Arglist dachte, die mich in der Gesellschaft erwarten, wollte ich mich umbringen. Ins Gleichgewicht brachten mich erst die Vereinbarung über Lateinstunden mit Dr. Josifovic´ und das Kino. Der Zustand ist also ernst.
17.6.1949
Ilija hat mich aus der Verzweiflung gerissen. Nach einer längeren Debatte über
meine Lustlosigkeit und die unangemessene Arbeit, die ich verrichte, sagte er
mir das, woran ich selbst schon lange denke, was ich mir aber nicht
einzugestehen wagte – daß mich eine Heirat, der Aufbau eines
verantwortungsvollen Lebens retten könnte. Er sagte, meine Krankheit sei nicht
mehr zu heilen, nur noch zu erdulden. Unter anderen Umständen sei das durch
literarisches Schaffen zu erreichen. Leider stünden dem die literarischen Umstände
entgegen. Ich bin dessen nicht ganz sicher. Ich muß eine Möglichkeit zum
Schreiben finden.
Heute abend war Ana da.
18.6.1949
Ich schreibe den Roman über Draga. Das ist der Ausweg.
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9.11.1949
Ich fing an, die zum Schreiben nötige Zeit zu vertun:
1.durch überflüssiges Herumlungern in der Stadt,
2.durch »Unlust« an der Arbeit.
Ich muß vor allem begreifen:
a)daß man sich mit Schreiben nicht befassen darf, sondern sich ihm widmen muß
(sonst bleibt man Dilettant),
b)daß man dafür nichts »opfern« muß, denn Schreiben ist das einzig mögliche
Glück.
Kurz gesagt, Disziplin ist nötig. Die vorgesehene Arbeit am selben Tag
erledigen. Jeden Tag zwei Stunden lernen, drei Stunden schreiben – unbedingt.
12.11.1949
Heute abend das 7. Kapitel beendet. Welche Ruhe das Schaffen bereitet! Als Rajko
mich heute angriff, ich sei ein »Blatt im Wind«, blieb ich völlig ruhig. Denn
ich habe etwas, was mir niemand nehmen kann – mein Werk. Es ist ständig bei
mir und schützt mich vor Unbill und Schwäche.
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