Ohne einen Schrei von Aleksandar Tisma, 2001, Hanser-VerlagAleksandar Tisma

Ein Musterbild der Liebe
(
aus: Ohne einen Schrei, 2001, Hanser-Verlag)

Die Wirtin erwachte von einem ungewohnten, gedehnten Ton; als sie lauschte, brach er ab, dann zerriß er wieder die schläfrige Stille des morgendlich dämmerigen Zimmers. Sie wußte, daß ihr Mann bereits zur Arbeit gegangen war - sie erinnerte sich, ihn über die Waschschüssel gebeugt und später mit der Mütze auf dem Kopf an der Tür gesehen zu haben - und daß das Kind neben ihr lag, sie spürte sein Gewicht und seinen Atem. In der Wohnung war also niemand sonst; dennoch wollte dieser gedehnte Ton, der wie ein Wimmern klang, nicht verstummen. In der Sekunde, als ihr bewußt wurde, daß es wirklich ein Wimmern war - vermutlich von einem Menschen -, war sie wach genug, um zu begreifen, daß es aus dem Mädchenzimmer kam, wo die Untermieterin wohnte.
Sie richtete sich im Bett auf, zog vorsichtig den Arm unter dem Kopf des Kleinen hervor, setzte die Füße auf den Boden und ging im Unterkleid, wie sie immer schlief - ohne in die Schuhe zu schlüpfen, die sie im Dunkeln nicht finden konnte -, auf Zehenspitzen zwischen Bett und Tisch hindurch zur Küche, in die das Licht des kalten Wintermorgens drang. Vor der Tür des Mädchenzimmers blieb sie stehen. Es war still gewesen, als sie über den kalten glatten Betonboden tapste, und für einen Moment hatte sie gedacht, das Geräusch zuvor sei ein Irrtum gewesen; nun machte sie zögernd an der Tür halt und hörte einen Schmerzenslaut, viel deutlicher als das schwer bestimmbare Wimmern, das sie im Zimmer vernommen hatte. Ohne Bedenken öffnete sie die Tür. Das Mädchenzimmer war hell wie die Küche, denn die Gardine war nicht zugezogen; die Wirtin erblickte mitten im Raum wie auf einer Bühne ihre Untermieterin Branka. Sie stand weit vorgebeugt, die Schuhe hatte sie von den Füßen gestreift, hielt die Knie gebeugt, der Kopf mit dem langen blonden Haar war kraftlos herabgesunken. Sie klammerte sich mit den Händen ans Bettgestell, als fürchte sie, jeden Augenblick zusammenzubrechen. Als die Tür knarrte, wandte sie erschrocken den Kopf und sah die Wirtin aus großen, grünen, weitstehenden Augen an; sie erkannte sie und begann zu weinen.
Die Wirtin trat zu ihr. "Was ist denn?" fragte sie, denn ihr war wirklich nicht klar, was Branka quälte, obwohl sie ahnte, daß ihr kläglicher Zustand etwas mit Nika zu tun hatte, mit dem sie am vergangenen Abend ausgegangen war. Sie faßte nach Brankas Arm und fühlte, daß sie am ganzen Leib zitterte. "Ich kriege... den Rock nicht runter", stammelte das Mädchen unter Tränen, und dann schluchzte sie wie ein Kind: "Ich will ins Bett!"
Mit aufrichtiger, wenn auch ein wenig überlegener Teilnahme, wie sie eine Frau beim Anblick des Leids einer anderen empfindet, zumal wenn ein Mann die Ursache dieses Leids ist, kam die Wirtin mit ihrem ausgeruhten, kräftigen Körper dem Mädchen zu Hilfe. Sie kniete hin, öffnete den grauen Tuchrock und zog ihn herunter. Dann stand sie auf und begann an der Seidenbluse zu nesteln, aber etwas, was sie darunter entdeckte, ließ sie innehalten. Da rief Branka auch schon "Nein!" und raffte die Bluse bis zum Hals zusammen. Unter der heftigen Bewegung verlor sie fast das Gleichgewicht und drehte sich, nur von dem einen Wunsch erfüllt, wankend zum Bett um. Rasch bot ihr die Wirtin ihren Arm als Stütze, half ihr aufs Lager und breitete die Steppdecke über sie. Nun erst sah sie - denn das blasse Morgenlicht fiel auf das Bett -, daß auch die Wangen des Mädchens dunkle Flecken aufwiesen und um den Mund häßlich geschwollen waren. "Aber... wer hat das getan?" rief sie empört.
Zähneklappernd und krampfhaft schluchzend erzählte die Untermieterin, daß ihr Liebhaber Nika sie in der vergangenen Nacht auf einer Wiese in Cenej geschlagen, sexuell mißbraucht und aller Gegenstände beraubt habe, die sie bei sich trug, selbst des Wintermantels. Sie berichtete in abgerissenen, konfusen Sätzen und hob bei schwer zu beschreibenden Einzelheiten die Decke, streifte den Blusenkragen herab und das Unterkleid hoch, um an Hüften, Brust und Bauch die Spuren der Untat zu zeigen, die an ihr verübt worden war. Jedesmal, wenn die Wirtin Näheres zu wissen verlangte, drehte Branka das Gesicht zur Wand und dämpfte die Stimme zum Flüstern. Als sie endlich fertig war, stand die Wirtin resolut auf. Sie fühlte, daß sie sich,
so leicht bekleidet, in dem ungeheizten Zimmer erkältet hatte, ging schnell hinüber in ihr eigenes und zog Kleid und Schuhe an, die sie jetzt ohne weiteres neben dem Bett fand. Dann beugte sie sich über den zweijährigen Sohn, vergewisserte sich, daß er ruhig schlief, deckte ihn noch einmal sorgsam zu; nahm den Mantel aus dem Schrank, schlüpfte hinein, tastete auf dem Tisch nach dem Kamm, zog ihn zweimal flüchtig durchs Haar. Fast im Laufschritt verließ sie das Zimmer, das Stockwerk - im Haus hatte niemand Telefon -, den Hausflur. Auf der Straße zögerte sie einen Moment, ob sie das Kolonialwarengeschäft rechts oder das Büfett gegenüber aufsuchen sollte. Schließlich entschied sie sich für die Bar und rannte über die Fahrbahn.
Eine halbe Stunde nach ihrer energisch vorgetragenen telefonischen Anforderung raste ein hoher weißer Rettungswagen in die schmale Straße mit ihren Läden und Werkstätten, in der aufgetürmte Schneehaufen schmolzen, und hielt vor dem Tor des zweistöckigen Hauses, wo ihn die beiden Frauen bereits erwarteten.

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