Ein Musterbild der
Liebe
(aus: Ohne einen Schrei, 2001, Hanser-Verlag)
Die Wirtin erwachte von einem
ungewohnten, gedehnten Ton; als sie lauschte, brach er ab, dann zerriß er wieder die
schläfrige Stille des morgendlich dämmerigen Zimmers. Sie wußte, daß ihr Mann bereits
zur Arbeit gegangen war - sie erinnerte sich, ihn über die Waschschüssel gebeugt und
später mit der Mütze auf dem Kopf an der Tür gesehen zu haben - und daß das Kind neben
ihr lag, sie spürte sein Gewicht und seinen Atem. In der Wohnung war also niemand sonst;
dennoch wollte dieser gedehnte Ton, der wie ein Wimmern klang, nicht verstummen. In der
Sekunde, als ihr bewußt wurde, daß es wirklich ein Wimmern war - vermutlich von einem
Menschen -, war sie wach genug, um zu begreifen, daß es aus dem Mädchenzimmer kam, wo
die Untermieterin wohnte.
Sie richtete sich im Bett auf, zog vorsichtig den Arm unter dem Kopf des Kleinen hervor,
setzte die Füße auf den Boden und ging im Unterkleid, wie sie immer schlief - ohne in
die Schuhe zu schlüpfen, die sie im Dunkeln nicht finden konnte -, auf Zehenspitzen
zwischen Bett und Tisch hindurch zur Küche, in die das Licht des kalten Wintermorgens
drang. Vor der Tür des Mädchenzimmers blieb sie stehen. Es war still gewesen, als sie
über den kalten glatten Betonboden tapste, und für einen Moment hatte sie gedacht, das
Geräusch zuvor sei ein Irrtum gewesen; nun machte sie zögernd an der Tür halt und
hörte einen Schmerzenslaut, viel deutlicher als das schwer bestimmbare Wimmern, das sie
im Zimmer vernommen hatte. Ohne Bedenken öffnete sie die Tür. Das Mädchenzimmer war
hell wie die Küche, denn die Gardine war nicht zugezogen; die Wirtin erblickte mitten im
Raum wie auf einer Bühne ihre Untermieterin Branka. Sie stand weit vorgebeugt, die Schuhe
hatte sie von den Füßen gestreift, hielt die Knie gebeugt, der Kopf mit dem langen
blonden Haar war kraftlos herabgesunken. Sie klammerte sich mit den Händen ans
Bettgestell, als fürchte sie, jeden Augenblick zusammenzubrechen. Als die Tür knarrte,
wandte sie erschrocken den Kopf und sah die Wirtin aus großen, grünen, weitstehenden
Augen an; sie erkannte sie und begann zu weinen.
Die Wirtin trat zu ihr. "Was ist denn?" fragte sie, denn ihr war wirklich nicht
klar, was Branka quälte, obwohl sie ahnte, daß ihr kläglicher Zustand etwas mit Nika zu
tun hatte, mit dem sie am vergangenen Abend ausgegangen war. Sie faßte nach Brankas Arm
und fühlte, daß sie am ganzen Leib zitterte. "Ich kriege... den Rock nicht
runter", stammelte das Mädchen unter Tränen, und dann schluchzte sie wie ein Kind:
"Ich will ins Bett!"
Mit aufrichtiger, wenn auch ein wenig überlegener Teilnahme, wie sie eine Frau beim
Anblick des Leids einer anderen empfindet, zumal wenn ein Mann die Ursache dieses Leids
ist, kam die Wirtin mit ihrem ausgeruhten, kräftigen Körper dem Mädchen zu Hilfe. Sie
kniete hin, öffnete den grauen Tuchrock und zog ihn herunter. Dann stand sie auf und
begann an der Seidenbluse zu nesteln, aber etwas, was sie darunter entdeckte, ließ sie
innehalten. Da rief Branka auch schon "Nein!" und raffte die Bluse bis zum Hals
zusammen. Unter der heftigen Bewegung verlor sie fast das Gleichgewicht und drehte sich,
nur von dem einen Wunsch erfüllt, wankend zum Bett um. Rasch bot ihr die Wirtin ihren Arm
als Stütze, half ihr aufs Lager und breitete die Steppdecke über sie. Nun erst sah sie -
denn das blasse Morgenlicht fiel auf das Bett -, daß auch die Wangen des Mädchens dunkle
Flecken aufwiesen und um den Mund häßlich geschwollen waren. "Aber... wer hat das
getan?" rief sie empört.
Zähneklappernd und krampfhaft schluchzend erzählte die Untermieterin, daß ihr Liebhaber
Nika sie in der vergangenen Nacht auf einer Wiese in Cenej geschlagen, sexuell mißbraucht
und aller Gegenstände beraubt habe, die sie bei sich trug, selbst des Wintermantels. Sie
berichtete in abgerissenen, konfusen Sätzen und hob bei schwer zu beschreibenden
Einzelheiten die Decke, streifte den Blusenkragen herab und das Unterkleid hoch, um an
Hüften, Brust und Bauch die Spuren der Untat zu zeigen, die an ihr verübt worden war.
Jedesmal, wenn die Wirtin Näheres zu wissen verlangte, drehte Branka das Gesicht zur Wand
und dämpfte die Stimme zum Flüstern. Als sie endlich fertig war, stand die Wirtin
resolut auf. Sie fühlte, daß sie sich,
so leicht bekleidet, in dem ungeheizten Zimmer erkältet hatte, ging schnell hinüber in
ihr eigenes und zog Kleid und Schuhe an, die sie jetzt ohne weiteres neben dem Bett fand.
Dann beugte sie sich über den zweijährigen Sohn, vergewisserte sich, daß er ruhig
schlief, deckte ihn noch einmal sorgsam zu; nahm den Mantel aus dem Schrank, schlüpfte
hinein, tastete auf dem Tisch nach dem Kamm, zog ihn zweimal flüchtig durchs Haar. Fast
im Laufschritt verließ sie das Zimmer, das Stockwerk - im Haus hatte niemand Telefon -,
den Hausflur. Auf der Straße zögerte sie einen Moment, ob sie das Kolonialwarengeschäft
rechts oder das Büfett gegenüber aufsuchen sollte. Schließlich entschied sie sich für
die Bar und rannte über die Fahrbahn.
Eine halbe Stunde nach ihrer energisch vorgetragenen telefonischen Anforderung raste ein
hoher weißer Rettungswagen in die schmale Straße mit ihren Läden und Werkstätten, in
der aufgetürmte Schneehaufen schmolzen, und hielt vor dem Tor des zweistöckigen Hauses,
wo ihn die beiden Frauen bereits erwarteten.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Hanser