Hübsche Versuche von Philipp Tingler, 2000, Scalo

Philipp Tingler

Worte zahlen keine Schulden
(Leseprobe aus: Hübsche Versuche, 2000, Scalo)

Jeder Tag hat seine Plage, bekanntlich, und heute wird mir nichts erspart bleiben. Keiner konnte das Schicksalsphantom sehen und hören, wie es mit trompetenhaftem Schreien über die nächtlichen Hügel raste. Es reckt seine habsüchtigen Hände nach mir: Bei der mittäglichen Ankunft am Briefkasten entdecke ich eines jener Couverts, die nur von meinem Vater stammen können. - Mein Vater, der heute von Löwen und Scharfrichtern begleitet zu sein scheint und in einem Gepränge von Schrecken einherschreitet, hält fürchterlich Musterung und teilt mir in wetterfesten, eisenharten Worten mit, dass ich ja nun schon siebzehn Semester studierte, wie er verdankenswerterweise für mich ausgerechnet hat, und dass er seine Unterhaltszahlungen einstellen werde (um seine Formulierung zu gebrauchen, da mein Vokabular hier blinde Flecken aufweist). Das Schreiben ist im Stil eines gerichtlichen Bescheides aufgesetzt. Auf der Schreibmaschine. Auch kargt mein Vater wieder nicht mit Platitüden wie: Angetreten bist du mit dem Versprechen, bIah-bIah... - Mein Vater ist Amtsrichter, auf dem Lande, in der niedersächsischen Provinz, einer völlig flachen Gegend. Ein schöner, stiller, unhastiger Landstrich. Die Wipfel seiner Wälder rauschen verträumt, in der Heide blöken die Schäfchen, seine Äcker dehnen und breiten sich, treu bestellt; das Dienstleistungswesen ist unterentwickelt bis zur Dürftigkeit, und die Leute lassen sich durch Fliegen in der Küche nicht aus der Ruhe bringen. ....

Rezension I Buchbestellung I home IV05 © LYRIKwelt