Rot von Uwe Timm, 2001,KiWi

Uwe Timm

Rot
(Leseprobe aus: Rot, Roman (2001, Kiepenheuer & Witsch)

»Ich schwebe. Von hier oben habe ich einen guten Überblick, kann die ganze Kreuzung sehen, die Straße, die Bürgersteige.
Unten liege ich. Der Verkehr steht. Die meisten Autofahrer sind ausgestiegen. Neugierige haben sich versammelt, einige stehen
um mich herum, jemand hält meinen Kopf, sehr behutsam, eine Frau, sie kniet neben mir. Ein Auto ist in die Fensterscheibe
eines Uhrengeschäfts gefahren, die Automarke kann ich von hier oben nicht erkennen, bin aber in Automarken auch nicht sonderlich bewandert.
Eine große Schaufensterscheibe, die wie eine glitzernde Wolke aufflog und jetzt am Boden liegt, bruchstückhaft spiegeln sich Häuser, Bäume,
Wolken, Menschen, Himmel, von hier oben ein großes Puzzle, aber alles in Schwarz-Weiß. Seltsamerweise gibt es keine Farbe, seltsam auch
das, der da unten spürt keinen Schmerz. Er hält die Augen offen.«

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