In 80 Tagen um die Welt von Helge Timmerberg, 2008, Rowohlt

Helge Timmerberg

In 80 Tagen um die Welt
(Leseprobe aus: In 80 Tagen um die Welt, Roman, 9. Kapitel, Bombay II, Der Guro, Seite 112/113, 2008, Rowohlt).

Jules Verne ließ seinen Helden Phileas Fogg mit dem Zug von Bombay nach Kalkutta reisen, und der hat während dieser Fahrt die Frau seines Lebens getroffen, gerettet und mitgenommen. Die Frau des Lebens ist keine schlechte Vision, aber dafür zweiunddreißig Stunden mit dem indischen Zug? Heutzutage kann man auch Stewardessen heiraten. Stewardessen sind überhaupt die besten. Sie sehen gut aus, sind selten zu hause, und wenn man selber mal fliegen will, kosten die Tickets nur noch zehn Prozent dessen, was man vor der Heirat bezahlt hat, weil ihre Vergünstigungen auch für den Ehemann gelten. Stewardessen verleihen Flügel, Stewardessen sind gut im Bett, Stewardessen bleiben immer nur eine Nacht.

Ich bin nach Goa und wieder zurück mit "Kingfisher" geflogen, der Airline von diesem Lebemann. "Fly the Good Times" ist ihr Slogan, und Dr. Vijay Mallya meint das offensichtlich ernst. Seine Stewardessen sind die schärfsten und modernsten, die man in der indischen Passagierluftfahrt finden kann. "Jet Air" und "Sahara" haben ebenfalls nur bildschöne Flugbegleiterinnen, aber die von "Kingfisher", ich glaube, die sucht der Chef persönlich aus. Die roten Uniformen wirken an ihnen wie Strandbekleidung. Ach, Herr Verne, Sie haben viel verpaßt in Ihrem blöden Zug.

"Fly the Good Times" fliegt auch nach Kalkutta, und das ist der Stand am Mittag. Aber auf dem Weg zum Reisebüro bin ich mir schon nicht mehr sicher. Vielleicht verpasse ich ja was in Indien, wenn ich einfach so drüberfliege? Vielleicht verpasse ich Indien? Unsinn. Ich bin so oft hier gewesen, daß sich Indien glücklich schätzen kann, wenn es mich verpaßt. Trotzdem nehme ich, statt ins Reisebüro zu gehen, ein Taxi zum größten Ganesha-Tempel der Stadt. Ganesha ist überall in Indien extrem beliebt, aber in Bombay ist der Gott der Diebe, Dichter und Händler der Gott Nummer eins und offizieller Schutzpatron. Daß er einen Rüssel hat, stört keinen, sie sind bisher blendend mit ihm gefahren. Als Gott der Händler hat er Bombay zum wirtschaftlichen Zentrum Indiens gedeihen lassen, davon profitieren auch die ihm zum Schutz befohlenen Diebe, und den Dichtern schenkte er Bollywood.

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