Ludwig Tieck

Ryno
Erzählung

Mit schwankenden Schritten folgte Ryno dem Diener, der ihn auf seine Halle führte. Dieser stellte die Fackel in eine Ecke der Halle, und entfernte sich dann so schnell, als wäre Ryno ein schrecklicher Drache, der mit rasselnden Flügeln hinter ihm herjagte, um ihn mit seinen Basiliskenaugen anzublicken, oder ihm seinen giftigen Hauch ins Angesicht zu blasen. Ryno sass stumm da, die Arme ineinandergeschlungen. Die Fackel loderte wehend empor, und goss einen zitternden Lichtglanz über die Mauern hin. Seine Augen schlossen sich dem irren Schein, der um ihn herflog, oft schnell wie ein Blitz aufschoss, öfter noch langsam wie ein weites Lichtgewölk sich auseinanderfaltete. Da fuhren ihm Schreckgestalten aus der Finsternis entgegen; wie mit Schlangenkörpern wanden sie sich zu ihm hinan, der Schauder fasste ihm mit eiskalter Leichnamshand in den Nacken, und Ryno öffnete schnell wieder die Augenlider. Er starrte in die Flamme der Fackel; sein Blick verfolgte ängstlich jeden Funken, der sich von ihr losriss und wie ein flammender Stern durch das matterleuchtete Dunkel schwamm, denn er sah in der lodernden Flamme ein Bild des Lebens; er glaubte nicht allein zu sein. Jetzt traten die Bilder der Vergangenheit ernst auf ihn zu, er dachte sich, und schauderte bei dem Gedanken, dass er Ryno sei.

»Ich bin abscheulich!« sagte er leise, denn er fürchtete einem lauschenden Ohr zu gestehen, was das schrecklichste Gefühl seines Unwerts ihm kaum abzuzwingen vermochte. »Ich bin abscheulich!« klang's in seinem Innersten wieder, »ausgestossen bin ich von allem, was atmet, fühlt und weint und tröstet, allein steh ich da, wie ein schrecklicher Gott, von allen gefürchtet, von keinem geliebt. Die Nachwelt wird meinen Namen nie bei Freudenmahlen in den Muschelklang rufen, er wird ein Losungswort für Mörder sein, wenn sie schreckliche, blutende Rache schwören. Warnend wird der Greis meine Taten lauschenden Kindern erzählen, er wird fluchen bei meinem Namen, und schaudern und zittern wird der Knabe, wie ich bebte, wenn mein Vater von den Ungeheuern der Bosheit sprach! Hu! mein Bild ist schrecklich! wer bin ich, und wer könnt ich sein? Könnt ich sein? Das ist die Frage eines Dummkopfs. Wenn Kräfte wie die meinigen gären, so kann es nicht anders aufbrausen, als es wirklich aufkocht. Das Schicksal wollte, dass ich Ryno sei, mein Streben wär fruchtlos gewesen, meine Kraft an seinen Wehren zerbrochen. Ich sollte so verhasst und abscheulich sein, als ich bin, und wohl mir, dass ich's bin! Die Götter lenken alles zum Besten! Ich bin so gewiss recht glücklich. - - Glücklich?«

Er erschrak vor diesem Worte und schwieg.

Wie in der Nacht schwere Gewitterwolken langsam und schauernd dem Monde vorüberschweben, wie eine der andern die dunkle Hand bietet, wie ein Gewand an das andere furchtbar wallt, so zogen langsam und fürchterlich vor Rynos Seele alle seine Taten vorüber. Er fuhr zurück, alles um ihn war öde; er stand auf dem schmalen Rand eines schroffen Felsens, wie die Nacht lag die Gegenwart um ihn, wie brausende Stürme durch den Eichenforst rauschen, so rauschte ihm die Vergangenheit furchtbar nach; die Zukunft lag vor ihm wie ein Abgrund voll schwarzer Nacht, aus dem ihm Schlangen entgegenzischten, und Wölfe entgegenheulten: »Sei unser!«

Dies Gefühl war Ryno um so schrecklicher, da er es noch nie empfunden hatte; sein Haupt sank auf seine Brust zurück, ihm war, als stehe er wie ein müder und durstender Wanderer vor einer dürren Heide; er warf seinen trostlosen Blick in die wüste Unendlichkeit hinaus, und zog ihn langsam zurück, ohne nur einen Rasenplatz, eine Quelle, eine Blume, die ihm irgendwo blühte, entdeckt zu haben. Seine Seele stand vor dem furchtbaren Pfade der Verzweiflung. Warum, dachte er, ich, gerade ich, der Ryno, mit dem ich so vertraut bin, warum dieser gerade der Bösewicht Ryno? Warum zuckte diese Hand gerade den Dolch auf Toskars Brust? - Warum heisst der Frevler nicht Carno?

»Warum?« rief er lauter, und lachte und erschrak. »Warum«, zitterten die Lippen noch einmal. »Warum?« ertönte es dumpf im Innern seiner Seele. Die Gedanken flohen, alles verdorrte um ihn her, alles verlor Farbe und Umriss, sein Geist versank in einen Moor von dunklen Gefühlen. Ohne Bewusstsein sass er da, und starrte vor sich hin; mühsam wand seine Seele aus diesem Pfade voll Unsicherheit und Untiefen sich auf die feste Bahn der Gedanken zurück.

Plötzlich zuckten die Muskeln seines Auges, ein krampfhaftes Beben wie ein Lächeln spielte um seine Lippen, sein Kopf erhob sich, er wagte es die Augen aufzuschlagen und umherzublicken. Seine Lippen bebten noch einmal, und zogen sich dann plötzlich in ein grinsendes fürchterliches Lächeln. Er fühlte sich auf einmal so unaussprechlich glücklich, eine schauerliche Wonne strömte durch sein ganzes Wesen, er sahe dem Gedanken: Auch zu verabscheuenswürdigen Taten gehört Kraft, und - du bist der Bösewichter Erster, so froh ins Auge, dass plötzlich Dunkelheit und Nacht aus seiner Seele schwanden. Er hatte sich einen Unhold geglaubt, und jetzt sah er auch an diesem Unholde noch einen verborgenen Reiz. Die ganze Bürde seiner Verbrechen erschien ihm so leicht, er hielt sich für einen Gott, dass er ihre Felsenlast ohne Keuchen zu tragen vermöchte, er fühlte sich so gross in dem Gefühl, er wisse es, dass er ein Bösewicht sei, und dieses Bewusstsein könne ihn nicht niederbeugen.

Er warf den dreisten Blick weiter, und fand das Ziel seines ganzen Strebens, Liebe und Malwina.

»Wär es nur gelungen«, sprach er, »ich wäre noch jetzt der geachtete Ryno, der ich sonst war; keiner würde es wagen, meinen Sieg zu beschimpfen. Wenn der Sieger auf dem Hingeschmetterten kniet, wer darf fragen, durch welche Ränke er ihn niederwarf? - Nur das Misslingen entehrt - Kraftlosigkeit, Feigheit oder Unwürdigkeit des Preises schänden den Kämpfer. Was war der Lohn meines Strebens? Was trieb die aufsiedende Kraft über ihre Schranken?« - »Liebe, Liebe! du warst es! Du Frühlingsgeist, der alles, was atmet, durchweht! Der du alle Blüten schöner und grosser Taten aus den Stämmen rufst, und du solltest Verbrecher bilden? Liebe ist der Segen der Götter, ihren Lieblingen legen sie dies Gefühl heiss und glühend an die Brust. Reifen Trauben am Dornstrauch? Blühen Rosen am Distelbusch? Der edle Stamm trägt edle Frucht, die Liebe macht gross, anstaunenswürdig, nicht abscheulich. Und wenn - - ha! Malwina war der Preis meines Kampfes, unzertrennliche Ketten rissen mich zu ihr hin; die Allgewalt der Liebe war es, die mich mit Riesenkräften zog! Was kann der Pfeil dafür, den eine starke Hand von der Sehne schnellt, wenn er im Fluge zum Ziel unterwegs eine Fliege tötet?«

Ein heller emporschiessender Schein rief ihn aus seinen täuschenden Träumen, die Flamme der Fackel loderte hoch auf, und warf ein schimmerndes Strahlengewebe gegen die Decke, um dann zu erlöschen, sie sank zusammen und liess eine rotglühende Kohle zurück. Dämmerung zitterte um Ryno her, die Nacht umgab ihn, und alle Schrecken seiner Seele kehrten wieder, all sein Frohsinn war plötzlich verschwunden, er bebte von neuem.

Seine Blicke starrten jetzt auf die glimmende Kohle, die nach und nach verglühte. Jetzt verlief sich der letzte Funken in der weissen Asche; schwarze Nacht lag um Ryno.

Der Gedanke des Todes trat mit allen seinen Schrecken vor seine Seele.

»Was? tot? Dieser Gedanke wagt's, von mir gedacht zu werden? Er zittert nicht vor mir, dem Schrecklichen, zurück? Ich zittre? Und dennoch steht er da, und bietet mir die Hand zum grausen Bunde der Freundschaft und Vertraulichkeit! Ja, ja, es ist wahrhaftig so! Er wankt nicht zurück, er steht und droht, und ich bebe vor seiner Allkraft!«

Eine schreckliche Pause der Todesempfindung; dann brach er wieder aus, von Schaudern geschüttelt, mit dumpfem, tränenschwangerm Ton:

»Ryno, Ryno! - Sterben - verwesen - sterben! Statt dieser Vertraulichkeit mit jedem deiner Glieder, statt dieser Fülle der Gesundheit, statt dieser Kraft, die deine Muskeln schwellt, daliegen in den Armen der Verwesung und des Moders! O schreckliches Ziel, das unser am Ende unserer Reise harrt! Nicht sein, nicht fühlen! Alles entbehren, selbst des Gefühls, dass man unglücklich ist! Hier tritt der Gedanke blass zurück, die Hoffnung stürzt verzweifelnd rückwärts, alle Seelenkräfte erlahmen vor diesem fürchterlichen Tor der Ungewissheit! Unter der Erde liegen, über mir den Tritt des fluchenden Wandrers, der die feuchte Erde noch fester auf mich stampfet? - Auf mich? - Ich bin dann aus dem Gebiet des Seins verloren, liege da, ein Greuel der Ahndung jedes Sterblichen, nicht edler als die Baumwurzel, die neben mir fault. Warum war ich geboren? Nicht geboren sein ist kein Verlust; aber wieder aus dem Leben in das Gebiet der Träume wandeln, ist schrecklich! O warum ward ich geboren? Noch einmal brüll ich es laut dem Schicksal ins Ohr: Warum ward ich geboren? Um zu sterben! Ja, um zu sterben, um meinetwillen zerbricht die Natur ihre Gesetze nicht! Nun gut, wenn ich denn sterben soll, so gehe alles unter, damit nichts glücklich sei, weil Ryno es nicht ist!«

Er schwieg. Da schwammen leise Harfentöne aus der Ferne seinem Ohr näher. Sie tönten von Malwinas Händen auf, die im Hochgefühl ihres Glückes, an Carnos Brust gelehnt, die Lieder spielte, die sie einst in Tagen der Freude und des Harms von Ullin lernte. Gleich Freunden riefen diese Töne in Rynos Brust alle Erinnerungen aus seiner Kindheit zurück; er fühlte es, und - knirschte. Andere sind so glücklich, dachte er itzt, und du -! Aber doch schmiegte sich seine Seele ängstlich um jeden Ton, es war Leben, was ihm entgegentönte. Die Töne versanken, wie der Mond hinter einem schwarzen Tannenhain untergeht; sie verloschen, wie ein fernes Licht in der Sturmnacht dem Wanderer auf sumpfiger Heide erlischt.

Da murrte es dumpf vom Gebirge her; es brauste durch den Eichenwald, ein Donner rollte durch den gewölbten Himmel, ein schwacher Blitz umflatterte den schwarzen Saum des Horizonts. Ryno ging an das Fenster, und blickte starrend in die Gegend hinaus, durch die der flatternde Glanz zitterte. Tannen und Eichen traten fürchterlich wie schwarze Gespenster aus der Erde hervor, die ihre zackigen Arme gegen ihn hinstreckten. Die Wetterwolken schienen ihm Ungeheuer, die ihn im Vorüberfliegen anklafften, und von ihren Rabenschwingen Flüche auf ihn herabschüttelten; er fuhr zurück, und ein Donner schwang sich majestätisch durch die ernst brausenden Eichenwipfel.

»Rolle, Donner!« rief Ryno, »dass die Erde unter deinen Schlägen seufze, dass diese fürchterliche Einsamkeit mich nicht zum Kinde mache, diese grauenvolle Öde, die mein Haar emporsträubt, und kalte Tränen des Entsetzens in meine Wimpern jagt. Zerschmettre alles in Staub, wandle mich plötzlich, ohne dass ich es wisse, in nichts! Begrabe mich und alles in einen Trümmer, dass die Glücklichen sich nicht ihres Glücks erfreuen können!«

Ein Blitz schoss durch das Gemach und jagte Rynos Schatten fürchterlich verzerrt die Wand hinab. »Was war das?« rief Ryno. »Ein Schatten? Mein Schatten? Und vor ihm beb ich? Ryno, Mann! schäme dich, der du, ohne zu wanken, von Carnos Turm in das Gebiet des Todes hinunterschauen konntest!« Ein zweiter Blitz; und an jedem Gliede verzerrt flog der Schatten noch einmal vorüber, als wenn er erschrocken vor Ryno hinwegflöhe.

Ryno war sich selbst schrecklich geworden; er sah dem Schatten bebend nach. Er empfand itzt das fürchterliche Gefühl, einsam dazustehen, eine Beute der Qualen seiner Seele; um ihn her kein Ton, der das Grausen vertönte, keine Gestalt, die die fürchterlichen Bilder des Todes verscheuchte. Diese feierlich grässliche Stille konnte Ryno nicht dulden. Er wollte irgendeine der bekanntesten Harfnerlieder singen, um in dieser grausenvollen Wüste sich nicht allein zu scheinen, um Töne zu hören, die ihn den Tod vergessen liessen, die ihn taub machten für das ächzende Geschrei der Eule, die von einem verdorrten Baume vor seinem Fenster ein Totenlied krächzte. Aber sein Gedächtnis versagte ihm den Dienst; er suchte in dem Vorrat seiner Erinnerung, aber vergebens. Jedes angenehme Andenken war in seiner Seele untergegangen, es war ihm unmöglich, sich itzt der Weise eines Liedes zu erinnern; nur Eulengeschrei und Wolfsgeheul tönte in seiner Einbildungskraft.

»Unglücklicher Ryno!« rief er vom Schmerz überwältigt.

»Unglücklicher Ryno!« hallte es durch die Gemächer, und flog wie das Rauschen eines Gespenstes die Decke hinab. »Ryno!« hallte es aus den fernsten Gewölben krächzend und gebrochen zurück, und ein Schauder flog über Ryno dahin. Sein eigener Ton, seine eigene Stimme war ihm fremd und schrecklich geworden. Auch dieser Weg, auf welchem ihm oft die Blume des Trostes duftete, war ihm versperrt; wie ein schrecklicher Geist stellte sich der Schauder davor. Ryno durfte auch nicht reden, wenn er nicht vor sich selbst erzittern wollte. Stumm sass er da, wagte es nicht, die Augen aufzuschlagen, und noch weniger sie zu schliessen, kaum getraute er sich zu atmen. Er fühlte es, dass kalte Schweisstropfen auf seiner Stirn standen, und hatte nicht das Herz, sie abzutrocknen, denn seine Hand war ihm schrecklich, sie schien ihm schon itzt die Hand eines Totengerippes; er verachtete, verabscheute und fürchtete sich selbst.

Tod war das einzige Gefühl, welches mit Ryno itzt tobte und spielte, dies der einzige Gedanke, der ihn wie ein gewappneter Riese mit allen Seelenkräften gefangen hielt. Er rang gegen die Stärke seines Feindes, wand sich unter den Qualen des Lebens, welches lachend ihm seinen Wermut bot, aber er zitterte vor dem Gedanken, zu sterben. Er wollte lieber geneckt sein von der schadenfrohen Gottheit, als sich dem Riesen in die Arme stürzen, dessen kleinste Fiber ihn zermalmt hätte.

Donner rollten furchtbarer, Blitze durchkreuzten leuchtender die schwarzen Wolken, die Stürme jagten sich lauter durch die Tannenwälder. »Nein, ich will leben!« rief Ryno, dessen Mut das Geräusch der empörten Natur wieder aufgerichtet hatte; »leben und glücklich sein, wie Malwina und Carno es ist! Ja, wahrlich, ich will es; und - müsst ich auch werden, wie sie sind!« Tränen stürzten häufig aus seinen Augen, ein Fieberfrost lief zitternd über seinen ganzen Leib. »O ich will vor meinem Bruder hinstürzen, er soll mein Freund, mein Bruder werden, er soll Ryno sich ähnlich machen! Tondal soll mich wieder lieben! Ich will mich nicht mehr über Unglück freuen, ich will glücklich und tugendhaft sein!«

Eine lange Pause, welche er endlich durch ein schallendes Gelächter unterbrach.

»Tugendhaft?« rief er, »Ryno! Aberwitziger! Das Kind zittert vor der Strafe und gelobt Besserung, der Mann verachtet sie! Entschluss und Tat kosteten ihn mehr als ihr Schmerz. Ha! Tugend und Biederkeit! Diese Schmuckbilder entnervter kraftloser Heuchler soll ich ehren? Ehren, was ich verlachte? Und Todesangst soll das vermögen? Welcher Geist denkt die Marter, die mich zwingt, nicht mehr Ryno zu sein? Und wenn ich mich unterwerfe, wenn ich feige nachgäbe, würden sie mir glauben? Würden sie Ryno vertrauen? Nein, Misstrauen und Hass, das fühl ich, schlagen so tiefe Wurzeln, dass sie nur mit dem Herzen zugleich aus der Brust gerissen werden können; sie würden mich hassen, verachten, und, bei den Göttern, das sollen sie nicht! Es gibt noch andere Burgen, noch andere Mädchen! Was Vater, Bruder und Vaterland! Malwina ist nicht die einzige ihres Geschlechts! Nein, die Brücke ist hinter mir abgehoben; ich kann nur vorwärts eilen, und das will ich, ich will glücklich sein, ohne irgend einem den Stolz zu gönnen, zu sehen, dass Ryno sich ändern könne! Niemand soll sehen, dass ich mir selbst missfiel; niemand soll Ryno einen gemeinen Menschen schelten! Selbstgefühl halte mein Herz aufrecht! Ich will fortfahren, wie ich begann; ich will in den Armen der Wollust schwelgen, Jahre an dem Busen der Freude vorüberrauschen lassen, den morden, der mich in dem Genuss meines Glückes stören will! Ryno soll sich selbst nicht verleugnen! So will ich mir treu bleiben und glücklich sein. Ich fodere das Schicksal und die Götter auf, mich unglücklich zu machen; sie können es nicht! In meiner Hand steht mein Glück und Unglück; ich selbst bin mir alles!«

»Alles?« fuhr er nach einer Pause fort, »alles? Ach nein! das bist du nicht! Du wirst einsam durch die Welt wandeln, du, weder Mensch noch Tier, der einzige deiner Art! Kein Freundeskuss, kein Freundeshandschlag wird dir entgegenkommen; du wirst dich in keiner andern Seele mit Wohlgefallen spiegeln, du bist der einzige deiner Art! Du wirst niemand lieben, und von niemand geliebt werden, du hassest die Welt, und sie verabscheut dich, alle deine Wünsche werden nach dem Schatten eines Ziels laufen, alle deine Kräfte im unnützen Kampfe ringen! Du stehst vor einem breiten Strom, vor deinen Augen eine angenehme Insel, die Sonne geht hinter dir unter, und streut Gold auf alle Blumen des Eilandes; du wünschest dich hinüber, aber nur dein verlängerter Schatten reicht über den Strom, du kommst nie hinüber! Ist die Sonne untergegangen, dann kommt die Nacht, die ewige Nacht!«

»O ihr Götter, lasst mich ein Wesen meiner Art finden, das mich verstehe, mich liebe, und ich lache eurer und eurer Strafe, und ich bin unter Qualen, die euch vernichten könnten, noch glücklich!«

»O Dunkan, Dunkan! Wie konntest du mich verlassen? Wo bist du? Ständest du noch zu meiner Seite, wir wollten beide der Menschheit den Rücken kehren, den schauerlichen Bund unserer Seelen fürchterlich halten! Gleich grässlichen Unholden wollten wir über Leichname stolz unsere Bahn fortwandeln, Blut sollte unsere Fersen waschen, Schädel sollten unsere Trinkmuscheln, und Sterbegewinsel unsere Tafelfreuden, und Krämpfe und Zuckungen langsam Erwürgter unsere Ergötzlichkeit sein, wenn die Langeweile uns in ihre bleiernen Banden legen wollte! Ja, das sollten sie, aber - - ha! was schwärme ich? Ich bin ja allein! Dunkan war ein Mensch wie alle andere, nicht wert des leisesten Freundschaftsdruckes dieser Hand! Er ward bundbrüchig; Eigennutz band ihn an mich, nicht Gleichheit! Oder tue ich dir Unrecht, hält dich die Verwesung in ihrer dumpfen Halle? - Bist du tot? - - tot? - Dann will ich dir in das Grab dein Versprechen nachschreien, dich an deine Verheissung gebieterisch erinnern! O Dunkan, Dunkan! komm! Ryno, der schreckliche Ryno, ladet dich ein!«

»Ich komme«, schallte es aus tiefer Ferne entsetzlich durch alle Gemächer. »Ich komme!« sagte Ryno leise nach, und fühlte, wie sein Haar sich aufrichtete. »Du kommst? Warum denn dieser bange, wimmernde Ton?«

Es brauste wie Windesfittich durch die Halle, wie Gewänder rauschte es die Mauern hinab, es flüsterte über Rynos Haupt. Plötzlich sank das Rauschen hinter den Mauern hinab, und eine Totenstille folgte.

Es flimmerte durch die Ritzen der Tür wie ein Sternenstreif, wie ein einzelner Strahl des Mondes, der aus dem Wolkenschleier durch die grüne Nacht des Waldes schiesst. Dumpf dröhnten langsam gezogene Schritte, und leise kreischend schlich der Riegel in seine Krampen.

Die Tür öffnete sich langsam beim Schein eines Blitzstrahls, und Dunkan stand in der Tür; er winkte Ryno mit stummer Gebärde. Ryno erhob sich und wollte auf die Gestalt zustürzen, aber Schauder lagerten sich zwischen ihn und das bleiche, bebende Bild; mit eiskalten Armen riss es ihn zurück. Er stand in der Ferne, starrte mit aufgerissenen Augen auf Dunkan hin und rief: »Dunkan, Dunkan! Bist du es! Sprich, rede! Sprich zu deinem Ryno! Ewig verflucht seist du dieses Stillschweigens wegen, womit du deinen Ryno ängstigst! Sprich! Welch ein matter Schimmer fliesst aus deiner Gestalt! Wie? Wunden in der Brust? Ha, entsetzlich! Du bist Dunkans Geist!«

Er stürzte zurück und verhüllte sein Haupt. Sonderbar schrecklich war ihm das Gefühl, dass er jetzt vor Dunkan zittre, mit dem er sonst so brüderlich vertraut gewesen war. Schüchtern schlug er endlich die Augen wieder auf, zu sehen, ob der Schrecken noch in der geöffneten Tür stehe, und er stand noch da. Dunkans Augen rollten wie dämmernde Sterne grässlich in den tiefen Höhlen umher, seine Züge waren zornig. Er wallte hin und her, wie vom Winde getrieben, und unablässig winkte seine Rechte.

Rynos Seele kämpfte einen entsetzlichen Kampf. In einem Augenblick schien ihm diese Erscheinung sein alter Freund Dunkan zu sein, und schon setzte er den Fuss vorwärts, ihm zu folgen; dann wagte er es, ihn genauer anzublicken, und plötzlich ward ihm das Bild fremd und noch schrecklicher. Schnell und zitternd zog er dann seinen Fuss zurück, als hätte ihn eine Schlange gestochen. Dunkan winkte noch immer. Wie eine Welle hob sich Rynos Brust und sank wieder; wie Wasserfälle brauste es um ihn her, Feuer tanzten vor seinen Augen mit roter Glut, und es war ihm, als zischten Drachen hinter ihm her, die klingend mit den grauen Schuppenflügeln rauschten, und die flammenden Schweife über die Decke herspreizten.

»Ich folge dir!« rief er im Wahnsinn. Er schritt vorwärts; der Geist wallte voran, gleich einer furchtbaren Gewitterwolke, die vor einem Sturme hergeht. Beide gingen durch die Hallen, die Stiegen der Burg hinab. Das Schweigen ging vor ihnen her, der Schreck schlich ihnen mit leisen Schritten nach. Die Wände glühten in einer blassen, schimmernden Glut, wenn Dunkans Geist vorüberschlüpfte, und Ryno folgte ihm, ohne zu wissen, was er tat.

»Horch!« so tönte es aus einem Zimmer, wo Ryno vorüberging; »horch, was schleicht da vor der Tür vorüber? Mich schaudert, mein Carno!« Es war die Stimme Malwinas, die sich fester und inniger an ihren Liebling schloss. Ryno hörte die Stimme, sie war ihm, was dem Zerschmetterten, der langsam auf dem Rade sein Leben verstöhnt, in der Nacht der ferne Ton einer Hirtenflöte ist. Er drängte sich an die Tür, aus welcher dieser sanfte Laut hervorgebrochen war; er hoffte Schutz oder zum wenigsten einen Genossen seines kalten Entsetzens, der seine haarsträubenden Erwartungen teilte. Mit Kampf schlich er weiter.

Vor dem Tor der Burg kam ihm sein liebster Jagdhund entgegen; aber kaum war er seinem Herrn nahe, als er schnell mit heulendem Gewinsel entfloh, als hätte er Moder und Leichenduft gewittert. Ryno wünschte ein Wesen bei sich zu haben, seine Blicke eilten ihm ängstlich nach, aber sie verirrten sich in der Dunkelheit der Nacht, und kehrten, von allmächtigem Zauber zurückgerissen, auf den vor ihm schwebenden grässlichen Schimmer zurück.

Die Nacht wehte Ryno mit Regengestöber entgegen. Donner rollten leise hinter den fernen Gebirgen, Blitze schossen durch die düstern Pfade mit bleichem Schimmer. Ryno folgte dem leitenden Geiste über die Fluren, die ihm so bekannt waren, die er so oft beim Jagen durchirrt hatte. Wie Gefecht tönte es um sein Ohr, wie Schild an Schild und Schwert an Schwert geschlagen, so umklirrte es ihn und betäubte seine Seele. Vor seinen Augen schwammen Dunstgebilde von Kriegern auf Wolkenrossen wie Nebel vorüber, sie schwangen strahlende Schwerter, schüttelten die lichten Helmbüsche, und blickten verächtlich auf ihn, der durch sie hinwankte wie ein ehrloser Flüchtling. Er bückte sich vor ihrem Zorn, zuckte unwillkürlich unter den Luftstreichen, und knirschte.

Itzt stand er auf der Spitze des Felsens, der die ganze umliegende Gegend übersah. Er blickte nach der Burg zurück, und sah in der schwarzen Steinmasse nur noch ein Fenster erleuchtet, er glaubte in dem Schein aus der Ferne Malwinas Gestalt zu entdecken, und erwachte aus seiner Betäubung, um in eine noch tiefere zu versinken.

Ein neues empörendes Bild blühte vor seinen glühenden Sinnen auf. Noch lag schwarz und düster, wie Felsen, die Burg Toskars da. Im Augenblicke rollte sich die dunkle Hülle wie ein Gewölk auf, und eine glänzende Königsfeste trat aus der Nacht hervor. Wie eine sonnenbeglänzte Eiskoppe stand sie da in tausendfarbigem Schimmer, um sie her ein anmutiger Hain, in dessen Tauperlen der Morgen sich spiegelte. Sonnen rollten auf den Turmspitzen ihre strahlenschiessende Scheibe, Sterne schossen vom Gebälk und den Zinnen herab ihren zuckenden Schein; ihr Schimmer floss in sanften Wellenbiegungen um das Gesims und um die Bogenfenster her. Trommeln und Hörner tönten aus der Burg, Pauken wirbelten ihren Donner in ihre Stimmen, und sanfte Flöten unterbrachen mit bescheidnem Ton das Prunkgetöse. In schimmernden Gewändern wandelten Diener über den langen Altan, und breiteten weiche Teppiche hin, Mädchen bestreuten sie tanzend mit Blumen; und lauter tönten Hörner und Trommeten, lauter rollten die Donner der Pauken und sanfter lispelten die Flöten darein.

In ein goldenes Feiergewand gekleidet, mit dem Purpurmantel umhangen, die Krone auf dem Haupte, trat Carno gebieterisch mit sanfter Würde daher, an der zitternden Hand der Königin Malwina. Silbern floss ein langer Bart ihm über die Brust, glänzendweiss lagen die Haare um seine Schläfe und wiegten sich in kleinen Locken; Blässe war über sein Angesicht hingebreitet, das Feuer der Augen flammte zum letzten Male auf. Ein Sohn stand zur Rechten des Königs, blühende Kinder im Kreise um ihn her, unten auf den breiten Stufen der Burg lag ein glückliches Volk, welches zitterte, den letzten Segensblick des besten Königs zu sehen.

Ryno wandte den Blick knirschend von dem Schauspiel; aber Dunkans Geist hob die Hand gebieterisch auf, und gehorsam folgten ihr Rynos Blicke.

Carno nahm die Krone vom Haupt, und setzte sie seinem Sohne auf, dann sank er in Malwinas Arme; ihr Kuss schloss sein Auge, und fing seinen letzten Seufzer auf. Das Volk um die Burg her schluchzte in Wehklagen. - Das Gesicht verschwand.

Ryno zitterte. »Dies sein Tod? - Und der meine?«

»Weh! Weh! Du gehst in den Tod!« so rief eine Stimme dumpf aus der Tiefe des Tals hervor; und wie Gespenster stiegen ihm Qual und Seelenangst entgegen. Schon wollte er seinen Fuss zur schnellen Flucht wenden, als Dunkans Geist zusammenschauerte und versank. Ryno tat unwillkürlich einen Schritt vorwärts, und stürzte zerschmettert von dem Gipfel des Felsens in das tiefe Tal hinab. - - Noch ein banges Wimmern von unten empor; dann grässliche Totenstille.

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