Das Rauschen des Raumes von Susanne Thomann, 2003, edition8

Susanne Thomann

Ökosphäre
(Leseprobe aus: Das Rauschen des Raumes, Roman, 2003, edition8)

Ich schlug Tobias vor, den nächsten Urlaub zu dritt zu verbringen. Elnia war einverstanden. Es war die erste Gelegenheit uns zu sehen. Wir hatten 20 Tage Liegezeit auf Demeter. Wir überlegten schon Monate vorher hin und her, wo wir uns treffen, wo wir hinfahren, wie wir den Urlaub gestalten könnten.

Aber es kam nicht so weit. Knapp acht Wochen bevor wir Demeter anliefen, brachte uns ein Kontrollschiff der Ordnungssektion auf. Wir waren auf der Tangente weit draussen zwischen Saturn und Jupiter. Wir hatten Pflanzen an Bord. Molenata caprinoza. 350'000 Setzlinge von Demeter nach Quinta. Und Saatgut für Drogen. Für Ökosphäre 5. Alles illegal. Sie stellten uns mit Kurs auf die verbotene Station. Ausgerechnet. Das war ein doppelter Straftatbestand.

Hubaro holte mich auf die Brücke. Der Kontrollkreuzer Camaran verlangte, andocken zu dürfen. Wir holten die Segel ein, wie sie es wünschten. Wir drehten bei und warteten. Hubaro und Anna scherzten über den Eifer der Ordnungssektion. Wir waren ein Schulschiff. Was wollten die von uns? Niemand an Bord wusste von der illegalen Fracht. Keiner wusste, dass ein paar Grad steuerbord voraus Ökosphäre 5 lag. Man sah sie noch nicht. Die Ortungssysteme hatten gemeldet, dass da etwas war, und ich hatte angeordnet, näher heranzusegeln, um abzuklären, ob es ein Wrackteil oder eine treibende Boje sei. Ich wusste, dass es Ökosphäre 5 war. Ich kannte die Position der verbotenen Station. Ich machte mich auf alles gefasst.

Die Camaran dockte an. Ein Mann und eine Frau kamen an Bord. Sie waren sehr freundlich, wiesen sich aus und wollten die Schiffspapiere und die Frachtbriefe sehen. Ich gab ihnen uneingeschränkt Einblick. Sie wünschten, die Fracht zu kontrollieren. Ich erteilte die Erlaubnis. Zwei Botanikexperten kamen von der Camaran auf die Rrose Selavy. Sie waren stundenlang in den Frachträumen. Ich überlegte, wie ich Demeter informieren könnte. Oder eine Warnung an Ökosphäre 5 absetzen. Aber einer der Ordnungsleute blieb immer an meiner Seite. Freundlich und zuvorkommend. Ohne mich auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Sie mussten einen Verdacht haben. Ich hatte keine Chance.

Sie fanden die falsch deklarierten Setzlinge und Sämereien zwischen all der regulären Fracht. Zwischen den Massen von Sträuchern, Setzlingen, Saatgut und Keimlingen. Nach Stunden. Sie waren sehr genau. Ich war mir fast sicher, dass sie einen Tipp bekommen hatten. Ich tat erstaunt und unschuldig. Molenata caprinoza? Nie gehört. Was ist das? Illegale Setzlinge? Ich bin Schiffskommandant. Für mich sieht das alles gleich aus. Das Grünzeug interessiert mich nicht. Ich hole es ab und liefere es wieder ab, wie es von mir verlangt wird. Die Frachtbriefe sind in Ordnung. Alles andere kann ich nicht beurteilen. Die Leiterin der Kontrollgruppe hörte mir aufmerksam zu.

Du hast Fracht nach Quinta, sagte sie. Der Kurs ist sehr ungewöhnlich für diese Destination
Wir fahren den Tangentialkurs wegen der Tachionenströme, sagte ich. Ich wollte einen Bogen backbord fahren, aber die Ortungssysteme haben uns steuerbord voraus ein Objekt gemeldet. Ein Wrackteil oder eine treibende Boje. Ich habe angeordnet, darauf zuzuhalten
Sie musterte mich. Sie mochte gegen 40 gehen. Sie war gross und knochig und hatte ihr hellbraunes gerades Haar halblang geschnitten. Sie wirkte ruhig und freundlich. Ihre hellbraunen Augen waren wach.
Wie kommst du dazu, treibende Bojen und Wrackteile anzusteuern? fragte sie.
Ich wollte eine Bergeübung durchführen, sagte ich. Je nachdem, was wir vorfinden. Wir sind ein Schulschiff. Es ist eine gute Übung für die Kadetten und eine willkommene Abwechslung in ihrem eintönigen Leben auf einem Fracht fahrenden Schiff
Hast du die Koordinaten des Wrackteils überprüfen und es identifizieren lassen? fragte sie.
Noch nicht. Wir haben lediglich sichergestellt, dass es kein Schiff ist
Sie schaute mich an.
Gut, sagte sie. Ihr fahrt weiter wie vorgesehen
Ich war überrascht.
Mit der illegalen Fracht?
Ja. Allerdings werden sechs von unseren Leuten an Bord bleiben. Du fährst in Ruhe die Bergeübung mit den Kadetten. Wie geplant. Wir wollen die Ausbildung der Kadetten nicht beeinträchtigen, nicht wahr? Danach läufst du Demeter an. Dort wirst du allerdings damit rechnen müssen, dass man sich mit deiner illegalen Fracht eingehender beschäftigt
Ich denke, wir verzichten auf die Bergeübung, sagte ich.
Sie lächelte mich an.
Nein, sagte sie. Du führst sie durch
Sie orderte sechs Personen an Bord der Rrose Selavy. Sich selber eingeschlossen. Wir setzten Segel und fuhren auf dem alten Kurs weiter, während sie die Logbücher durchstöbern liess. Ich überlegte, was ich tun könnte. Ich war im Begriff, die Ordnungssektion zu den illegalen Geschäftspartnern von Demeter zu führen. Das war das Schlimmste, was mir passieren konnte. Das kostete mich den Kopf. Die Rrose Selavy war ein trojanisches Pferd. Ökosphäre 5 war ahnungslos. Ich liess die Kadetten auf der Brücke die Koordinaten des unbekannten Objekts bestimmen und sie an die zentrale Ortungsstelle melden. Wir warteten ziemlich lange, bis gemeldet wurde, was wir vor uns hatten: Ökosphäre 5, das treibende Wrack einer alten Raumstation. Verlassen. Sperrzone. Anflug nicht gestattet. Weiträumig umfahren. Ich ordnete an, umgehend Kurs auf Demeter zu nehmen und die Station weiträumig zu umfahren.
Nein, sagte die Frau vom Ordnungsdienst. Wir behalten den Kurs bei
Ökosphäre 5 ist Sperrgebiet, sagte ich.
Wir fahren trotzdem hin
Nicht auf meine Verantwortung, protestierte ich.
Ich übernehme die Verantwortung, sagte sie.
Ich liess es im Logbuch festhalten. Ich wollte eine Meldung an die Zentrale und an Demeter schicken. Aber die Frau vom Ordnungsdienst - sie hiess Nadin - griff ein.
Nein, sagte sie. Wir fahren ohne Meldung. Ich übernehme die Verantwortung vollumfänglich
Verdammt! Es war eine Falle. Ich überlegte fieberhaft, wie ich verhindern konnte, dass wir die Ökosphäre verrieten. Bald musste uns, wie ausgemacht war, ihr Notsignal erreichen. Spätestens dann war klar, dass die verbotene Station nicht verlassen war. Nadin machte ganze Arbeit. Ich war mir sicher, dass sie wusste, worum es ging. Angesichts der ziemlich aussichtslosen Lage beschloss ich, weiterhin den Ahnungslosen zu spielen.

Wenig später empfingen wir das Notsignal von der angeblich verlassenen Ökosphäre 5. Nadin und der Dienst habende Ordnungsmann wechselten einen kurzen Blick. Ich tat umgehend das, was in einem solchen Fall die Regel ist: Ich hielt direkt auf das Signal zu und versuchte, einen Sprechkontakt herzustellen. Aber auf den Koordinaten, von denen das Signal kam, meldete sich nur ein automatischer Notrufsender. Eine Notboje an einem der Andockplätze der Station.
Sofortige Meldung an die Zentrale, an Demeter und alle Schiffe in unserer Nähe, befahl ich.
Nadin, deren Leute jegliche Kommunikation der Rrose Selavy kontrollierten, schaute mich prüfend an. Dann entschied sie, die Meldungen nicht abzusetzen. Sie war Profi. Solange niemand erfuhr, was hier vorging, konnte sie ungestört agieren. Ich liess alle Segel einholen und das Schiff abbremsen. Wir hatten die verbotene Raumstation nun in Sichtweite. Sie bestand, wie fast alle Raumstationen, aus einer sich drehenden Trommel. Von der Achse gingen zahllose Stützen weg. Sie mündeten in Halbkugeln mit Gärten und Gewächshäusern, in denen sich, je nach Länge der Stütze, verschiedene Gravitation erzeugen liess. Einige der Stützen waren abgebrochen. Auch der trommelförmige Hauptkörper der Station hatte auf der einen Seite ein grosses Leck. Die ganze Station sah dunkel und unbewohnt aus. Aber am äussersten Ende der langen Achse rotierte in sicherem Abstand zur Station ein Antimaterie-Speicher. Er war intakt. Die Station war mit Energie versorgt.

Wir steuerten die Notboje langsam und vorsichtig an. Als wir schon ganz nahe waren, empfingen wir über eine elektromagnetische Funkfrequenz eine weibliche Stimme. Sie war völlig verrauscht. Wir filterten sie, um überhaupt etwas verstehen zu können.
Mein Name ist Kundry Age, sagte sie. Ich bin hier gestrandet mit einer Notkapsel der Bellanora. Bitte nehmt mich mit
Kann man irgendwo anlegen? fragte ich sie.
Mit einem Shuttle, ja. Nicht mit dem grossen Schiff. Direkt bei der Notboje ist ein intakter Andockplatz
Ich schicke jemanden, der dich holt, sagte ich.
Es war die falsche Antwort. Sie erwartete einen anderen Satz. Einen Schlüsselsatz. Ich hoffte inständig, dass sie es merkte und nicht falsch reagierte.
Mit wem spreche ich? fragte sie.
David VanLinden, Kommandant der Rrose Selavy, sagte ich.
Du schickst jemanden, der mich holt? fragte sie unsicher.
Ja. In ein paar Minuten bist du weg von der Station
Ich habe verstanden, sagte sie. Nehmt Kurs auf die Notboje. Hier ist ein Anlegeplatz
Verstanden, sagte ich.

Ich liess das Shuttle klar machen und das Schiff in eine geeignete Umlaufbahn bringen. Anna und zwei Crewmitglieder bekamen den Auftrag, die gestrandete Frau abzuholen. Ich war sicher: Diese Kundry Age hatte verstanden, dass etwas nicht in Ordnung war. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne Nadin gemacht.
Anna und deine Leute bleiben hier, sagte sie. Ich fahre mit vier von meinen Leuten
Nein, sagte ich. Jemand von der Crew fährt das Shuttle. Ich trage die Verantwortung dafür
Sie betrachtete mich aufmerksam.
Okay, entschied sie. Jemand von der Crew fährt das Shuttle. Und du kommst ebenfalls mit
Ich war einverstanden. Mit sieben Personen war das Shuttle voll belegt. Auch eine Frau wie Nadin macht Fehler…

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