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Medusa
(Leseprobe aus:
Medusa, Roman, 2004, Droemer)
Es war noch früh am Morgen, als sich die Gruppe
fröstelnd und verschlafen um die Medusa versammelte. Albert und Malcolm litten
unzweifelhaft an einem kapitalen Kater, während Irene und Gregori sich zaghaft,
beinahe zufällig an den Händen berührten. Hannah war nicht überrascht. Sie
hatte gleich bemerkt, dass die beiden ein Verhältnis hatten. Vermutlich hatten
sie die Nacht zusammen verbracht. Patrick trat von einem Bein aufs andere und
rieb sich die Arme warm, während Chris in den Himmel blickte und sehnlichst die
ersten Sonnenstrahlen in der Schlucht erwartete. Niemand sprach ein Wort. Hannah
fühlte ganz deutlich die Anspannung, die auf der Gruppe lastete. Mehr als
Andeutungen und Rätsel hatte er nicht von sich gegeben. Sie mussten diesen Ort
verlassen? Aber warum? Und wohin?
Sie blickte nach oben. Gerade schob sich die Sonne über den Felsgrat – es
schien, als würde sich goldenes Wasser in die Schlucht ergießen. »Es ist so
weit. Passt jetzt gut auf!« Chris verließ seinen Standort neben der Skulptur
und ging einige Meter auf die Felswand zu, an der die Schlucht endete. Dort
blieb er stehen. Er legte seine Hand auf den Fels und lächelte Hannah
aufmunternd zu. Das Sonnenlicht wanderte mit verblüffendem Tempo auf seine Hand
zu. Sie hielt den Atem an, wollte einen Schritt in seine Richtung gehen, doch er
hatte ihre Absicht bemerkt und gab ihr zu verstehen, dass sie dort bleiben
solle, wo sie stand. Jetzt hatte das Licht seine Hand erreicht und kroch wie ein
Lebewesen an ihr hoch. Und noch während Hannah dachte, was für ein angenehm
warmes Gefühl das wohl sein müsse, entdeckte sie etwas. Die anderen
Gruppenmitglieder hatten es auch gesehen, denn mit einem Mal kam Unruhe auf. »Da
sind ja Symbole an der Wand«, rief Irene. »Ich erkenne Punkte und Linien.«
»Ja, und dort drüben sind noch mehr.« Hannah eilte auf Chris zu, der sich ein
Grinsen nicht verkneifen konnte, und legte ihre Hände auf den Fels. Während
die Sonne immer neue Abschnitte der Wand beschien, enthüllte sie Unmengen
dieser seltsam gepunkteten Zeichnungen. Hannah fuhr mit dem Finger darüber und
stellte fest, dass die Einkerbungen unendlich fein waren. Bei normaler
Beleuchtung wären sie nicht zu entdecken gewesen.
»Das ist der Grund, warum ich euch so früh hierher bestellt habe«, sagte
Chris. »Die Zeichnungen sind so stark verwittert, dass ich sie erst nach zwei
Tagen entdeckt habe. Sie sind nur bei extrem flachem Sonnenstand zu erkennen. Es
ist genau wie mit der Taschenlampe vor drei Tagen«, fügte er hinzu.
»Aber was ist das?«, fragte Malcolm, der in die Hocke gegangen war, um eine
der Darstellungen näher zu untersuchen. »Sternzeichen«, erklärte Chris ohne
Umschweife. »Du hockst da gerade vor Orion. Eben noch zu erkennen über dem
astronomischen Horizont, der hier unten dargestellt ist. Rechts davon ist
Aldebaran, gefolgt vom Sternzeichen des Stiers. Etwas darüber der Widder mit
den Plejaden, gefolgt vom Sternzeichen der Fische. Links von dir die Zwillinge
mit Kastor und Pollux, darunter der kleine Hund, dann Krebs, Löwe und so
weiter. Ich habe mir aktuelle Karten aus dem Netz runtergeladen und mit diesen
hier verglichen. Es stimmt alles ganz genau. Natürlich existieren einige
Abweichungen, aber die lassen sich mit der Sternendrift erklären. Die Karte ist
immerhin einige tausend Jahre alt.«
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