Medusa von Thomas Thiemeyer, 2004, Droemer

Thomas Thiemeyer

Medusa
(Leseprobe aus: Medusa, Roman, 2004, Droemer)

Es war noch früh am Morgen, als sich die Gruppe fröstelnd und verschlafen um die Medusa versammelte. Albert und Malcolm litten unzweifelhaft an einem kapitalen Kater, während Irene und Gregori sich zaghaft, beinahe zufällig an den Händen berührten. Hannah war nicht überrascht. Sie hatte gleich bemerkt, dass die beiden ein Verhältnis hatten. Vermutlich hatten sie die Nacht zusammen verbracht. Patrick trat von einem Bein aufs andere und rieb sich die Arme warm, während Chris in den Himmel blickte und sehnlichst die ersten Sonnenstrahlen in der Schlucht erwartete. Niemand sprach ein Wort. Hannah fühlte ganz deutlich die Anspannung, die auf der Gruppe lastete. Mehr als Andeutungen und Rätsel hatte er nicht von sich gegeben. Sie mussten diesen Ort verlassen? Aber warum? Und wohin?

Sie blickte nach oben. Gerade schob sich die Sonne über den Felsgrat – es schien, als würde sich goldenes Wasser in die Schlucht ergießen. »Es ist so weit. Passt jetzt gut auf!« Chris verließ seinen Standort neben der Skulptur und ging einige Meter auf die Felswand zu, an der die Schlucht endete. Dort blieb er stehen. Er legte seine Hand auf den Fels und lächelte Hannah aufmunternd zu. Das Sonnenlicht wanderte mit verblüffendem Tempo auf seine Hand zu. Sie hielt den Atem an, wollte einen Schritt in seine Richtung gehen, doch er hatte ihre Absicht bemerkt und gab ihr zu verstehen, dass sie dort bleiben solle, wo sie stand. Jetzt hatte das Licht seine Hand erreicht und kroch wie ein Lebewesen an ihr hoch. Und noch während Hannah dachte, was für ein angenehm warmes Gefühl das wohl sein müsse, entdeckte sie etwas. Die anderen Gruppenmitglieder hatten es auch gesehen, denn mit einem Mal kam Unruhe auf. »Da sind ja Symbole an der Wand«, rief Irene. »Ich erkenne Punkte und Linien.«

»Ja, und dort drüben sind noch mehr.« Hannah eilte auf Chris zu, der sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte, und legte ihre Hände auf den Fels. Während die Sonne immer neue Abschnitte der Wand beschien, enthüllte sie Unmengen dieser seltsam gepunkteten Zeichnungen. Hannah fuhr mit dem Finger darüber und stellte fest, dass die Einkerbungen unendlich fein waren. Bei normaler Beleuchtung wären sie nicht zu entdecken gewesen.

»Das ist der Grund, warum ich euch so früh hierher bestellt habe«, sagte Chris. »Die Zeichnungen sind so stark verwittert, dass ich sie erst nach zwei Tagen entdeckt habe. Sie sind nur bei extrem flachem Sonnenstand zu erkennen. Es ist genau wie mit der Taschenlampe vor drei Tagen«, fügte er hinzu.

»Aber was ist das?«, fragte Malcolm, der in die Hocke gegangen war, um eine der Darstellungen näher zu untersuchen. »Sternzeichen«, erklärte Chris ohne Umschweife. »Du hockst da gerade vor Orion. Eben noch zu erkennen über dem astronomischen Horizont, der hier unten dargestellt ist. Rechts davon ist Aldebaran, gefolgt vom Sternzeichen des Stiers. Etwas darüber der Widder mit den Plejaden, gefolgt vom Sternzeichen der Fische. Links von dir die Zwillinge mit Kastor und Pollux, darunter der kleine Hund, dann Krebs, Löwe und so weiter. Ich habe mir aktuelle Karten aus dem Netz runtergeladen und mit diesen hier verglichen. Es stimmt alles ganz genau. Natürlich existieren einige Abweichungen, aber die lassen sich mit der Sternendrift erklären. Die Karte ist immerhin einige tausend Jahre alt.«

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